Praxis

1/2010 - Medien und Sport

Tweet, tweet, tweet

AutorIn: Christian Berger

Twitter - eines der beliebtesten Kommunikationsmittel unter den Social Media. Ein weiterer Schritt in Richtung "digital gap"?

@Groebchen "findet es interessant, daß sich via Social Media Idioten selbst in die Auslage stellen... http://groebchen.wordpress.com/". @derfreitag vermeldet:"Um sich zu informieren, braucht kein Mensch mehr eine #Zeitung. Warum aber dann? Ein Rettungsversuch >> http://bit.ly/bkhjzG #Print" . @arteTV liefert mir die Beginnzeiten des Fernsehprogrammes. @heiseonline bringt Aktuelles aus der Technikwelt. PolitikerInnen liefern mir Statements zu aktuellen Ereignissen oder ihren Vorhaben, starten Themenumfragen oder laden zu Veranstaltungen. @literaturcafe hält mich in Fragen der Literaturwelt am Laufenden. @ertelt ist Medienpädagoge in Deutschland und twittert andauernd Neuigkeiten von Veranstaltungen, Tagungen und Positionen zu Fachfragen.@netzpolitik - der Name legt klar, worum es geht. Ja, ich bin auch auf Twitter (@aufdraht) und verfolge die Meldungen von etwa 80 Personen und Organisationen aus verschiedensten Ländern und auch Übersee. Twitter liefert diese in Echtzeit und rund um die Uhr. Wessen Meldungen ich hier erhalte, bestimme ich. Auf Klick "verfolge" ich Personen, Organisationen oder auch ganze Listen. I'am "following". Andere wieder verfolgen meine Meldungen - werden dadurch zu meinen "Followers". Relevante Meldungen werden weitergereicht (retweet) und erreichen so in Kürze eine Massenauflage. "Zeig mir, mit wem Du Dich umgibst und ich weiß wer Du bist." Dies ist sehr wichtig - zu wissen von wem Meldungen kommen. Die Einschätzung, wie vertrauenswürdig Nachrichten sind, kommt entweder aus der persönlichen Bekanntschaft oder eben aus dem Umfeld der Person.

Ich selbst bin durch ein Interview mit Armin Wolf, dem ORF Journalisten, zur Nutzung des Mediums angeregt worden. Das Interview "Der mit dem Wolf twittert"(http://blog.datenschmutz.net/2009-07/video-interview-der-mit-dem-wolf-twittert/) habe ich auf dem Datenschmutz-Blog von Ritschie Petterauer gefunden, auf das ich wiederum in einem anderen Blog hingewiesen wurde, usw. Interessant wurde, es als ich merkte, dass @ArminWolf das Medium wirklich ausreizt. Einerseits bindet er die Twitter Community in seine Recherchen und Vorbereitungen zur ZiB 2 durch Fragestellungen und Anfragen ein, andererseits ergänzt er seine Moderationen durch Tweets (was er übrigens auch während seiner Karenzzeit weiterführt). Manchmal erfährt Mensch so auch zwischendurch, dass der eine oder andere Beitrag gekippt wurde, jemand kurzfristig ein Interview abgesagt hat, usw. Er hinterfragt nicht nur die Meldungen, sondern auch seine Arbeit und -soweit es sein Vertrag zulässt:) - auch den ORF. Die meisten seiner Kurznachrichten (Tweets) sind interessant. Nicht umsonst ist er mit über 11000 Followers wohl einer der erfolgreichsten Twitterer in Österreich.

Internet ist Hypertext und multimedial. Twitter ist technisch eigentlich nichts anderes als SMS sammeln und verteilen via Webseite. 140 Zeichen maximal sind erlaubt - das macht eine kompakte Beschreibung der Information nötig. Alles, was mehr Platz braucht, ist via Hypertext erreichbar und ausgelagert. Das können dann Blogs sein, Webseiten, Bilder, Videos,...eben multimedial. Bei mir rattern pro Minute mindest 2-5 Tweets/Minute auf den Bildschirm (das ist nicht viel verglichen zu anderen TwitternutzerInnen) die jeweils neuesten sind oben und alle anderen rutschen nach unten. Dadurch verschwinden Meldungen ebenso schnell vom Bildschirm, wie sie aufgetaucht sind. Es ist nicht möglich, dauernd alle Meldungen mitzukriegen - wer jedoch als BildschirmarbeiterIn tätig ist, lässt nebenbei den Twitterstrom fließen. Ist es etwas Wichtiges - dann kann ich mit einem Klick nachlesen.

Twitter ist ein Echtzeitmedium, Informationen machen rasch die Runde und beziehen sich oftmals auf aktuellste Ereignisse. Bei Veranstaltungen werden immer öfter Twitterwalls eingesetzt, wo alle Medlungen zu einem bestimmten Schlagwort (bei Twitter "Hashtag" genannt) angezeigt werden. Mittels Hashtag können auch Personen Diskussionsinputs liefern, die nicht vor Ort sind. Ob mensch jedoch die Diskussion ortsunabhängig mitverfolgen kann hängt wiederum von der Twitterfreudigkeit der vor Ort teilnehmenden Personen ab. Dazu sind mobiles Device (z.B. Mobiltelefon) dienlich. Nur wenn der Daten-/Informationsstrom kontinuierlich abgerufen und gefüttert werden kann, wird neben den Nachrichten auch noch vernetzte persönliche Kommunikation sinnvoll möglich. Der Hashtag wird mit einem Rautezeichen # gekennzeichnet und gliedert die Meldungen thematisch. Über Twitter erfahre ich aber auch unterwegs, wo FreundInnen anzutreffen sind, wer vorhat welche Veranstaltung zu besuchen, diskutiere nebenbei in der U-Bahn oder Eisenbahn mit KollegInnen oder anderen Fachleuten aktuelle Themen und am Ende der Fahrt hab ich ev. etwas dazugelernt, jedenfalls eine unterhaltsame Öffi-Reise hinter mir.

Kinder und Jugendliche kommunizieren mit einer Selbstverständlichkeit via SMS. Für sie ist der Übergang zu Twitter eine logische Folge, sobald am Handy auch Internet verfügbar ist. Durch die Kürze des Textes entwickelt sich eine eigene Sprache, die wiederum für Nicht-Eingeweihte oftmals nicht decodierbar ist. Die Fertigkeit, mit der Jugendliche über die Tastaturen der Mobiles gleiten und sinnvollen Text produzieren, verblüfft mich Fünfzigjährigen immer wieder. Ob solche Kompetenzen auch in PISA Studien abgetestet werden?
Wie erfolgreich Twitter als Massenmedium ist, zeigte sich zuletzt bei den Unistreiks. Via Twitter, Facebook und Co. organiserten sich wie von selbst Planungstreffen und Demonstrationen - wer wissen wollte, was läuft abonnierte die relevanten Tweetaccounts. Die StudentInnen nutzten das Medium mit der Selbstverständlichkeit der Generation, die mit den Web 2.0 Tools aufgewachsen ist.Aktuelle Meldungen über die politischen Positionen der iranischen Opposition erreichten via Twitter auch die westliche Welt.
Gesellschaftliche Diskussionen laufen auf Twitter rascher als in anderen Medien.

Bekannt ist Twitter natürlich auch für Meldungen darüber, wer grade Kaffee kocht oder in die Dusche geht. Kommt natürlich drauf an, wessen Tweets ich abonniere. Twitter selbst hat vor einiger Zeit den Einleitungstext für die Tweeteingabe geändert: hieß es früher "Was tust du?" So wird heute gefragt: "Was sagen andere über..." und das kann natürlich schon interessant sein.

Während des Verfassens dieses Artikels hab ich natürlich auch meine Tweets mitverfolgt. Skurriles, Erschreckendes, beruflich Relevantes kam da an mir vorbei.Manchmal konnte ich nicht widerstehen und hab doch reingeschaut und die eine oder andere Meldung bzw. die angehängten Beiträge überflogen. Dadurch hat das Schreiben des Beitrags wohl etwas länger gedauert, aber ich hab gleichzeitig auch etwas mehr über diese Welt erfahren. Sicherlich beschleunigt ein Kommunikationsmittel wie Twitter den Diskurs. Es gilt sich Kompetenzen im Umgang anzueignen, um die Geschwindigkeit auch an den eigenen Lebensrhythmus anzupassen. Multitasking ist in der Wahrnehmung gefragt. Auch hier ist zu beobachten, dass Jugendliche Bildschirme mit mehreren Informationsebenen rascher und weniger gestresst decodieren als ältere Personen. Ein Buch oder eine Zeitung zu lesen ist im Vergleich zum Twittern eine Tätigkeit fast mit autistischen Zügen. Vieles, was heute in der Zeitung zu lesen ist, wurde gestern schon auf Twitter diskutiert und kommentiert.
Sollen Sie diesen Beitrag nun gelesen haben, dann ist der Text schon über einen Monat alt. Aber vielleicht ist er bis dahin noch nicht so veraltet, wie die soeben gelesenen Nachrichten: "RT @olobo: Vorarlberger BürgerInnen verhindern Abschiebung einer Familie in den Kosovo. Watch this! http://bit.ly/apnb7e" oder "ArminWolf: SPÖ und ÖVP einigen sich auf ein neues ORF-Gesetz und es gab dabei "keine Personalabsprachen": http://arm.in/bIy - Ja, ganz sicher ..."

 

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