Praxis

2/2009 - Computerspiele

Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen

Kommentierte Dokumentarfilmvorführungen von normale.at

AutorIn: Barbara Waschmann

Verstehen um zu handeln.

Dem Leitsatz «Verstehen um zu handeln» folgend, fokussieren die kommentierten Dokumentarfilmvorführungen des Vereins normale.at insbesondere auf jene Themen und Fakten, die in der kommerziellen Berichterstattung und weltweiten PR-Maschinerie einseitig dargestellt oder überhaupt ausgeblendet, von uns ferngehalten werden. Denn kommerzielle Medien sind in hohem Maße von Werbeeinschaltungen der Wirtschaft abhängig und aus diesem Grund oft nicht zu einer ausgewogenen Berichterstattung fähig. Diese wird zusätzlich durch die Machtkonzentrationen im Mediensektor erschwert. Die Informationsvermittlung liegt in Händen weniger, an Profit orientierter Medienkonzerne, die sich mitunter im Besitz von Waffenproduzenten befinden.

Verifizierte Information ist also längst zur aktiven Holschuld geworden. Die Feststellung, dass uns zumeist ungenügende, unzusammenhängende oder medial verfälschte Information erreicht, war und ist Ausgangslage der Dokumentarfilmvorführungen des Vereins normale.at

Denn Bewusstseinsbildung über wirtschafts- und gesellschaftspolitische Zusammenhänge ist Voraussetzung für die Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

«Junge Normale», gesellschaftspolitisches Kino für SchülerInnen

Seit dem Jahr 2004 veranstaltet der Verein normale.at daher in Österreich gesellschafts- und wirtschaftspolitische Dokumentarfilmvorführungen für Schülerinnen und Schüler ab acht Jahren – die «Junge Normale».

Gezeigt werden Dokumentarfilme aus aller Welt, die gesellschafts-, wirtschafts-, entwicklungs-, sozial- und umweltpolitische Aspekte und Entwicklungen bieten. Sie tragen zum «Globalen Lernen» bei, zeigen Lebensrealitäten und Perspektiven aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auf, weisen auf Zusammenhänge hin und laden – im Lebensweltbezug der Kinder und Jugendlichen – zur Auseinandersetzung ein.

An der anschließenden inhaltlichen Aufbereitung nehmen oft ExpertInnen von mit dem jeweiligen Thema befassten Nichtregierungsorganisationen wie beispielsweise seitens Ärzte ohne Grenzen oder Südwind Agentur sowie Institutionen oder kirchliche Einrichtungen teil. Sie alle tragen persönliche Erfahrungen, Analysen und weitere Hintergrundinformationen bei.

Damit wird auch vermittelt, dass in jedem gesellschaftspolitischen Bereich Organisationen tätig sind, dass also der/die einzelne sehr wohl etwas tun und sich engagieren kann. Im Weltbezug der jeweils eigenen Lebenswirklichkeit erhalten die Heranwachsenden kontextualisierte Information, die dem Weltgeschehen angemessen ist.

Spiel zu den Mechanismen unserer Medienlandschaft

In der anschließenden medienpädagogischen Aufbereitung wird vermittelt, worin die Möglichkeiten der Manipulation und «Meinungsmache» liegen. Dazu hat normale.at dem jeweiligen Alter angepasste Methoden im Großgruppenformat entwickelt, die den räumlichen Gegebenheiten eines Kinosaales entsprechen.

Für das Rollenspiel zur Interessenslage von Filmschaffenden und Fernsehsendern werden die SchülerInnen aufgefordert, selbständig Kleingruppen zu bilden und in der Gruppe zu entscheiden, in welche Rolle sie schlüpfen wollen:

Entweder sie sind die FilmemacherInnen jenes Films, den wir eben gesehen haben. Dann wird ihnen wichtig sein, dass so viele Menschen wie möglich ihren Film sehen und Gruppen, die sich dafür entscheiden, werden gute Gründe finden, weshalb ein Fernsehsender «ihren» Film in sein Programm aufnehmen sollte. Oder aber sie entscheiden sich dafür, die Programmchefinnen und –chefs eines Fernsehsenders zu sein. Dazu wird gemeinsam im Vorfeld der Grund legende Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern heraus gearbeitet.

Durch die Rollenübernahme «FilmemacherIn» oder «ProgrammchefIn» setzen sich die Jugendlichen einerseits nochmals mit dem Filminhalt auseinander und andererseits auch mit Aspekten wie der Finanzierungsweise von öffentlich-rechtlichen im Gegensatz zu privaten Fernsehsendern, Begriffen wie Bildungsauftrag, Werbeeinnahmen, Einschaltquoten und dem daraus möglicherweise folgenden Einfluss auf das Fernsehprogramm «ihres» Senders.

Dabei ist die Zusammenarbeit im Team ebenso wichtig wie die Entscheidung, wer die Gruppe als SprecherIn vertritt. Denn abschließend werden die Überlegungen und Entscheidungen der jeweiligen Gruppen in Form einer moderierten «Pressekonferenz» durch die/den GruppensprecherIn coram publico mit Mikrofon auf der Bühne präsentiert.

Die Erfahrung zeigt, dass sich siebzig Prozent der Kleingruppen dafür entscheiden, die Rolle der ProgrammchefInnen zu übernehmen. Die Rolle der Filmschaffenden wird zumeist von Mädchengruppen wahrgenommen.

Für jüngere Heranwachsende leiten die Referentinnen von normale.at an, in Kleingruppen «Gedankenlandkarten» zu gestalten und ebenfalls mit Mikrofon zu präsentieren.

In dieser Weise wurden bislang Themen wie Ausgrenzung, Billigproduktionsländer, HIV/Aids, fairer Handel, genetisch manipulierte Organismen, globale Produktionsketten, Rechte der Kinder, prekäre Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Klimaveränderungen, Konflikte wie Israel-Palästina, verheimlichte Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln, interkultureller Dialog, lebensgefährliche Gesundheitssysteme wie in den USA, Manipulation durch Medien, Menschenrechtsverletzungen, Rassismus, Rechtsextremismus, Straßenkinder und Vorurteile behandelt.

So ist beispielsweise sehr erfrischend, wenn nach einem für die Altersgruppe geeigneten Dokumentarfilm über die Arbeits- und Produktionsbedingungen von Kakao der inhaltliche Bogen zu unserer Schokolade gespannt wird und das Publikum im Alter von acht Jahren das «echt nicht fair» findet.

So nicht bereits zum Film vorhanden, erarbeitet normale.at begleitendes Material für den Unterricht mit weiterführenden handlungsorientierten Vorschlägen für die Unterrichtspraxis. Um zu unterstützen, dass die SchülerInnen thematisch auf den Kinobesuch eingestimmt werden, steht dieses elektronisch zum Download bereit und wird auf Wunsch zugesandt.

Stadt und Land

Kommentierte Dokumentarfilmvorführungen von normale.at selbst oder in Kooperation mit normale.at haben bislang in Programmkinos in Wien, St. Pölten, Krems, Linz, Freistadt, Hallein, Innsbruck, Landeck, Dornbirn, Klagenfurt, Graz, Gleisdorf, Leibnitz, Eisenstadt und Oberpullendorf stattgefunden.

Dabei war und ist uns wichtig, Programm vor allem auch in Schulstädten, die nicht Landeshauptstädte sind, zu veranstalten. Insbesonders weil wir wissen, dass sich zunehmend weniger Eltern ein Zugticket tour-retour in die Landeshauptstadt plus Eintrittskarte für ihr(e) Kind(er) leisten können.

Aus Sicht der LehrerInnen

Der offene, wertschätzende Kommunikationsstil der Filmbegleitung bietet Ansatzpunkte für eine weit reichende, Themen verbindende und nachhaltige Auseinandersetzung mit unserer Welt, in der man nicht umhin kann, unterschiedliche Aspekte zueinander in Beziehung zu setzen.

Die von LehrerInnen mehrheitlich im Fragebogen mit "sehr gut" und "gut" bewertete Verständlichkeit der inhaltlichen Aufbereitung, die fachliche Kompetenz der ReferentInnen, das Eingehen auf TeilnehmerInnen und die Qualität der Unterlagen wurde ergänzt, dass

 

  • normale.at die Filminhalte vermittelt ohne zu indoktrinieren;
  • der didaktische Aufbau überzeugend ist;
  • die Leichtigkeit, mit der wir mit den SchülerInnen umgehen, lehrreich ist;
  • man sich von dieser Art der Aufbereitung etwas abschauen kann;
  • Diskussion und Rollenspiel sehr gut moderiert waren und den SchülerInnen halfen, das Gesehene gleich zu reflektieren;
  • gut auf die Interessen der SchülerInnen eingegangen wurde;
  • die Einführung und Begleitung sehr kompetent und sympathisch war;
  • beachtlich war, was wir heute aus den SchülerInnen heraus geholt haben
  • und unsere Arbeit für Jugendliche so wichtig und wertvoll ist.

 

Dem Verbesserungsvorschlag «in Kleingruppen Gespräche zu leiten» kann entsprochen werden, wenn normale.at den Kinosaal verlässt und mit gestärkten Ressourcen in Schulklassen geht.

In persönlichen Gesprächen beklagen LehrerInnen ihrerseits oft die fehlende audio-visuelle Ausstattung an Schulen. Aus den Fragebögen wissen wir auch, dass LehrerInnen selten eine Projektwoche an der Schule haben, in welcher der Kinobesuch eingebettet wäre.

Ziele von normale.at

Die «Normale» trägt zum Diskurs mit dem Ziel bei, argumentierte Meinungsbildungsprozesse zu initiieren und das Verständnis für regionale Problematiken im globalen Kontext sowie die Rezeptionsfähigkeit zu schärfen. Die Auseinandersetzung mit weltweiten Normalitäten mithilfe des kommentierten, bewegten Bildes macht die eigene Mitverantwortung bewusst, aber eben auch die Möglichkeiten zur persönlichen Mitgestaltung sichtbar, wodurch eine informierte Gesellschaft demokratische Alternativen entwickeln kann.

Das «Normale»-Projekt will der Un-Informiertheit entgegenwirken sowie vorhandenes Teil-Wissen in größerem Zusammenhang einbetten, indem mittels Dokumentarfilmen und Aufarbeitung des Gesehenen etwaige Missverständnisse ausgeräumt, Handlungsoptionen aufgezeigt und Handlungsspielräume erweitert werden.

Die dadurch initiierten Diskurse ermöglichen eine differenzierende Haltung gegenüber der kommerziellen Berichterstattung, eine höhere Aufmerksamkeit für das eigene Konsumverhalten und eine bewusstere Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung im Hinblick auf gesellschaftspolitische Notwendigkeiten.

Der politische Anspruch sinnvolles «Demokratielernen und Globales Lernen mit und über Medien« begründet eine Verschränkung von Medienpädagogik und Politischer Bildung und zielt sowohl auf individuelle, wie auch gemeinschaftliche, vor allem solidarische (Mit-) Verantwortungsübernahme ab.

normale.at trägt damit dem stetig steigenden Bedarf an Orientierung, Bewertung und Hilfe zur eigenständigen Urteilsbildung Rechnung. Neben der Auseinandersetzung mit medienspezifischen Codierungen wird den Heranwachsenden die Chance der Beschäftigung mit der Frage des politischen Handelns, der Herstellung von Politik selbst, wie auch der Darstellung von Politik gegeben.

Nach über einem Jahrzehnt privat-wirtschaftlicher Arbeitserfahrung in den Bereichen Filmproduktion, Veranstaltungsorganisation und Internet-Datenbanken ist Barbara Waschmann als ein, in Zusammenhängen denkender, neutraler Informations-, Vernetzungs- und Koordinationsknoten in der Zivilgesellschaft auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene engagiert. Die Unabhängigkeit von Organisationen und Institutionen garantiert ihr dabei die freie Sicht, die ein solches Unterfangen benötigt. Barbara Waschmann ist in Kontakt mit Filmschaffenden, Medien-AktivistInnen, Filmkollektiven, Medienbildstellen und internationalen Filmfestivals, wodurch sie Dokumentarfilme zu gesellschafts- und wirtschaftspoltisch relevanten Themen programmiert. Seit 2003 ist sie Initiatorin und Koordinatorin der „Normale« und entwickelte in Zusammenarbeit mit Silvia Santangelo Jura (globalista) und Renate Schreiber die Programmleiste «Junge Normale» für 8-18 Jährige.

Tags

dokumentarfilme, normale.at