Praxis

3/2010 - Cultural Diversity

Schnecken auf der Autobahn

20 Jahre Internet in Österreich

AutorIn: Christian Berger

Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren. (Benjamin Franklin)

Ein Plädoyer für eine rasche Kompetenzsteigerung in Sachen Internetnutzung.

Ja, ich habe mich dran gewöhnt. Eigentlich nicht nur dran gewöhnt, sondern würde es ziemlich missen, wenn es weg wäre. Es bestimmt meinen Alltag in wesentlichem Maße. Beruflich wie privat. Wovon ich spreche: vom Internet.

Die Jubiläumsmeldungen reißen ja nicht ab – 20 Jahre Internet in Österreich. Am 10. August 1990 wurde die erste internationale Standleitung in Österreich in Betrieb genommen (die Geschichte ist u.a. in Heise online nachzulesen). Heute ist der Internetzugang fast flächendeckend vorhanden und die Nutzung im Alltag, vor allem aber im Beruf kaum mehr wegzudenken. Die Informationsbeschaffung hat sich durch "das Netz" extrem beschleunigt und vereinfacht. Die Anhäufung des Daten- bzw. Info-Mülls stieg ebenso. Die Eingriffe in unsere Privatsphäre von unerwünschter Seite mehren sich durch Spammails, durch Cybermobbing, durch Überwachung, durch Datenklau und kapern der virtuellen Identitäten – um nur ein paar Punkte zu nennen.

Hätte unser Gehirn nicht erlernt, all die akustischen Inputs, die ins Ohr dringen, laufend zu filtern und nur die für uns selbst relevanten akustischen Infos durchzulassen – wir wären längst schon wahnsinnig geworden. Nun treibt uns all der Spam und Datenmüll im Netz manchmal auch zum Wahnsinn, dennoch wird es wohl noch einige Zeit dauern bis wir die reflektierte Nutzung der kontinuierlichen Informationswelle automatisiert und internalisiert haben. Eine reflektierte Nutzung des Mediums ist unumgänglich. Dies zu erlernen liegt auf der Hand, aber dies erfordert ebenso kompetente wie reflektierte LehrerInnen, die Lernprozesse dem Medium und den Jugendlichen entsprechend designen können. Diese Lernprozesse sind im Alltag des institutionellen Lehrbetriebs noch lange nicht ausreichend anzutreffen. Da, wo das Internet im Schulalltag zumindest eine definierte Rolle spielt, in Notebook-Klassen, in Schwerpunktschulen, schon da lassen sich eine Menge "Zäune" bereits bei den Rahmenbedingungen feststellen. In der "normalen" Durchschnittsschule potenziert sich dieser Mangel. Entsprechende Fortbildungsangebote, egal ob Online oder in Präsenzform, erreichen nur einen Bruchteil der LehrerInnen.

 

Die Behauptung, dass sich dabei die „Jungen“ fallweise auch als „digital natives“ bezeichnet, leichter tun, da sie mit dem Medium aufgewachsen sind, ist in der Theorie umstritten (vgl. u.a. Rolf Schulmeister1, Schiefner/Ebner). Auch meine individuelle Erfahrung weist darauf hin, dass eher das individuelle Mediennutzungsverhalten und das grundlegende pädagogische Selbstverständnis als das Alter für eine reflektierte Umgangsweise ausschlaggebend sind (siehe dazu auch N.Dörings Medienökonomisches Rahmenmodell).

 

Was also tun mit dem „Netz“? Wie umgehen? 24 Stunden online, immer verfügbar sein, auf mehreren Kanälen gleichzeitig kommunizieren, denken? Gleichzeitig Musik hören, Surfen, Lernen und Aufgaben machen? Oftmals ist dies SchülerInnenalltag, für Erwachsene unvorstellbar – eine Horrorvision. Klar, wir könnten den Stecker ziehen, den "Rechner" einfach nicht einschalten, die Mails nicht abrufen, die Online-Zeiten einschränken. Das ist zwar privat ein probates Mittel, im beruflichen Alltag aber außer zu Experimentierzwecken kaum machbar. Terminkoordinationen über Online Kalender, Projektplanungen – auch international – in gemeinsam bearbeitbaren Online Dokumenten, Besprechungen und Vorträge in virtuellen Konferenzräumen, Informationsverteilung über Newsletter, Diskussionen in Foren, ergänzende synchron (zeitgleiche) oder asynchron (zeitunabhängig) nutzbare Lernumgebungen sind nur einige Splitter aus dem beruflichen "Netzalltag". Die Kommunikation ist ortsunabhängig (wo immer ein Internetzugang besteht) und auch unabhängig von Bürozeiten oder Stundenplänen möglich. Das dynamisiert, unterstützt und beschleunigt die Arbeitsprozesse und erfordert neue Kompetenzen in schriftlicher, verbaler, multimedialer Kommunikation. Eine Mail ist kein Brief, eine Online Konferenz kein Telefonat. Alte, eingeübte Umgangsformen sind da oftmals keine Hilfe. Neue, brauchbarere Umgangsformen zu erlernen bedarf der Zeitinvestition und dem Eigeninteresse. Online Tutoring benötigt andere Kenntnisse und Fertigkeiten, ein anderes Kommunikationsbewusstsein als der Unterricht in der Klasse.

 

Die LehrerInnen/SchülerInnen ins „Netz“ zwingen geht nicht und die Vorteile einer virtuellen Lernumgebung zu erleben benötigt ein Mindestmaß an Übung und eigenem Tun. Schritt eins ist zumeist die Übertragung der aus der Realwelt gewohnten Formen ins Medium Internet. Lernplattformen werden da zu Materialsammlungen, das Internet zumeist nur am Kanal der Informationsbeschaffung genutzt. Das ist keine Frage des Alters, sondern der persönlichen Einstellungen. Ich erlebe die Verweigerung aus Inkompetenz bei jungen StudentInnen und die spannenden Online-Projekte und internationale Vernetzung bei LehrerInnen kurz vor der Pensionierung. Letztere strahlen durchaus auf das Nutzungsverhalten ihrer KollegInnen (egal welchen Alters) aus. Um wieviel spannender und lehrreicher kann der Chat mit einem Native Speaker aus Neuseeland sein als das Lesen und Übersetzen der (Lehr-)Buchseiten?

 

Heute gibt’s im Bildungsbereich keinen Digital Divide mehr, sondern einen Competence Divide. Apples Erfolge mit iPhone / iPad – oder wie diese Dinger heißen – leiten sich vermutlich vor allem auf einen Faktor zurück: Apple zerlegt den chaotischen und weiten Raum des Internets in einen Schrebergarten der kleinen Vierecke. Microsoft spielt auch noch ein wenig mit (hängt ja aktienmäßig sowieso mit Apple zusammen) – vor allem durch die Verbreitung des Betriebssystems an Schulen wird die Nutzung bestimmter Software eingeübt und internalisiert. „Wenn das MS Chatprogramm nicht geht, dann mag ich das Betriebssystem nicht“, meinte meine Tochter als ich den (ihren) Rechner auf Ubuntu (Linux) umstellte. „Es gibt da keine Viren!“ oder „Da kannst du kostenfrei und legal jede Menge Software benützen!“ reichten als Argumente schon im persönlichen Umfeld nicht aus. „In der Schule brauchen wir aber das …“, kam als Gegenargument. So zahle ich eben – trotz besserem Wissen – für in meinen Augen schlechtere Software Geld.

 

Das alles erleichtert die Bedienung, schaut gewohnt nett und geordnet aus und unterstützt all jene, die kein Interesse an Hintergründen, Umwegen und Seitenwegen haben. Sie wollen die ausgetrampelten, betonierten Autobahnen des Wissens und der Unterhaltung, dafür zahlen sie auch noch gerne ein wenig und erkennen den Gartenzaun vor lauter Gartenzwergen nicht mehr. Eindringlinge von außerhalb des Schrebergartens werden entweder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt oder gleich technisch ausgesperrt. Erinnert irgendwie an die gute alte Bewahrpädagogik, oder? Wir bleiben in einer linear aufgebauten und begrenzten Informationswelt. Einfach, hübsch und „in“. Was will Mensch mehr?

 

„Im Internet ist ja ohnehin alles gratis!“ – nun ja, es gibt vieles, das nichts kostet, aber mit Daten zur Person und Nutzungsverhalten bezahlt wird. Die Sammlerkrake „Google“ lebt gut von unseren Surfdaten u.a. durch Errechnen von daraus abzulesenden Trends und personalisierter Werbung bei gleichzeitigem Ausbau der marktbeherrschenden Rolle. Googles Speicherkapazitäten überragen mehrfach jene von mittleren Staaten.  Schon mal was von anderen, ebenfalls tauglichen Suchmaschinen gehört? Auf der einen Seite frisst Google alle relevanten Datenströme und Inhalte (wie z.B. googlebooks) manchmal auch auf sehr rüde Art, auf der anderen Seite beteiligen sie sich immer öfter an Open Source Projekten (wie z.B. dem Android Betriebssystem für Mobiltelefone), wodurch die Welt des Internets kein Schrebergarten wird, sondern der offene Dschungel bleibt. Schon mal „ixquick“ probiert? Diese Suchmaschine speichert keine persönlichen Daten und ermöglicht sogar via Proxy ein völlig anonymes Surfen im Netz. Nach dem dahinterliegenden Geschäftsmodell suche ich noch...Google hat auch so begonnen.

 

Die Welt ist, zumindest in meinen Augen, glücklicherweise nicht linear und monodirektional, sondern komplex und vernetzt. Sie ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt. So verwende auch ich gerne mal die Autobahnen des Internets, freue mich, wenn ich gut vorbereitete Wege gehen kann. Dennoch: Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Ich freue mich darüber, welche Möglichkeiten an Kommunikation in den 20 Jahren seit dem ersten Breitbandkabel in Österreich entstanden sind. Aber ich bedaure, dass Internetkompetenz noch immer kein Anstellungskriterium für LehrerInnen – egal ob Grundschule, Mittelstufe, Höhere Schule oder Hochschule – ist. Ein EDV-Unterrichtsfach, einzelne Seminare in der LehrerInnenaus- und fortbildung zum Erlernen der Bedienungskompetenz? Das reicht nicht, um dem integrativen, über die Fachgrenzen hinweg nutzbarem Medium "Internet" in all seiner Breite gerecht zu werden. Die derzeitigen Antworten des institutionellen Bildungsbereiches sind leider kein kenntnisverbessender Umweg, sondern ein Schneckentempo auf der Autobahn. Die Konzepte für ein Leistungs-Tuning auf geländegängige Rennschnecke für Schrebergärten finden schon Eingang in den Schulalltag. Wann beginnen wir mit der Einbeziehung der Welt hinter dem Gartenzaun?

 

 

 

1R. Schulmeister: Gibt es eine Net Generation? Widerlegung einer Mystifizierung. In: S. Seehusen, U. Lucke, S. Fischer (Hrsg.): DeLFI 2008: Die 6. e-Learning Fachtagung Informatik der Gesellschaft für Informatik e.V. 07.–10. September 2008, Lübeck. Lecture Notes in Informatics (LNI), Vol. P-132. Gesellschaft für Informatik Bonn 2008, S. 15–28.

Tags

internet, open source, medienlandschaft