Praxis

2/2009 - Computerspiele

13. wienervideo&filmtage

Unsichere Zeiten - kraftvolle Filme

AutorInnen: Anu Pöyskö / Gabriele Mathes

Jugendeigene Kurzfilmproduktionen geben einen authentischen Einblick in das Heranwachsen in einer (über)komplexen Gesellschaft.

An fünf Festivaltagen präsentierten die 13. videoundfilmtage im Oktober 50 Kurzfilme von Jugendlichen - nicht wenige davon feierten ihre Premiere im Rahmen des Festivalprogramms. Eröffnet wurde das Festival mit der Fake-Doku "Das Geheimnis der Pallas Athene. Hinter den Kulissen der Demokratie", die ein intelligentes Spiel mit den Sehgewohnheiten des Publikums trieb. Begleitet von einer Live-Kamera, die sowohl vorproduzierte (also "gefakte"), als auch tatsächlich live aufgenommene Bilder auf die Kinoleinwand übertrug, stürmten die vier jungen FilmemacherInnen (Noemi Amadori, Benjamin Freundorfer, Jakob Nimmervoll und Rosalind Kriegl - scheinbar - gegen den Willen der Festivalleiterin die Bühne und setzten durch, dass ihre brisante politische Reportage - anscheinend auch gegen den Willen des gefesselten und geknebelten Filmvorführers - gezeigt wurde. Ihr Video macht bewusst, dass Politik nichts weiter als eine mehr oder minder geschickt gemachte Inszenierung sein könnte. Als das Publikum nach dem Abspann per Live-Kamera mitverfolgen konnte, wie die vier AufdeckungsjournalistInnen von geföhrlich aussehenden Männern mit schwarzen Sonnenbrillen direkt aus dem Kino geschleppt und in einen Van verfrachtet wurden, hatte sich die Doku zu einem Thriller entwickelt. Was ist wahr und was gefälscht?  Welche Bilder zeigen tatsächlich stattgefundenes Geschehen und welche eine inszenierte, manipulierte Realität? Das Publikum diskutierte diese Fragen nach der Premiere angeregt im Foyer.

Kurzfilme von Jugendlichen spiegeln deren Lebensgefühl wieder: wer in einer komplexen, kontingenten Gesellschaft aufwächst, beschäftigt sich intensiv mit Unsicherheiten. Alles scheint offen, alles möglich zu sein - in der Praxis müssen junge Menschen aber oft erleben: "Nichts geht mehr!"  Dieses Gefühl von "Unter Druck stehen" thematisierten junge FilmemacherInnen heuer in Thrillern und Horrorfilmen. Die jungen RegisseurInnen erzeugen hierbei keinen angenehmen Nervenkitzel, sondern zeichnen Situationen beklemmender Orientierungs- und Auswegslosigkeit. In "background" beispielsweise strandet ein oberflächlicher junger Egozentriker auf unerklärliche Weise im Wald und muss erkennen, dass er auf die Hilfe anderer angewiesen ist, um aus der scheinbar ausweglosen Wildnis zu entkommen. In "the experiment" wird ein junger Mann Opfer einer Reihe von offenbar grundlosen, zunehmend grausamer werdenden psychologischen Versuchen. Als Angstraum (= Drehort) dienen dabei die nächtlich leeren Gänge der Wiener U-Bahn. In "Heute früh im Wald", einem von "The blair witch project"-inspirierten Kurzfilm, beginnt das Grauen nur einen Steinwurf vom Waldrand entfernt.

Es mag auch ein Zeichen der Krise sein, dass es im heurigen Festivalprogramm so viele Liebesfilme gab wie noch nie. Man sucht und erhofft sich Halt in Beziehungen - findet sie aber nur schwer oder gar nicht. Ein Mädchen gibt sich zuletzt damit zufrieden, voller Zuversicht auf die große Liebe zu warten ("Bis wir uns wiedersehen"), ein anderes stürzt von einer destruktiven Beziehung in die nächste ("Die Ausweglosigkeit der Liebe"). Ein Junge lernt erst durch den Tod seiner Freundin zu seinen Gefühlen zu stehen ("Dann war sie nicht mehr da"). In "Warten" und "Eva", kleinen, treffsicheren Skizzen, beschreiben junge FilmemacherInnen die Schwierigkeiten der Beziehungsanbahnung. Um mit den Worten von Andreas Wappel, Regisseur von "Eva" zu sprechen: Sein Film ist "A lesson for a young boy about the art of making contact with the most feared creature on the planet: a teenage girl."

Erstmals gab es bei den video&filmtagen Produktionen, die mediatisierte Identitäten zum Thema machen: "King_Harry" spielt mit der Diskrepanz zwischen virtuellem und reellem Ich des Protagonisten: Abends der smarte Star einer online-Pokerrunde, ein Siegertyp. IRL (In Real Life) Straßenkehrer, eher einsam und ziemlich uncool.

Was die video&filmtage auszeichnet, ist das professionelle Feedback, das jede einzelne Produktion erhält. Vier Juryteams standen den jungen FilmemacherInnen als wohlwollende, kritische Stimmen zur Verfügung. Neben FilmstudentInnen wie Judith Zdesar, Christoph Rainer und Clara Stern gaben Filmprofis ihr Bestes, um die jungen RegisseurInnen mit kompetentem und kritischem Feedback zum Weitermachen zu ermuntern. Heuer (u.a.) dabei: Ines Häufler (Film- und Fernsehdramaturgin), Marco Antoniazzi (Regisseur), Ursula Wolschlager (Produzentin) und Karl Markovics (Schauspieler). Das Sprechen über Filme findet bei den video&filmtagen auf hohem Niveau statt. Gesprächskultur wie sie hier in der Diskussion zwischen FilmemacherInnen, Jury und Publikum im Kinosaal gepflegt und geübt wird, macht jedes Screening zu einer spannenden Sache.á Für die JurorInnen ist das Feedbackgeben in einer Live-Situation, - quasi ohne Netz - keine leichte Aufgabe, denn auch die jeweils vierköpfige Jury sieht den Film - wie das Publikum - zum ersten Mal im Kinosaal und sie muss unmittelbar im Anschluss an die Vorführung ihre Kommentare abgeben.

Das Juryfeedback soll ehrlich sein, aber kritisch. Konstruktiv sein, aber auch nicht lobhudelnd. Das Gespräch sollte sich einschwingen auf die Wellenlänge jeder Arbeit und sich dabei auf die spezifischen Produktionsbedingungen jeder einzelnen Produktion einstellen. Denn ein Klassenprojekt, bei dem die Kamera durch viele Hände gegangen ist benötigt ein anderes Feedback als der dritte Spielfilm einer jungen Filmemacherin, die knapp vor der Aufnahmeprüfung an der Filmakademie steht. Das Gespräch mit einer Gruppe vor Nervosität zappeligen Kids zwischen 10 und 12 Jahren, die in den Osterferien ihr erstes Video gedreht haben, muss anders aussehen als die Diskussion mit einem Dokumentarfilmer Anfang 20, der eine politische Reportage im Palästinensergebiet gedreht hat. Wie gesagt - diese Aufgabe ist mitunter nicht leicht zu bewältigen, aber wenn es gelingt - und es ist bei diesen 13. video&filmtagen jeden Tag von Neuem gelungen - ist das Dabei-Sein ein Erlebnis: die Gespräche sind spannend, nicht nur für die FilmemacherInnen auf der Bühne. Man hätte eine Stecknadel im Kinosaal fallen hören können, so konzentriert war die Stimmung im Saal. Und weil es auch Spaß macht, so leidenschaftlich über Filme zu sprechen, vergaß sogar manch eine(r) darauf, die letzte U-Bahn nach Hause zu nehmen.

Auf der Pinnwand neben dem Eingang wächst während des Festivals die Zahl der "Feedbackkarten" täglich. Hier kann jede(r), der/die sich im Kinosaal nicht zu Wort gemeldet hat, seine/ihre Meinung zum Film posten. Die Feedbackkarten werden nach dem Festival von uns an die einzelnen FilmemacherInnen geschickt. Sie finden möglicherweise einen Platz über dem Schreibtisch der Filmemacherin/ des Filmemachers - dort wo die Ideen für das nächste Projekt schon warten. So eine Feedbackkarte kann Mut machen, denn es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass es Leute gibt, die gut finden was man fabriziert hat und dass es daher auf jeden Fall Sinn macht, weiter Filme zu machen.

Die Kurzfilme, die bei den video&filmtage gezeigt werden, entstehen vorwiegend als sogenannte "freie Produktionen" - es sind Filmprojekte, die Jugendliche und junge Erwachsene eigeninitiativ in ihrer Freizeit umsetzen. Diese freischaffende junge Videoszene ist in Wien sehr aktiv und es ist eines der obersten Ziele des Festivals, die Vernetzung der jungen FilmemacherInnen untereinander zu fördern und ein Ort zu sein für Kontaktaufnahme und Vernetzung untereinander. Dass dies gelingt, zeigt sich jedes Jahr darin, wie aus Festivalbekanntschaften neue Filmteams entstehen. Darüber hinaus nehmen jedes Jahr viele junge Teams die video&filmtage zum Anlass, es mit Kurzfilm zu versuchen. Mit den Worten einer 2009-Ersteinreicherin: "Ich war letztes Jahr hier wegen dem Film einer Freundin. Es hat mir gut gefallen und so habe ich damals fest beschlossen, das nächste Mal mit einem eigenen Film dabei zu sein."

Ein Teil der FilmemacherInnen (von Wiener EinreicherInnen knapp die Hälfte) kennt im Vorfeld die Unterstützungsmöglichkeiten durch das wienXtra-medienzentrum und nimmt sie in Anspruch. Sie nutzen den für sie kostenlosen Geräteverleih und die betreuten Schnittplätze, lassen sich bei ihren Projektvorhaben beraten und lesen filmpraktische Literatur aus der mz-Bibliothek. Viele organisieren sich ihre Produktionsmittel privat - was zunehmend einfacher wird. Eine wichtige Rolle spielen - insbesonders bei den Jüngeren - die Eltern, die das Filmschaffen ihrer Kinder als gute, kreative Beschäftigung begreifen und es aktiv unterstützen.

Die nächsten video&filmtage können bereits in den Kalender eingetragen werden: sie finden vom 13.10. bis zum 17.10 2010 statt. Das medienzentrum freut sich auf jede Menge Einreichungen bis Ende August 2010.

 

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kurzfilme, filmtage