Praxis

1/2011 - Politik/Macht/Medien

Das Urheberrecht prallt auf die remix generation

AutorIn: Christian Berger

LehrerInnen sind ehrenhafte Menschen, die sich bemühen, keine Rechtsverstöße zu machen. Allerdings macht das geltende Urheberrecht dies sehr schwer. Die nächste Generation hat da ohnehin schon eine ganz andere Praxis.

Eigentlich beginnt es oftmals ganz harmlos und mensch selbst hat dabei weder böse Hintergedanken noch kommerzielle Interessen. Eine Lehrerin möchte ein Arbeitsblatt herstellen. Schnell mal ins Internet und ein geeignetes Foto zur Illustration suchen. Download öffnen und … naja, eigentlich könnte ich da doch schnell noch eine Kleinigkeit dazu ergänzen, dann würde das optimal passen. Gesagt, getan. Im Bildbearbeitungsprogramm ist die Sache in fünf Minuten erledigt. Reinkopieren ins Arbeitsblatt. Fertig. Morgen noch in der Schule ausdrucken und kopieren. Den SchülerInnen gefällt das und sie sind motiviert, das Blatt auszufüllen. Die Lehrerin hat allerdings eine Rechtsverletzung begangen und wäre dafür auch gerichtlich verfolgbar.

 

An einer anderen Schule arbeitet die Klasse bereits ein halbes Jahr an der Vorbereitung einer Musicalaufführung. Ja, sie haben sich sogar die Mühe gemacht und es hat auch enormen Spass gemacht, den Text des Musicals auf die Schule und die Klasse umzuschreiben. Es kommt zur Aufführung. Die Plakate im Umfeld der Schule kündigen die Veranstaltung an. Nach der Aufführung erfolgt allerdings die Überraschung. Zahlungsaufforderungen erreichen die Direktion. Rechte für die Nutzung der Musik eingeholt? Rechte für die Bearbeitung des Textes eingeholt? Die Vorführung bei der Verwertungsgesellschaft angemeldet? Die erforderlichen Abgaben für die Nutzungsrechte vorab bezahlt? Nun ja, zum Glück hat ja niemand die Vorführung gefilmt und eine DVD gemacht und diese dann ev. an andere Eltern verkauft. Da kämen dann noch einige Zahlungsposten dazu.

 

Abends auf Youtube Videos geschaut. Original – Mix – Remix. Was nicht alles aus einem kurzen Video, einem Statement, einer Fernsehnachricht entstehen kann?

Schauen Sie doch selbst mal. Z.B. den Song „Don't copy that flopy1 und die vielen dazugehörigen Bearbeitungen. Unrechtsbewusstsein? Kriminell? Unehrenhaft?

 

Hier geht es doch nicht um ehrenhaft. Das sind ja keine Plagiatsfälle, wie jener des deutschen Ex-Verteidigungsministers von Guttenberg – wie das mit der Ehre, dem von Guttenberg und dem Plagiat ist, hat Josef Hoffe in einem „ZeitOnline“-Artikel2 sehr kindgerecht erklärt.

 

Bei den zuvor genannten Fällen geht es weniger um die Ehre als um Kreativität und kollaboratives Arbeiten. Zumeist auch ohne direkte kommerzielle Verwertung.

 

Dr. Till Kreutzer, Rechtsanwalt in Hamburg und Berlin, Berater und Vortragender in zahlreichen Organisationen, spezialisiert auf Marken- und Urheberrecht, behauptet: „Das Urheberrecht muss sich ändern. Das Urheberrecht ist getrieben von der Industrie, auf der anderen Seite entwickeln sich creative commons Lizenzen und open source Software.“ Auf Einladung des SPÖ Klubs hielt er am 14.1.2011 auf einer Enquette im Parlament zum Thema „Neue Netzpolitik“ ein Impulsreferat mit dem Titel „Geistiges Eigentum versus Kreativität 2.03. Leider ist auch auf dieser Webseite nicht gleich erkennbar, unter welchen Nutzungsbedingungen die Videos publiziert sind – also besser nicht remixen und online stellen. Dennoch ist es interessant, sich die Ausführungen genauer anzuhören. Kreutzer spricht von gesellschaftlicher Entwicklung versus rechtlicher Entwicklung. Das Recht und speziell das Urheberrecht schafft es nicht mehr, den raschen gesellschaftlichen und vor allem technologischen Entwicklungen zu folgen. Das Urheberrecht gehört daher massiv geändert. Er konstatiert einen Reformstau. Kreative Schöpfungen bauten immer auf bereits Vorhandenem auf. Die digitalen Technologien erleichtern jedoch die Nutzung fremder Produktionen enorm. Die dargebotenen Inhalte im Internet regen oftmals zur Kreativität an. Sampling, Mixing und Re-mixing oder kollaboratives Arbeiten auf Plattformen sind die Arbeitsformen des Web 2.0.

 

Grundsätzlich steht dem das Urheberrecht entgegen, das besagt, dass niemand das Werk eines anderen ohne Erlaubnis kopieren oder bearbeiten darf. Aber allein die Genehmigungseinholung ist praktisch eine Überforderung der meisten Künstler, die ja keine Juristen sind. LehrerInnen sind ebenfalls keine RechtsexpertInnen, SchülerInnen auch nicht. Aber für alle gilt dieses Gesetz. Jede Schulhomepage ist in diesem Fall gleichzusetzen mit einer Unternehmenspage einer Medienproduktionsfirma. Medienproduktionsfirmen beschäftigen dafür eigene SpezialistInnen oder beauftragen Rechtsanwaltskanzleien. Im Schulbereich muss es ausreichen, dass DirektorInnen und LehrerInnen hin und wieder einmal etwas drüber in der Zeitung lesen, im Radio hören oder bei einer Fortbildungsveranstaltung das Thema gestreift wird.

 

Früher gab es klare Trennungen der Rollen: Urheber – Verwerter – Nutzer. Darauf baut das heute geltende Urheberrecht auf. Dr. Axel Bruns, Creative Industry Faculty of Queensland University, spricht von der Rollenveränderung, die stattgefunden hat: die KonsumentInnen werden zu ProduzentInnen, die user zu produser4. Es ist heute bei Werken oftmals nicht mehr zu klären, wer eigentlich der Urheber war. Wie passt das zusammen?

 

Wer sich noch ein wenig mehr in die Materie vertiefen möchte, dem sei die Folge CRE164 -Urheberrecht von Tim Pritlove aus der Podcastreihe „Chaosradio Express“ empfohlen. „Im Gespräch mit Tim Pritlove versucht der Journalist und Urheberrechtsexperte Matthias Spielkamp über die Ursprünge und die Wesensart des Urheberrechts aufzuklären. Der Dialog zeigt die Entstehungsgeschichte des Rechtes und thematisiert, auf welcher Basis die Diskussion rund um die Erneuerung des Rechtes für die digitale Welt geführt wird und welche Aspekte einbezogen werden sollten.“5

 

Natürlich will niemand den Kreativen (KünstlerInnen, JournalistInnen, AutorInnen, ...) ihre Lebensgrundlage (den Verkauf von kreativen Werken) absprechen – allerdings gibt es oftmals „Buy out“-Verträge, wo alle Nutzungsrechte für eine Pauschalsumme verkauft werden. Zumeist ist damit auch die weitere mehrfache Verwertung mit abgedeckt. Oftmals verdienen dann in der Folge nicht mehr die UrheberInnen, sondern die verwertenden Industrien an den Werken.

 

Es gilt, angepasste Lösungen zu finden. Das ist eine politische Herausforderung und ein gesamtgesellschaftliches Thema, das unseren Alltag massiv beeinflusst, aber eine Diskussion, die zumeist außerhalb der Öffentlichkeit stattfindet.

 

PS: Die angeführten und weiteren Links zum Thema finden Sie auch in meiner Linksammlung.

 

Anmerkungen

 

1 Vgl. folgenden Link:

http://www.youtube.com/watch?v=up863eQKGUI 20.3.2011

2 Vgl. folgenden Link:

http://blog.zeit.de/kinderzeit/2011/03/03/ehrensache_8753 20.3.2011

3 Vgl. folgenden Link:

http://stream.klub.spoe.at/netzpolitik/index.php?id=110114_netzpolitik&film=110114_netzpolitik_gesamt.SD.mp4&filmhd=110114_netzpolitik_gesamt.HD.mp4&wer=Michael%20Pilz%20/%20Till%20Kreutzer&start=912&ende=5373&auto=true 20.3.2011

4 Vgl. folgenden Link:

http://www.slideshare.net/Snurb/vom-prosumer-zum-produser-ein-neues-verstndnis-nutzergesteuerter-inhaltserschaffung-prosumer-revisited-2009 20.3.2011

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