Praxis

1/2011 - Politik/Macht/Medien

Transkulturelle Medienproduktion in Freien Radios

Das Inter.Media Handbuch als Toolkit

AutorIn: Alexander Vojvoda

Inter.Media ist ein langjähriges EU-Trainingsprojekt im Freien Medienbereich. Erarbeitet wurden Methoden und Materialien zur interkulturellen Medienarbeit. Ein Erfahrungsbericht.

Abstract

Im Jahr 2006 erschien das Inter.Media Trainingsbuch als „Handbuch für TrainerInnen, MitarbeiterInnen und RedakteurInnen“ im freien Medienbereich. An diesem Buch haben acht Partnerinstitutionen aus sieben Ländern mitgearbeitet und ein Kompendium zusammengestellt, das einen umfangreichen Einblick in Möglichkeiten der Vermittlung transkultureller Medienkompetenzen gibt, aber genauso die Schwierigkeiten und Grenzen solcher Materialien aufzeigt.


Transkulturalität und freie Medien

Die partizipative Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen am medialen Produktionsprozess war und ist ein zentraler Aspekt in der Entwicklung der freien Radiobewegung in ganz Europa. Diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen, das Medium Radio selbst zu gestalten, ist eine große Motivation für verschiedene Gruppen. Vor allem MigrantInnen und Minderheiten sehen das Medium Radio als eine Möglichkeit an, um ihrer Community auch mediale Präsenz zu verleihen.

Die Auseinandersetzung mit dieser Realität in den Radios hatte punktuell und verstreut über ganz Europa zu Initiativen geführt, die Mehrsprachigkeit und Medienproduktion thematisierten. Das Projekt „Babelingo – gelebte Mehrsprachigkeit im Freien Radio“ war 2003 einer der ersten Versuche, sich dem Thema „Mehrsprachigkeit im Radio“ in Form einer Kooperationen, über die österreichischen Grenzen hinweg, anzunähern. (1) Im Zuge dieses Projektes ist 2006 die Publikation „Wer spricht – Interkulturelle Arbeit und Mehrsprachigkeit im Kontext freier Medien“ erschienen.

Das InterMedia Handbuch

Cover Inter.mediaDer mehrsprachige Alltag in den Radios verlangte nach einer Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Medienproduktion und wie Medienkompetenzen an ProgrammmacherInnen vermittelt werden – auch und vor allem im mehrsprachigen Radiokontext.

Durch die Zusammenarbeit von acht Institutionen – Bildungszentrum Bürgermedien (Deutschland), Verband freier Radios Österreich (VFRÖ, Österreich), Transitions online (Tschechische Republik), Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (Deutschland), Echanges et Productions Radiophoniques (Frankreich), Civil Radio (Ungarn), NearFM (Irland), Tekgida – Ys Trade Union (Türkei) und klipp+klang Radiokurse (Schweiz) – aus sieben Ländern wurden Fortbildungs – und Trainingsunterlagen im Rahmen eines zweijährigen Sokrates Grundtvig Projektes erarbeitet, um Aspekte von inter- und transkulturellen Lernpraktiken zu sammeln. Diese Lernunterlagen und Hilfestellungen wurden im Jahr 2006 veröffentlicht und werden im Rahmen der beteiligten Institutionen und Radios für die Vermittlung von inter- und transkulturellen Medienkompetenzen herangezogen.

Aktuelle Aktivitäten der freien Radios und was ist jetzt mit InterMedia?

Seit 2006 hat sich die Situation bei den Radios enorm verändert und die Kompetenzen und der Bedarf im Bereich der Aus- und Weiterbildung in Bezug auf mehrsprachige Inhalte in den freien Radios ist gestiegen. Dieser Bedarf hat zu einer Erweiterung der Aus- und Weiterbildungsangebote geführt und spiegelt sich auch in einer regen Projekt- und Redaktionstätigkeit in den freien Radios wider. (2) So ist in diesem Zusammenhang vor allem auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Programmen der freien Radios in Österreich eine Komponente, die die Möglichkeiten und Relevanz mehrsprachiger Medienproduktion bei freien Radios aufzeigt. (3)

Des Weiteren wurde im Jahr 2009 im Zuge eines weiteren zweijährigen Grundtvig Projektes die Möglichkeit genutzt, die vorliegenden InterMedia Lehrmodule einer genaueren Evaluation zu unterwerfen und die praktischen Anwendungen der InterMedia Unterlagen in den einzelnen Ländern zu analysieren. Hierzu wurden bis dato vier Treffen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und im Februar 2011 in Ungarn organisiert, die sich auf verschiedenen Ebenen mit der praktischen Umsetzung des InterMedia Handbuches in die Arbeitspraxis der Radios und Institutionen für die Aus- und Weiterbildung beschäftigt haben. Das Treffen in Budapest vom 3. bis zum 6. Februar 2011 in Budapest stellte den Abschluss für den „Train-the-TrainerInnen“ Aspekt und die Evalutationsphase dar.

Im Vorfeld dieser „Train-the-TrainerInnen“-Evaluation wurde im Juni 2010 in Österreich eine zweitägiger Workshop mit Adriane Borger von der Radioschule klipp+klang aus Zürich veranstaltet, der die Erfahrungen der österreichischen freien Radios mit den InterMedia Unterlagen reflektieren sollte. Hierzu wurden Personen aus den Radios, aber auch Personen aus der Erwachsenen- und Medienbildung einbezogen, um die Materialien auch für andere Gruppen zu öffnen. Diese Ergebnisse flossen in die Evaluation der Unterlagen ein und dienten als Basis für die weitere Arbeit im Rahmen der Grundtvig Lernpartnerschaft.

Workshop Budapest 2011-Foto: Stean TennerDas Treffen in Budapest bot TrainerInnen aus fünf Ländern die Möglichkeit, im Rahmen von zwei reflexionsorientierten Workshops ihre Erfahrungen im Bereich der interkulturellen Medienweiterbildung für freie Radios auszutauschen. Hier lag der Fokus vor allem auf daem praktischen Erfahren von Trainingssituationen im Zusammenhang mit den InterMedia-Unterlagen. Mit dem Durchspielen und dem selbstständigen Erfahren von Lernsituationen wurde auf die unterschiedlichen Zugangsweisen der verschiedenen Radios aufmerksam gemacht. So wurde eine Plattform geschaffen, jene Materialien zu evaluieren, die den Austausch und die Weiterentwicklung ermöglicht haben.

 

 

 

Ergebnisse der Evaluation und „Wieso es das ultimative Handbuch nicht geben kann!“

Das InterMedia Handbuch stellt mit seinen gut 120 Seiten, den drei Modulen und fast 200 Übungen und dazugehörigen Kopiervorlagen etc. einen ausgesprochen großen Fundus an Wissen und Zugängen zu inter- und transkultureller Medienvermittlung dar und birgt für die TrainerInnen und BenutzerInnen doch Probleme in der Praxis.

So war vor allem ein Knackpunkt der Arbeit mit den TrainerInnen in Österreich, aber auch in Budapest, die Materialien aus ihrem materiellen Erscheinungsbild – dem gebundenen Buch – zu entkoppeln und die unterschiedlichen Ansätze, Andockpunkte, Zugänge und Verwendungsmöglichkeiten zu visualisieren und damit zugänglich zu machen. Die „Usability“ der InterMedia-Unterlagen stellt für TrainerInnen wie für Lernende ein zentrales Moment dar und hat sich als eine Hürde erwiesen, die einer weiteren Betrachtung bedarf.

Das InterMedia Handbuch ist in seinem Umfang ein nützliches Lehrmittel und bietet jedem/r Interessierten eine Fülle an Ansätzen und Beispielen wie Mehrsprachigkeit in Medien umgesetzt werden kann. Das Spannende an diesem Buch ist, das man sich den Inhalten auf unterschiedliche Weise annähern kann. Denn die Leserichtung, die ein Buch normalerweise vorgibt – von vorne nach hinten – kann man hinter sich lassen. Es ist möglich in der Mitte zu beginnen, um sich jene Teile, Übungen oder Texte anzueignen, die für einen nützlich erscheinen. Das Buch ist als Toolkit der mehrsprachigen Mediengestaltung zu verstehen.

Anmerkungen

(1) Die österreichische Projektseite mit Audiodatenbank ist unter www.babelingo.net zu erreichen

(2) Hier können nur einige Projekte angeführt werden, die einen starken Akzent auf die Mehrsprachigkeit im Radio legen: „MigRadio - die transkulturelle Informationsrubrik“ (2010, Radio FRO 105.0 MHz) www.fro.at/migradio, „Willkommen in Salzburg“ (Radiofabrik, 2010) willkommen.radiofabrik.at, „Radiodialoge – Stimmen der Vielfalt“ (VFRÖ – Verband der freien Radios Österreich in Kooperation mit dem bm:ukk und allen vierzehn freien Radios in Österreich, 2008/2009) www.radiodialoge.at.

(3) Zuletzt in der Schriftenreihe der RTR GmbH erschienen:

Mehrsprachig und lokal (2010) http://www.rtr.at/de/komp/SchriftenreiheNr42010

Nichtkommerzieller Rundfunk in Österreich und Europa (2008) http://www.rtr.at/de/komp/SchriftenreiheNr32008

 

 


Tags

radio