Editorial

4/2010 - Literacies

Editorial 4/2010

AutorInnen: Alessandro Barberi / Theo Hug

Editorial 4/2010

Editorial 4/2010

Literacies

Liebe LeserInnen!

Literacies (d.h. in einer einfachen Begriffsdefinition Alphabetisierung und Aufbau von Lese- und Schreibfertigkeiten bzw. Codierungs- oder Decodierungskompetenzen) haben sich historisch mit dem Aufkommen neuer Medien und Kommunikationstechnologien immer wieder transformiert und so die Erfahrungsräume und Ordnungsmuster der Menschen umstrukturiert. Schon die textbasierte Verbreitung des stillen Lesens im 12. Jahrhundert hat neuartige Körperhaltungen und mentale Zustände mit sich gebracht. Der Buchdruck und die moderne kapitalistische Buchproduktion haben die Lesbarkeit der Welt mit der Materialität des Alphabets verschaltet und moderne Medien wie Telefon, Kino, Radio, Fernsehen, Computer und Internet konstituierten einen medial bedingten Raum menschlicher Erfahrungen, innerhalb dessen Literacies als komplexe Orientierungsmuster genauso notwendig sind, wie sie als wissenschaftliches Objekt Konkretisierungsschwierigkeiten mit sich bringen. Gerade durch diese Vieldeutigkeit bindet die Verwendung des Begriffs verschiedene Erkenntnisinteressen:

Wie genau konstituiert sich die Fähigkeit zur Informationsaufnahme, -speicherung und -verarbeitung in einem Individuum, einer Gruppe oder auch maschinell in einem Medium? Wie weit wird unsere Erfahrung etwa in Computerspielen von prozessierenden Informationsströmen mitbestimmt? Was heißt es, sich in virtuellen Welten bewegen zu können und was ist dazu notwendig? Wie verschieben sich dadurch Realitätsmodelle? Wie verändert sich die Materialität von Wissen und Erfahrung in der virtuellen Welt der Social Networks, im medialen Raum der Universität oder in einer digitalisierten Bibliothek? Was genau sind die – diskursiven, sozialen und medialen – Voraussetzungen, um Literacies aufbauen zu können? Wie greifen sie ihrerseits in die Herstellung von Medien ein? Wie weit zerfällt die forschungstechnische Schärfe des Begriffs bei näherer Betrachtung? Und welche Rolle spielen Literacies im Blick auf die Vielfalt multimedialer Oberflächen auch und gerade in der konkreten Unterrichtspraxis?

Die Ausgabe 4/2010 der Medienimpulse nähert sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln derartigen Fragen, indem sie den Forschungsbereich der Literacies eingehend thematisiert. Neben den Artikeln, die den Schwerpunkt umkränzen und die weiter unten von unserem Koordinator Theo Hug eingeleitet werden, finden sich medienpädagogisch relevante Präsentationen wie die Vorstellung der Open Source Software Scribus, ein Essay zum Thema Jugendschutz oder eine Rezension zum Thema „Illegales Filesharing“. Thomas Ballhausen bereichert die Ausgabe mit einem Text zur poetologischen Figur der Choreographie, die er medien- und machtanalytisch mit dem Archivbegriff korreliert. Ich freue mich an dieser Stelle sehr, das Wort Theo Hug übergeben zu dürfen und wünsche im Namen des Redaktionsteams viel Spaß bei der Lektüre,

Alessandro Barberi

 

Liebe LeserInnen!

Die Forschungslage zu Fragen der Medienkompetenz und Medienbildung ist in den Erziehungs-, Kommunikations- und Medienwissenschaften bekanntlich sehr disparat. Noch vielgestaltiger sind die sozialen Praxen und Medienkulturen, die mit den einschlägigen Konzepten korrespondieren.

Betrachtet man die Lage im Überblick, so zeichnen sich Eingrenzungen und Konvergenzen sowie Weiterungen und Ausdifferenzierungen ab. Erstere zeigen sich zum Beispiel im Zusammenhang von Medienkonvergenz-Phänomenen oder auch medienbezogenen Fördermaßnahmen, insofern sie überwiegend auf industrienahe, wirtschaftliche und technologische Perspektiven ausgerichtet sind. Letztere zeigen sich etwa in der Entstehung neuer medialisierter Kommunikationsdynamiken und Teilkulturen, aber auch im Umgang mit Konzepten und entsprechenden Problembeschreibungen und Lösungsvorschlägen. Zwei Dinge sind dabei kaum zu übersehen: Einerseits werden in immer kürzeren Abständen neue Begrifflichkeiten, Konzepte und Zugänge angepriesen, andererseits werden bekannte Ausdrücke im Zuge metaphorischer Expansionen in neuer Weise verwendet. Solche metaphorischen Erweiterungen können hilfreich sein, wenn es um die Befassung mit neuen Phänomenbereichen geht. Andererseits können sie auch irreführend und hinderlich sein, vor allem dann, wenn es dabei um pragmatische Fokussierungen ohne Berücksichtigung der Entstehungszusammenhänge und Verwendungskontexte geht.

Das Themenheft 4/2010 ist in diesem Spannungsfeld angesiedelt und greift einige relevante Themenfelder auf, die neuerdings unter den Titeln Literacy und Literacies diskutiert werden. Seit einigen Jahren spielen englischsprachige Ausdrücke wie „digital literacy“ oder „media literacy“ in den Medienkompetenz-Debatten zunehmend eine Rolle. Aktuell sind Rufe nach neuen Fähigkeiten und Fertigkeiten, sogenannten „new literacies“ dazugekommen. Was ist damit gemeint? Wie verhalten sich „traditionelle“ Bereiche der Lese-, Schreib-, Informations-, Bild- und Medienkompetenz zu neuen „Skills“ wie Multitasking, transmediale Navigation oder Networking? Geht es hier um mehr als um Worthülsenmarketing? Inwieweit sind die „new literacies“ das Problem, das zu lösen sie vorgeben? Inwieweit handelt es sich hier um zukunftsweisende Konzepte und unumgängliche Innovationen angesichts medienkultureller Entwicklungen?

Die Beiträge des Themenheftes bieten Differenzierungs- und Orientierungsangebote, die bei der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen nützlich und wichtig sind.

Margit Böck und Gunther Kress zeigen in ihrem Beitrag, wie die Literacy-Metapher auf unterschiedliche Bereiche wie Ressourcen, Fähigkeiten und Technologien samt ihren Potentialen, Funktionen und Kontexten verweist. Sie problematisieren disziplinäre und theoretische Hintergründe von traditionellen Literacy-Konzepten und fragen, inwieweit diese die aktuelle Auseinandersetzung mit neuen Phänomenbereichen beeinflussen. Ausgehend von Ansätzen der „New Literacy Studies“, „Multiliteracies“ und „Multimodality“ stellen sie das Soziale als generative Kraft in den Vordergrund. Sie unterscheiden dabei zwischen der sozialen, der technologischen und der semiotischen Ebene der Veränderung der Produktion von und des Umgangs mit Texten.

Die Vielfalt der Literacy-Begriffe ist auch Gegenstand des Artikels von Christian Swertz und Clemens Fessler. Sie unterscheiden mehrere Akzentuierungen, darunter Information Literacy, Library Literacy, Digital Literacy, Computer Literacy, Television Literacy, Multimedia Literacy und Network Literacy. Der Beitrag bietet einen Überblick über unterschiedliche Konzepte, wobei zwei hauptsächliche Unterscheidungslinien vorgeschlagen werden: Information Literacy mit einem Fokus auf Ausbildungskontexte und Media Literacy mit Blick auf Bildungsfragen.

Otto Kruse geht der Frage nach, wie sich alte und neue Lese- und Schreibkompetenzen in wissenschaftlichen Kontexten zueinander verhalten und wie die neue Literacyforschung dieses Feld bearbeitet. Er geht davon aus, dass es sich hier nicht um einen kontinuierlichen Ablöseprozess des Neuen vom Alten handelt. Vielmehr setzen sich in Hochschul- und Wissenschaftskontexten je nach Bereich (z. B. Schreibtechniken, Unterrichtsformen, akademische Genres) neue Literalitätsformen unterschiedlich schnell durch, wobei auch unterschiedliche Mischformen anzutreffen sind. Neue Möglichkeiten sieht er insbesondere für die Schreibdidaktik.

Für eine erweiterte Literacy votiert Damiano Felini. Er fragt sich, wie Videospiele im Kontext der Medienbildung eingesetzt werden können und welche Fähigkeiten und Fertigkeiten dabei gefördert und verbessert werden können. Im Anschluss an einige theoretische Erwägungen stellt er ein Aktionsforschungsprojekt vor, das auf die Beförderung von kritischem Denken und kommunikativen Kompetenzen anhand der Produktion und Reflexion von Videospielen ausgerichtet war. Dabei werden sowohl praktische Aspekte der Videoproduktion mit Jugendlichen als auch konzeptionelle Aspekte einer „video game literacy“ zur Diskussion gestellt.

Insgesamt enthalten die Beiträge zahlreiche Anknüpfungspunkte für weiterführende Diskussionen zum Thema Literacies. Dabei wird deutlich, dass sich im Zuge der medienkulturellen Entwicklungen vor allem der letzten 20 Jahre das Spektrum von Fragen und Themen im Bereich der schriftkulturellen Fähigkeiten erweitert hat. Insofern geht es auch darum, Literalität als Bildungsaufgabe auszudifferenzieren. Angesichts von Prozessen der Medialisierung und Mediatisierung wird aber sehr deutlich, dass unser gesellschaftliches Leben nur teilweise durch verschiedene Formen schriftlicher Kommunikation bestimmt ist. Die zunehmende Bedeutsamkeit neuer Formen von Bildlichkeit, Akustik, Kinetik und einer Mannigfaltigkeit medialer (Misch-)Formen wird inzwischen von vielen Seiten wahrgenommen. Inwieweit uns in dieser Situation die Entfaltung von literacies – von „classical“ über numerical, visual und musical bis zu familiy, environmental und emotional literacies – weiterhilft, oder inwieweit solche Erweiterungen das Problem darstellen, das sich als Lösung ausgibt, wird noch zu diskutieren sein.

Eine ertragreiche und spannende Lektüre wünscht Ihnen

Theo Hug

Tags

literacies, literacy, editorial, media literacy