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Rezension: Das Buch der verlorenen Bücher

von Giorgio van Straten

AutorIn: Sophie Emilia Seidler

Was geschah mit Hemingways Jugendwerk? Wieso existiert nur ein Band von Gogols "Toten Seelen"? Giorgio van Straten begibt sich auf detektivische Spurensuche nach acht literarischen Meisterwerken, die vernichtet, verloren und verbrannt wurden – und Raum für Spekulationen geben …

Verlag: Suhrkamp Insel
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-458-17728-9


Cover: Das Buch der verlorenen Bücher
von Giorgio van Straten
Quelle: Suhrkamp Insel

Spätestens seit Umberto Ecos Der Name der Rose übt der Gedanke, verschollene Bücher aufzufinden, Faszination auf leidenschaftliche LeserInnen aus. Selten gelingt es, verlorengegangene Meisterwerke in Archiven, auf Palimpsesten, zerknitterten Manuskripten zu entdecken, wie es jüngst mit Alexandre Dumasʼ unveröffentlichtem Roman Der Graf von Sainte-Hermine geschah, der 2005 unverhofft im Zeitungsmagazin der Bibliothèque Nationale aufgespürt wurde. Giorgio van Straten, Leiter des Italienischen Kulturinstituts in New York sowie der Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti, berichtet in seinem Band von der Suche nach acht verschollenen Meisterwerken. Diese grenzt er in seinem einführenden Kapitel von vergessenen oder nie entstandenen Büchern ab, indem er seinen Untersuchungsgegenstand definiert als "Bücher, die der Autor geschrieben hat, auch wenn er sie manchmal nicht zum Abschluss bringen konnte; [...] Bücher, die jemand gesehen, womöglich auch gelesen hat, und die dann zerstört wurden oder von denen man nie mehr etwas gehört hat."

Mit kriminologischer Liebe zum Detail und spürbarer Faszination für Mysteriöses verfolgt van Straten die Spuren der Texte, die teils verbrannt, teils vernichtet, teils gestohlen dem rätselhaften Verschwinden anheimgefallen sind. Die meisten Opfer der ungelösten Fälle findet der Autor im 20. Jahrhundert, einer Zeit, in der Textüberlieferung – etwa im Gegensatz zur Antike – unter normalen Umständen kein Problem darstellt: Ernest Hemingway (1922), Walter Benjamin (1940), Bruno Schulz (1942), Malcolm Lowry (1944), Sylvia Plath (1963), Lord Byron (1824), Nikolai Gogol (1852) und Romano Bilenchi (2010) bestätigen als Ausnahmen die Regel, dass einerseits handschriftlich verfasste Manuskripte besser gehütet werden, andererseits die Gefahr des unwiederbringlichen Verschwindens von Geschriebenem im digitalen Zeitalter durch diverse Speicherungsmöglichkeiten minimiert (wenn auch nicht zur Gänze verunmöglicht) wird, wie der Autor mit Freude am Fabulieren ausführt: "Und doch scheint mir, dass gerade das Immaterielle in manchen Fällen genauso anfällig ist wie das gute alte Papier und dass diese Schiffe, die wir hartnäckig mit ihrer Wortfracht aufs offene Meer hinausschicken, damit jemand sie bemerkt und in seinem Hafen aufnimmt, in der Unendlichkeit des Universums verschwinden können wie Raumschiffe, die sich immer schneller von uns entfernen."

Im Zuge seiner Recherchearbeit erkennt van Straten gleichsam komparatistische Querverbindungen – "merkwürdige Beziehungen" – zwischen den Büchern, die auf den ersten Blick nichts gemein haben: "zum Beispiel zwischen Romano Bilenchi und Sylvia Plath (ein unvollendetes Buch und ein Ehepartner, der für sie entscheidet), zwischen Walter Benjamin und Bruno Schulz (im selben Jahr geboren, beide Juden und beide mit ihren letzten Büchern im Krieg verschwunden) oder zwischen Nikolai Gogol und Malcolm Lowry (beide wollten auf ihre Weise eine Göttliche Komödie schreiben, und es ist ihnen nicht gelungen." Trotz wiederholt geäußertem Bedauern über den Verlust der Bücher und trotz der Hoffnung, "dass vielleicht irgendwo irgendjemand …" weiß van Straten aber, wie er in seiner Einführung schreibt, den Mehrwert des Verschwindens bis zu einem gewissen Grad zu schätzen: "Am Ende der Reise habe ich bemerkt, dass die verlorenen Bücher etwas haben, was die anderen nicht besitzen: Sie lassen uns Lesern die Möglichkeit, sie uns vorzustellen, sie zu erzählen, sie neu zu erfinden."

Gänzlich frei von Sentimentalität und Melancholie bleibt van Straten jedoch nicht, wenn er beispielsweise die Geschichte von Hemingways Frühwerk erzählt, das dessen Frau Hadley Richardson, während sie sich etwas zu trinken holte, 1922 unbeaufsichtigt in einer Reisetasche im Zugabteil liegen ließ – die Reisetasche wurde in dem kurzen Zeitraum gestohlen und auch durch Ankündigung eines großzügigen Finderlohns nicht wieder refundiert. Auch bei Gogols zweitem Band der Toten Seelen – von Gogol selbst unter unklaren Umständen dem Feuer übergeben – scheut der Autor nicht, sich in Gogol sowie Figuren seines Umfelds hineinzuversetzen und neben fundiert recherchierten Theorien auch subjektive Mutmaßungen über den Tathergang zu äußern: "Wenn ich versuchen soll, zusammenfassend die Lage zu beschreiben, in der Gogol sich befand, würde ich sagen: Es waren seine religiösen Ideale, die dazu führten, dass er sich mit seinem Werk am Dante’schen Vorbild einer Erlösung nach dem Abstieg orientierte, es war die Treue zu seiner Kunst, die ihn bewog, alles zu eliminieren, was nicht die Qualität erreichte, die er von sich verlangte."

Zweifelsfrei liest sich van Stratens essayistischer, Spannung erregender Stil leicht und angenehm, der Lesefluss wird nicht durch Anmerkungen gestört, wodurch in Kombination mit dem abenteuerlichen Stoff einmal mehr der Eindruck detektivischer Kurzprosa entsteht. Der kurz gehaltene Anmerkungsteil (ohne genaue Seitenangaben) lässt jedoch eingehende Sekundärliteratur vermissen, den Großteil der Quellen bilden Selbstäußerungen der Autoren (beispielsweise ein Brief Sylvia Plaths an ihre Mutter oder Tagebucheinträge Leo Tolstojs, in denen er sich über Gogol äußert) und Gespräche mit literaturinteressierten FreundInnen des Autors, sämtliche aus dem italienischsprachigen Raum. Eine geschulte Leserschaft würde sich fundiertere Belege zu den erzählten Buchschicksalen wünschen, ein Index würde zur Orientierung nützen. Van Stratens Versuch liegt jedoch darin, mit dem Band ein breiteres Publikum für literaturwissenschaftliche Fragestellungen zu begeistern, und das ist freilich die nicht zu unterschätzende Stärke des Literaten.

Tags

verlorene bücher, hemingway, gogol, benjamin