Schwerpunkt

4/2010 - Literacies

Soziale Kontexte der digitalen Kommunikation und Probleme der Begrifflichkeiten: „New Literacy Studies“, „Multiliteracies“ und „Multimodality“ als Beispiele

AutorInnen: Margit Böck / Gunther Kress

Theoretische Verwirrung stiften: der Gebrauch des Begriffs "Literacy" für digitale Kommunikation.

Abstract

Dieser Beitrag thematisiert, inwieweit der aus der Schriftlichkeitsforschung stammende Begriff "Literacy" bzw. "Literacies" auf den Bereich der digitalen Kommunikation übertragen werden kann. Gegenwärtig wird so mit einem Begriff ein konzeptuelles Wirrwarr benannt: Die Literacy-Metapher verweist auf Ressourcen, Fähigkeiten, Technologien und ihre Potentiale, Funktionen, Kontexte usw. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit disziplinäre und theoretische Hintergründe von traditionellen Literacy-Konzepten die aktuelle Auseinandersetzung mit neuen Phänomenen, die mit diesem Begriff bezeichnet werden, beeinflussen. Um dieses Durcheinander zu klären, differenzieren wir zwischen der sozialen, der technologischen und der semiotischen Ebene der Veränderung der Produktion von und des Umgangs mit Texten. Das Soziale steht dabei als generative Kraft im Vordergrund – eine Grundannahme, die auch die Ansätze der New Literacy Studies, der Multiliteracies und der Multimodality charakterisiert.

The article examines whether the term "literacy" or "literacies" with their origin in studies of writing, can be usefully transferred to contemporary (including digital) communication. At the moment the terms name a conceptually confused domain: resources, abilities, practices, technologies and their potentials, functions, contexts, etc. The question also arises to what extent the disciplinary and theoretical backgrounds of concepts around literacy in its more 'traditional' form will skew theoretical engagement with current phenomena of text-making. To begin a disentangling of this conceptual jumble, we begin with a differentiation of social, technological and semiotic aspects of changes in production and uses of current – and not only digitally produced and disseminated – texts. In that, the social is taken as generative in meaning-making and in shaping conditions of communication anywhere. That assumption is shared with work in New Literacy Studies, Multiliteracies and Multimodality.


1 Einleitung

Der aus dem Englischen stammende Begriff „Literacy“ ist in den letzten Jahren zu einer allgegenwärtigen Metapher geworden, besonders im Zusammenhang mit neuen Technologien. Dabei ist bemerkenswert, dass der Begriff Literacy in keiner anderen Sprache vorkommt. In den romanischen Sprachen versucht man Literacy mit z. B. „Letteramento“ im Brasilianisch-Portugiesischen zu übersetzen, im Deutschen mit „Literalität“ (vgl. z. B. Kress 2003: 22). Wir beschäftigen uns hier mit der grundsätzlichen Frage, ob die Übernahme eines Begriffes für die wissenschaftliche Auseinandersetzung über ein bislang konzeptuell nicht wirklich geklärtes Feld der beste Weg ist, wenn dieser Begriff bereits in der Herkunftssprache sehr unklar ist.

Mit „Literacy“ werden im allgemeinen Gebrauch – zumindest im englisch- und zunehmend im deutschsprachigen Raum – Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kompetenzen bezeichnet, die mit dem Erzeugen und dem „Lesen“ von Texten, der Verwendung von Information oder Wissen verbunden sind oder sehr allgemein mit „Kommunikation“ zu tun haben. Je nach Kontext beziehen sich diese Kompetenzen, mitunter auch als „Skills“ bezeichnet, auf ein Umgehen-Können entweder mit unterschiedlichen Modi der Kommunikation (wie Lese-, Schreib- oder visuelle Kompetenz) oder mit ihren Medien der Vermittlung, wobei diese Ebenen oft vermischt werden (wie bei digital oder multimedia literacy), auf Fähigkeiten der Nutzung von spezifischen Medienangeboten und/oder Funktionen von Medien (wie Informationskompetenz) oder sehr verallgemeinernd auf eine „kompetente“ Nutzung von Medien insgesamt (Bsp. Media Literacy, Medienkompetenz).

So wie „Kompetenz“ ist auch „Literacy“ eine sehr offene Metapher, die gleichzeitig den Eindruck vermittelt, dass damit etwas sehr Klares gemeint wird, was noch dazu gesellschaftlich relevant und in seiner Notwendigkeit wenig umstritten ist. Die Pluralform „Literacies“ ist nicht zuletzt auch deshalb attraktiv, da sie dem Zeitgeist einer Phase gesellschaftlicher Fragmentierung und daraus resultierender (Multi-)Pluralität(en) entspricht. Gleichzeitig signalisiert „Literacies“, dass es viel mehr als nur eine Form von Literacy gibt.

Wir möchten in unserem Beitrag versuchen, dieses „Gewirr“, wofür „Literacy“ bzw. „Literacies“ steht, etwas zu entflechten. Dabei beziehen wir uns auf drei aus dem anglophonen Raum stammende theoretische Ansätze: die „New Literacy Studies“, „Multiliteracies“ und „Multimodality“ (vgl. z. B. Böck 2010a). Der Versuch ist gedacht als ein Anfang für die reflektierte Verwendung von Begrifflichkeiten, der uns notwendig erscheint, um zur Klarheit und Präzision der wissenschaftlichen Debatte in dem Feld, in dem „Literacy“ bzw. „Literacies“ Leitbegriffe sind, beizutragen.

Was ist eigentlich der Grund dafür, dass der auf alphabetische schriftliche Kommunikation verweisende Begriff „Literacy“ in den letzten rund 20 Jahren zunehmend für alle möglichen Bereiche verwendet wird? In der Auseinandersetzung mit dem Schaffen von Bedeutung als „meaning making“ steht das Soziale für uns im Vordergrund. Die Perspektive, Kommunikation als soziales Handeln zu verstehen, kennzeichnet und verbindet auch die drei genannten Ansätze. Der Fokus auf das Soziale führt unter anderem dazu, dass in der Analyse des Zusammenspiels von sozialen und technologischen Aspekten im Zusammenhang mit Kommunikation erstere den Rahmen bilden, in dem letztere ihre Anwendung finden. Das bedeutet, dass soziale Veränderungen zu Veränderungen der Formen und Praktiken von Kommunikation führen.

Unabhängig davon, welche Sicht man auf die soziale, ökonomische, kulturelle, politische und technologische Welt hat – sie befindet sich in rapiden Veränderungsprozessen, und die Geschwindigkeit von „Transport“ hat sich in allen diesen Bereichen beschleunigt. Dies hat zu einem Wandel der sozialen, politischen und ökonomischen Rahmung der Welt geführt. Damit einhergehend haben sich auch die kulturellen Ressourcen der semiotischen Sphäre, der Domäne des Bedeutungsschaffens verändert. Da keine passenden neuen Begriffe vorhanden waren und sind, um den Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien und unterschiedlichen Kommunikationsmodi für die Produktion von medial vermittelten Äußerungen zu bezeichnen, hat sich der Begriff „Literacy“ angeboten, um diese verschiedenen Aktivitäten und die damit verbundenen Fähigkeiten zu benennen (vgl. Gee 2011: in Druck). Die ununterbrochene Neuentwicklung von Kommunikationsanwendungen im Internet und in der Mobilkommunikation erklärt die anhaltende Konjunktur der Verwendung des „Literacy“-Begriffes.

Für die wissenschaftliche Analyse erfordern diese Veränderungen allerdings adäquate und präzise Werkzeuge und Begriffe, die der Vielzahl der semiotischen Ressourcen ebenso entsprechen wie den variierenden Erscheinungsformen und Effekten von Macht in einer semiotisch kaum gerahmten Welt. Bezeichnungen wie „Literacy“, stammen aus einer Zeit, die durch die Vorrangstellung von Sprache und Schrift im Besonderen gekennzeichnet war. Diese Labels sind beladen mit Vorstellungen von früheren Theorien, die für andere Aufgaben entwickelt wurden, mittlerweile allerdings mehr oder weniger zu Commonsense geworden sind. Es ist davon auszugehen, dass diese Zuschreibungen die Entwicklung neuer Konzepte beeinflussen, wenn „alte“ Begriffe für neue Kontexte übernommen werden.

Ein unreflektierter Wechsel des Blicks der Literacy-Forschung von traditionell dominierender schriftlicher Kommunikation hin zu multimodaler Kommunikation könnte längerfristig einen Verlust dahingehend bedeuten, dass die besonderen Potentiale des schriftlichen Modus – wie etwa Syntax, Lexis oder Genres – weniger genutzt werden und schriftliche Kommunikation an Vielfalt verliert. Zum Beispiel zeigt sich, dass im Zusammenspiel von visuellen und schriftlichen Teilen eines multimodalen Texts komplexe Sätze – oft mit fünf, sechs oder mehr Nebensätzen – häufig nicht mehr verwendet werden. Der „Verlust des komplexen Satzes“ könnte einen Verlust an entsprechenden komplexen inhaltlichen Konstrukten mit sich bringen; und Vergleichbares könnte der Fall sein für spezifische Genres von Narrativen (vgl. z.B. Bezemer/Kress 2008). Ein Gewinn eines multimodalen Verständnisses von Literacy wiederum könnte darin liegen, dass die Spezifika von einzelnen Modi der Repräsentation, wie Schrift, gesprochene Sprache, Bild usw., herausgearbeitet werden und dieses Wissen gezielt im Design von multimodalen Texten Anwendung findet.

2 Was ist „Literacy“? Von „Literacy“ zu „Ressourcen“

Die Verwendung des Begriffs „Literacy“ in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen ist mehr oder weniger umstritten. Wir plädieren dafür, in spezifischen Kontexten den Bezug auf den Kommunikationsmodus Schrift beizubehalten, besonders wenn es sich um wissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzungen handelt, in denen Präzision grundlegend erforderlich ist (vgl. Kress 2003). Verwenden wir den zumindest zur Zeit zweifellos schillernden Begriff Literacy aus strategischen Gründen, z. B. um Forschungsgelder einzuwerben, so hat er eine andere Funktion als in der wissenschaftlichen Forschung, und auch die Ansprüche an seine inhaltliche Adäquanz sind andere.

Eine unseres Erachtens plausible Definition von „Literacy” könnte lauten: „Literacy“ bezieht sich zum einen auf die semiotischen Ressourcen und Potentiale der Schrift, welche in einer spezifischen Kultur für die Produktion von geschriebenen (Teilen von) Texten aller Art zur Verfügung stehen. Diese Ressourcen können entweder in Form von monomodalen Texten, als handschriftliche Notizen oder einfache Hinweise („Bitte nicht rauchen“) bis zu komplexen Narrativen, oder (und das immer häufiger) als schriftliche Komponenten / Elemente von multimodalen Texten eingesetzt werden. Zum anderen bezieht sich „Literacy“ auf die AkteurInnen und ihren Umgang mit diesen Ressourcen und Potentialen, wobei sie diese im Gebrauch laufend verändern, weiterentwickeln und neu schaffen. Fokussiert das Konzept der Multimodalität vor allem auf die Ebene der Texte, wird die Ebene der AkteurInnen im Besonderen von den Ansätzen der New Literacy Studies und der Multiliteracies thematisiert.

Diese Definition hat den Vorteil, dass neben Schrift alle anderen Modi der Kommunikation einbezogen werden können und dabei die Perspektive der Analyse nicht durch Vorstellungen, Debatten und Konzepte beeinflusst und eingeschränkt wird, wie dies bei der Übernahme des Literacy-Begriffes mit seiner disziplinären Entwicklungsgeschichte und seinen spezifischen theoretischen Einbettungen nahe liegt.

Ein Problem für die Expansion des Literacy-Begriffs auf andere, nicht schriftbezogene Aktivitäten der Bedeutungsschaffung, sehen wir zudem in der unseres Erachtens zu wenig berücksichtigten Abgrenzung zwischen unterschiedlichen Sprachen und ihren spezifischen Schriftsystemen und was letztere für das Verständnis von Literacy implizieren. Wie in vielen anderen Bereichen, zeichnet sich hier eine wissenschafts-kolonialistische Tendenz ab, allgemeine Theorien orientiert an den Gegebenheiten von „westlichen“ Kulturen zu errichten, hier z. B. der indoeuropäischen Sprachen: Was ist Schrift in nicht-alphabetischen Kulturen? Was ist die Beziehung zwischen der gesprochenen Sprache und Schrift in Kulturen, in denen Schrift nicht das Gesprochene (wie immer auch nur andeutungshaft) wiedergibt?

3 Das „Gewirr“ von Benennungen

Die tiefgehenden Änderungen der „Kommunikationslandschaft“ (Kress/van Leeuwen 1996, 2001, Kress 2003, 2010) sind Folgen weitreichender Prozesse des sozialen Wandels. Sie haben zum Ausfasern und Verschwinden von sozialen Zugehörigkeiten und Grenzen, von Rahmen- und Wertvorstellungen geführt. Drei Faktoren dieser Veränderungen sind für unsere Überlegungen von besonderer Bedeutung: (i) die sozialen Aspekte der Veränderungen im Bereich von (kommunikativ-medialer) Repräsentation, (ii) die enormen Veränderungen der Technologien der Repräsentation und Kommunikation, die mit diesen einhergegangen sind und die sich wechselseitig beeinflusst haben, sowie (iii) die weitreichenden semiotischen Veränderungen, die durch den sozialen und technologischen Wandel entstanden sind.

Jeder dieser Faktoren hat Einfluss auf bestehende kommunikationsbezogene Arrangements, wie Genres und Modi oder Gestaltungsmittel von Kohäsion und Kohärenz. Im Besonderen betrifft dies die textuellen Fassungen von Macht in sozialen Beziehungen, die wiederum in den Kommunikationsverhältnissen selbst ihren Ausdruck finden. Ein Beispiel dafür ist das veränderte Verständnis von „Autorschaft“ und „Veröffentlichung“. Beide waren einst durch soziale Macht und technische Gegebenheiten deutlich eingeschränkt. Heute sind die Möglichkeiten, Texte zu verfassen und zu veröffentlichen, im Prinzip allgemein zugänglich. Von NutzerInnen produzierte Texte – und damit „Wissen“ – sind heute gang und gäbe; die Jahrhunderte währende Einschränkung von Textproduktion und -veröffentlichung auf bestimmte soziale Gruppen wurde aufgehoben, wenngleich z. B. der Grad an „Verbindlichkeit“ von Texten, die auf unterschiedlichen Plattformen der Veröffentlichung erscheinen und spezifische (Teil-)Öffentlichkeiten ansprechen, sehr unterschiedlich ist.

Jeder einzelne der genannten drei Faktoren hätte alleine für sich genommen zu großen Veränderungen von Kommunikation geführt. Gemeinsam haben sie diese grundlegend verändert. Diese radikalen Umbrüche haben schließlich auch zu einem konzeptuellen Durcheinander geführt, da in kurzer Zeit neue kommunikative Formen und Texte entstanden sind und entwickelt wurden, ohne dass entsprechende Begriffe zur Verfügung gestanden wären, um diese neuen kommunikativen Arrangements adäquat benennen zu können.

Setzen wir diese drei Faktoren mit den drei genannten theoretischen Ansätzen in Beziehung, zeigt sich, dass „das Soziale“ und sozialer Wandel besonders in den ethnographischen Arbeiten der New Literacy Studies im Vordergrund stehen, die „Literacy“ als schriftbezogene soziale und situierte Praxis verstehen, die immer mit Identitätsarbeit zu tun hat (z. B. Heath 1983, Street 1984, Barton/Hamilton 1998, Barton/Hamilton/Ivanic 2000). Auch im Multiliteracies-Ansatz der New London Group (1996 sowie Cope/Kalantzis 2000, 2009), der die soziokulturelle Spezifik von Lesen und Schreiben als Schaffen von Bedeutung einerseits sowie die Multimodalität von kontemporärer Kommunikation andererseits betont, ist „das Soziale“ grundlegend. Arbeiten von Jim Gee (1990, 1992), der Ende der 1980-er Jahre den Begriff der New Literacy Studies geprägt hat, um dieses neue Feld zu bezeichnen (Gee 2011, in Druck), untersuchen den Umgang mit Schrift aus einer stärker soziologischen Perspektive. Ebenfalls in der Tradition, Literacy als soziale Praxis zu verstehen, steht ein Teil der Arbeiten von Colin Lankshear und Michele Knobel (2006, 2008), die ihren Fokus allerdings deutlich stärker auf den Einfluss von digitalen Technologien auf Bedingungen der Produktion von (multimodalen) Texten legen.

Dem Begriff „New Literacy Studies“ eingeschrieben ist eine Ambiguität. Ein stärkerer Fokus auf „das Soziale“ steht einem Fokus auf „das Technologische“ gegenüber, wobei Letzteres auch in einem sozialen Rahmen gesehen wird. Diese Ambiguität ist evident in den zwei möglichen Lesarten der Begriffskombination, entweder als „Studies of New Literacies“ oder als „New Studies of (traditional) Literacies“. Letztere Interpretation entspricht den Arbeiten von Heath, Street, Barton, Hamilton, in denen der Fokus auf traditionellen Formen des Umgangs mit Schrift liegt. Traditionelle Formen von Schriftverwendung aus einer neuen Perspektive zu untersuchen, trifft auch auf Aspekte der Arbeiten von Jim Gee zu, in denen er – besonders unter Bezugnahme auf das von ihm entwickelte Konzept „Discourse with a big D“ – den sozial sehr differenzierten Umgang mit traditionellen Formen von Literacies als Teil von spezifischen Lebenswelten untersucht. „New Literacies“ stehen z. B. in Gees Studien zu Computerspielen (2003) im Vordergrund, wobei auch in diesen Studien eine soziale Perspektive, verbunden mit kognitiven Aspekten, den theoretischen Rahmen bildet. Als wichtige Proponenten der „New Literacies“ können Colin Lankshear und Michele Knobel (2006, 2008) verstanden werden, die gemeinsam mit Julie Coiro und Donald Leu das „Handbook of Research on New Literacies“ (Coiro et al. 2008a) herausgegeben haben, um dieses Forschungsfeld auszudifferenzieren und abzustecken. „New literacies“ beziehen sich nach Lankshear und Knobel (2006: 24f.) auf post-typographische Formen von Texten und Textproduktion, die sie im Vergleich zu „conventional literacies“ als „new and changing social practices [verstehen] which involve new and changing ways of producing, distributing, exchanging and receiving texts by electronic media.” (Hervorhebung im Original)

Der Fokus auf den technologischen Wandel ist am stärksten evident in Begriffen wie „Multimedia“. Hier geht es weniger um Bedeutung schaffendes Handeln, wie der Begriff „Literacy“ signalisiert, sondern mehr um technische (Anwendungs-)Kompetenzen, um konvergente Medien zu nutzen, wobei Interaktivität, die integrative Verwendung verschiedener „Medientypen“ (dies bezieht sich in den meisten Fällen auf Kommunikationsmodi und nicht -medien) sowie die digitale Technik als gemeinsame Merkmale von Multimedia gesehen werden (vgl. z. B. Burkart 2002: 363f., Kunczik/Zipfel 2005: 57f.). Die Vermischung von Modi und Medien zeigt sich sehr deutlich z. B. bei Richard Mayer (2008). Er definiert „Multimedia Literacy“ als „being able to generate multimedia communications that others comprehend and to comprehend multimedia communications that others generate“ (Mayer 2008: 359), und schlägt vor „that the conception of literacy should be expanded to include both words and pictures – what can be called multimedia formats” (Mayer 2008: 359).

Der semiotische Wandel steht im Mittelpunkt von Forschungen rund um das Thema der „Multimodality“. Die zentrale Frage ist, wie die neue Komplexität von „Texten“ verstanden werden kann. Die Diversität der Modi der Repräsentation steht im Vordergrund: Bild, Schrift, Gestik, Musik, gesprochene Sprache usw. Texte sind immer aus einer Vielzahl dieser Modi zusammengesetzt. Der Begriff „Literacy“ wird in diesem Zusammenhang oft ausgedehnt auf den multimodalen Charakter von kontemporären Texten und auf die Ressourcen, die für die Produktion und Interpretation dieser Texte erforderlich sind. Literacy ist hier in Anlehnung an unsere Definition als ein Begriff zu verstehen, der die Ressourcen für die Herstellung und die Rezeption von semiotischen Gebilden als Texten beschreibt.

Die Verwendung des Begriffs „Literacy“ für multimodale Texte bringt eine Reihe schwerwiegender, wenngleich im Moment weitgehend nicht diskutierter, weil nicht wahrgenommener Schwierigkeiten: Wir haben Bezeichnungen, aber wir wissen nicht, was diese bedeuten. Folgendes Beispiel konkretisiert dieses Problem: Was sind die Elemente von Literacy bei geschriebener Repräsentation? Fast jeder und jede hätten hier etwas zu sagen, dass es um Lesen und Schreiben, um Buchstaben, Wörter und Sätze geht und wie sie verwendet werden können. Mit Schrift enger vertraute Personen würden vielleicht Grammatik erwähnen: Ein richtiger Satz hat ein Subjekt und ein Prädikat und kann weitere Ergänzungen haben. Würde man fragen, was „visual literacy“ ausmacht, hätten vermutlich auch näher damit Befasste Schwierigkeiten, hier differenzierter Auskunft zu geben. Die Frage nach dem Unterschied zwischen diesen beiden „Literacies“ auch nur mit etwas Genauigkeit zu beantworten, würde eine noch größere Herausforderung bedeuten.

Das Problem, das wir hier am Beispiel von Multimodalität zeigen, trifft in gleichem Maße auf andere der „neuen“ Literacy-Begriffe zu. Neue Gegebenheiten mit alten Begriffen zu benennen, zieht Unklarheiten und Missverständnisse nach sich und steht der Präzision, die für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen neuen Gegebenheiten erforderlich ist, im Weg. Die Entwicklung von theoretischen Konzepten, die die erforschten Phänomene präzise erfassen und eine konzeptuelle Transparenz gewährleisten, die wiederum die praktische Umsetzung von Erkenntnissen fördert, wird so verhindert.

Die Vermischung von unterschiedlichen Ebenen von „Literacy“ bzw. „New Literacies“ und damit verbundener Ansprüche und Konzepte charakterisiert zum Beispiel auch das einleitende Kapitel des bereits erwähnten Handbuchs zur New Literacies-Forschung (Coiro et al. 2008b). Um das Feld zu beschreiben, formulieren Coiro et al. (2008b: 14) folgende vier Merkmale: (1) „… the Internet and other new ICTs require new social practices, skills, strategies and dispositions for their effective use“; (2) “new literacies are central to full civic, economic, and personal participation in a world community”; (3) “new literacies are deictic; they rapidly change as defining technologies change”; (4) “new literacies are multiple, multimodal, and multifaceted”. Es werden (1) Umgangsweisen angeführt, (2) soziale Konsequenzen, (3) Charakteristika des Verhältnisses zum Technologischen und (4) Benennungen von Merkmalen. Die HerausgeberInnen wählen diesen recht offenen Weg der Definition von „new literacies“ „to provide both an open context for research in new literacies and some sense of an initial definition“ für dieses sich in Entwicklung befindende Feld. Doch: Warum werden nicht spezifischere Beschreibungen für „multiple, multimodal, and multifaceted” angeboten und warum wird nicht nach neuen Begriffen gesucht, um diesen Bereich der „new literacies“ präziser zu benennen, der abgesehen von Merkmal (1) nicht unbedingt neu ist?

4 Resümee: Digitale Medien und „new literacies” – Aufgaben für Theorie und Forschung

Die Begriffe „New Literacy / Literacies Studies“ und „Multiliteracies” sind aus sehr unterschiedlichen disziplinären Zusammenhängen heraus entstanden: Anthropologie, Ethnographie, Linguistik, Semiotik, Kritische Diskursanalyse, Pädagogik, Computerwissenschaften, Informatik usw. Dies erklärt ihre unterschiedlichen Ausrichtungen. Gemeinsam ist ihnen eine soziale bzw. soziokulturelle Perspektive und dass „das Soziale“ der Ansatzpunkt für die Analyse von auf Schrift bzw. auf Repräsentation bezogenes Handeln ist. Damit einher geht die von den drei Ansätzen gestellte Forderung nach einem multidisziplinären Zugang, der Erkenntnisse ermöglicht, die den sich verändernden sozialen Umwelten entsprechen.

Zwei weitere Gemeinsamkeiten dieser Ansätze sind, dass sie zum einen die Akteure und AkteurInnen in den Vordergrund rücken und zum anderen schriftbezogene Praktiken immer als Teil von Identitätsarbeit in Bezug auf Kommunikation verstehen. Hier knüpft z. B. auch der Ansatz des „Informationshabitus“ (Böck 2004, 2010b) an, der Gewohnheiten, und Strategien, sich Information (im weiteren Sinn) zu beschaffen und zu verwenden beschreibt und Dispositionen umfasst, die jeweils vorhandenen bzw. wahrgenommenen Ressourcen einzusetzen.

Ausgangspunkt dieser Ansätze ist die Erkenntnis, dass ein differenziertes Verständnis der jeweiligen sozialen Kontexte, in denen auf unterschiedlichen Ebenen Bedeutung geschaffen und Texte produziert werden, zentral ist. Um die Komplexität und Fülle dieser Kontexte, die AkteurInnen und ihre jeweiligen Ressourcen sowie ihre Praktiken zu erfassen, ist eine Integration von unterschiedlichen theoretischen Zugängen unumgänglich. Dies ist umso dringlicher der Fall, als sowohl Vielfalt als auch Bedeutung der Anwendungsfelder von digitaler Kommunikation laufend wachsen.

Abschließend stellt sich eine theoretische Frage, die für die weitere Entwicklung des mit „Literacy“ bzw. „Literacies“ bezeichneten Forschungsfeldes essentiell ist. Die drei diesem Beitrag zugrunde gelegten Ansätze teilen die Grundannahme, „das Soziale“ als generative Kraft in den Vordergrund zu rücken, und zwar sowohl was den sozialen als auch den technologischen Wandel betrifft. Um Klarheit in der Auseinandersetzung und die dafür erforderliche Präzision für die verwendeten Begriffe zu erreichen, müssen unterschiedliche Ansätze zusammengeführt werden. Die Frage ist, inwieweit es das Ziel sein soll, für einzelne Bereiche jeweils eine eigene Theorie zu entwickeln, wie den Bereich der mit der Bezeichnung „new literacies“ als post-typographische Textproduktion angesprochen wird, oder ob die Entwicklung einer Theorie von Kommunikation anzustreben wäre, die diese unterschiedlichen sozialen Bereiche zu erfassen imstande ist. In diesem Zusammenhang vertreten Coiro et al. (2008b: 12) die erste Position, wenn sie in ihrer Einleitung zum bereits erwähnten Handbuch schreiben: “We believe that the new literacies of the Internet are sufficiently distinctive that they require their own theoretical framework – one that is grounded in the social practices of the new literacies of the Internet and other ICT and the contexts and conditions under which these social practices occur, develop, and evolve – in order to adequately understand them.”

Wir haben in unserem Beitrag einige Schwierigkeiten skizziert, die entstehen, wenn der Begriff „literacies“ auf das Internet und Smart Phones oder andere Felder von Kommunikation übertragen wird. Zur Zeit herrschen große Ungenauigkeiten in der Verwendung von Terminologien. Abgesehen von Unklarheiten kann es auch zu inhaltlichen Divergenzen führen, wenn Begriffe verwendet werden, die für andere Bereiche entwickelt wurden und in neue Kontexte importiert werden, dass z. B. spezifische Perspektiven im Vordergrund stehen oder ausgeblendet werden. Wie Coiro et al. gehen wir davon aus, dass die Analyse des ausgesprochen komplexen Phänomens der digitalen Kommunikation und ihrer vielfältigen Formen an der sozialen Praxis und den sozialen Arrangements, in der diese (ent)steht, als maßgeblichem Rahmen ansetzen muss.

Zweifellos sind die verschiedenen Erscheinungsformen digitaler Kommunikation und des Umgangs damit durch unterschiedliche soziale und semiotische Merkmale charakterisiert. Das bedeutet aber nicht, dass es sich hier auf einem generellen Niveau einer theoretischen Konzeption von Kommunikation nicht um vergleichbare Merkmale und Arrangements handelt, wobei von spezifischen gemeinsamen Eigenheiten unterschiedlicher Gebrauch gemacht wird. So schreibt Jim Gee (2010, in Druck), diese Annahme bestätigend: „The practices involve more than just using a digital tool. They involve ways of acting, interacting, knowing and valuing as well as using sorts of tools and technologies.” Und: „People learn a given way of reading or writing by participating in (or, at least, coming to understand) the distinctive social and cultural practices of different social and cultural groups. When these groups teach or ‘apprentice’ people to read and write in certain ways, they never stop there. They teach them to act, interact, talk, know, believe, and value in certain ways as well, ways that ‘go with’ how they write and read (Gee 1990, 1992, 2003).” (Gee 2010, in Druck)

Solche Prozesse sind und waren ein Merkmal von Kommunikation, die immer im Kontext von sozialen Veränderungsprozessen stattfindet. Sie erfordern die Entwicklung einer Theorie, die den kontemporären Bedingungen von Kommunikation insgesamt entspricht. Im Feld der digitalen Kommunikation entstehen permanent neue Werkzeuge. Diese bringen in Folge ihrer kulturellen Verwendung spezifische Effekte mit sich, wie das bei Werkzeugen immer der Fall war und sein wird. Wenn die Anwendungsfelder und die dazugehörigen Werkzeuge mehr partizipative, mehr kollaborative, mehr distribuierte, weniger autoren-zentrierte Formen der Bedeutungsschaffung erlauben als konventionelle „literacies“ (vgl. Lankshear/Knobel 2006: 25), verändert sich die Machtverteilung in Bezug auf frühere Vorstellungen der Autorschaft: dass sie sich verändert, bedeutet nicht, dass gleichzeitig grundlegende soziale und semiotische Praktiken des Bedeutungsschaffens, der Textproduktion und der Dissemination von Texten hinfällig sind.

Wenn wir das Soziale als prioritär betrachten, dann sind es vornehmlich soziale Gegebenheiten, die kommunikative Praktiken formen und prägen. Dieses Wissen erfordert eine entsprechende Reformulierung von Theorien der Kommunikation (Kress 2010). Und es erfordert eine sorgfältige, präzise Benennung der Welt bzw. der Ausschnitte, die wir in den Fokus unserer Forschung rücken.


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