Editorial

3/2010 - Cultural Diversity

Editorial 3/2010

Cultural Diversity

AutorInnen: Alessandro Barberi / Susanne Krucsay

Editorial 3/2010

Editorial 3/2010 Cultural Diversity

Mit der dritten Ausgabe der MEDIENIMPULSE im Jahr 2010 ist ein Wechsel in der Redaktion verbunden. Nach ihrer langjährigen und wegweisenden Tätigkeit übergibt Susanne Krucsay mit dieser Ausgabe die Chefredaktion an Alessandro Barberi. Bevor es also mit dem neuen Chefredakteur und Cultural Diversity losgeht, freuen wir uns, noch einige Abschiedsworte der scheidenden Chefredakteurin voranstellen zu können …

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Vor zwei Jahren begann die Arbeit an der Überleitung der Print-MEDIENIMPULSE in medienimpulse online. Die Änderung betraf natürlich nicht nur die Form, sondern auch die Struktur und den Inhalt. In der 1. Nummer der medienimpulse online stellte ich mich als eine Brücke zwischen den beiden Versionen vor. Das engagierte Mitarbeiterteam hat die Brücke passiert, nun ist es für mich Zeit, die Rolle zu wechseln und als interessierte und aktive Beobachterin (keine Zwischenruferin) der Zeitschrift die weiteren unabsehbaren Entwicklungen der Medienwelt zu verfolgen.

Mit einem herzlichen Dank an die Redaktion und die Leserinnen und Leser wünsche ich meinem Nachfolger Alessandro Barberi viele interessante Beiträge, gute Ideen, einen Zuwachs an Leserinnen und Lesern und vor allem Freude an der Weiterführung der Medienimpulse. Nun hat er das Wort …

Susanne Krucsay

 

Liebe LeserInnen,

gerade angesichts derzeit erstarkender Diskussionen zu sozialer und kultureller Integration bzw. zu schichtspezifischer Selektion scheint es auf medienpädagogischer Ebene sehr wichtig zu sein, das Verhältnis von Gleichheit und Unterschied, von Eigenem und Fremdem oder von Einheit und Vielheit unter Medienbedingungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Das von Christian Berger koordinierte Schwerpunktheft Cultural Diversity durchkreuzt daher schon vom Titel weg vereinfachende Identitätszuschreibungen und akzentuiert die soziologisch-ethnologische Tatsache der Mannigfaltigkeit verschiedener Gesellschaften und Kulturen, die sich gerade durch ihre Unterschiede gleichen. Eine Tatsache, die auch im konkreten Unterrichtszusammenhang vor Augen steht: Denn auch Lernende und Lehrende können als diversifizierte Kulturen betrachtet werden, zwischen denen soziale, ökonomische und kulturelle Unterschiede eine (mediale) Rolle spielen, die es zu vermitteln gilt. Die aktuelle Ausgabe der MEDIENIMPULSE vereint durch die verschiedenen Abschnitte, Rubriken und Ressorts (Forschung/Praxis/Medien-Kunst-Kultur) hindurch daher Texte und Beiträge, die vor allem zwei Paradigmen folgen:

  1. Das Auftauchen kultureller Diversität in verschiedenen Konstellationen und Zusammenhängen der Unterrichtspraxis
  2. Die medientechnischen Voraussetzungen und Produktionsbegingungen eben dieser Praxis selbst

1.) Ursula Mulleys Beitrag zeigt vor allen anderen auf, welche Funktion ein integratives Portfolio am Computer im Unterricht von SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch übernehmen kann. Als Gemeinsames zwischen unterschiedlichen Gesellschaften und ihrer Vielfalt gelten mithin auch in der Medienpädagogik die allgemeine Sprachfähigkeit und -kompetenz jedes Menschen, die wichtiger sind, als z.B. nationalsprachliche Codierungen. Dies gilt übrigens in jedem pädagogischen Zusammenhang, worauf auch Gudrun Kerns Artikel aufmerksam macht, wenn anhand des Klagenfurter Projekts >Mediengarten< sechs Medienprinzipien im Vorschulbereich vorgestellt werden: Hersteller, Kategorien, Technologien, Sprache, Empfänger und Darstellung sind in und mit den Medien zu berücksichtigen, will man selbstverständlich scheinende Bedeutungszuschreibungen und Identitäten in der Unterrichtskultur selbst aufbrechen, um das Vielfältige erscheinen zu lassen.

Professionelles Unterrichten setzt dabei – so Sabrina Schrammel – gerade ob der Paradoxien der Moderne immer auch eine intensive Reflexion der Lehr- und Lernsituation selbst voraus. Die didaktische Weitergabe und Übertragung des Wissens ist immer schon mit einem Dilemma verbunden, das zwischen Selbst- und Fremdbestimmung pendelt und so an grundlegende Fragen der menschlichen Souveränität rührt. Auch hier geht es mithin um eine medienreflexive Pädagogik, die die Diversität und Multikulturalität des Lernens selbst anvisiert. Kristina Reich setzt sich auch deshalb von Beginn an stereotypen Klischees entgegen, die SchülerInnen mit Migrationshintergrund angeheftet werden. Differenzierung ist angesichts sozialer, ökonomischer und kultureller Ungleichheiten und Mannigfaltigkeiten eine solide Gegenstrategie. Mehrsprachigkeit und Interkulturalität müssen dabei als Gemeinsamkeit und Bereicherung erfahren werden. Denn es geht immer auch um die „innere Vielfalt“ und Diversität jeder/s Einzelnen. Fast programmatisch führt Susanne Krucsay demgemäß Mediendidaktik und Medienerziehung in der Medienbildung (de-)konstruktiv zusammen und hebt die Notwendigkeit hervor, Medien als Klammer verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und als materielle Träger von (Informations-)Werten zu begreifen.

2.) Im Sinne einer medien- und sozialwissenschaftlichen Empirie müssen die Lernprozesse selbst im Verhältnis zu verschiedenen Medien(technologien) erfasst und beschrieben werden. Aktuelle Veränderungen in den Medien verschieben auch die gesellschaftliche Praxis des Unterrichtens wie David Röthler eingehend anhand des „Webinars“ zeigt. Die traditionelle Form des schulischen Seminars hat sich „digitalisiert“ und ermöglicht es, an unterschiedlichen Orten miteinander arbeiten zu können. Sehr anwendungsbezogen werden in diesem Beitrag  auch verschiedene Web-Konferenz-Systeme wie >Adobe-Connect< oder >Dimdim< vorgestellt. Gerhard Grabner beschreibt ebenfalls in diesem Sinne die Integration des Radios in die Arbeit des Deutsch-als-Fremdsprache-Unterrichts. Mikrofon, Aufnahmegerät und Computermischpult übernehmen sehr konkrete Funktionen in der pädagogischen Tätigkeit und arbeiten an dieser gleichsam mit. Aber auch in den Klassenzimmern tauchen Smartphones auf, wenngleich dies nicht immer pädagogisch erwünscht ist. Christian Swertz berichtet indes auf empirischer Basis von einem iPhone-Projekt an der Projektschule Goldau (Schweiz), mit dem die Kommunikationsstruktur zwischen Lehrenden und Lernenden stark transformiert und das Smartphone allem Anschein nach erfolgreich in den Unterricht integriert worden ist. Auch hier geht es – im Rekurs auf Harold A. Innis und Marshall McLuhan – um einen (medial) reflektierten Einsatz neuer Medientechnologien.

Gemeinsam mit Walter Kreuz rekapituliert unser Koordinator Christian Berger die Aktivität von „literadio“, einem Projekt, das nunmehr seit 10 Jahren Gegenwartsliteratur breit zugänglich macht und kontinuierlich die Funktionsweise des Literaturbetriebs analysiert hat. In einem eigenen Artikel rekapituliert er in der Folge den mediengeschichtlichen Umstand, dass es in Österreich seit nunmehr 20 Jahren Internet gibt und damit auch gravierende informationstechnische Eingriffe in unsere Privatsphäre und unsere Körper verbunden sind (Spam, Cybermobbing, Datenklau oder Überwachung). Aber nicht erst das Internet, sondern schon das Kino kennt Beobachtungsordnungen, in denen >Big Brother< auf Sendung geht. Und so erinnert uns Thomas Ballhausen mit seiner archäologischen (Psycho-)Analyse von >Peeping Tom< (1959) an den beunruhigenden Umstand, dass mediale Ordnungen immer wieder mit paranoischer Verfolgung und (tötend/tödlicher) Beobachtung verbunden waren. Sind wir nicht alle Voyeure am Fenster zum Hof? Sind wir nicht alle Peeping Toms?

Außerdem berichtet Barbara Buchegger von einer sehr nützlichen Broschüre zu Fragen des Urheberrechts. Dem soeben erschienen Film >Rammbock< widmen sich gleich mehrere kurze Beiträge. Jennifer Berger ist u.a. für die Zusammenstellung von interessanten Veranstaltungen zu danken.

Als neuer Chefredakteur der MEDIENIMPULSE möchte ich an dieser Stelle Susanne Krucsay für ihre langjährige, kompetente und sorgsame Betreuung der Zeitschrift danken und freue mich sehr, in Zukunft auf ihrer Arbeit aufbauen zu können. Sie wird uns als Ratgeberin, als kritische Gutachterin und – wie in diesem Heft – als Autorin hoffentlich auch in Zukunft weiterhin begleiten und verbunden bleiben.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht im Namen des Redaktionsteams,

Alessandro Barberi

Tags