Editorial

1/2011 - Politik/Macht/Medien

Editorial 1/2011 "Politik/Macht/Medien"

AutorIn: Alessandro Barberi

 

 


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© flickr, PolandFMA

Liebe LeserInnen,

das Zusammenspiel von Politik, Macht und Medien betrifft verschiedenste Bereiche unserer Gesellschaft und greift deshalb in die Praxisfelder mehrerer Berufe ein: Dabei müssen nicht nur Wirtschaftsmächtige, PolitikerInnen und JournalistInnen dieses Verhältnis reflektieren, denn auch im Alltag an unseren Schulen spielen Medien, Macht und Politik eine sehr konkrete Rolle. Deshalb hat sich die Redaktion der MEDIENIMPULSE entschlossen, diesem Thema einen eigenen Schwerpunkt zu widmen. Das Heft 1/2011 der MEDIENIMPULSE „Politik/Macht/Medien“ soll aus theoretischer und praktischer Perspektive Anregungen zur vertieften Diskussion und zur pädagogischen Umsetzung bieten.

Im Vorfeld haben wir deshalb Persönlichkeiten der Medien-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die jeweils im Umfeld der im österreichischen Nationalrat vertretenen Parteien tätig waren oder sind, gebeten, im Rahmen eines Expertengesprächs mit uns zu diskutieren. Denn der Pressearbeit kommt in der Demokratie eine wichtige Stelle zu, weil sie zwischen Politik und Medien vermittelt und gleichzeitig in Medien und Politik eingreift. Ao.Univ.Prof. Fritz Hausjell vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat sich dabei freundlicherweise bereit erklärt, in Kooperation mit der Chefredaktion Fragen vorzubereiten und die Diskussion mit Josef Kalina, Mag. Lukas Mandl, Hans-Jörg Jenewein, Mag. Reinhard Pickl-Herk und Heimo Lepuschitz zu moderieren. In zwei Teilen publizieren wir hiermit die Transkription dieser Diskussion, die auf mehreren Ebenen das Schwerpunktthema umkreist: Denn es geht u. a. um die medien- und produktionstechnischen Voraussetzungen der Pressearbeit und ihre historischen Veränderungen, um das wechselseitige Verhältnis von politischer, journalistischer und ökonomischer Macht, um die Kollision von Seriosität und betriebwirtschaftlichen Kalkülen oder auch um die „fiesen Tricks“ der politischen Gegner. Dabei kreist das Gespräch um einen Begriff, der Politik, Macht und Medien symbolisch zusammenfassen kann: „Inszenierung“. Denn die Politik braucht mediale Inszenierungen und die Medien Inszenierungen des Politischen. Dabei sind die "vierte Gewalt" der Medien und die politische Gewaltentrennung per se mit Machtverhältnissen und  Dispositiven der Herrschaft verbunden. Eine eingehende Analyse des Expertengesprächs mit dem Titel „Dispositive der Inszenierung“ ist deshalb in Vorbereitung und erscheint demnächst in den MEDIENIMPULSEN.

Der folgende Beitrag von Soheyl Liwani überlappt sich mit der Diskussion unserer Experten dort, wo Formen des Protests, Demonstrationen und Aktivismus bzw. Aktionismus im Medienzeitalter reflektiert werden (Vgl. dazu auch unseren CFP für das nächste Heft mit dem Schwerpunkt Medienaktivismus). Liwani – einer der Pressesprecher der #unibrennt-Bewegung – führt in seinem Beitrag vor Augen, mit welchen Strategien, Technologien und Inszenierungen die jüngste StudentInnenbewegung sich in den Raum der Öffentlichkeit eingeschaltet hat. Dabei hebt Liwani hervor, dass die Medienstrategie der „Presse AG“ trotz aller technischen Medien und dem Web 2.0 auch auf den Face-to-Face-Kontakt auf der Straße und auf Gespräche mit JournalistInnen angewiesen war. Die medialen Strategien der #unibrennt-Bewegung zielten dabei – bei allen Differenzen – auf eine Politik der Vermittlung studentischer Forderungen ab.

Dass indes die medientechnischen Voraussetzungen der Politik immer auch von großer Wirkmächtigkeit sind und Subjekten wie PoltikerInnen oder DiplomatInnen Plätze zuordnen erläutert der Medienwissenschafter Tobias Nanz, wenn er anhand des Roten Telefons – dass de facto als Kommunikationsstruktur zwischen Moskau und Washington nie existierte – die symbolische Dimension von (präsidialer) Macht und Herrschaft vornehmlich im Kalten Krieg analysiert. Wir sind immer schon verbunden und verkabelt. Kommunikation – und sei es angespannte oder gestörte Kommunikation – kann dabei in Diplomatie, Politik oder Journalismus immer auf die materiellen Technologien bezogen werden, die Konflikt oder Vermittlung überhaupt erst möglich machen. Dabei analysiert Nanz diese zirkulären Abhängigkeiten von Politik, Macht und Medien anhand von amerikanischen Werbe- bzw. Spielfilmen und zeigt, wie stark Kommunikationstechnologien in der medialen und politischen Inszenierung von KandidatInnen sichtbar werden, gerade weil sie als Botschafter des Politischen mit Botschaften betraut sind.

Den Argumentationslinien unserer Schwerpunktbeiträge folgt auch Wolfgang Sützls Beitrag im Ressort „Kultur/Kunst“. Denn er untersucht im Rahmen eines historischen Exkurses und Vergleichs die Anwesenheit von karnevaleskem Ungehorsam und Widerstand in den virtuellen Welten des digitalen Zeitalters. Da Medientechnologien tief in den Raum der Politik eingreifen, ist auch der Medienaktivismus der Social Media in dieses Verhältnis eingespannt. Die Auflösung traditioneller Subjektvorstellungen führt nach Stützl zum medialen Ungehorsam des „Hacktivism“, der die Machtverhältnisse über Masken des Widerstands in den und durch die Medien umzukehren sucht. Mediengeschichte wird so zur Widerstandsgeschichte.

Fragen des Urheberrechts kreuzen ebenfalls juristische und d.h. auch politische Vorgaben (in den Gesetzen), ökonomische Machtinteressen (etwa angesichts der Forderungen von Verwertungsgesellschaften) und medienpädagogisch relevante Praktiken (Filesharing). Christian Berger thematisiert deshalb in seinem Beitrag im Ressort „Praxis“ wie juristische Kodifizierungen den Praktiken der jüngeren Generation und den Gegebenheiten der Neuen Medien hinterherhinken. Gesatzte Paragraphen prallen auf die Geschwindigkeit von Copy and Paste. Auch Alexander Vojvoda führt in seinem Beitrag vor Augen, wie der Bereich der freien Radioproduktion ein Politikum darstellt. Anhand des Inter-Media Handbuchs berichtet er eingehend aus der Szene und von verschiedenen inter- und transnationalen Projekten in diesem Bereich.

Selbst unsere Rezensionen umspielen unterstützend das Schwerpunktthema, wenn sich etwa mit Edward Castronovas „Exodus to the Virtual World“ die Frage stellt, ob virtuelle Welten durchgängig zum selbstverständlichen Alltag unserer sozialen Welten geworden sind oder werden können. Ist dies angesichts der Social Networks nicht schon der Fall? Ist das Computerspiel zwischen „Ego Shooter“ und „Local Area Networks“ nicht ein Probelauf für soziales Verhalten und sind umgekehrt nicht Wirtschaft und Gesellschaft teilweise schon so geregelt wie ein Computerspiel? Castronova fordert deshalb nachdrücklich unsere politischen Entscheidungsträger auf, sich dieser Überlappung von sozialen und virtuellen Welten zu stellen. Und gibt es innerhalb von Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs) Besitzansprüche auf virtuelle Gegenstände oder Waren? Gelten volkswirtschaftliche Modelle und Kriterien auch in der virtuellen Welt? Diese Fragen stellen Xaver Götzl, Alexander Pfeiffer und Thomas Primus in ihrer jüngsten Publikation, die ebenfalls Karl H. Stingeder für uns rezensiert hat.

Aber auch auf ganz konkreter und praktischer Ebene haben wir Einiges zu bieten: So fassen Barbara Buchegger und Barbara Amann-Hechenberger die Projekte und Aktivitäten zusammen, die rund um den europäischen Safer Internet Day stattgefunden haben und Felix Studencki berichtet von seinen Erfahrungen mit Podcasts, für die er gleichzeitig eine Einleitung zum Selbstgestalten mit SchülerInnen geschrieben hat. Und – last but not least – stellt Christoph Kaindel die Open Source Software VUE – Visual Understanding Environment vor, mit der es – vor allem nach seiner profunden Einführung – ein Leichtes sein sollte Mind Maps, Concept Maps und Präsentationen für den Unterricht oder für die davon unabhängige Arbeit zu erstellen.

Darüber hinaus finden Sie eine Computerspiel-Rezension des Konstruktionsspiels "Create" von Herbert Rosenstingl und eine Veranstaltungsankündigung zur YO!tech.

Im Namen des Redaktionsteams wünsche ich Ihnen viel Spaß und Abwechslung bei der Lektüre,

Alessandro Barberi

(Chefredakteur MEDIENIMPULSE)

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