Kultur - Kunst

4/2010 - Literacies

Über die Lesbarkeit von Fakt und Fiktion

Zur Verbindung von choreographischen und medialen Prinzipien.

AutorIn: Thomas Ballhausen

Einleitende Überlegungen zum medienphilosophischen und -praktischen Verhältnis der Schlüsselbegriffe Choreographie und Archiv.

Begriffsvielfalt

Der vielfältige Gebrauch des Begriffs der Choreographie und der Praxen des Choreographierens erlaubt es, von einer wahren Konjunktur dieses Begriffs und seiner semantischen Ladungen zu sprechen. Hier soll nun aber keine weitere Übung der Begriffsausdehnung unternommen werden, als vielmehr ein Versuch der möglichst konkreten Beschreibung einer spezifischen Bedeutungsfacette. Es geht mir um eine erste Annäherung an Choreographie als eine Schule und Praxis der Wahrnehmung. In der produktiven Verknüpfung von Choreographie, Archiv und Medien und der Untersuchung ihrer Bedingtheiten und Relationen soll ein Hintasten an das, was Medienchoreographie als aktives Prinzip in Abgleich mit reflexiver Archivphilosophie sein könnte und vielleicht auch sein sollte, unternommen werden. Dies macht ein Festhalten an der etablierten Öffnung des Begriffs ebenso notwendig wie das Verständnis des Indexes, des grundlegenden kulturellen Quellcodes, der Choreographie als archäologisches Prinzip der Reflexion und der Aktualisierung, das den Traditionslinien eines psychogeographisch geprägten Kultur- und Medienverständnisses verpflichtet ist. Eine Poetik der Choreographie soll somit die lesende Möglichkeit der Welterfahrung und -erschließung beinhalten. Der Choreograph tritt der Welt als aktiver Leser entgegen und bleibt dabei aber immer auch Leser des eigenen Lebens, seiner eigenen mysteriösen Existenz der Getriebenheit. Der fragende Blick, eines unserer wichtigsten Erkenntnisinstrumente, ordnet und strukturiert das örtliche gebundene Raumangebot, schließt Virtualitäten, im Sinne von Potentialitäten, auf. In der Entfaltung des Möglichen liegt ein Vorteil, der sich insbesondere in unserer Kontrollgesellschaft – rufen wir uns den von Michel Foucault mitbeschriebenen Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft in der Lesweise Gilles Deleuzes ins Gedächtnis – kaum noch verleugnen lässt. Dass Deleuze in seinem „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ (1990) zum Aufbrechen einschließender Milieus nach neuen Waffen verlangt, macht die  Choreographie im übertragenen Sinne als scharf geschliffene, ja als explosive Haltung begreifbar und anwendbar.

Denken ist Pflicht

Wie also umgehen mit den Schlüsselbegriffen, etwa mit der Aufklärung als Herausforderung des Weltverständnisses und der eigenen Standortbestimmung. Zieht man dahingehend die lange und wohl auch diskutierenswerte, entsprechende philosophische Entwicklungslinie von Immanuel Kant bis zu Michel Foucault in Betracht und hält ihr die von Gilles Deleuze und Félix Guattari verhandelte fortschreitende Segmentierung der kontrollierten (und eben auch: kontrollierbaren) gegenwärtigen Verhältnisse entgegen, wird der Weg positiver Verknüpfungen über die Haltung der Choreographie evident. Abseits von glättender Homogenisierung und simplifizierendem Kohärenzangebot gibt es hier und kann es hier keine simple Lösung geben, vielmehr nur einen Ansatz der Öffnung und des Aufschließens. Die kritische Analyse der Welt ist, so unbequem das auch sei, eine dringliche philosophische Aufgabe, sie ist eine solche Aufgabe geblieben. Verstehen und Einwirken sind Begriffe der demutsvollen Verpflichtung und des anzustrebenden Verständnisses. Denken ist Pflicht, immer noch und auch immer wieder. Die Umsetzung dieses Selbstanspruchs, denn nichts weniger sollte dies sein, bringt die Anwendung einer Vielfalt von Techniken mit sich, die es uns erlauben sollten, traumwandlerisch wach und wachsam zu sein, neugierig und behutsam, während man balanciert und choreographiert. In einer Ausrichtung auf die Medien darf und kann die Choreographie als eine Theorie und Praxis der Wahrnehmung verstanden werden, als eine unausgesetzte Schule und Schulung. Die Umsetzung, die die Handlungen mitdenkt und mitmeint, eröffnet, folgt man Eva Schürmanns Ansätzen, ein positives Spannungsverhältnis zum Medialitätsbegriff, der wiederum auch für die Choreographie ungeminderte Gültigkeit hat. Die Berührungen zwischen Medienchoreographie und Archivphilosophie sind in ihrer Vielzahl und Bedeutung ein gewichtiges Beispiel dafür. Beide teilen sich etwa das Bewusstsein für Material und die damit einhergehende Verantwortung innerhalb einer Balance zwischen Erschließung und Bewahrung; sie verlangen beide eine Haltung der Demut gegenüber den sich stellenden Aufgaben im Kontext eines produktiven Aktivseins und der Vorstellung immer noch überrascht werden zu können; das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Kontextualisierungen und (Selbst)Reflexion und das Stiften von Beziehungen, denen die Macht einer grundlegenden Verschiebung innewohnt, sind weitere Parallelen. Gerahmt wird all dies von einer andauernden Reflexion und Untersuchung der Konditionen einer Sprache des Körpers – in all seinen Ausformungen und Metaphern gedacht – und der anschließenden Medialisierungen, also auch der Aufführungen, der Ver-Öffentlichungen im Spannungsverhältnis von Repräsentationsform und Präsentationsformaten. Auch hier ist ein anderer, alternativer Umgang und ein neues Denken gefordert, das sich am permanenten Diskursivieren orientiert und auf eine Vervielfältigung und Ausdehnung der Optionen hin ausgerichtet ist.

Decodierungsstrategien

Dieses Einbringen eines philosophischen Kurses führt uns schlüssig zum Choreographieren von Welten, zum Aufrufen von Verbindungen auf imaginären bzw. imaginierten, doch nichts desto weniger vorhandenen Landkarten. Das choreographische medienreflexive Prinzip erlaubt das Erschaffen, Lesen und Entschlüsseln von Karten. Narrativität ist dabei als nicht zu unterschätzender Teil mit einzurechnen: Der Akt der Umsetzung, die Handlung, ist Ausdruck analytischer Haltung und stiftender Moment von Geschichte(n). Dabei soll sie aber nicht eine Verlängerung oder Variante des jeweiligen quests sein, in ihrer metafiktionalen Beschaffenheit befragt sie vielmehr die Regeln der großen Erzählungen, indem sie auch die Grundlagen der Regeln selbst untersucht. Die eingebrachten choreographischen Elemente übernehmen dabei die Funktion von Relais, die weniger direkt die Aufmerksamkeit lenken, als vielmehr die Aufgabe diskreter links erfüllen. Diese Verbindungsmöglichkeiten ändern die Struktur der allumfassenden narrative environments, sie ändern somit auch die Beschaffenheit der vereinbarten Realität. Sie produzieren und fördern Lesbarkeit im landschaftsgleichen, raumzeitlichen Gewebe. Dieses ist aber nicht im klassischen Sinne vorgeschrieben, vielmehr wird es in seiner Textur erkannt, aktiviert, bearbeitet und gegebenenfalls sogar erweitert. Die Momente choreographischer Koppelungen können dabei etwa ihren Beginn mit Objekten nehmen und erlauben das Vernetzen, ja, das Tanzen der Relais ohne auf ein vorgefertigtes kommensurables Angebot aufzusetzen. Die willentliche Umsetzung ist eine Option auf Aktivierung von Welterfahrung, im günstigsten Sinne auch ein Fall von Welterweiterung. Hier läuft Choreographie also auch auf einen Vorschlag des Umgangs mit der Welt als Unterlaufen des Vorgegebenen hinaus, auf eine sensible Phänomenologie des Heterogenen, die auf Bedeutungsentfaltung und Raumöffnung zielt. Die angewandte Decodierungsstrategie, die angesichts einer homogenisierten Welt und einer entsprechenden medialen Ästhetik und normierenden Wissensdiskursivität geradezu als andersartiges Instrument begreifbar wird, gewinnt dabei an Wichtigkeit.

Lesen und Anwenden

Choreographie ist in dieser Lesweise und Anwendbarkeit gleichermaßen in ihrer theoretischen Fundierung und praktischen Umsetzung denkbar und begreifbar. Sie ist Teil der Machtverhältnisse, die sie ausweist und durchdringt; sie erlaubt ein umfassendes Einwirken auf das Feld der Macht und seinen, im Sinne von Beziehungen, relationalen Charakter. Choreographie verleitet als Haltung im besten Sinne zu einer aktiven Begehung eines potentiellen Netzes, einer in diesem Sinne zu lesenden Virtualität. So wie sich Macht (in der Lesweise Foucaults) zumeist auch in Handlungen ausdrückt ist die Choreographie etwas Aktives, zielt sie auf Verstehen und Verantwortung, auf Erkenntnis und Erfassen. Eine Wendung Martin Heideggers nutzend und vermessen weiterdenkend, ist sie eine Einladung, auf solider ontologischer Grundlage eine aktive Epistemologie zu betreiben. Die Tugend besagter Choreographie ist die Neugier und die heidnische Gleichgültigkeit, die Offenheit für Heterogenität abseits klassischer Hierarchisierungen. Sie setzt auf ein Lesen und Aktivieren transversaler Bezüge, auf ein Realisieren polyvalenter Strategien. Welche Ästhetik, Ethik oder auch Politik leiten wir also aus den Vorschlägen eines zutiefst anderen Umgangs ab? Eine eingehende Untersuchung steht noch aus, sie würde den Umfang dieser kleinen Ausführungen und Gedanken sprengen; was aber gesagt werden kann und soll, ist der Hinweis auf die Lebendighaltung von Subversion zugunsten der Erhaltung einer Vielfalt ästhetischer Ordnungen bzw. Systeme gegen vereinheitlichende ästhetische Regime und gegen überkommenes ästhetisches Erfahren, das sich einzig einer exkludierenden Leitlinie des sogenannten Guten, Schönen und Wahren verschrieben hat. Choreographie – und hier insbesondere die archivbewusste Medienchoreographie – ist ein zeitgemäßer Vorschlag des Weltumgangs; ein Entkleidungsprozess, in dem es nicht um die Vorstellung von Nacktheit als einmalig festzulegende Wahrheit geht, sondern um den unausgesetzten Prozess des strips: Ich versetze mich in einen positiven Schwindel und entziehe mich. Ich entgleite den Vorgaben, den Normen und reflektiere mich als Choreograph. Ich bin so frei.


Literatur

Thomas Ballhausen: Bewegungsmelder. Innsbruck: Haymon Verlag 2010.

Georges Bataille: Das Unmögliche. München: Carl Hanser Verlag 1987 (Edition Akzente).

Jonathan Burrows: A Choreographer’s Handbook. New York: Routledge 2010.

Michel De Certeau: Mystische Fabel. 16. bis 17. Jahrhundert. Berlin: Suhrkamp Verlag 2010.

Merlin Coverley: Psychogeography. Harpenden: Pocket Essentials 2010.

Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: Gilles Deleuze: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1993 (es 1778), S. 254-262.

Gilles Deleuze u. Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve Verlag 1997.

Warren Ellis: From the Desk of Warren Ellis. Volume Two 1998-1999. Urbana, IL: Avatar Press 2000.

Warren Ellis: Bad Signal. Volume One. Urbana, IL: Avatar Press 2003.

Tim Etchells: Certain Fragments. Contemporary Performance and Forced Entertainment. London: Routledge 2008.

Michel Foucault: Subjekt und Macht. In: Michel Foucault: Dits et Ecrits. Band IV 1980-1988. Herausgegeben von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2005 (Schriften in vier Bänden IV), S. 269-294.

Jack Hauser: Choreographie der Wohnung Miryam Van Doren [unpubliziertes Manuskript 1999-2010]. Sammlung Jack Hauser, Wien.

Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2006.

Sabine Huschka: Moderner Tanz. Konzepte – Stile – Utopien. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2002 (re 55637).

Filmische Gedächtnisse. Geschichte – Archiv – Riss. Herausgegeben von Frank Stern, Julia B. Köhne, Karin Moser, Thomas Ballhausen und Barbara Eichinger. Wien. Mandelbaum Verlag 2007 (ÖH edition 1).

The Swedish Dance History. Edited by INPEX. O.O.: INPEX 2010.

Eva Schürmann: Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2008 (stw 1890).

Tags

fakt, fiktion, film