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Rezension: Das Lager von Bild zu Bild. Narrative Bildserien von Häftlingen aus NS-Zwangslagern

von Jörn Wendland

AutorIn: Bianca Burger

"Narrative Bildserien", die im Kontext von Konzentrationslagern zur Zeit des Zweiten Weltkrieges entstanden sind, haben bisher nur rudimentär Beachtung erfahren. Diesem Umstand will Jörg Wendland nun entgegentreten und fragt nach Begleitumständen, Narration und Ästhetik dieser Werke …

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-412-50581-3


Cover: Das Lager von Bild zu Bild
von Jörn Wendland
Quelle: Böhlau Verlag

Über kaum eine Zeitspanne wurde in der Geschichtswissenschaft bisher so ausführlich und vermeintlich umfassend publiziert, wie über die Zeit des Nationalsozialismus. Umso bemerkenswerter erscheinen Arbeiten, die sich mit Themen auseinandersetzen, die bisher nur am Rande oder noch gar keine Beachtung gefunden haben. Genau dies ist beim vorliegenden Buch "Das Lager von Bild zu Bild. Narrative Bildserien von Häftlingen aus NS-Zwangslagern" des Kunsthistorikers Jörn Wendland der Fall. Ursprünglich als Dissertation am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien eingereicht, wurde sie als überarbeitete Version nun vom Böhlau-Verlag einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Autor widmet sich narrativen Bildserien, die in Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Gerade die NS-Konzentrationslager wurden bisher unter vielen Aspekten beleuchtet; thematisiert wurde dabei oftmals auch die gefühlte Zeitlosigkeit. Dieser versuchte man unter anderem mittels Tagebuchschreiben oder eben bildender Kunst zu entfliehen.

Bilder aus Lagern rückten erst ab den 1970er Jahren in den Fokus der Forschung und gerade die kunsthistorische Beschäftigung mit dem Thema ist bisher nur rudimentär erfolgt. Die Ursache für diesen Umstand sieht der Autor in den Entstehungsbedingungen der Bilder, die eine ästhetische Bewertung der Arbeiten nahezu unmöglich macht. Lagerbilder an sich sind gut erforscht, narrative Bildserien als eigenständige Kategorie nicht. Wo genau hier die Grenze liegt, warum der Terminus der "narrativen Bildserien" verwendet wird und was er beinhaltet wird bereits zu Beginn des Buches klar definiert. Eine Bildserie zeichnet sich durch ihre beliebige Erweiterbarkeit aus, während ihr allerdings der Erzählcharakter fehlt. Daher verwendet Wendland die zusammengesetzte Begrifflichkeit "narrative Bildserie" nach Werner Wolf. Ein besonderes Anliegen ist dem Autor eine interdisziplinäre Herangehensweise an das Thema. Somit finden sich nicht nur einschlägige kunsthistorische Betrachtungen, sondern vor allem auch historische Fakten. Daher spielt neben der Bildanalyse auch die historische Einbettung eine große Rolle. Die Entstehungsbedingungen bilden folglich zusammen mit Narration und Ästhetik der Bildserien die Hauptthemen des Buches.

Der Quellenkorpus umfasst 15 narrative Bildserien, die in 13 Lagern entstanden sind, zwei davon erst nach der Befreiung, was den Ausblick in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erfordert und erklärt. Die Überlieferungsgeschichten der einzelnen Serien sind sehr divergierend und teilweise auch unklar. Die Häftlinge, welche die Bildserien geschaffen haben, waren mit einer Ausnahme jüdischer Herkunft und weisen unterschiedliche nationale, kulturelle und soziale Kontexte auf. Als KünstlerInnen fungierten sowohl Laien als auch ausgebildete Personen. Die ausgewählten Bildserien entstammen zwar verschiedenen Lagern, gemeinsam ist ihnen aber, dass sie aus einer Sequenz bestehen, die mindestens zwei Bilder umfassen. Während die Bildästhetik sehr vielfältig ist und unterschiedliche Einflüsse sowie Bildtraditionen erkennen lässt, gibt es Motive, die sich wiederholen, wie beispielsweise die Essensausgabe oder die Lagerankunft. Trotzdem sind die Besonderheiten der einzelnen Lager in den Bildern nach wie vor erkennbar. Ergänzt werden die quellenkundlichen Arbeiten durch Interviews, die mit den Urhebern selbst oder mit deren Familienangehörigen geführt wurden. Der Fokus des Buches liegt demzufolge auf den Arbeiten von Thomas Gebe und Helga Weissova, da sie bereit waren über ihre Kunst und die Zeit im Lager zu sprechen. Zitate werden in Originalsprache (englisch und französisch) ohne Übersetzung wiedergegeben.

Wendlands Forschungen bieten die erste umfassende Bearbeitung dieses Themas. Der inhaltliche Teil wird durch Biografien der vorgestellten KünstlerInnen ergänzt und durch einen umfangreichen Anhang abgeschlossen. Bemerkenswert ist, dass an dieser Stelle die im Buch behandelten Lagerbilderserien farbig abgedruckt sind. Leider war dies auf Grund fehlenden Materials oder/und Einschränkungen im Urheberrecht nicht immer vollständig möglich. Den Bildserien ist zudem angefügt, ob und in welchem Kontext sie bereits einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten.

Vervollständigt wird der umfangreiche Anhang durch Abbildungen, auf die im Text Bezug genommen wird, ein entsprechend dem ursprünglichen Zweck der Arbeit umfangreiches Literatur- und Abbildungsverzeichnis, sowie ein kurzes Register. Das Buch ist im A4-Format, der Text in zwei Spalten gedruckt und mit zahlreichen farbigen Abbildungen illustriert. Insgesamt umfasst es 410 Seiten und liegt als Hardcover in gebundener Form vor. Auf Grund der Größe, des Gewichts und des teilweise wissenschaftlichen Duktus ist das Buch jedoch nur bedingt als Straßenbahnlektüre geeignet. Als Arbeitsgrundlage sowohl für KunsthistorikerInnen als auch GeschichtswissenschafterInnen ist "Das Lager von Bild zu Bild. Narrative Bildserien von Häftlingen aus NS-Zwangslagern" absolut empfehlenswert und bietet neue Anreize und Forschungsansätze. Es bleibt nur zu hoffen, dass die von Wendland angestoßene Forschung weitergeht und die bestehenden und sichtbar gemachten Forschungsdesiderate in Zukunft gefüllt werden.

Tags

konzentrationslager, kz, bilder, narrative bildserien, kunstgeschichte