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Rezension: Martin Heidegger/Karl Löwith: Briefwechsel 1919-1973

von Alfred Denker (Hg.)

AutorIn: Benedikt Schätz

Benedikt Schätz rezensiert den erstmals veröffentlichten Briefverkehr zwischen Martin Heidegger und Karl Löwith, der einen Einblick in eine Welt der philosophischen Diskussionen, aber auch in eine Welt unterschiedlicher, persönlicher Standpunkte gibt …

Verlag: Karl Alber
Erscheinungsort: Freiburg
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-495-48628-3


Cover: Martin Heidegger / Karl Löwith: Briefwechsel 1919-1973
von Alfred Denker (Hg.)
Quelle: Verlag Karl Alber

Martin Heidegger gilt als einer der wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Die heutige philosophische Diskussion wäre ohne ihn eine andere. Vor allem der französisch-deutsche Diskurs des 20. Jahrhunderts, dessen Wirkung noch nicht verebbt, sondern in Entfaltung begriffen ist, verdankt Heidegger wichtige Impulse, wenn nicht sogar sein Fundament. Anders liegt die Rezeptions- und Wirkungslage bei Karl Löwith, einem Schüler Heideggers. Im Gegensatz zur Rezeptionsgeschichte von Hannah Arendts Werk, das in der heutigen Diskussion außerhalb philosophischer Fachkreise geläufig ist, fand Löwiths Arbeit bislang keinen Eingang in den allgemein bekannten Pantheon, obwohl seine Schriften in den 1980er Jahren in einer neunbändigen Ausgabe editiert wurden und viele seiner Texte auch in Einzelausgaben erhältlich sind. Der erstmals veröffentlichte Briefwechsel ist ein willkommener Versuch diese Schieflage zu nivellieren, da dieser auf Löwith aufmerksam macht und überdies dazu einlädt seine Schriften erneut zu lesen.

Die Publikation einer Korrespondenz weckt nachvollziehbar verschiedene Erwartungshaltungen, die von potenziellen RezipientInnen in Hinsicht auf Inhalt und Ergiebigkeit gestellt werden. Unter diesen Erwartungshaltungen sind diejenigen die plausibelsten, die den Briefverkehr als ein Dokument philosophischer Diskussion, als Quelle zeitgeschichtlicher Gegebenheiten oder als Zeugnis persönlichen Austauschs sehen. Naturgemäß nimmt in diesem Schriftwechsel die Diskussion über wissenschaftlich-philosophische Themen einen breiten Raum ein, zugleich gibt er Einblick in den persönlichen Lebensraum der beiden Autoren, vor allem in das Lehrer-Schüler-Verhältnis in Bezug auf die Betreuung von Löwiths Habilitationsschrift. Zeitgeschichtlich ist die Korrespondenz nur punktuell erhellend, da viele brennende Themen dieser Zeit außen vor gelassen werden. Ebendies drückt sich auch in Anzahl und chronologischer Streuung der Briefe aus; von 124 erhaltenen Dokumenten sind 105 bis 1933 datiert, nur mehr 19 wurden zwischen 1933 und 1973 verfasst, was auf eine sporadische Fortsetzung eines rege begonnen Austauschs hinweist. Diese Verteilung kann keinesfalls als zufällig hingenommen werden, da das Jahr 1933 von Löwith als großer Einschnitt erlebt wurde. Zeugnis davon gibt er in "Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933 – Ein Bericht", in dem Löwith eindrucksvoll darlegt, wie sein Leben zunehmend aufgrund seiner jüdischen Abstammung von äußeren Umständen diktiert wird. Dort heißt es: "1933 verlangte von mir keine eigene Entscheidung; sie ergab sich zwangsläufig von selbst durch die jetzt vergessenen, aber 1935 möglich gewesenen und im Handumdrehen ausgeführten Nürnberger Gesetze. Die Emigration führte mich durch eine Reihe glücklicher Zufälle, die man gern Schicksal nennt, über Rom nach einer japanischen Universität." Nachdem seine Anstellung auch dort unsicher wurde, ging Löwith von Japan (Sendai) in die Vereinigten Staaten, wo er in Hartford und New York lehrte; 1952 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er fortan einen Lehrstuhl in Heidelberg innehatte. Löwiths glimpflich verlaufenes Leben spiegelt somit eine Reihe der Verwerfungen des 20. Jahrhunderts wider. Der acht Jahre ältere Heidegger – um nur Schlagworte zu nennen, die im Folgenden von Belang sind – war von 1919 bis 1923 Assistent von Edmund Husserl, wurde 1933 zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, trat aber bereits 1934 vom Rektorat zurück. Um die Ungleichheit seiner Rolle zu verdeutlichen, sei angemerkt, dass er aufgrund seines nationalsozialistischen Engagements von 1946 bis 1949 mit einem Lehrverbot belegt wurde. Die grundlegende Verschiedenheit der beiden Charaktere lässt Neugier auf den zeitgeschichtlichen Aspekt des Briefwechsels wachsen, dieser ist aber in dieser Hinsicht merkwürdig dünn. Weder von Löwiths, noch von Heideggers Seite werden politische Entwicklungen angesprochen oder gar eine Stellungnahme des Gegenübers eingefordert.  Zudem geht Heidegger auch nicht auf die seine Person und sein Werk betreffenden kritischen Veröffentlichungen Löwiths ab den 1950er Jahren ein. Als zeitgeschichtliches Dokument spricht der Briefwechsel vor allem durch die Leerstelle, die durch ein Ausdünnen der Korrespondenz ab 1933 entsteht.

Betrachten wir den Briefwechsel als philosophisches Dokument, finden sich viele Hinweise auf einen gegenseitig befruchtenden Austausch. Auffallend ist unter anderem ihre gegenseitige charakterlich-wissenschaftliche Einschätzung, die über visionäre Weitsicht verfügt. In frühen Jahren deuteten Heidegger wie Löwith ihr Gegenüber bereits vor dem Verfassen der Hauptwerke und der Entfaltung des jeweiligen Stils mit erstaunlicher Prägnanz. Löwith, der mit seinem berühmtesten Werk "Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts" eine Studie vorlegte, die vor philosophiehistorischer Finesse glänzt, fand in der Aufarbeitung philosophiehistorischer Zusammenhänge und Entwicklungen zu sich selbst. Seine Habilitationsschrift "Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen" weist noch nicht den klaren philosophiehistorischen Impetus der späteren Werke auf, vielmehr finden sich noch vielfältigere Ambitionen, deren Charakter von der Idee einer Analyse des Mitseins des Menschen mit Anderen getragen ist. Seltsam zeitgemäß wirken dort viele Passagen noch heute, vor allem weil Löwith das Phänomen des Mitseins auf unterschiedliche Weisen ergründet. Unter anderem ist es die thematische Orientierung – die sich systemisch-methodisch wenig einschränkt und sich an phänomenologischen, philosophiehistorischen wie auch literaturwissenschaftlichen Analysen abarbeitet –, die dieses Werk zeitgemäß wirken lässt. Bemerkenswert aktuell wirken die Analysen, wenn sich Löwith dem italienischen Autor Luigi Pirandello zuwendet und anhand des schauspiels "Sechs Personen suchen einen Autor" (1925) der Ursprünglichkeit bzw. der Geltungsstrukturen einer mit-weltlichen Koexistenz nachspürt.

Heideggers 1928 verfasstes Gutachten zur Habilitationsschrift erkennt die Stärken des frühen Löwith derart exakt, als erkenne er bereits eine vorgezeichnete Bahn, die Löwith in Entfaltung seines späteren Stils abzuschreiten hätte: "Die Arbeit zeigt in ihrer ganzen Anlage und Durchführung eine wissenschaftliche Selbständigkeit, die über den Durchschnitt der Habilitationsschriften im Fach Philosophie wesentlich hinausgeht. Selbst das Verhältnis zur phänomenologischen Forschung ist nirgends schülerhaft und äußerlich; zuweilen sogar eher übertrieben selbstständig, so daß die Kritik an Schelers und meinen eigenen Untersuchungen nicht überall zum Positiven vordringt. Das Hauptgewicht der Arbeit liegt weniger im systematischen Aufbau als in der eindringlichen Durchführung konkreter Einzelanalysen und den historischen Interpretationen." Heidegger sieht somit schon die Stärke Löwiths, die darin liegt, Thesen zur erkennen und in einen historischen Kontext zu setzen, obwohl die Habilitationsschrift methodisch facettenreich und nur ein begrenzter Raum dieser Thematik gewidmet ist.

Vice versa richtet Löwith im Februar 1921 als Teilnehmer an Heideggers Seminaren das Folgende an diesen: "Sie 'bohren' mir, offen gesagt, manchmal zu viel und zu oft an derselben Stelle. […] [A]ber manchmal kommt es mir vor, dass ein noch Husserlisch-infizierter Rest von Scharfsinnigkeit Sie dazu verleitet, an einer Stelle hartnäckig weiter zu bohren, wo Ihr Bohren schon auf Land gestoßen ist und aus dem Bohren ein Sich-verrennen werden kann." Wenn wir der Formulierung "Sich-verrennen" nicht zustimmen, ist es doch ein Zug des Heideggerschen Denkens, sich lange mit einer Thematik zu befassen, sich phänomenologisch in Details zu verhaken und aus diesen Nuancen zu extrahieren, die mitunter überraschende bis abgründige Noten in sich tragen. Die Redewendung "dicke Bretter bohren" steht für die Arbeit an schwierigen Problemen, die nur mit viel Beharrlichkeit und Geduld gelöst werden können. Heidegger dringt zuweilen in Sphären vor, denen unvorbereitete Leser nur schwerlich folgen können. Dieser Zug von Heideggers Stilistik spitzt sich im Spätwerk noch zu; während "Sein und Zeit" (1926) noch als mögliche Einstiegslektüre in die Phänomenologie insgesamt gelten kann, liegen im etwa ein Jahrzehnt später ausgearbeiteten zweiten Hauptwerk "Beiträge zur Philosophie: (Vom Ereignis)" phänomenologische Studien vor, die sich durch eine bis heute frappierende tiefgreifende Analyse und Aufarbeitung auszeichnen. Wir sehen somit, dass jeder der Briefpartner den jeweils andern schon Jahre vor dem Erscheinen des jeweiligen Hauptwerks treffend charakterisierte.

Unzählige Überraschungen bietet der Briefwechsel, sobald er als ein Dokument persönlichen Austauschs – im Sinne einer Lehrer-Schüler-Korrespondenz – gelesen wird. Erstaunlich offen, teilweise bis zur Kaltschnäuzigkeit direkt, verfahren Löwith und Heidegger mit ihrem akademischen Umfeld. Unnachvollziehbare fachliche wie menschliche Verachtung tritt zutage, wenn etwa das Wort auf Heideggers früheren Mentor Edmund Husserl fällt, den die beiden meist "den Alten" nennen. In Bezug auf eine Publikation, die Heidegger vorbereitet, schreibt er, dass er von Husserl keine Unterstützung mehr zu erwarten hätte, wenn diese veröffentlicht würde: "Vermutlich merkt der Alte dann wirklich, daß ich ihm den Hals umdrehe – und dann ist es mit der Nachfolgerschaft aus." Überhaupt spricht er Husserl jegliche fachliche Kompetenz ab: "Husserl war nie auch nur eine Sekunde seines Lebens Philosoph. Er wird immer lächerlicher." Nicht nur für Husserl, auch für das übrige akademische Umfeld, insbesondere für die Studenten, die einem späteren Jahrgang als Löwith angehören, findet Heidegger kein gutes Wort. In seiner Darstellung sind diese "Gemüse" bzw. "Leichen", die zu keiner philosophischen Leistung fähig sind, ihm aber im Falle eines Ortswechsels wie eine Schülerschar folgen würden. Für diejenigen, die nicht wie Löwith dem ersten Kreis von Studenten angehören, sondern späteren Jahrgängen, hegt Heidegger Geringschätzung; das trifft insbesondere auf einen Dr. Gadamer zu, der in den folgenden Jahren aus Heideggers Schatten trat, indem er in der philosophischen Hermeneutik neue Wege beschritt. Heidegger charakterisiert den jungen Gadamer wie folgend: "[V]orläufig sehe ich nichts Positives bei ihm. Redet Begriffe und Sätze nach [...] Ich werde mich unbedingt dazwischen stellen, wenn es zu einer schnellen Habilitation kommen sollte." Worin diese allgemein geringschätzige Haltung gründet, wird anhand der Korrespondenz nicht deutlich; weder aus den Briefen noch durch den Anmerkungsteil, erschließt sich eine mögliche Ursache für diese ausufernden Umgangsformen bar jeder Etikette.

Zwischen diesen Exkursen wird der Austausch wiederkehrend tiefgreifender, sobald er persönliche Ebenen berührt, die auch die inhaltliche Arbeit der beiden einschließt. Da in dieser Hinsicht beide zu aufrichtigen Bekenntnissen bereit sind, gibt der Briefwechsel Einblicke in ein Verhältnis, das von einem freundschaftlichen Gestus getragen wird. Heidegger wie auch Löwith thematisieren wiederholt ihre persönlichen Zugänge zur Philosophie und auch Zweifel, in ihrem Fachgebiet etwas bewirken zu können. Somit bringen sie insgesamt ein Bild ihrer Eigeneinschätzung zu Papier, das sich vom oben skizzierten Aburteilen des universitären Umfeldes, das zwischen der Diskussion inhaltlicher Thematik wie eine Negativfolie wirkt, abhebt. Um ein Beispiel herauszuheben, sei Löwith angeführt, der wie bereits erwähnt, in späteren Jahren mit philosophiehistorischen Studien brillierte, jedoch in frühen Jahren die Weichen für sich anders gestellt sieht. Einerseits hält er noch die Quelle philosophischer Inspiration in sich selbst für stärker als die der überlieferten Tradition; andererseits artikuliert er auch Zweifel an dieser: "Ob ich 'etwas zu sagen habe', kann ich mir nicht endgültig klar machen, ich weiß nur, dass es dem Inhalt nach im weitesten Sinne wohl 'psychologisch' sein wird, d. h. die wesentliche Quelle wird wohl aus Selbstreflexion entspringen."

Des Weiteren finden sich in der Korrespondenz Spuren eines engeren Kontakts; insbesondere gegenseitige Besuche werden per Brief- bzw. Postkartenverkehr arrangiert. Zum einen besucht Heidegger Löwith gelegentlich in seinem Elternhaus, umgekehrt kennt auch Löwith die Lebensumstände Heideggers sehr genau. Diesbezüglich zeichnen sich bereits in frühen Jahren Unterschiede ab: Anders als Heidegger, der sich schon früh etablieren konnte, ist Löwiths Leben länger von Unsicherheiten geprägt. Die Korrespondenz zeichnet die prekären Lebensumstände seines Werdeganges nach. Es ist der struggle for life, der Löwith während der Phase der akademischen Ambitionen – seiner Habilitation betreut und unterstützt durch Heidegger –, zu einer ständigen Suche nach potenziellen Erwerbstätigkeiten zwingt. Oftmals hofft er japanische Studenten als Sprachschüler unterrichten zu können oder auch auf Hauslehrerstellen, die er auch zeitweilig innehat; letztendlich ist es auch eine Stelle als Buchhandelsgehilfe, die ihn veranlasst nach Rom zu übersiedeln. Die Korrespondenz deckt sich in dieser Hinsicht stark mit seinem oben erwähnten Bericht und bringt hier wertvolle Einsichten.

Viel Raum in der Korrespondenz nimmt der Austausch über Löwiths Habilitationsprojekt ein, der hier der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht wird. Löwith nimmt in dieser Beziehung eine Sonderstellung ein, ist er doch einer von nur fünf Philosophen, deren Habilitation von Heidegger betreut wurde. Neben den philosophisch-inhaltlichen Problemen, die von Löwith zum Teil in Bezug auf Heideggers Seminare in Diskussion gebracht werden, sind es auch die Formalitäten des Prüfungs- und Zulassungsverfahrens, die beide auf dem Postweg abhandeln. Der etwa hundertseitige Anmerkungsteil des Bandes, der in erster Linie auf Lebens- und Werkdaten von Zeitgenossen eingeht – somit auf die Bedürfnisse von Lesern mit geringen Vorkenntnissen abgestimmt ist –, dient kaum zur Erläuterung oder Aufarbeitung der genauen Umstände dieses Verfahrens. Bleibt zu hoffen, dass diese Lücke in naher Zukunft von der Forschung geschlossen wird. Was der vorliegende Band aber hervorragend leistet, ist einen Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt zweier Vertreter der Weimarer Zeit zu liefern. Insbesondere in Hinblick auf Löwith ist das zu begrüßen, weil dieser in der zeitgenössischen Diskussion oftmals außen vorgelassen wird.

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löwith, heidegger, briefwechsel, weimarer republik