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Rezension: Perspectives on German Popular Music

von Michael Ahlers und Christoph Jacke (Hg.)

AutorIn: Uwe Schütte

Uwe Schütte rezensiert eine aktuelle Publikation zur Analyse der deutschen Pop(ulär)musik (u. a. Schlager, Krautrock, NDW, Techno, Rap sowie Diskursrock) und führt dabei unsere Leser*innen in den aktuellen Forschungsstand ein ..

Verlag: Routledge – Ashgate Popular and Folk Music Series
Erscheinungsort: London
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-1472479624


Cover: Perspectives on German Popular Music
von Michael Ahlers und Christoph Jacke (Hg.)
Quelle: routledge

Das (wissenschaftliche) Interesse an deutscher Pop-Musik im englischsprachigen Raum hat in den vergangenen Jahren einen wahrlich bemerkenswerten Boom erlebt, wobei sich die Aufmerksamkeit – wenig erstaunlicher Weise – vor allem auf Kraftwerk und den Krautrock konzentrieren. Neben zwei Werken aus der Feder von Musikjournalisten zu diesen beiden Themen (Buckley, 2012; Stubbs, 2014) legte der Sammelband von Albiez & Pattie (2011) die Grundlage für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kraftwerk, während Adelts (2016) Monografie akademischer Beschäftigung mit dem Krautrock ein solides Fundament bereitstellt. Dieser Konstellation gesellt sich der Rammstein-Sammelband von Littlejohn & Putnam (2013) hinzu, sowie der Umstand, dass neben deutschem Techno noch der deutsche Punk auf ein besonderes Interesse amerikanischer Forscher stößt (vgl. Shahan, 2013 und Shahan/Howes/Hall, 2016).

Kaum erstaunlich insofern, aber doch bemerkenswert ist der Umstand, dass um die Jahreswende 2016/17 unter der Ägide von deutschen Wissenschaftlern zwei englischsprachige Sammelbände erschienen sind, die sich als Einführung in das Gesamtbild der deutschen Pop-Musik verstehen. Neben meinem als Companion konzipierten Band, der sich in elf längeren Artikeln mit Kernthemen bzw. Hauptgenres wie u. a. Schlager, Krautrock, NDW, Techno, Rap und Diskursrock beschäftigt (Schütte, 2017), liefern Ahlers und Jacke ein ungleich weiter gestreutes Panorama an 34 Artikeln, das nahezu alle relevanten Aspekte des Feldes abdeckt.

Zu diesen vielen Beiträgern zählen fast alle etablierten Protagonisten der Forschungslandschaft, aber zwangsläufig auch viele Nachwuchswissenschaftler, Praktiker und Journalisten, die nicht unbedingt mit akademischem Schreibstil vertraut sind. Gelungen ist die Gliederung, nach welcher die Beiträge in acht Abteilungen arrangiert werden. Der Band beginnt mit der obligatorischen Einführung, die dem englischsprachigen Interessenten einen umfassenden Überblick der Forschungsaktivitäten, Tendenzen und bisherigen Ergebnisse der deutschsprachigen "German Popular Music Studies" gibt, sowie in zwei weiteren Beiträgen die historische Entwicklung der Disziplin in Ost und West zusammenfasst. Anhand von Krautrock, Kraftwerk und dem Pophörspiel geht es dann um die Schnittmenge von Kunst und Pop-Musik. Die nächsten beiden Abschnitte fokussieren auf den oft ignorierten Mainstream (etwa anhand von Scorpions, Modern Talking und dem Neo-Schlager) sowie Nischenphänomene und Subkulturen, darunter einige sehr spannende Beiträge zu Randthemen wie Geräuschmusik oder deutschem Country. Solchen ansonsten wenig beachteten Szenen einen Platz einzuräumen ist ein Verdienst der Herausgeber. Weitere Abteilungen sind dann den Bereichen Politik und Gender, "Germanness and otherness", Berlin und Köln als Stätten elektronischer Musik, sowie – auch dies interessant – den Medien (etwa zur TV-Sendereihe Beat Club und deutschen Talent-Shows) gewidmet.

Die weiträumige Abdeckung aber wird konterkariert durch den unvermeidlichen Nachteil, dass die Beiträge sich durchweg in einem Bereich von rund 5 bis 6 Seiten bewegen. Dies reicht bei Detailstudien durchaus aus, um Wesentliches erklären und demonstrieren zu können. So etwa die Analyse der Konstruktion einer von der Shoah bereinigten nationalen Identität im Video zu "Wir sind wir" von Paul van Dyk und Peter Heppner (Melanie Schiller), den Analysen zu Nina Hagens Coverversionen amerikanischer Punksongs (Moritz Baßler) oder der inoffiziellen Hymne der Wiedervereinigung von den Scorpions, also dem unsäglichen "Winds of Change" (Ralf von Appen).

Kontraproduktiv wird es bei Themen, die mehr Platz benötigen. Die Beiträger lösen diese Impasse meist dadurch, dass sie sich auf einen Teilaspekt beschränken, der dann auf Kosten anderer, zumeist kaum weniger relevanter Aspekte behandelt wird. Der Schlager-Experte Julio Mendívil etwa liefert eine knappe Einführung in das Genre, um sich dann auf den Neo-Schlager von Andreas Gabalier und Helene Fischer zu konzentrieren. Das empirisch ausgerichtete Kapitel zum westdeutschen Heavy Metal bietet eine Vielzahl aufschlussreicher Einsichten, muss sich aber auf die Frühphase in den frühen 1980er Jahren beschränken und zeigt vorbildhaft auf, wie sich die deutsche Szene in Abhängigkeit vom britischen Vorbild entwickelte. Gerrit Jens Papenburg wiederum schreibt in seinem Krautrock alleinig über die Entwicklungslinie der "kosmischen" Musik und grenzt damit jene Entwicklungslinien aus, für die so wichtige Bands wie Neu! oder Faust stehen, die in der englischsprachigen Welt auf besonders starkes Interesse stoßen.

Manche Beiträger scheitern an dem Dilemma, Komplexes auf einer Handvoll von Seiten zusammenzufassen aus Gründen, die weniger entschuldbar sind: Mehr als die Hälfte des Beitrags von Ayla Güler Saied zu "Rap music in Germany" ist der Definition und Nacherzählung der Geschichte des HipHop gewidmet, die man doch zumal bei anglophonen Musikwissenschaftlern als altbekannt voraussetzen darf. Was diese dann über deutschen Rap erfahren, bleibt dann zwangsläufig oberflächlich, unvollständig und einseitig. Maren Volksmanns Beitrag über männlichen "Heulsusen-Pop" bietet kaum mehr als eine Zusammenfassung von Thees Uhlmanns Tourtagebuch mit Tocotronic. Ein einschlägiger Name wie Jens Friebe etwa fehlt völlig, der ganze Beitrag wirkt wenig wissenschaftlich und im Sinne von Verständlichkeit wäre angezeigt gewesen, sich mit englischer Kernterminologie vertraut zu machen (etwa "male" statt "man" zu verwenden). Kompetenter in inhaltlicher wie sprachlicher Hinsicht ist hingegen Sonja Eismanns Überblick zu feministischen Strategien deutschsprachiger Pop-Musik seit den 1970er Jahren.

Um zum Krautrock zurückzukehren: Dirk Matejovski (2016) hat einen Kraftwerk-Sammelband vorgelegt, an dem es einiges zu bemängeln gäbe. Sein Beitrag zu Kraftwerk gehört aber zu den Highlights dieses Bandes, denn indem er sich auf die konzeptuelle Dimension des popkulturellen Gesamtkunstwerkes konzentriert, vermag Matejovski auf nur sechs Seiten kompetent und tiefschöpfend in die Thematik einzuführen. Für englischsprachige Leser gibt es derzeit kaum eine bessere Zusammenfassung der künstlerischen Spezifizität dieser Gruppe, die international weithin als Inbegriff deutscher Musik gilt.

Einen diametralen Gegensatz dazu liefert das desaströse Kapitel zu Rammstein, der zumal in den USA kommerziell erfolgreichsten Band aus Deutschland. Was eine renommierte Professorin samt Forschungsassistent hier angefertigt haben, ist eine Peinlichkeit. Dem AutorInnen-Team ist offenkundig die Existenz von Littlejohn/Putnam (2013) unbekannt, sonst könnten sie kaum (in einem zudem unbeholfenen Englisch) behaupten, es gäbe "hardly any reflections by academics on Rammstein" (159). Das Kapitel verengt das komplexe Phänomen Rammstein auf eine Untersuchung der Pressereaktionen auf das vorübergehende Verkaufsverbot von Liebe ist für alle da und räumt zugleich ein: "there is no room for an in-depth discourse analysis of the journalistic statements" (163). Die LeserInnen werden mit kaum mehr als einem Sammelsurium (oft schlecht) übersetzter Zitatpartikel aus der Tagespresse abgespeist.

Das Englisch in diesem Beitrag bewegt sich wie erwähnt auf einem peinlichen Niveau, denn überall finden sich "false friends" (Büro heisst "office" und nicht "bureau") oder direkte Übertragungen deutscher Begriffe die man im Englischen nicht kennt ("feuilleton", 162) oder dort etwas komplett anders bedeuten ("brachial", 162, entspricht "brute" oder "violent", ist auf Englisch jedoch ein anatomischer Begriff). Der Rammstein-Beitrag markiert wohl den sprachlichen Tiefpunkt des Bandes, bildet damit aber keineswegs eine Ausnahme. Katastrophal geraten ist auch die Übersetzung der inhaltlich hervorragenden Einleitung, da darin (wie im Beiträgerverzeichnis) ein Kernbegriff der Disziplin kategorial falsch übersetzt wird, indem die Cultural Studies, eingedeutscht als Kulturwissenschaften, in den unsinnigen Begriff "cultural sciences" (5) rückübersetzt werden, was dann in Nonsens-Variationen wie "cultural-scientific", "scientific engagement" oder "scientific analyses" (passim) resultiert, anstelle der einzig korrekten Begriffe "academic" und "scholarly".

Was die anvisierte Leserschaft daher von der Kompetenz deutscher ForscherInnen halten wird, wenn die Sprache von mindestens einem Drittel aller Beiträge für sie teilweise bis weitreichend unverständlich ist, wird sich noch zeigen müssen. Dabei wird auch nicht helfen, dass ein Leitstern dieser scientific community, nämlich der unlängst verstorbene Mark Fisher, von den Herausgebern zu einem "prominent British music journalist " (4) degradiert wird oder – wie etwa auch in Matejovski (2016) – deutsche Musik-Professoren den Vornamen von Stockhausen konsistent falsch schreiben. Dieser Band hätte einen wesentlichen Anschub für die German Pop Music Studies in Großbritannien und den USA geben können, sehr schade daher, dass man keine größere Sorgfalt auf die Präsentation der erarbeiten Expertise gelegt hat.


Literatur

Adelt, Ulrich (2016): Krautrock: German Music in the Seventies, Ann Arbor.

Albiez, Sean/Pattie, David (Hg) (2011): Kraftwerk: Music non-stop, New York/London: Continuum.

Buckley, David (2012): Kraftwerk Publikation: A Biography, London: Overlook.

Littlejohn, John T./Putnam, Michael T. (Hg.) (2013): Rammstein on Fire: New Perspectives on the Music and Performances, Jefferson: McFarland & Co Inc.

Matejovski, Dirk (2016): Kraftwerk: Die Mythenmaschine, Düsseldorf: düsseldorf university press dup.

Shahan, Cyrus M. (2013): Punk Rock and German Crises: Adaptation and Resistance After 1977, London: Palgrave MacMillan.

Shahan, Cyrus M./Howes, Seth/Hall, Mirko M. (Hg.) (2016): Beyond No Future. Cultures of German Punk, London: Bloomsbury Academic.

Stubbs, David (2014): Future Days. Krautrock and the Building of Modern Germany, London: Faber and Faber Ltd.

Schütte, Uwe (Hg.) (2017): German Pop Music. A Companion, Berlin/Boston: de Gruyter.

Tags

populärkultur, deutsche popmusik, cultural studies