Kultur - Kunst

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Rezension: Kuratieren als antirassistische Praxis

von Natalie Bayer, Belinda Kazeem-Kamiński & Nora Sternfeld (Hg.)

AutorIn: Paula Pfoser

Paula Pfoser bereichert unser Ressort Kultur und Kunst mit einer bemerkenswerten Rezension zur konkreten Praxis des Kuratierens und dem aktuell sehr wichtigen Aspekt einer Kunstproduktion im Sinne des Antirassismus ...

Verlag: de Gruyter
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-11-054365-0


Cover: Kuratieren als antirassistische Praxis
Natalie Bayer, Belinda Kazeem-Kamiński, Nora Sternfeld (Hg.)
Quelle: Amazon

"Offener Dialog" mit dem Publikum, Berücksichtigung "möglichst vieler Stimmen" und "Selbstkritik" gegenüber den Sammlungspolitiken der Vergangenheit: Die Paradigmen, denen sich das im Herbst wiedereröffnete Weltmuseum Wien verschieben hat, klingen eigentlich nach einem postkolonialen Musterschüler. Es sind Institutionen wie diese, bei denen der von Natalie Bayer, Belinda Kazeem-Kamiński und Nora Sternfeld herausgegebene Band "Kuratieren als antirassistische Praxis" ansetzt. Nach gut zwei Jahrzehnten sei, so die im Band vorgenommene Skizze des Status quo, die Repräsentationskritik im Museum angekommen. Doch wie tief greift sie?

"Wohin gehören die Verstorbenen?" lesen wir auf einer der Schautafeln im Weltmuseum Wien. Keine zehn Meter davon entfernt steht, darauf antwortend, eine Vitrine mit einer "Kopftrophäe". Geht man nach den Herausgeberinnen, ist das mitnichten überraschend –  und auch andere, weniger in die Öffentlichkeit getragene rassistische, degradierende oder Differenz markierende Handlungen in Kulturinstitutionen sind das nicht. Das Museum sei, so konstatieren die Herausgeberinnen einleitend, nach wie vor ein "unbehaglicher Ort": Es folge ungebrochenen "hegemonialen Blick- und Zeigeregimen", rufe "ethnonational und sozialprivilegierend" Gemeinschaften an und lasse Ausschlüsse, Gewalterfahrungen, Selbstermächtigungsprozesse "seltsam unthematisiert". Es wisse weiters zwar durchaus das Vokabular postkolonialer Museumstheorie zu bedienen und habe die "Migrationsgesellschaft" zur Agenda von Vermittlungsprogrammen oder thematischen Schwerpunkten gemacht – aber der Rassismus, er sei "mitnichten überwunden". Und hinter der, wie es etwa das Weltmuseum formuliert, "Berücksichtigung möglichst vieler Stimmen" stehe in aller Regel ein "an staatliche Integrationsagenden gekoppeltes Partizipationsparadigma" mit neuen Ein- und Ausschlussmechanismen. All das sei, so die Herausgeberinnen, auch der Status quo.

Der Band begnügt sich jedoch nicht damit, dies und dahinter liegende "hartnäckige Strukturen" genauer zu analysieren, sondern stellt vor allem die Frage nach einer mit diesen Praktiken brechenden kuratorischen bzw. künstlerischen Praxis. Die dazu versammelten Beiträge sind bewusst sehr heterogen und stehen für verschiedene Wissens- und Praxisformen. Konkret ist der Sammelband in vier Abschnitte unterteilt, die jedoch eher häufig ineinander greifen, als dass sie um allzu große Trennschärfe bemüht wären. Der erste Teil versammelt vor allem Ansätze einer antirassistischen Praxis in den Kulturinstitutionen; der zweite, am dünnsten ausfallende Part, beschäftigt sich im Kern mit "uneingeladenen" Strategien der Intervention. Im dritten Kapitel werden vor allem konkrete Projekte und Räume vorgestellt sowie Begriffe diskutiert (etwa der der "Black and People of Colour" oder des "Exotismus"), während es im vierten Teil vorrangig um künstlerische Arbeiten mit antirassistischer Perspektive geht.

Am Beginn steht ein Gespräch der Herausgeberinnen, das den Parcours des Sammelbandes absteckt. "Antirassistisches Kuratieren" wird zunächst, wie es heißt, "pragmatisch" als ein Gegenstand definiert, der "die Forderung nach Gleichheit ernst" nehme. Stärker ausbuchstabiert heißt das in der Folge vor allem Zweifaches: Bruch mit etablierten Erzählmustern ("Die Kritik ist nicht unsinnlich") und eine radikale Öffnung in der Zusammenarbeit, die auf eine Umverteilung von Ressourcen und Veränderung von Strukturen abzielt und prozessorientiert vorgeht. Daran anschließend meinen auch Natalie Bayer und Mark Terkessidis in ihrem Beitrag, dass der Trend zur Partizipation nicht bei "Nice to Have" haltmachen dürfe. Die beiden machen sich für ein "Don’t get over it, if you are not over it" (Sara Ahmed) stark und halten fest, dass die teils aus den 1970er stammenden Forderungen nur dann obsolet sind, wenn sie auch erfüllt wurden.

Unter den experimentelleren Beiträgen sticht vor allem Belinda Kazeem-Kamiński poetisch-scharfsichtiger Text "Unearthing. In Coversation" hervor, der sich die kolonialen Fotografien des österreichischen Ethnografen Paul Schebesta zum Gegenstand macht. Kazeem-Kamińskis Versuch, sich nicht an der "Auslöschung" der auf den Fotografien abgebildeten Menschen zu beteiligen, sie nicht, wie so oft, zum Verstummen zu bringen, sondern ihre "eindringlichen Echos" hörbar zu machen, ist in seiner Bereitschaft, sich auf schwieriges, zu Fehlern verleitendes Terrain zu bewegen, herausragend.

Besonders lesenswert sind darüber hinaus die Konversation zwischen Nuray Demir und Nanna Heidenreich, die sich unter anderem mit Strategien gegen den Exotismus in der bildenden Kunst beschäftigen; Katharina Moraweks Reflexion des Projekts "Die ganze Welt in Zürich" der Shedhalle Zürich sowie Thomas J. Lax‘ Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeiten von Steffani Jeminson, Faith Ringgold und Kerry James Marshall, die, so der Autor, "im Moment der Krise" Raum anbieten, um eine dringend benötigte "gesellschaftliche Vorstellungskraft in uns zu entfachen".

"Kuratieren als antirassistische Praxis" versammelt 18 Beiträge – darunter Analysen von Kunstwerken, Berichte von Ausstellungsprojekten, Gespräche zwischen AktivistInnen KünstlerInnen und TheoretikerInnen, Strategien der Intervention, theoretisches Unterfutter und ein mögliches Zukunftsszenarium – verfasst von 23 AutorInnen. Die Vielstimmigkeit, oftmalige Prozessorientierung und die Bereitschaft zum Experiment machen die Lektüre nicht nur äußerst lohnenswert, sondern demonstrieren auch überzeugend, wie eine antirassistische Kuratierung konkret aussehen könnte: Bayer, Kazeem-Kamiński und Sternfeld haben das Thema konsequent zum Prinzip ihrer Herausgeberschaft erkoren.

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kuratieren, antirassismus