Praxis

2/2010 - Medienethik

Vom Gewohnheitstier zur reflektierten Nutzung

– Ein Diskussionsanstoß über Betriebssysteme und Programmnutzung nachzudenken

AutorIn: Christian Berger

Das Nutzungsverhalten bei digitalen Medien entspringt mehr der Gewohnheit als dem vorhandenen Angebot. Ein kleiner Einblick in die Philosophie und Möglichkeiten der Nutzung von Freier Software.

Der oftmals verwendete Spruch "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier" trifft auch bei der Mediennutzung in der digitalen Welt zu. In den Schulen beginnt bereits die Gewöhnung an EIN Betriebssystem vorrangig Windows von Microsoft. Meist ohne besondere Reflexion werden immer wieder Computer in den Schulklassen gestartet. Nur in Ausnahmefällen gibt es unterschiedliche Betriebssysteme zur Benutzung. Die Bedienung der verwendeten grafischen Oberfläche (GUI - grafic user interface) wird eingeübt und zur Gewohnheit. Schon geringfügige Abweichungen wie z.B. im Zuge von Upgrades auf neue Versionen irritieren und erzeugen teilweise den Unmut der BenützerInnen. Je länger Mensch mit einem Betriebssystem arbeitet, desto vertrauter sind die notwendigen Befehlseingaben zur Bedienung und auch die mit dem System zusammenhängenden Fehlfunktionen. "Unerwartete Fehlermeldungen" werden hingenommen und bleiben nicht allzu lange im Gedächtnis. Was da tatsächlich passiert, interessiert kaum und der Ablauf bleibt eine "Blackbox", die hin und wieder mal aus unerklärlichen Gründen stecken bleibt. Nun gut das ist auch bei anderen technischen Dingen so und gehört daher zu den vertrauten Ereignissen im Umgang mit der Technik.

 

Da die Verbreitung von technischen Lösungen nicht nur von ihrer Qualität (sowohl technisch als auch in der praktischen Nutzung) abhängt, sondern dahinter ein Markt mit hohen Umsatzzahlen lockt, setzen sich nicht immer die besten Entwicklungen durch. Das war zum Beispiel so, als VHS zum Standard der Videokassetten wurde und ist heute bei der Nutzung von Energiequellen oder Lebensmitteln ebenso der Fall wie bei Betriebssystemen und Programmen. Sobald durch Marketingoffensiven und Verhandlungsgeschick eine kritische Masse an UserInnen und EntscheidungsträgerInnen erreicht wurde, ist die weitere Nutzung und der Verkauf gesichert, sofern nicht extreme Fehlentscheidungen oder imageschädigende Katastrophen eintreten. Mensch bleibt lange bei dem, was mensch gewöhnt ist.

 

Nun rührt sich ein wenig im digitalen und medialen Nutzungsverhalten der Menschen. Vorerst einmal auf dem Sektor der Arbeitsprogramme (Applikationen). Immer mehr Einzelpersonen, aber auch Institutionen erkennen, dass die Abhängigkeit von Software, deren Programmierung (Quellcode) für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich ist, möglicherweise auch zu einem gesellschaftspolitischen Problem werden kann. Wer weiß denn schon, was die proprietären Programme auf den privaten, aber auch geschäftlichen Rechnern alles im Hintergrund machen? Rationale und irrationale Ängste sowie begründete Bedenken machen sich breit.

 

Nein. Halt. Es ist nicht das politische Bewusstsein, das für die zunehmende Verbreitung von Open Office sorgt, sondern die Geldbörse. Open Office ist ein Open Source Programm, das alle Funktionen von MS Office anbietet und teilweise noch mehr. Open Source Programme sind kostenlos nutzbar. Nicht einmal die persönlichen Daten muss mensch dafür hergeben. Download – Install - Use. Falls das Programm einmal nicht mehr gebraucht wird, ist eine Deinstallation ohne "Resteinträge" möglich. Ebenso sind die meisten Open Source Programme auch in portable versions erhältlich. Soll heißen, das Programm auf einen USB Stick laden und von dort ist es auf jedem Rechner vom Stick aus nutzbar. SpezialistInnen können mit Open Source Programmen noch mehr machen, da die Quellcodes offen zugänglich sind - sie können diese passend für die eigenen oder die Bedürfnisse von Kunden umprogrammieren. Das ist übrigens auch Teil des dahinter liegenden Geschäftsmodells. Einen Einblick in dieses Geschäftsmodell bietet Markus Beckedahl, Betreiber von netzpolitik.org in einem Interview für den Blog Carta .

 

Zweistellige Millionenbeträge in Euro werden als Summe kolportiert, die in Österreich jährlich an Lizenzkosten für Bildungseinrichtungen von Gemeinden, Ländern und Bund bezahlt werden. Wenn auch nur die Hälfte davon eingespart würde, was könnte damit nicht an Support und Personalentwicklung finanziert werden? Vermutlich bliebe auch noch einiges für andere Kostenposten im Budget der Bildungseinrichtungen. Das hat auch das bmukk schon erkannt und propagiert seit einigen Jahren vermehrt die Nutzung von Open Source Programmen in Publikationen (z.B. hier auf der eLISA academy) oder auch auf Veranstaltungen wie der Free-IT Tagung im April 2010 an der Donauuniversität Krems.

 

Noch ein Punkt spricht für Open Source Produkte speziell im Schulbereich: Wenn solche Programme in der Schule genutzt werden, dann ist es auch möglich den SchülerInnen diese kostenfrei zu vervielfältigen und diese auch zuhause ohne Lizenzkosten und legistische Bedenken zu nutzen. Ein Sparprogramm auch für jeden Haushalt mit schulpflichtigen Kindern. Nun dies könnte auch mit normaler Freeware zu erreichen sein, aber der Unterschied zwischen Freeware und Open Source entspricht dem zwischen Freibier und Freiheit. Freie Software hat eben neben der finanziellen auch noch eine gesellschaftspolitische Dimension, wie die Free Software Foundation Europe aufzeigt..

 

Nun Sie werden beim Lesen bisher wohl schon gemerkt haben, wo meine Sympathien liegen. Ich selbst habe etwa zwei Jahre gebraucht, um auf Open Office umzusteigen (das war aber schon vor etwa 10 Jahren). Keineswegs, weil die Bedienung so viel anders oder gar komplizierter gewesen wäre. Der Grund war schlichtweg die Gewohnheit und die Nutzung dessen, was in der Schule einfach vorinstalliert da war. Vor allem aber auch die Kompatibilitätsprobleme waren in den Anfangsjahren eine Schranke. Open Office konnte immer schon alle anderen gängigen Formate einlesen - umgekehrt war das leider nicht der Fall. Aber das hat sich seit einigen Jahren geändert - heute gibts bei sachgemäßer Verwendung kaum mehr Kompatibilitätsprobleme. Heute verwende ich fast ausschließlich Freie Software Programme. Es gibt für jeden Zweck Brauchbares, auch für die professionelle Nutzung. Open Office fürs Büro, Gimp als Bildbearbeitungsprogramm, Scribus für Desktop Publishing, Audacity für Audiobearbeitung,...nur ein paar Beispiele. Die gerade angeführten Programme sind auch betriebssystemübergreifend verfügbar, laufen also auch unter Windows oder OS am MAC.

 

Aber es lohnt sich heute einen Schritt weiter zu denken und auch als Betriebssystem Open Source Technologie zu verwenden. Ubuntu (als ein GUI) beweist, dass Linux nicht mehr nur für ProgrammiererInnen tauglich ist. Die grafische Oberfläche und die Programmbedienung funktionieren heute fast überall "Out of the box" problemlos. Installieren und losarbeiten. So läuft heute Ubuntu bei mir auf dem Netbook ebenso wie auf dem Notebook und dem Desktop PC. Auch das von mir verwendete Betriebssystem Android auf meinem Smartphone basiert auf Linux. Auf vielen Servern laufen Linux Programme ohnehin schon sehr lange, da sie als äußerst stabil und zuverlässig gelten.

 

Die Vorteile liegen auch hier auf der Hand: keine Lizenzkosten, (noch) keine Viren, jedenfalls sichere Softwarearchitektur, stabil und falls ich für einen Zweck ein Programm benötige, kann ich das über eine einfache Bedienungsoberfläche direkt und kostenfrei aus dem Internet laden. Installation läuft automatisch - allerdings kann ich auch jeden einzelnen Schritt der Installation mitlesen und werde informiert, was da mit meinem Rechner gemacht wird. Ganz interessierte Leute könnten dies sogar noch in der Programmiersprache nachlesen.

 

Klar muss mensch sich auch in diese Programme einarbeiten - die Qualität der Nutzung ist wie überall vom einzelnen Programm und der Kompetenz der NutzerInnen abhängig. Die Qualität des Programmes ist im Open Sourcebereich vor allem eine Frage der dahinterstehenden Community und Verbreitung. Je größer diese Community, umso eher ist mit Verbesserungen des Programmes zu rechnen und umso besser ist auch die Hilfe bei auftretenden Problemen. Die meisten Fragen in Bezug auf Bedienung lassen sich durch Nachlesen in diversen Foren lösen. Wissen weiterzugeben und Neulingen zu helfen sind grundlegende Verhaltensweisen in Open Source Communities. Da zeigt sich der Unterschied zur Freeware. Es geht den Leuten um mehr als persönliche Reputation als Programmierer oder "Wissende".

 

Video-und Bildbearbeitung, die auch den Namen verdienen, war lange Zeit nur auf Apple Computern möglich. Allmählich gab es auch brauchbare Programme auf Windows PCs. Die mit dem Betriebssystem mitgelieferten und somit weiterhin kostenfrei nutzbaren Programme taugten aber nur für wirklich einfache Aufgaben. Wer bei einem Videofilm halbwegs bildgenau bearbeiten möchte und vielleicht auch noch den Ton angleichen will, stößt beim mitgelieferten Moviemaker rasch an die Grenzen. Brauchbare Videobearbeitungs-Software ohne Lizenzkosten habe ich für Windows bisher nicht gefunden. Da es auch unter Linux bis vor kurzem keine stabil laufende und brauchbare Videobearbeitungssoftware gab, war eine Nutzung von proprietärer Software unumgänglich. Aber in der Zwischenzeit sind professionellste Produktionen mit dem ausschließlichen Einsatz von Freier Software möglich, wie das kleine Beispiel von „Big Buck Bunny“ zeigt. Vor allem hat die Community der Programmierer unter Linux eine auch für DurchschnittsuserInnen und den Unterricht brauchbare und stabile Lösung entwickelt: Kdenlive. Damit ist eine wichtige Lücke geschlossen worden.

 

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“, sagte einmal ein Philosoph(Francis Picabia, 1922). Es ist an der Zeit das Gewohnheitstier zu überwinden und sich auf neue, eigentlich schon ziemlich breitgetrampelte, Wege zu trauen.

 

Tags

technik, linux, opensource, freie software