Praxis

3/2010 - Cultural Diversity

Interkulturelle Aspekte der Ausbildung bei Radio ORANGE 94.0

AutorIn: Frank Hagen

In Workshops und Seminaren, die primär das Ziel haben, etwas über das Radio Machen zu lernen, sowohl antidiskriminierende, dem Diversity-Ansatz verpflichtete, als auch medienpädagische Methoden und Übungen zu verbinden, ist ein hoher Anspruch.

Interkultur – eines dieser Wörter, die sich individuell im Bewusstsein manifestieren, die eine gewisse Vorstellung auslösen, mitunter eine Ansammlung von Vorurteilen bilden, und am Ende für alle doch irgendwie etwas Anderes bedeuten.

Im Kontext der Freien Medien reduziert sich das Verständnis von Interkultur oft auf die Verwendung verschiedener Sprache(n). Im Prinzip vereinfacht diese Sicht aber ähnlich unzulänglich, wie die einseitige Rollenverteilung beim Thema Integration – eingeteilt in jene, die eh schon alles können (Deutsch und gesellschaftliche Codici) und jene, die Defizite haben. Nur wird die Sprachenvielfalt in Freien Medien als besonderer Benefit heraus gestrichen und damit in gewisser Weise „exotisiert“. Unser Ansatz ist daher mit mehreren Sprachen umzugehen, aber möglichst gemeinsam.

In Workshops und Seminaren, die primär das Ziel haben, etwas über das Radio Machen zu lernen, sowohl antidiskriminierende, dem Diversity-Ansatz verpflichtete, als auch medienpädagische Methoden und Übungen zu verbinden, ist ein hoher Anspruch. Unser Ziel ist, uns darin beständig weiter zu entwickeln, um nicht nur in den Ausbildungsmaßnahmen, sondern vor allem mit dem Programm einen Ort gleichberechtigter Partizipation zu schaffen.

Die mehrsprachige Kurspraxis ist nur ein Teil dieser in ständiger Entwicklung befindlichen Praxis. Weil Mehrsprachigkeit auch viele der antidiskriminierenden Ansätze beinhaltet, und uns in der Auseinandersetzung mit ihnen während der Trainings unterstützt, möchte ich mich hier einmal auf sie konzentrieren.

Eines der Prinzipien des Programmauftrages von Radio ORANGE 94.0 als nichtkommerzielles Lokalradio nennt sich Gesellschaftsspiegel. Die Gesellschaft der Stadt Wien, im Besonderen jene ihrer Teile, die medial kaum aktiv vorkommen, soll sich durch Partizipation am Radioprogramm Gehör und Öffentlichkeit verschaffen.

In der Regel haben wir im Freien Radio mit Menschen zu tun, was übrigens sehr schön ist, die aus Interesse zur Ausbildung kommen und Radio machen lernen wollen. Genauso divers wie das Radioprogramm selbst, es gibt ca. 170 verschiedene regelmäßige Sendungen, sind die Leute, die es mit Inhalten füllen (wollen) und auch zu den Kursen kommen. Auch wenn sich Studierende am ehesten zur aktiven Radioarbeit aufraffen können, sind die Kurse doch sehr heterogen zusammen gesetzt.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Radio Orange an der Implementierung bzw. Verfeinerung eines möglichst integrativen Ansatzes in seinen Aus- und Weiterbildungsprogrammen.

Ziel ist nach wie vor, ein Ausbildungsumfeld zu schaffen, in dem möglichst alle gemeinsam lernen und erfahren können.

Seit mehr als fünf Jahren gibt es ein verpflichtendes Kursprogramm für neue Radiomacherinnen und Radiomacher.

Vor dem Kurs

Um nicht im Vorhinein jemanden aus dem Ausbildungsprogramm auszuschließen wurden die Ausschreibungstexte geändert, vereinfacht und teilweise in mehrere Sprachen übersetzt. Medienpädagogik beginnt schon bei der Formulierung des Angebotes, was keine einfache Aufgabe ist, wenn es sehr breit angelegt ist. Eines unserer Ziele  ist, zu kommunizieren, dass die Kurse einen sehr niederschwelligen Zugang zum Radio ermöglichen – dadurch sollen sich auch Menschen, mit (noch) eingeschränkten Deutschkenntnissen angesprochen fühlen.

„If you don't feel too comfortable with speaking german, we try to help in other languages. Just let us know before,“ heißt es auf unsrer Webseite.

Auch durch Mundpropaganda funktioniert diese Art der Ausschreibung sehr gut, weil auch unter ehemaligen Teilnehmenden an andere weiter gegeben wird, dass ein Kursbesuch auch mit sehr geringen Deutschkenntnissen möglich ist.

Menschen, die nur über die Homepage Kontakt aufnehmen, und kein bis wenig Deutsch sprechen, fragen meist vor Anmeldung (oft auf Englisch) nach, ob sie wirklich teilnehmen können. Damit verbunden erklären wir ihnen auch, um welche Art Kurs es sich handelt. Vor allem Migrantinnen und Migranten kennen manchmal nur Frontalunterricht und sind eine aktive Teilnahme und einen Austausch untereinander nicht gewohnt. Im Prinzip geht es also um einen Abgleich von Erwartungshaltung und Kursinhalten.

Bereitschaft

Mehrsprachiger Unterricht funktioniert nur unter der Bereitschaft aller Teilnehmenden sich auf einige Einschränkungen einzulassen.

Verstehen:

Im mehrsprachigen Kurs muss ich offen sein, auch kurze Phasen zu akzeptieren, in denen ich nichts oder wenig verstehe, also „draußen bin“. Das gilt im Besonderen für Übungen, also wenn ein Interview in einer Sprache gemacht wurde, die ich nicht verstehe, oder eine Moderation eingesprochen wird, der ich nicht folgen kann.

Mitarbeit:

Im Kurs versuchen wir, da die Trainierenden nicht alle Sprachen abdecken können und auch gar nicht können sollen, sogenannte Sprachbrücken zu bilden und bauen die sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmenden in die Kurspraxis ein.

Zeit:

Durch die Verwendung mehrerer Sprachen dauert alles länger – die Übungen, die Analyse und Reflexion der Übungen und auch die theoretischen Abschnitte.

Abgesehen davon hören Menschen, die mehrere Sprachen verstehen, einiges doppelt.

Anstrengung:

Ein mehrsprachiger Kurs ist für alle Beteiligten anstrengender und verlangt ein häufiges Neukonzentrieren auf andere sprachliche Umstände, mit denen sich die eine oder der andere gerade vielleicht schwerer tut. Für Menschen, die an Sprachwechsel gar nicht gewöhnt sind, ist die Anstrengung noch viel höher.

Mut:

Mehrsprachigkeit ist besonders im aktiven Gebrauch für darin Ungeübte eine große Überwindung. Wer spricht schon gerne vor anderen in einer Sprache die sie oder er nicht gut kann? Noch dazu in einem Medium wie dem Radio, das den Nimbus der sprachlichen Perfektion (Sprechausbildung etc.) vor sich herträgt.

Abwechslung

Ein Grundkurs besteht aus vier thematisch unterschiedlichen Terminen. Wir möchten   möglichst verschiedene Umgangsformen mit dem Medium Radio vermitteln. Deshalb wird jeder Kursteil von einer anderen Trainerin oder Trainer geleitet.

Das bringt auch den Vorteil unterschiedlicher Sprachsituationen, da jeder Trainer und jede Trainerin andere Sprachen gut spricht. Das heißt, dass der aktive und passive Sprachgebrauch in mehrsprachigen Kursen sich mit jedem Termin ändert. Im schlechtesten Fall, wenn Menschen dabei sind, die gar kein Deutsch verstehen,  bedeutet das einen großen Überhang von dem, das ich „Notenglisch“ nenne. Der Begriff bedeutet für mich, dass Englisch als oft größter gemeinsamer Nenner, einerseits sehr praktisch ist, weil es für die meisten irgendwie geht, aber andererseits dadurch für alle sehr viel an aktiven Ausdrucksmöglichkeiten verloren geht. Im Radio ist das nicht unwesentlich.

Das Team besteht aus Trainerinnen und Trainern, (ich beuge mich bisher der hier üblichen Vorgabe der geschlechtsneutralen Schreibweise, möchte jetzt aber einmal darauf hinweisen, dass es durchaus mehr als zwei Geschlechter gibt), Medienpädagoginnen und Medienpädagogen, Künstlerinnen und Erwachsenenbildnern. Das Team selbst ist sehr divers und auch multilingual zusammen gesetzt. Sprachen, die wir sehr gut abdecken, sind Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch, Farsi, Arabisch, Bulgarisch, Russisch. Alle Trainerinnen und Trainer haben selbst Erfahrung mit dem Radio Machen und können auch aus ihrer Praxis berichten, die sehr verschieden ist.

Im Kurs

Von Anfang an wird die mehrsprachige Situation nicht als einfache Situation betrachtet, aber dennoch zur Normalität erklärt. Neben der Klärung der Bereitschaft aller Teilnehmenden dabei mitzumachen, müssen die Verkehrssprachen im Kurs festgestellt und festgelegt werden.

Die wichtigsten Fragen für die Trainierenden in dieser Phase sind:

Welche sind die Sprachen, die die meisten Anwesenden verstehen und in welcher Form können wir sie wann und in welchen Konstellationen benutzen?

Wie handhaben wir das manchmal notwendige Übersetzen und wie gehen wir mit Phasen um, in denen einzelne nichts verstehen?

Antworten auf diese Fragen sind in jedem Kurs verschieden und hängen von den im Kurs vorhandenen Sprachen ab. Eine sehr generelle Antwort darauf ist jedoch das Stichwort Rhythmus. Im Kurs versuchen wir nie zu lange in einer Sprache zu bleiben, wenn sie nicht von allen verstanden wird. Ein längeres Warten und auf eine Sprache bedeutet eine Art Ausstieg aus dem Geschehen. Dieses Abschalten und plötzliches Umschalten auf Verstehen ist sehr mühsam. Deshalb versuchen wir einen gewissen Fluss herzustellen, der ein kontinuierliches Verstehen ermöglicht.

Ein rhythmisiertes Wechseln ist auch für jene angenehmer, die alle verwendeten Sprachen verstehen.

Die Kurse sind generell in kleine theoretische bzw. analytische Sequenzen gegliedert, die von großen praktischen Übungseinheiten entweder ausgehen oder darin münden. Dieser hohe Praxisanteil begünstigt einen mehrsprachigen Kursablauf. Die Praxiseinheiten, wie zum Beispiel Interviewübungen, angewandte Moderationen oder Üben des Studiohandlings, finden in immer neu geformten Kleingruppen (von zwei bis drei Leuten) statt. In diesen Kleingruppen kann die Übungssprache selbst definiert werden, auch ohne Rücksicht auf das gemeinsame  Anhören der Übung im Plenum. Die aktuelle Kleingruppe wählt die Sprache, die ihr in der Situation und dem Übungsinhalt passend erscheint. In der Kurspraxis bilden sich Gruppen dann mitunter an Hand der Sprachprioritäten. Wenn alle in einer Sprache nicht perfekt sind, lässt sich leichter in ihr üben, auch wenn sie nicht so gut beherrscht wird.

Außerdem sind Sprachwechsel jederzeit möglich, wenn jemand nicht mehr weiter weiß. Durch das anfängliche Feststellen der Verkehrssprachen im Kurs wissen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in welche Sprache sie wechseln können.

Mehrsprachige Methoden

(nichts muss perfekt sein)

Orange 94.0 war sehr stark an der Sammlung, Forschung und Entwicklung  mehrsprachiger Sendungsformate beteiligt. Das sind Radiosendungen, in denen zwei oder mehr Sprachen in derselben Sendung verwendet werden.

Die dezidierte Ausschreibung aller unserer Kurse in mehrsprachiger Form sollte auch der Verwendung und Verbreitung dieser Radiopraxis dienen. Im Workshop werden mehrsprachige Sendungsformen vorgestellt und können von interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Praxis geübt werden. Die Methoden sind einem mehrsprachig bestrittenen Alltag teilweise sehr ähnlich, orientieren sich also an alltäglichen Sprachgewohnheiten. Diese Ausdrucksform ist in den hiesigen Medien nahezu unbenutzt und wird auch von Menschen, die ihren Alltag multilingual bestreiten nicht verwendet, da es dafür keine Tradition gibt. Der Sprung dies zu tun wird in mehrsprachigen Kursen viel kleiner als in einsprachigen Seminaren und die Bereitschaft die Methoden und Formate auszuprobieren ist viel größer.

Dadurch, dass eine der Kursverkehrssprachen definitiv Deutsch ist, steigt unserer Erfahrung nach auch der Ehrgeiz oder die Bereitschaft der Teilnehmenden mit wenig Deutschkenntnissen, die Sprache im Medium selbst zu benützen, oder zumindest eine Mischung zu versuchen um die Mehrheitsgesellschaft auch anzusprechen. Ein Spagat, der durch multilinguale Sendungsformate leichter zu schaffen ist.

Die Reaktionen der Teilnehmenden auf die meist doch ungewohnte mehrsprachige Lernsituation sind in der Mehrzahl positiv. Ein Grund dafür ist sicher die Offenlegung des Prozesses mit all seinen Schwierigkeiten, die er mit sich bringt, von Anfang an. Im Feedback hören wir schon von mühseligen Phasen während des Kurses seitens derjenigen, die problemlos auf Deutsch kommunizieren könnten. Genauso interessant sind aber die Reaktionen auf ein geduldiges Einlassen darauf, dass im Kurs Rücksicht darauf genommen wird, dass niemand zurück bleibt.

Unserer Ansicht nach ist bereits in der Ausbildung angewandte Mehrsprachigkeit eine Art Tor zur Erweiterung der Formensprache im Medium Radio. Neben diesem Ziel war uns aber in der Entwicklungsphase besonders wichtig, dass bereits im Kurs ein Verständnis für die Schwierigkeiten in einer Sprache kommunizieren zu müssen, die ich nicht so gut spreche, entsteht.

Nur jeder dritte bis vierte Kurs ist inzwischen nicht mehrsprachig.

Unsere Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit und der Interkulturalität im Allgemeinen ist ein ständiges Versuchen und Suchen nach neuen Formen. Deswegen probieren wir im Oktober 2010 die Auswahl an mehrsprachigen Seminaren zu erweitern. Wir bieten einen Kurs in erster Linie für Menschen an, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, bei dem es möglich sein soll, vermehrt in Sprachen, in denen sich die Teilnehmenden leichter tun, zu üben und zu lernen. Deutsch wird aber als Kurssprache dennoch erhalten, um einer Verwendung des (noch) unbekannteren Idioms Mut zu machen.

Viele der hier angerissenen Ansätze und Methoden wurden im Projekt Intermedia eingebaut, dort weiter entwickelt und dann wieder in Teilen entnommen.

InterMedia Handbuch in Deutsch, Englisch und Türkisch

Die hier erwähnten mehrsprachigen Sendungsformen fanden wiederum Einzug in das Projekt InterAudio, und sind dort wieder in mehreren Sprachen zu finden.

Tags

diversität, schulung, freie radios