Bildung - Politik

1/2010 - Medien und Sport

Medienbildung/LehrerInnenbildung/Bildungspolitik – eine persönliche Nachzeichnung

AutorIn: Susanne Krucsay

Medienerziehung, Medienpädagogik, Medienkompetenz, Medienbildung, Media Literacy – alles klar?

Die Spurensuche von mehr als 20 Jahren ist kein Beitrag zur Definitionsentwirrung, ich verwende im Folgenden die Begriffe, wie sie sich in dem erwähnten Zeitraum präsentiert haben, synonym. Klarstellen möchte ich lediglich, dass Informatik und E-Learning nur am Rand erwähnt werden; entsprechend dem letzten Stand entspricht demnach Medienbildung der Definition von Media Literacy, einer Fähigkeit, die sich auf die Nutzung, das Verständnis, die kritische Bewertung und die kreative Kommunikation mit den und durch die Medien – analog und digital – bezieht.

Im Einklang mit dem Namen der Zeitschrift sehe ich mich als Impulsgeberin und Impulsempfängerin. Der Impuls zum vorliegenden Unterfangen liegt ausgedruckt vor mir: Schule & Unterricht in derStandard.at vom 15. Jänner 2010 ruft mit einem Artikel zur Medienbildung zur Diskussion auf (http://derstandard.at/1262209096790/Medienbildung-Am-schlimmsten-ist-ein-veralteter-Lehrkoerper), an der ich mich nun etwas verspätet beteiligen werde.

 

Theo Hugs Zusammenfassung der Situation kann ich – leider – kaum etwas entgegensetzen: Lippenbekenntnisse hatte ich während der Jahre viele gehört, doch eines der letzten konnte  - zweckoptimistisch - als Beginn einer neuen, einer medienbildungspolitischen Ära decodiert werden: Am Welttag der Lehrerinnen und Lehrer 2007 steht im Brief von Frau Bundesministerin Schmied folgender Satz: „Heute ist nicht mehr allein die reine Wissensvermittlung, sondern der kritische Umgang mit Information entscheidend.“[1] Dieser deutliche Hinweis auf die Bedeutung von Medienbildung, dieser Paradigmenwechsel müsste seinen Niederschlag in der damals gerade anstehenden Planung der Pädagogischen Hochschulen finden, Konzepte dafür lagen vor, jedoch….der Ruf der Ministerin fand keinen Widerhall, Medienbildung in der Lehrerausbildung bis jetzt ein leeres Blatt. An dieser Stelle muss ich innehalten – für potentielle Einwände gehört angemerkt, dass E-Learning, Informatik – wichtige Bereiche zweifellos – sehr wohl präsent sind. E-Learning findet sich im Übrigen überraschenderweise auch in dem Konzept LehrerInnenbildung NEU. Die Zukunft der pädagogischen Berufe. Warum das Konzept für die  LehrerInnenbildung in einer wissensbasierten Informationsgesellschaft, in der die BürgerInnen mit eben diesen Informationen kritisch umgehen sollten, keinen einzigen Satz dafür für notwendig hält, sehr wohl aber das didaktische Werkzeug E-Learning explizit erwähnt, lässt für die Medienbildung/Politik nichts Gutes erahnen – mögliche Gründe dafür sind für Interessierte nachzulesen in Medienimpulse 1, (http://www.medienimpulse.at/articles/view/104) sowie Medienimpulse 2/2009 (http://www.medienimpulse.at/articles/view/143).  Dieser Umstand wird im Standard.at Artikel in einem eigenen Abschnitt behandelt: Beide Befragten, Edith Blaschitz und wiederum Theo Hug  beklagen die Dominanz der Technologie über theoretische, sozialtechnische und didaktische Hintergründe des Medienumganges.

Interessant ist die Aussage von Edith Blaschitz, die als Gegensatz zur Technologiehörigkeit Medienkritik anführt. Warum? Selbstverständlich spielt Medienkritik, die ihren Ursprung in der kritischen Theorie hat, in der Medienbildung eine Rolle, doch ist es durchaus verständlich, dass sie in den letzten Jahrzehnten mit Zunahme der Medienumgebung anderen Paradigmen Platz machen musste. Gerade das Wort ‚kritisch’    - und damit komme ich zu einigen europäischen Initiativen bzw. zur EU-Politik - ist. häufig ist ‚kritisch’ der Stein des Anstoßes, wird doch das Adjektiv als ablehnend, bewahrend-behütend und somit negativ gedeutet – und verworfen.[2]

Der Frage ‚eigener Unterrichtsgegenstand’ oder ‚fachübergreifend’, d.h. Unterrichtsprinzip sollte man sich von mehreren Seiten nähern: Warum ertönt von vielen an Medienbildung Interessierten fast zwangsläufig die Forderung nach einem eigenen Unterrichtsgegenstand? Ich denke, die Antwort liegt in der Wahrnehmung von schulorganisatorisch bestimmten Hierarchien – ein Unterrichtsgegenstand hat einen Lehrplan, der die Stoffauswahl und deren Vermittlung bestimmt, die Ergebnisse der Vermittlung setzen sich in abprüfbare Einheiten fort, die in eine Bewertung münden. Die Resultate sind – und das ist ungeheuer wichtig – messbar und der Ablauf zwingt die SchülerInnen, sich in den genannten Kreislauf einzugliedern. Damit erhöht sich der Stellenwert des Fachbereiches sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Lernenden. Man ist im gewohnten Input-output-System.

Finanzielle und organisatorische  Erwägungen beiseite geschoben, spräche das für Überlegungen für einen Unterrichtsgegenstand.

Wenden wir uns der Medienbildung, ihren Inhalten und Zielsetzungen zu und wägen wir ab:. Welche Bereiche wären in einem potentiellen Gegenstand gut aufgehoben?

Medienbildung setzt sich aus zahlreichen, sehr unterschiedlichen Elementen zusammen. Zum Erschließen bzw. Dekonstruieren von Medientexten ist Sprachkompetenz notwendig – in dieser Hinsicht ist die Analogie zum Deutschunterricht unübersehbar. Um die Produktionsverhältnisse zu analysieren, bedarf es der Kenntnis über die Verflechtung von  Eigentumsverhältnissen, wirtschaftlichen und politischen Interessen. Zur Analyse und zum Verständnis der Darstellung oder Repräsentation müssen Voraussetzungen zum Verständnis wiederum von Macht, Autorität und ideologischer Einbettung vorhanden sein.

All diese Faktoren haben letztlich Zielgruppe(n) im Visier, deren Partizipation erforderlich ist.

Dieses sehr knapp umrissene Texterschließungsmodell lässt sich mit ähnlichen Modellen im Deutschunterricht vergleichen  - hier gäbe es also durchaus Ansätze zu einem Unterrichtsgegenstand, dessen Aufgabe es ist, „die Schüler [und Schülerinnen] zu befähigen, an der gesellschaftlichen Kommunikation bewusst und aktiv teilzunehmen.“[3]

Die Neudefinition des Gegenstandes setzt selbstverständlich entsprechende Maßnahmen in der Ausbildung der Lehrer und Lehrerinnen voraus.

 

Doch halt! Fehlen da nicht wesentliche Elemente?

Natürlich – die Komplexität von Medienbildung wäre damit noch lange nicht abgedeckt. Das Unterrichtsprinzip, das – wie im Standard Artikel kritisiert – neben vielen anderen Prinzipien untot dahindümpelt, ist in einer pädagogischen Gesamtschau durchaus sinnvoll. Die Einsicht, dass Inhalte all der anderen Unterrichtsgegenstände medial kodiert vermittelt werden und die sie enthaltenden Gefäße keineswegs neutral sind, hat sich bedauerlicherweise im pädagogischen Biotop noch lange nicht durchgesetzt.

„Gerade weil Medien die Welt so spontan und natürlich abzubilden scheinen, sollte Folgendes immer mitbedacht werden:

Medien sind nie neutrale Behälter von Informationen. Die Bilder, die wir für Abbildungen der Wirklichkeit halten, sind gestaltet, sie sind professionell konstruiert – deshalb wird gerade hier bei der Dekodierung ein hohes Potential an Medienkompetenz benötigt. Auch im naturwissenschaftlichen Bereich, dem im herkömmlichen Diskurs ein hoher Grad an Objektivität zugeschrieben wird, sind die Schlüsselfragen (Wer teilt wem was mit, in welcher Absicht?), mit denen wir mediale Texte zerlegen, von eminenter Wichtigkeit - sie sollten genauso angewendet werden wie bei Medientexten, deren „Gemachtheit“ deutlicher ins Auge sticht.

Kritische Medienanalyse behindert nicht – wie oft von Fachdidaktikerinnen und -didaktikern befürchtet wird - die fachspezifischen Aussagen der jeweiligen Medien. Im Gegenteil – gerade das Eingehen auf die Schnittstellen zwischen fachspezifischen Inhalten und der Vermittlungsleistung des jeweligen Mediums bringt einen merklichen Zuwachs nicht nur an Medienkompetenz, sondern  auch an fachimmanentem Ertrag mit sich. Die Erkenntnis, dass auch speziell für den Unterricht konzipierte audio-visuelle Medien nicht objektiv sein können, bringt den Glauben an die Richtigkeit und Wahrheit anderer Medien, wie zum Beispiel Schulbücher, ins Wanken. Die Beschäftigung mit Begriffen wie Wahrheit, Richtigkeit wird zur Hinterfragung der scheinbaren Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit so mancher Bilder führen, die eine authentische Wirklichkeit suggerieren.“[4].

Gewiss, Überlegungen auch zu dieser Erkenntnis in der Bildung der Zukunft aufzunehmen, liegt auf der Hand - um so mehr verwundert in dem zu Beginn erwähnten Konzept LehrerInnenbildung NEU einiges: unter Prinzipien und Kriterien wird zwar festgestellt  „Schule ist ein Teil der Gesellschaft: sie muss Entwicklungen und Realitäten der Gesellschaft widerspiegeln und aufgreifen und sie muss Lehr- und Lernprozesse für junge Menschen in offenem Austausch mit der Gesellschaft gestalten.“[5] Bildung als eine der Kernkompetenzen wird in diesem Konzept unter anderem definiert „…als Antwort auf die Herausforderung einer Informations- und Wissensbasierten Gesellschaft.“[6]

Wie wahr! Doch unverständlicherweise findet sich in dem gesamten Konzept außer – wie bereits erwähnt – E-Learning kein einziger weiterführender Hinweis auf Medienbildung/Medienpädagogik. Vor 14 Jahren – da ging es auch schon um die Frage „Unterrichtsprinzip“ oder „Eigener Unterrichtsgegenstand“ -  vermutet Klaus Boeckmann:

„Alle bildungstheoretischen Erkenntnisse, welche die medienpädagogische Diskussion zutage förderte, z.B. die Bedeutung der Medien für die kindliche Identitätssuche oder die Relativierung des Wissens als gesellschaftlich konstruierte Zeichen, wurden diesem Unterrichtsprinzip aufgeladen, obgleich sie eigentlich das gesamte pädagogische Denken betreffen. So kam es, dass heute (sic!) die Medienpädagogik teilweise auf anderen bildungstheoretischen Grundlagen und Grundsätzen basiert als das Bildungssystem insgesamt und trotzdem noch immer so tut, als könnte es diesem bruchlos hinzugefügt werden. Und so kam es auch, dass heute unter dem Etikett der Medienpädagogik Probleme thematisiert und diskutiert werden, die eigentlich Probleme der allgemeinen Pädagogik sind.“[7]

Was ergibt sich aus diesem Befund für die eingangs gestellte Frage „Unterrichtsprinzip“ oder „Eigener Gegenstand“? Ein Sowohl-als-auch. Was sollte, könnte, ja müsste das für eine LehrerInnenbildung NEU bedeuten?

Vor mehr als 10 Jahren, genau im Juni 1999 galt das Schwerpunktthema der MEDIENIMPULSE dem Bereich Medienerziehung und Lehrerbildung.[8] Die Feststellung, dass sich in diesen fast 11 Jahren die Medienlandschaft rasant entwickelt hat, ist banal, ich treffe sie, um eventuellen Einwänden von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, denn auch heute 2010 sind sich Fachleute einig, dass sich die Grundprinzipien und -zielsetzungen der Medienbildung wie ein Schirm über alle Medien, alt – neu – soziale Netzwerke spannen,  Modifikationen inbegriffen. Die Lektüre der erwähnten MEDIENIMPULSE Nummer ist interessant, erleuchtend und traurig zugleich. Sie zeigt die – man kann ruhig sagen -  jahrzehntelangen Bemühungen um eine systematische Integration der Medienbildung in die LehrerInnenausbildung, die durch Studien belegten Argumente an die EntscheidungsträgerInnen der Bildungspolitik, deren Reaktionen offensichtlich bis heute – und hier schließt sich der Kreis zu Theo Hugs bitterer Erkenntnis - Lippenbekenntnisse geblieben sind.

 

Trotzdem – wie heißt es so schön – die Hoffnung stirbt zuletzt. Die im vorletzten Absatz gestellte Frage verdient eine Antwort, die aus dem besagten MEDIENIMPULSE Heft stammt

und drei Säulen vorsieht:

-- Integration in die Allgemeine Erziehungswissenschaft

-- Neuordnung des Deutschunterrichtes

-- Integration in die einzelnen Fachdidaktiken.[9]

Von diesen drei Säulen wären die erst- und die letztgenannte ohne größere Mühe umsetzbar. Für die Neuordnung des Deutschunterrichtes müsste der für den Unterricht konstitutive Begriff ‚Text’ neu – meines Erachtens – umfassend definiert werden. Nach den Erfahrungen, die ich bereits bei der Erwähnung dieser Neuinterpretation gemacht habe, wird bzw. würde dieses Unterfangen einiges an Ausdauer und Geduld verlangen. Andererseits gibt es Beispiele für die Integration von Medien in den muttersprachlichen Unterricht, die sich bewährt haben [10]

Die Empfehlung der EU-Kommission zur Medienkompetenz schlägt den Nationalstaaten unter anderem vor, Debatten zu einer verpflichtenden Einbeziehung von Medienkompetenz=Medienbildung in die Lehrpläne aufzunehmen und zu fördern. Dieser Vorschlag darf zum Schluss den Mitgliedern der ExpertInnengruppe LehrerInnenbildung NEU dringend zur Berücksichtigung empfohlen werden!


[1] (Der Standard vom 5. Oktober 2007, S.3)

[2] Vgl Konsultationsprozess der Empfehlung, Entwürfe des EU-Rates

[3] Klaus Boeckmann: Medienpädagogik und Deutschunterricht. In: MEDIENIMPULSE 17, Sept.1996, S 6.

[4] Grundsatzerlass zur Medienerziehung des BMUKK

[5] LehrerInnenbildung NEU. Die Zukunft der pädagogischen Berufe. Empfehlungen der ExpertInnengruppe, Dez. 2009, S.7

[6] Ebenda, S. 9

[7] Klaus Boeckmann: Medienpädagogik und Deutschunterricht: Eine mögliche Zukunft. In: MEDIENIMPULSE 17, Sept.1996, S.5.

[8] MEDIENIMPULSE 28, Juni 1999 S.5-46.

[9] Susanne Krucsay: Visionen zu einer Neuordnung der Lehrerbildung Medienerziehung. In: MEDIENIMPULSE 28, Juni 1999, S. 41-44.

[10] Z.B. The Common Curriculum, Provicila Standards Language, grades 1-9, Ministry of Education and Training, Ontario 1995.

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