Praxis

3/2010 - Cultural Diversity

E-Portfolio-Literaturwerkstatt Online

für Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch

AutorIn: Ursula Mulley

Die Bedeutung des Computers im Unterricht und der Einsatz in einem individuellen, differenzierten Unterricht gerade im Volksschulbereich ist ein sehr wichtiger Bereich der Medienpädagogik. Vor allem für SchülerInnen mit anderen Erstsprachen ist dieses Medium eine große Chance, Literatur kennenzulernen. Die individuelle  Begegnung mit mehrsprachiger Literatur ermöglicht den Zugang zu Werken in der Muttersprache und fördert damit  sinnerfassendes Lesen auch in Deutsch.

Das Ziel des für den IMST-Fond der Universität Klagenfurt durchgeführten Projekts ist es, ein elektronisches Portfolio im Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht als individuelle, auf die Bedürfnisse einzelner SchülerInnen zugeschnittene Literaturwerkstatt einzusetzen.

 

Abstract

Der Einsatz des Computers im Unterricht gewinnt gegenwärtig immer mehr an Bedeutung. Das Projekt "E-Portfolio-Literaturwerkstatt Online" möchte einen Beitrag leisten, diese Wichtigkeit zu unterstreichen, indem es einen Bereich aufzeigt, wo Computereinsatz effizient individuelle und differenzierte Möglichkeiten für SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch bietet, um in den Unterricht, besonders in der Leistungsdokumentation, integriert zu werden.


Der Einsatz von E-Portfolios im Unterricht gewinnt im Kontext des selbstbestimmten und kompetenzbasierten Lernens auch im Hinblick auf das Erreichen der Lissabon Ziele zunehmend an Bedeutung (Bratengeyer, 2007).

Der Mehrwert, den Portfolios durch die Dokumentation, Reflexion und Präsentation von Inhalten als Lernwerkzeug bieten, ist schon länger erwiesen (E-Portfolio Initiative Austria, 2006), erst durch die digitale Form des Portfolios scheint jedoch der Durchbruch zu gelingen.

Gerade im Volksschulbereich ist die didaktische und pädagogische Forschung zum Einsatz des Computers und insbesonders zum Instrument des E-Portfolios defizitär. Grundschulpädagogik steht im starken Gegensatz zur inzwischen erreichten häuslichen Bedeutung des längst nicht mehr neuen elektronischen Medieneinsatzes, denn Volksschulpädagogen und -pädagoginnen sind nach Mitzlaff und Wiederhold „der Schlüssel zu einem vernünftigen Computereinsatz“ (Mitzlaff & Wiederhold, 1990, zit. nach Mitzlaff, 2007, S. 115) und Volksschule die Basis von weiterführenden und aufbauenden Bildungseinrichtungen.

Das theoretische Fundament des vorliegenden Projekts besteht aus Fakten aktueller Leseforschung bezugnehmend auf den Problemkreis von SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch, dem Aufzeigen eines möglichen Mehrwerts des Computers und der Frage, wie Unterricht gestaltet sein muss, um Kindern mit Lernschwächen individuell und im Sinne einer Binnendifferenzierung Hilfe mittels elektronischen Portfolios im Leseunterricht geben zu können.

Aktuell gibt es, wie die Website www.buch-mehrsprachig.at zeigt, viele Kinderbücher , die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Auch Zeitschriften sind in mehrsprachigen Versionen am Markt zu finden.

„Wer in der Sprache zu Hause ist, ist in der Welt zu Hause“ (Koch, 2000, S. 68)

Die Muttersprache ist nach Rudolph (2008) in den meisten Fällen die Sprache, die wir mit allen bedeutsamen Dingen des Lebens verbinden. Unsere Herkunft, Familie, Lebensumwelt, Kultur, Werte etc. unsere gesamte Existenz werden von dieser ersten Sprache geprägt. Hier wird das Orientieren in der Umwelt durch Benennen von Sachen und Äußern von Gefühlen möglich. Erst durch das „Daheimsein“ in der Muttersprache, wie im oben genannten Zitat dargestellt, kann die eigene Identität als positiv erlebt werden. Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch wechseln ununterbrochen die Sprache und sind dazu gezwungen, sich in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Traditionen und einem unterschiedlichen Werteverständnis zurechtzufinden. Dass hierdurch oftmals Identitätsprobleme und schulische Schwierigkeiten die Folge sind, erscheint logisch.

Die Pisa-Studie im Jahr 2000 zeigt eklatante Probleme und lässt erkennen, dass Ergebnisse der Forschung von Kindern mit Migrationshintergrund kaum Berücksichtigung finden. Negative Ergebnisse werden auf Kindergärten und Eltern, die anpassungsunwillig sind, geschoben.

Wichtig ist hier, wissenschaftliche Ergebnisse der Sprachforschung im Schulalltag methodisch und didaktisch umzusetzen, damit Sprachförderung von Kindern mit anderen Erstsprachen als Deutsch stattfinden kann und damit sich Kinder schlussendlich auch in der Zweitsprache nicht nur irgendwie zurechtfinden, sondern sich auch hier zu Hause fühlen können. Erwiesen ist, dass SchülerInnen, die ihre Muttersprache beherrschen, auch gute Sprachkompetenz in der Zweitsprache Deutsch entwickeln können.

In Österreich besuchen nach Breit und Schreiner (2006) 13 Prozent Migranten und Migrantinnen die Schule und stellen damit einen relativ hohen Anteil an der Gesamtheit der SchülerInnen dar. Eltern von diesen SchülerInnen zeigen niedriges Bildungsniveau und geringen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Status. Durch diese beeinträchtigenden Faktoren ist auch der Anteil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund, die zumindest einmal in der Volksschule repetieren mussten, mit 25 Prozent, im Vergleich zu einheimischen SchülerInnen mit vier Prozent, sehr hoch.

Als Erstsprache, Muttersprache, Herkunftssprache, Familiensprache wird nach Rudolph (2008) jene Sprache bezeichnet, die in der Familie am öftesten verwendet wird. Dies kann auch eine Kombination aus zwei oder mehreren Sprachen sein. In diesem Bericht werden diese Begriffe synonym gebraucht.

Deutsch bedeutet für Kinder mit Migrationshintergrund ihre Zweitsprache. Sie sollte, da SchülerInnen mit ihren Familien in Österreich leben, also hier ihre Existenz aufgebaut haben, so gut gekonnt werden, dass eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Der Erstsprachenerwerb und eine positive sprachliche Entwicklung in der Muttersprache sind enorm wichtig für den Zweitsprachenerwerb, denn hier wird auf bereits erworbene Strukturen aufgebaut. Erwiesen ist, dass ein sehr gutes Beherrschen der Erstsprache ein besseres Erlernen der Zweitsprache ermöglicht. Oft wird die Zweitsprache erst mit Beginn der Kindergartenzeit gelernt, bereits hier wäre Sprachförderung, die wissenschaftliche Ergebnisse berücksichtigt, also die Muttersprache beinhaltet, bedeutsam.

Im Regelunterricht der Volksschule ist dann differenziertes, auf den Lernstand der SchülerInnen angepasstes, Lehren wichtig, damit auf spezifische Schwierigkeiten von Deutsch-als-Zweitsprache-Kindern (im Folgenden als DAZ-Kinder bezeichnet) eingegangen werden kann. Einbeziehung der Erstsprachen ins Unterrichtsgeschehen und vermehrtes Hinweisen auf Strukturen der deutschen Sprache sind hier einzusetzen. Besonders ist auf den bedeutsamen Stellenwert des mündlichen Sprachgebrauchs hinzuweisen. Wichtig wäre hier ein Ineinandergreifen, eine Abstimmung von Klassen- und Förderunterricht.

Auch für österreichische Kinder ist das Bewusstwerden von Differenzen und Gemeinsamkeiten der Sprachen von großer Bedeutung. Nur so kann Lernen voneinander und miteinander passieren. Dadurch kann das Ziel, Toleranz gegenüber anderen Sprachen und damit einhergehend anderer Menschen, sowohl einheimischer, als auch von DAZ- Kindern erreicht werden.

Ein Grundsatz für positives „Interkulturelles Lernen“ ist die Einstellung von Pädagogen und Pädagoginnen dem multikulturellen Leben gegenüber. Erst wenn es gelingt, dass wir anderen Kulturen den gleichen Status zuerkennen und kosmopolitisch denken, können wir Migranten und Migrantinnen vorurteilsfrei und erforschend gegenübertreten. Eingliederung der Erstsprachen in den Unterricht stellt einen weiteren Grundsatz von interkulturellem Lernen dar, denn durch Einbeziehen der Muttersprache wird zweifelsfrei das Erlernen der deutschen Sprache gefördert.

Sprachstrukturen und Sprachwissen in der Erstsprache lassen das Verstehen von Systematik und Strukturen der Zweitsprache erst zu, wodurch hohe Sprachkompetenz erworben werden kann. Besonders wichtig ist die Tatsache, dass gerade bei SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch die Kenntnis um Sprachentwicklungsprozesse eine große Rolle spielt. Das Wissen um den Sprachstand, Phasen des Spracherwerbs, Methoden des Sprache-Erlernens bei diesen Kindern und Interkulturelle Pädagogik im Allgemeinen haben hier große Bedeutung.

Förderunterricht für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache findet in Österreichs Schulen jedoch leider oftmals ohne Berücksichtigung der Erstsprachen statt. So kommt es zu einem sehr abrupten Abbruch der muttersprachlichen Entwicklung. Dadurch wird der positive Spracherwerb von Deutsch als Zweitsprache erschwert.

Ergebnisse der PISA-Studie zeigen bei Migranten und Migrantinnen im Lesen die größten Schwierigkeiten auf. Da gerade Lese- und Textkompetenz für den Wissensgewinn unserer gegenwärtigen Wissensgesellschaft unabdingbar sind, zeigen diese Ergebnisse großen Handlungsbedarf auf, um allen SchülerInnen, besonders jenen mit Migrationshintergrund eine erfolgreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Da das Einbinden der Erstsprachen besonders im Unterricht für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache wichtig ist, möchte dieses Projekt zwei wesentliche Aspekte eines fortschrittlichen Unterrichts miteinander verknüpfen. Zum einen Leseförderung, zum anderen die Einbindung des zeitgemäßen Werkzeugs E-Portfolio.

Eine zentrale Rolle des E-Portfolios im Volksschulbereich ist das aktive Mitarbeiten der SchülerInnen am eigenen Bildungsprozess durch Beschreiben, Reflektieren, Werten und Präsentieren der eigenen Arbeiten. SchülerInnen erwerben die Fähigkeit, Verantwortung über ihr Lernen zu übernehmen und können selbstbewusst und selbstbestimmt ihren Bildungsweg in Teilbereichen beobachten.

Der Begriff Portfolio kommt aus dem Lateinischen „portare=tragen“ und „folium=Blatt“ und wird nach Wessel (2007) hauptsächlich in der Kunst als Sammelmappe für besondere Arbeiten verwendet. Verschiedene Termini wie Lerntagebuch, Lernbegleiter, Leistungsmappe, Biographie des Lernens oder Schaufenster des eigenen Lernens in der Literatur meinen nach Kolb (2006) alle das Gleiche: Schülerarbeiten werden gesammelt, eigenes Lernen wird reflektiert und schlussendlich werden Ergebnisse und Prozesse dokumentiert. Wird dieser Portfolioprozess elektronisch vollzogen, wird von einem E-Portfolio gesprochen.

Im Mittelpunkt des Interesses steht zweifelsohne das Nachdenken über selbstständige Lernprozesse. Die Anregung der Reflexion über das eigene Ich ist zentraler Aspekt von E-Portfolioarbeit. Durch den Abstand, den SchülerInnen zum eigenen Lernprozess gewinnen, gelingt produktives Reflektieren der gesammelten Arbeitsergebnisse und Auswählen geeigneter Arbeiten zur Präsentation der Leistung.

Das Ziel von E-Portfolios ist das Erreichen einer Kompetenz des Reflektierens eigener Leistungsergebnisse und Verantwortungskompetenz für den eigenen Lernprozess. Durch E-Portfolioarbeit wird ein Wechsel hin zu konstruktivistischem Lernen vollzogen, bei dem sich SchülerInnen eigenverantwortlich und selbsttätig Wissen aneignen und anwenden.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. E-Portfolios können sowohl als Leistungsfeststellungs- und –beurteilungswerkzeug als auch als innovative Lehr- und Lernprozess-Steuerungsinstrumente im Unterricht zum Einsatz kommen.

Von großer Bedeutung in unserer heutigen Wissensgesellschaft ist es nach Baumgartner (2005), SchülerInnen zu befähigen, selbstgesteuert und weitgehend in Eigenverantwortung Prozesse ihres Lernens zu tätigen, zu beobachten und zu reflektieren. Dazu brauchen sie Fähigkeiten, um „Lernen zu lernen“.

Im gegenwärtigen Unterricht der Schulen wird immer noch weitgehend nur das Leistungsergebnis (Schularbeiten, Tests, Hausübungen und Prüfungen) bewertet und nicht der Weg zum Ziel, d. h. die Beobachtung und Reflexion des Prozesses, der Lernende zum Ergebnis führt. Deshalb ist es ein Anliegen einer erstrebenswerten Lehrkultur SchülerInnen Mittel und Wege bereitzustellen und ihnen den Lernprozess zu lehren, denn noch wichtiger als das Ergebnis selbst ist der Weg dorthin.

E-Portfolios zeigen Lehrenden und LernerInnen nicht nur Fortschritte des Wissenserwerbs auf, sondern präsentieren den Prozess, wie Wissen umgesetzt und schlussendlich angewendet wird. Pädagogisch-didaktisch bedeutsam für elektronische Sammelmappen ist die eigenständige Auswahl von Inhalten, die sowohl für die Verdeutlichung des Prozesses selbst als auch für die Leistungsergebnisdarstellung wichtig ist. So werden SchülerInnen in einem weitgehend autonomen Lernprozess angeregt auf einer Meta-Ebene ihr Lernen zu begleiten.

Nach Winter (2006) geht es zunächst einmal nicht darum, möglichst früh in der Entwicklung des Kindes und um jeden Preis mit der Arbeit an und in E-Portfolios zu beginnen, sondern die Form zu wählen, die dem Entwicklungsstand des Schülers, der Schülerin entspricht. E-Portfolios sind auch oder gerade in der Volksschulpädagogik dafür geeignet, von veralteten, wenig aussagekräftiger Ziffern- oder Sternchen-Leistungsbewertung weg, zu einer der neuen Lernkultur angepassten, inhaltlichen und sachlichen Kommunikation über Lernen und Leistung hin, zu treten.

Der Entwicklungsprozess wird in E-Portfolios veranschaulicht und Ergebnisse des Lernens werden dokumentiert. Zwischen allen am Prozess beteiligten Personen, damit werden auch die Eltern miteinbezogen, kommt Kommunikation über Leistung, Entwicklungsstand und Erfolge in Gang.

Nach Hilzensauer (2006) bietet das E-Portfolio folgende Vorteile:

  • durch den Einsatz von multimedialen Ausdrucksformen (wie Text, Ton, Bilder, Videos) werden alle Sinne angesprochen
  • durch das Speichern von Inhalten werden Arbeiten gesichert und können kopiert werden
  • durch Verknüpfen mit Hyperlinks
  • durch ort- und zeitunabhängige Feedbackmöglichkeit mit LehrerInnen und Eltern
  • durch Lernen von verantwortungsbewusstem Umgang mit Informationen im Internet sowie Copy-Right-Bestimmungen

Das vorliegende Projekt geht der Frage nach wie und in welcher Form der Einsatz eines elektronischen Portfolios mit mehrsprachiger Literatur in der Volksschule im DAZ-Unterricht zielführend und sinnvoll ist.

Zunächst wurde am Schulanfang mit ELFE, einem standardisierten Verfahren zur Überprüfung der Lesekompetenz, von Lenhard und Schneider entwickelt, ein Pretest durchgeführt. Am 14. 10. 2009 wurden insgesamt 15 Kinder aus zwei zweiten Klassen und einer dritten Klasse getestet. Die Grundgesamtheit wurde mit 15 SchülerInnen aus den beiden zweiten Klassen und einer dritten Klasse definiert und setzte sich aus acht Mädchen und sieben Buben zusammen. Davon kam ein Kind aus Kroatien, fünf SchülerInnen aus Serbien und mehr als die Hälfte aus der Türkei.

ELFE ist ein normierter Leseverständnistest, konzipiert für die 1.-6. Klasse, und steht neben einer Papierversion auch als Computertest zur Verfügung. Der Vorteil der Computerversion liegt darin, dass er auch von testdiagnostischen Laien eingesetzt werden kann. Der Test umfasst folgende Ebenen des Leseverständnisses:

  • Wortverständnis
  • Lesegeschwindigkeit
  • Satzverständnis
  • Textverständnis

Als geeignete Literatur wurde die Zeitschrift „TRIO“ für das Leiseleseverfahren gewählt, wenn Kinder z.B. Arbeiten beendet hatten und/oder genügend Zeit zur Verfügung hatten, durften sie gemeinsam oder in Gruppen ausgewählte Beiträge lesen. „TRIO“ ist eine Zeitschrift mit Texten und Übungen für die Volksschule auf Deutsch, Bosnisch/Serbisch/Kroatisch und Türkisch unter dem Motto: „Drei Sprachen eine Schule“. In jedem Heft wird außerdem ein Text in einer anderen Erstsprache angeboten, da sich in den letzten Jahren die Palette der Muttersprachen erheblich erweitert hat. Dieses mehrsprachige Magazin wird vom BMUKK, dem BMI und dem Stadtschulrat finanziert.

Für die Projektarbeit selbst wurde „Die Fledermaus, die keine war“ (Engin Korelli) ausgewählt. Dieses Werk war eines der beiden Bücher, das zu Projektbeginn das Kriterium erfüllte, in alle Sprachen der Projektkinder (kroatisch, serbisch und türkisch) übersetzt und für die Altersgruppe geeignet zu sein. Das Buch bietet die Möglichkeit, den Text sowohl in Deutsch als auch in der Muttersprache zu lesen, dabei befinden sich die Absätze jeweils untereinander.

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Begleitlehrerin mit halber Lehrverpflichtung betreute ich an drei Tagen pro Woche jeweils je fünf Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch aus beiden zweiten Klassen und einer dritten Klasse in drei Deutschstunden. Die Projektstunde fand einmal wöchentlich statt.

Jäger-Gutjahr (2006) empfiehlt zum Einstieg in die Portfolioarbeit das Anlegen von Projektportfolios in kleinen Schritten. Blogpostingeinträge müssen erlernt, grundlegende Fertigkeiten im Arbeiten mit Textverarbeitungsprogrammen erarbeitet werden. Anfangs ist es sicherlich notwendig, bei der Auswahl der Arbeiten nach spezifischen Kriterien zu helfen und Begründungen zu thematisieren. Je länger sich SchülerInnen mit Portfolioarbeit beschäftigen, desto selbstständiger werden sie in ihrer Arbeit und eignen sich Fähigkeiten an, um zielbringend mit diesem Instrument zurecht zu kommen.

„Mahara“ als E-Portfolio-Management-Software wurde in der FNM-Austria-Vorstudie „E- Portfolios an der Hochschule“ von Salzburg Research, EDUMEDIA als Software- Produkt für den Einsatz bei projektorientierter Portfolioarbeit empfohlen, deshalb wurde dieses Tool für das vorliegende Projekt gewählt. Das E-Portfolio-Werkzeug wurde von einem Universitätenverbund in Neuseeland im Sommer 2006 als Open Source Projekt ins Leben gerufen und stellt nach Buzinkay (2010) eine lernerInnenzentrierte E-Portfolio-Lösung mit Community-Konzept dar, welche gleichermaßen als Personal Learning Environment und Social Networking Tool dient. Das bedeutet, dass die zur Verfügung gestellten Ansichten zunächst den SchülerInnen bei der Begleitung des eigenen Lernprozesses und der eigenen Lernentwicklung helfen. Der Begriff „Mahara“ kommt aus der Maori-Spache und heißt „Denken“. Daneben bieten diese Tools aber auch die Möglichkeit, anderen NutzerInnen Zugriff zu erlauben und sich so einem gewissen selbst gewählten Personenkreis zu präsentieren.

Am Anfang des Schuljahres wurde ein persönliches E-Portfolio (mit Name, Alter, Aussehen, Wohnort, Sprachen etc. der SchülerInnen) erstellt und ins „Mahara“ geladen.

[Abbildung 1: E-Portfolio-Ansicht: Vorstellung]

Jedes Kind hatte einen eigenen Computer zur Verfügung, allerdings ohne Internetanschluss, deshalb gingen wir zum Hochladen in das Lehrerzimmer, wo zwei Computer zur Verfügung stehen. Nach der Lesung und dem Laut- und Leiselese-Verfahren in türkischer, kroatischer und serbischer Sprache des Kinderbuchs „Die Fledermaus, die keine war“ gab es vorbereitete Arbeitsblätter in einem Fledermausordner auf jedem Computer. Die SchülerInnen durften diese in beliebiger Reihenfolge und nach Interesse bearbeiten und am Ende jeden Monats die besten auswählen und ins E-Portfolio laden. Auch Bastelarbeiten wie ein Lesezeichen und Bild-Satz-Zuordnungen wurden erstellt, fotografiert, ein Video gedreht etc. Arbeiten setzten sich aus in anderen Programmen erstellten schriftlichen  Dokumenten (z.B. Word), Darstellungen (z.B. Paint), Fotos (z.B. Photo Draw), Videos (z.B. Windows Mediaplayer) und Quizzes (z.B. Hot Potatoes) zusammen.

Durch die Dokumentation der eigenen Fortschritte wird die Einschätzung der eigenen Person und die Fähigkeit in der Beurteilung der eigenen Stärken und Schwächen geschult. Eltern und LehrerInnen verfolgten interessiert die Ansichten der Kinder und durch die integrierte Feedbackfunktion war es möglich, auch während des Projekts Leistungen zu würdigen, zu motivieren und gegebenenfalls auch anzuspornen. Blogs, Fotos, Arbeitsblätter und weiterführende Informationen, das Projekt und die beteiligten SchülerInnen betreffend, können unter der „Mahara“-Ansicht http://www.mahara.at/view/view.php?id=7129 eingesehen werden. Dort ist auch eine Beispielansicht eines Kindes zu finden.

Die erstellten E-Portfolios dokumentieren den eigenen Lernweg, Bemühungen, Fortschritte, Stärken, Schwächen und erzielte Ergebnisse. Die Ansichten im E-Portfolio enthalten im Unterschied zu Projektmappen nur ausgewählte Arbeiten, Fragebögen zur Reflexion von Lernabschnitten, Feedback anderer Personen und Tagebucheinträge, sogenannte Blogpostings. Dadurch wird aktives Lernen möglich und bereitet den Weg, zum in der Zukunft immer wichtiger werdenden lebenslangen Lernen, da durch die Steigerung der Qualität des individuellen Lernprozesses auch Lernkompetenz  als Eigenschaft erworben wird, die unabdingbar nötig ist, um Lernen als positiv besetzt zu erleben.

Der Posttest „ELFE“ mit der Einstellung „Schuljahresende 2. Klasse“ wurde am 1. und 2. 6. 2010 durchgeführt. Es wurden 14 SchülerInnen getestet, da ein Schüler im  zweiten Semester nicht mehr an der Schule war.

Beim Teilbereich Wortverständnis wird am Vergleich des Mittelwerts deutlich, dass sich die Leistung der SchülerInnen beim Posttest verbesserte. Auch der Mittelwertvergleicht der Ergebnisse aus dem Satzverständnistest zeigt eine Verbesserung an.

Beim Textverständnis erreichte kein einziges Kind beim Pretest ein Ergebnis über 50 Prozent. Beim Posttest gelingt dann zwei Kindern das Überschreiten der 50 Prozent-Marke. Der Mittelwertvergleich zeigt auch hier eine deutliche Verbesserung an. Rechnet man nun die erreichten Punkte aus allen Testteilbereichen zusammen, erreicht ein Kind am Schulanfang 50 Prozent, beim Posttest sind es drei SchülerInnen. Es können sich beim Gesamtergebnis 13 SchülerInnen verbessern, ein einziges Kind erreicht um einen Punkt weniger. Der Mittelwertvergleich des Gesamtergebnisses ergibt eine deutliche Leistungssteigerung am Schuljahresende. In nachfolgender Abbildung ist die Leistungssteigerung der Schülerin mit dem besten Ergebnis zu sehen.

[Abbildung 2: Gesamtergebnis der SchülerIn mit den besten Werten]

Hier kann man gut erkennen, dass sich das Kind von einem Ergebnis weit unter der Hälfte auf mehr als drei Viertel der zu erreichenden Punkteanzahl gesteigert hat. Da beim Pre-und Posttest keine Vergleichsgruppe getestet wurde, sind die positiven Ergebnisse nicht ausschließlich auf die Durchführung des E-Portfolio-Projektes zurückzuführen. Da jedoch auch in den anderen beiden Deutschförderstunden pro Woche die ProjektschülerInnen den DAZ-Unterricht besuchen, erstens die Muttersprache, zweitens der Computer in den Unterricht miteinbezogen wird, ist es m.E. egal, welcher Einzelintervention der Erfolg zuzuschreiben ist, Hauptsache ist, dass sich das Leseverständnis bei fast allen Kindern verbessert hat. Vor allem beim sinnerfassenden Lesen haben sich einige Kinder sehr stark verbessert. Dies spricht eine klare Sprache für die Einbeziehung der Erstsprachen in den Deutschförderunterricht und wie die Ergebnisse der empirischen Studie (Mulley, 2009) des IMST-Projekts „Schriftspracherwerb am Computer-Chance für Kinder mit Legasthenie“ des Vorjahres zeigen, für den Einsatz des Computers.

Gerade für Kinder mit speziellen Lerndefiziten, in meinem Bereich Migrantenkinder und Kinder mit Teilleistungsschwächen, kann das E-Portfolio in allen Bereichen als wertvolle Unterstützung in Lehr- und Lernprozessen dienen. Zum einen ist es gerade für diese Kinder von ganz zentraler Bedeutung ihr Selbstbewusstsein zu steigern, um ohne Druck lernen zu können. Äußerst wichtig ist auch die Darstellung der Lernfortschritte, dabei dient das E-Portfolio als Dokumentations- und Reflexionshilfe. Damit kann jedes einzelne Kind genau in dem Bereich gezielt gefördert werden, wo es Defizite aufweist.

Für die Kinder bietet das Dokumentieren und Präsentieren ihrer eigenen Arbeiten die Möglichkeit, immer etwas Positives mit Lernen zu verbinden. Sie erlernen so früh über ihre Arbeiten nachzudenken und sie auch einschätzen und bewerten zu können. Stärken und Begabungen können erkannt und ausgebaut werden und Schwächen können durch motivierendes Feedback ausgebessert werden. Durch die Arbeit am E-Portfolio lernen SchülerInnen auch in Kommunikation über andere Arbeiten mit ihren MitschülerInnen zu treten und erlernen hierbei die eigene Meinung zu äußern. Jedes einzelne Kind hat so die Chance, seine besonderen Begabungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen und individuelle Bildungswege zu beschreiten.

Auch für österreichische Kinder ist nach Rudolph (2008) das Bewusstwerden von Differenzen und Gemeinsamkeiten der Sprachen von großer Bedeutung. Nur so ist Lernen voneinander und miteinander möglich und Integration kann gelebt und erlebt werden. Interkulturelles Leben und Lernen im Schulalltag heißt die Multikulturalität als positiv herauszustreichen. Die Bereicherung durch differenzierte Kulturen muss für alle ersichtlich sein, damit sich ein gelebtes Miteinander einstellen kann.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es für die Förderung der Zweitsprache bedeutsam ist, die Erstsprache und deren Förderung miteinzubeziehen. Optimal wäre hier ein(e) zweisprachige(r) Pädagogin/ Pädagoge, die/der die gleiche Muttersprache wie die Kinder spricht. Das dies im Schulalltag durch die Vielfalt der Sprachen kaum realisierbar ist, erscheint klar. Gerade darum ist ein Umdenken von LehrerInnen nötig, was die sprachliche Kenntnis von Migranten und Migrantinnen angeht, damit ständige Überforderung nicht stetige(r) BegleiterIn von Kindern mit anderen Erstsprachen als Deutsch wird. Förderunterricht für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache findet in Österreichs Schulen jedoch leider oftmals ohne Berücksichtigung der Erstsprachen statt. So kommt es zu einem sehr abrupten Abbruch der muttersprachlichen Entwicklung. Dadurch wird der positive Spracherwerb von Deutsch als Zweitsprache erschwert.

Die nachhaltige Integration in den LehrerInnenalltag der Volksschule scheitert leider bereits an den Rahmenbedingungen. Bei zwei Computern pro Klassenraum, in meinem Fall nicht einmal mit Internetanschluss, wird die Verankerung des E-Portfolios für alle SchülerInnen im Grundschulbereich leider eine Utopie bleiben.

Mit diesem Projekt hoffe ich, einen Beitrag geleistet zu haben, der die Bedeutung des Computereinsatzes  in einem Bereich aufzeigt, in dem er effizient individuelle und differenzierte Möglichkeiten für Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch bietet und die Wichtigkeit herausstreicht, dieses Instrument auch in den Regelunterricht der Volksschule zu integrieren.

Denn unter dem Motto: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans ... nur mehr schwer“, bedeutet Volksschule Basis und nur wo ein solider Grundstein gesetzt wurde, ist auch der qualitative Aufbau in der Sekundarstufe gewährleistet.

 

 


 

Bratengeyer, E. (2007): ePortfolio – Lebensbegleitendes Lernen. Abgerufen 22..03.2010, http://www.donauuni.ac.at/imperia/md/content/studium/tim/timlab/veranstaltungen/sw_bratengeyer.pdf

Baumgartner, P. Eine neue Lernkultur entwickeln: Kompetenzbasierte Ausbildung mit Blogs und E-Portfolios

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