Bildung - Politik

1/2010 - Medien und Sport

Empfehlung zur Medienkompetenz der EU-Kommission

Anmerkungen zum Konsultationsprozess

AutorIn: Susanne Krucsay

Es regt sich wieder ein Lüftchen in der EU...

Es regt sich wieder ein Lüftchen in der EU. Der Kommunikation zur Medienkompetenz – ausführlich referiert in der 1. Ausgabe der MEDIENIMPULSE – folgt nun die im August 2009 publizierte Empfehlung der Kommission, erstellt von der Generaldirektion (GD) Informationsgesellschaft und Medien[1] .Empfehlung bedeutet eine Beförderung der Wichtigkeit des Themas: ‚Sehr her!’ drückt  die Empfehlung aus, ‚die Informationsgesellschaft braucht diese Kompetenz und widmet ihr ein eigenes Dokument.’

Die Botschaft ist angekommen, um ihr Glauben an die Wirksamkeit zu schenken, ist es noch zu früh.

Nach fast zwei Monaten der Begutachtung – das Dokument wurde dem Rat (Präsidentschaft Schweden) zur Beschlussfassung vorgelegt -  zeigt sich wieder einmal, wie schwierig es ist, den Begriff ‚Medienkompetenz’  (media literacy) in seiner Komplexität aufzulösen, und andererseits wie leicht sich gefällige Formulierengen finden lassen, um den Spagat zwischen der Doppelnatur von Medien zu schließen. Was ist damit gemeint? Medien, ganz besonders digitale Medien, sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren, sie sind schlicht als Ware der Gegenstand unterschiedlicher Begehrlichkeiten auf dem Markt. Andererseits sind sie wesentliche Instrumente der Kommunikation innerhalb jeder demokratischen Gesellschaft, ohne sie ist keine Partizipation, keine einigermaßen kritische Öffentlichkeit möglich. So sind sie einerseits Gegenstand der EU-Kommission in der GD „Informationsgesellschaft und Medien“, in der GD „Bildung“ spielen sie als didaktisches Mittel, besonders im E-Learning eine Statistenrolle. Nun hat sie „Informationsgesellschaft und Medien“ seit einigen Jahren der Medienkompetenz angenommen und versucht, zwischen den beiden Naturen von Medien eine Brücke zu bauen. Nebenbei sollte erwähnt werden,  dass gleichzeitig auch Digitale Kompetenz ein Thema ist (vgl. Ausgabe 1 Medienimpulse).

Die Empfehlung listet viele Sachbereiche auf, die medienkompetente Bürgerinnen und Bürger der EU wissen und in der Medienverwendung beachten sollten. Die beiden immer wiederkehrenden Zugänge Schutz und Ermächtigung kommen vor, das europäische kulturelle Erbe, der Film, und nicht zuletzt das Urheberrecht. Die  Industrie als Förderer von Medienkompetenz wird mehrfach ermutigt, ihren Betrag zur Weiterentwicklung von Medienkompetenz zu leisten. Doch wie wird hier Medienkompetenz definiert?

Sie schließt den Zugang, das Verstehen und kritische Bewerten von Medieninhalten sowie die kreative Kommunikation mit Medien ein. Medien wiederum sind in einem ganzheitlichen Sinn gemeint, aufgezählt werden – nicht taxativ – die gängigsten (Film, Fernsehen etc.) sowie die gesamte digitale (Um)welt...

Alls Mehrwert werden zahlreiche politische und kulturelle Schwerpunkte, die mit der Mediennutzung verknüpft werden können aufgezählt – was kann eigentlich nicht damit verknüpft werden?  An erster Stelle das hehre Ziel einer Gesellschaft, die alle Menschen durch die Möglichkeiten der digitalen Medien einbindet: E-Inclusion ist das Zauberwort -    die schöne neue digitale Welt als Wundertüte.

Wo bleibt da das Individuum, der Mensch, über den das eben genannte Füllhorn seine Zauberkräfte entfaltet? Befinden wir uns noch in einem Diskurs, in der der Mensch als einigermaßen selbstbestimmtes Wesen über sein Tun mitentscheidet? Oder ist es nicht vielmehr die Technologie, die als eine neutrale, positive Kraft lenkt und, wenn wir die häufig beschworenen Möglichkeiten des heranrückenden semantischen Webs einbeziehen, statt uns und für uns denkt?

Nun, auf den ersten Blick sorgt die Empfehlung dafür, dass dem nicht so ist:

Medienkompetenz bezieht sich schließlich und endlich auf eine Fähigkeit, die – im  Gegensatz zu Noam Chomskys Konzept einer angeborenen Sprachkompetenz – in Bezug auf Medien entwickelt und gefördert werden muss. Das wird in der Stellungnahme des Rates relativiert. Ein Absatz bezieht sich auf Prenskys Auffassung, dass  junge Menschen, die ‚digital natives’ der Informationsgesellschaft über diese Fähigkeit naturwüchsig verfügen. Kinder und junge Leute gehen demnach medienkompetent, also  unbefangen und locker mit Medien um,  Ziel der Informationsgesellschaft sollte daher der dialogische Austausch zwischen ‚digital natives’ und den ‚digital immigrants’ sein: So vermitteln die ‚Zuwanderer’ für die Medienkompetenz, die sie von den ‚In der Medienwelt Heimischen’ bekommen,  den ‚natives’ etwas von der kritischen Denkfähigkeit, die sie im Lauf eines langen Lebens erworben haben.

Offensichtlich gab es im Rat Diskussionen um Streichung oder doch Behalten des Adjektivs ‚kritisch’  - siehe Definition. Warum ist bei der Abfassung und vor allem Absegnung von Empfehlungen zur Medienkompetenz dieses Attribut immer wieder ein Stolperstein? Kann es sein, dass kritischer Umgang mit Medien als Barriere gesehen wird, die die Menschen von der Mediennutzung abhält? Ist ‚kritisch’ gleichbedeutend mit einer Form von Bewahrpädagogik, die immer noch ein lebendiges Überbleibsel von Medienpädagogik ist?  Geht man dem Wort auf den Grund, so zeigt sich, dass ‚kritisch’ nichts anderes bedeutet, als das Bemühen, bei der Bewertung einer Sache unterscheiden, zu können. ‚Kritisch’ heißt abzuwägen, nachzudenken und danach für sich zu entscheiden.

Ein weiterer wesentlicher Punkt betrifft die Zielgruppen sowie Institutionen der Empfehlung.. Während die Kommissionsvorlage den Mitgliedstaaten empfiehlt, Debatten zur  Einbeziehung von medienpädagogischen verpflichtend in die Lehrpläne der formalen Bildung aufzunehmen, legt der Rat den Schwerpunkt auf die Bereiche der informellen bzw. nicht-formellen Bildung sowie des Lebenslangen Lernens. Dass diese Aspekte wichtig sind, ist unbestritten, doch grundgelegt wird das Verständnis, das Bewusstsein in einer Institution, durch die jeder Mensch in unserer Hemisphäre durchgehen  muss: die Schule als Stätte der formellen Bildung. Deshalb halte ich die Betonung der schulischen Programme als Gefäß für medienpädagogische Belange für essentiell. Natürlich muss gerade in diesem Zusammenhang nochmals auf die Struktur der Kommission verwiesen werden, in der sich die ‚Regierung’ der EU mit Medienkompetenz befasst: Wir befinden uns in der Generaldirektion ‚Informationsgesellschaft und Medien’ und nicht in der ‚Bildung’, in der die Medienbildung bis jetzt ein Schattendasein führt. Die Anbindung an die Empfehlung des Europäischen Parlamentes und des Rates zu Schlüsselkompetenzen (http://europa.eu/legislation_summaries/education_training_youth/lifelong_learning/c11090_de.htm) ist  daher inhaltlich richtig, allerdings muss hier zur deutschen Übersetzung kritisch angemerkt werden, dass sie die im Englischen verwendete Digitale Kompetenz als Computerkompetenz wiedergibt,: eine meines Erachtens unzulässige Verkürzung. Außerdem stellt sich darüber hinaus die Frage, warum statt Digitaler Kompetenz nicht Medienkompetenz als Schlüsselkompetenz aufscheint. Ist es nicht logisch, dass Medienkompetenz im Sinn der Empfehlung der Oberbegriff ist, der Digitale Kompetenz einschließt?

Etwas ermutigender liest sich das Resümee, das im Konsultationsprozess der Ausschuss der Regionen vorlegt. Der mit dieser Aufgabe betraute Delegierte betont  – im Gegensatz zum Rat – den Stellenwert der Bildung und geht auch inhaltlich auf das 2006 verabschiedete Dokument der Schlüsselkompetenzen ein. Nun regt der Ausschuss der Regionen die Aufnahme von Medienkompetenz in den Katalog ein. Ein Fortschritt, gewiss, wenn auch die Verbindung von Digitaler Kompetenz und Medienkompetenz nicht erfolgt.

Die Schlüsselkompetenzen für ein lebenslanges Lernen werden in dem Katalog in drei Bereiche gegliedert, der Vorschlag für Medienkompetenz könnte so aussehen:

PPP

Mit der Empfehlung hat nun, wie anfangs erwähnt, die EU den Stellenwert und die Bedeutung von Medienkompetenz bestätigt, wenn auch der Fokus aufgrund der Breite des Begriffes sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Zielgruppe vage bleibt. Bildung ist eine nationale Angelegenheit, und dass die Stimme auf der EU-Ebene gehört und in der Schulentwicklung, besonders in der LehrerInnenbildung berücksichtigt wird, können meiner Erfahrung nach unverbesserliche Optimisten glauben.

 

Warum? Blättern Sie weiter zur Medienbildung-LehrerInnenbildung!

 


[1] Lt Planung wird der Bereich ‚Media Literacy’ in der neuen Kommission zur Generaldirektion ‚Education and Culture’ wandern.

Tags

eu, medienkompetenz, konsultationsprozess