Neue Medien

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Rezension: All-American-Gothic Girl

von Johanna Braun

AutorIn: Johanna Lenhart

Geistermädchen auf der Spur: Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE eine Suche nach den medialen Geistern, die von Rechtssystemen produziert werden und stellt damit die jüngste Publikation von Johanna Braun vor …

Verlag: Passagen Verlag
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-70920-248-7


Cover: All-American-Gothic Girl
von Johanna Braun
Quelle: Passagen Verlag

Girls, girls, girls – Mädchen sind in aller Munde. Quer durch die Medien sind Mädchen, für die das Dasein als "Girl" nicht nur ein vorübergehender biologischer Zustand darstellt, sondern gleichsam eine politische Einstellung ist, zu finden. Dabei wird mit den "Girls" aus Literatur, Film und Fernsehen oft nicht gerade zimperlich umgesprungen. Sie bewegen sich in einer Gesellschaft, die das Unrecht, das den Mädchen geschieht, entweder nicht als solches anerkennt oder gar in das System integriert hat. Diese entrechteten Mädchen suchen nun sämtliche Medien heim und bedienen sich dabei der Bilder der "Gothic": Sie treiben ihr Unwesen in alten Häusern, mitunter als Geister und Untote, um zu dem zu kommen, was ihnen zusteht: Eigentum, Erbschaft, Selbstbestimmtheit. Dass sich die Plots dabei auffällig häufig um Fragen des Besitzes drehen, ist kein Zufall und verknüpft mit der jeweiligen Gesetzeslage der Zeit – die heimsuchenden und heimgesuchten Mädchen des "Gothic" sind die Produkte einer Rechtsprechung, die oft nicht unbedingt ihr Wohl im Sinn hat.

Der vorliegende Band verfolgt dabei das Dilemma der entrechteten (US-amerikanischen) Mädchen durch die Medien und Jahrhunderte und hat zum Ziel die Mechanismen zum Vorschein zu bringen, die "das amerikanische Mädchen einerseits als unheimliche Einheit porträtieren und andererseits kontinuierlich diesem Horror aussetzen". Braun stellt ihre Arbeit in den Kontext von Forschungen wie jene der Feministin und Literaturwissenschaftlerin bell hooks, die sich mit Ausgrenzungsmechanismen beschäftigt, der Soziologin Avery Gordon und selbstverständlich Jacques Derridas Konzept der Hantologie und den damit verbundenen Überlegungen zum Gespenstischen. Gleichzeitig findet sie in diesen Bezugsgrößen auch Anknüpfungspunkte in Bezug auf die "politische Brisanz der Heimsuchung als wissenschaftliche wie künstlerische Forschungsmethode". Entsprechend heimgesucht wird der Text auch von fotografischen (Montage-)Arbeiten Brauns, durch die sie selbst als Mädchen im Nachthemd geistert.

Ihren Anfang nehmen die Geschicht(en) von den entrechteten Mädchen bei den britischen Wurzeln des Gothic im 17. Jahrhundert, die auffällig mit der Entwicklung des "Common Law" und der darin enthaltenen Einteilung von Frauen in "feme sole" und "feme covert", also in alleinstehende und – vielsagend – verdeckte, verheiratete Frauen. Ausschlaggebend für den Kurzschluss mit den horrenden Mädchen, die die Literatur dieser Zeit heimsuchen, ist die Etymologie von 'feme': "Während das Lateinische femina 'Frau' bedeutet, lässt sich feme etymologisch von femella, 'Mädchen', ableiten." Während die verheiratete Frau (und ihr Besitz) im "Common Law" in die rechtliche Position ihres Ehemanns integriert wird, wird die "feme sole" im Gesetzestext ausgespart, sie existiert auf Papier nicht, ist aber natürlich trotzdem da – eine gespenstische Existenz, die im Gesetzestext spukt. Gleichzeitig eröffnet dieses nicht definierte Sein dem Mädchen aber auch eine Handlungsmacht – im Gegensatz zur verheirateten Frau –, der Handlungsmacht einer "intakte[n] juristische[n] Person […]. Da das Mädchen keine festgeschriebene Position im Gesetzestext innehat, hat es die Möglichkeit, als free agent of justice aufzutreten und unabhängig zu agieren." Dadurch werden die Erzählung über "Gothic Girls" zu Rechtserzählungen, die Lücken im Gesetzestext deutlich machen: Heimsuchende Mädchen fordern ihr Recht oder machen das ihnen widerfahrende Unrecht sichtbar. Dabei wird dieser rechtlich autonome Status des Mädchens immer wieder und immer trickreich versucht zu untergraben. Die meist männlichen "Gothic Villains" versuchen den Mädchen "durch Zurechnungsunfähigkeitserklärung, Heiratsbeschlüsse oder Aberkennung des Erbrechts durch Herkunftsvertuschung" um ihr Recht zu bringen. Besonders beliebt sind dabei die "inheritance plots", die sich um die Erschleichung des Erbes eines Mädchens durch einen "Gothic Villain" drehen. Geradezu zum Erkennungsmerkmal der Gothic aufgestiegen ist auch das (alte) Haus, als Ort des Grauens und häufiges Zentrum des Erbschaftsdramas.

Diese britischen, literarischen und rechtlichen Ursprünge werden anschließend von der Autorin im amerikanischen Kontext weiterverfolgt. Gerade in den USA sind sich gegen Rechtssysteme aufbäumende Mädchen in auffälliger Konzentration zu finden. Besonders eng sind die Mädchen in den USA auch verknüpft mit deren Geschichtsschreibung: "Denn wenn man diesen All-American Girls durch US-amerikanische Geschichte(n) folgt, tauchen sie mit Vorliebe in jenen politisch-explosiven Momenten auf, in welchen das nationale Rechtssystem infrage gestellt wird." Dabei werden die Mädchen in den USA zusehends auch von der "polyphone[n] Nation" und den damit einhergehenden unterschiedlichen Geschichtsschreibungen eingeholt: "Durch den Multikulturalismus und den Horror der Kolonialisierung, der nun personen- wie objektbezogene Enteignung, Deportation und Völkermord über den gesamten Kontinent verbreitet, berichtet das Recht suchende Mädchen nicht nur vom Horror der Erbschaft, sondern auch von jenem der konsequenten Zwangsenteignung." Ausgehend von den puritanischen Anfängen der Kolonialisierung, wo Mädchen etwa in den Salem Witchcraft Trials die Hauptrolle spielen oder in den "captivity narratives" von dem ihnen widerfahrenen Unrecht (mitunter verbunden mit grausamen Racheakten) berichten, über die Neuengland-Gothic – z. B. in einer Lesart von E. A. Poes The Fall of the House of Usher (1839) als Heimsuchung des enterbten Mädchens Madeline – und die Südstaaten Gothic, wo angesichts von "Rassentrennung und Sklaverei [...] die Legitimität des Erbschaftsanspruchs und des vermeintlichen Geburtsrechts unehelicher Kinder in den Fokus der Erzählungen" rückt, tritt das sein Recht unheimlich einfordernde Mädchen seinen Siegeszug durch die amerikanischen Medien an. "Medien" im Übrigen sind durchaus doppelsinnig zu verstehen, sind die Protagonistinnen des Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode kommenden Spiritismus doch auch Mädchen, die mit der Geisterwelt Kontakt aufnehmen und so beginnen "Geistershow[s] zu inszenieren, um [ihren] Anliegen Nachdruck verleihen zu können."

Der zweite Teil von "All-American-Gothic Girl" bewegt sich in der Folge auf den Spuren der Mädchen im Film, der ja bereits als Medium etwas Gespenstisches hat und seit seinen Anfängen stark mit dem Unheimlichen in Verbindung gebracht wurde – schließlich wird gezeigt, was nicht wirklich existiert. Die Erbschaftsplots sind auch hier wieder zu finden, bereits im frühen Film ab den 1910er Jahren: "Old Dark House Filme", die einmal mehr von erbenden Mädchen, die um ihr Recht in einem alten, dunklen Haus kämpfen müssen, werden populär. Ab den 1940er Jahren häufen sich dann die "Gaslight Filme", die von Mädchen erzählen, deren Ehemann (oder naher Verwandter) versucht, sie mit (vermeintlich) übernatürlichen Erscheinungen in den Wahnsinn zu treiben und so an ihr Vermögen oder Erbe zu kommen. Bei beiden Spielarten dient das "Familienanwesen als Hauptaustragungsort des Horrors". Sowohl im "Old Dark House Film" als auch im "Gaslight Film" geht es dabei nicht nur um ein Erbe, sondern es steht auch stets ein "juristisches Loophole" im Raum: Die rechtlich abgesicherte Enteignung einer 'Verrückten', der "seit Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts vor allem Frauen zum Opfer fielen."

Im Laufe des Jahrhunderts steigen allerdings Selbstbewusstsein und -verteidigung der entrechteten und heimgesuchten Mädchen. Immer mehr werden sie selbst zu rächenden Horrorerscheinungen oder können sich als letzte Überlebende – als "Final Girls" – behaupten, auch wenn auf dem Weg zur Jahrtausendwende eine Tendenz hin zum Überleben als Paar, als "Final Couple", zu beobachten ist. Parallel dazu werden auch in der Rechtsprechung im Zuge einer Revision des US-amerikanischen Justitzsystems in den 1990er Jahren "entführte und ermordete Mädchen unheimlich wiederbelebt", nicht nur dadurch, dass das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, in den Mittelpunkt der Diskussion rückt, sondern auch durch die namentliche Festschreibung der Mädchen in Gesetzen, die das ihnen widerfahrene Unrecht – häufig Entführungen und Vergewaltigungen von sehr jungen Mädchen – inspiriert hat.

Dem seit dem späten 19. Jahrhundert mit seinen Feuilletonromanen populären Format der Serie widmet sich der dritte Teil der Untersuchung. Als Reaktion auf den Erfolg der Zeitungsserien wurden bereits in den 1910er Jahren, in der Frühzeit des Films, Serien für das Kino produziert, die sich um die Leiden junger Mädchen am Rechtssystem drehten. Die klassischen Motive werden wieder aufgegriffen und haben offenbar nichts an Brisanz für die Mädchen eingebüßt: das alte Haus, die Erbschaftsangelegenheit. Aber auch häusliche (sexuelle) Gewalt – bis 1992 auch in den USA keine Straftat – und (besonders in den 1950er und 60er-Jahren) der Horror der Reproduktion werden vor dem Hintergrund aktueller Debatten, etwa zur Abtreibung, im 20. und 21. Jahrhundert zum Thema. Dabei scheint besonders die Fernsehserie, als Medium mit enormer Reichweite, geradezu prädestiniert zu sein für die Erzählung von Heimsuchungen. Nicht nur ist "Television" nach Jeffrey Sconce seinerseits ein "intruding house guest", sondern in der Fernsehserie werden "durch das episodische, aufgesplitterte Erzählen […] altbekannte Narrationen in Endlosschleife wieder- und überholt und offenbaren den ununterbrochenen Versuch der amerikanischen Geschichtsüber- wie Neuschreibung, die in Form des Rechte hinterfragenden und einfordernden Mädchens beharrlich vonstatten geht [sic]."

Hier konzentriert sich der Band aber nicht auf die sogenannten kulturell hochwertigen Erzeugnisse, sondern wagt sich ausführlich in die Welt der populären Serien, von Vor- und Hauptabend-Soaps bis zum Reality TV. Denn gerade mit den oft deklassierten Seifenopern "liefert der Fernseher, als Geister produzierende Maschine, eine unendliche Gespenster-Show". In den verworrenen Endlosplots, die häufig auch das Wiederauftauchen eines/einer vermeintlich Toten beinhalten, versuchen etwa Erbinnen sich einen Weg durch komplexe Familienverhältnisse zu bahnen und wechseln dabei nicht selten ihre Identität um zu ihrem Recht zu kommen: "Das Mädchen als hochgradig dissoziative und polymorphe Einheit ist unübersehbar. Sie multipliziert sich, erzählt synchron mehrere Geschichten, verstellt gekonnt die Stimme und ist als Charakter höchst suspekt. Es lässt sich verfolgen, dass […] die Seifenoper speziell das wahnsinnige heimsuchende Mädchen wie auch das Ermittlungen führende und sich gerne vor Gericht aufhaltende heimgesuchte Mädchen forciert. Diese Mädchen berichten von einem unaufhörlichen, sich unaufhaltsam reproduzierenden juristischen Horror, der aufschlussreich Einblick in die jeweiligen aktuellen Rechtsdebatten gewährt."

Es wäre nun einfach gewesen die Geschichte der entrechteten Mädchen als eine Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung, als die Geschichte eines Opfers zu erzählen. Durch die Interpretation des Mädchens als Rolle mit Agency, werden in dem spannenden Band aber eben nicht Geschichte(n) der Unterdrückung, sondern der Aufbäumung erzählt. Das Mädchen wird als Instanz einer politischen Handlungsmacht verstanden, der besonders im Gothic die Möglichkeit der Artikulation gegeben wurde/wird und die sich so aus der Opferrolle in eine heimsuchende, mitunter rachsüchtige, aber jedenfalls aktive Position begibt. Es ist der Aktionsradius einer Frau, die ihre rechtliche Position nicht durch Heirat 'verdeckt' hat. Sie steht alleine in der Gesellschaft und muss sich in dieser auch alleine behaupten – mit allen Mitteln, die ihr die Gesellschaft, Geschichte und Gesetze lassen. So werden die "Schlupflöcher und Geheimtüren" von historischen Momenten sichtbar, die sich die Mädchen quer durch die Medien, aber auch im Rahmen von historischen Entwicklungen und Ereignissen wie den Salem Witchcraft Trials, dem Spiritismus oder in der Benennung von Gesetztestexten, zu Nutze gemacht haben um "als politische Agentinnen" aktiv zu werden und gegen den Normalzustand der Entrechtung zu protestieren.

Tags

mädchen, gothic, femninismus, amerikanisches rechtssystem