Neue Medien

4/2017 - Kreativität/Ko-Kreativität

Rezension: Die Außerirdischen

von Doron Rabinovici

AutorIn: Erkan Osmanovic

Mit seinem neuen Roman legt der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici eine bitterböse Parabel vor. Erkan Osmanovic hat diese nicht zuletzt auch politisch zu lesende Neuerscheinung für die MEDIENIMPULSE rezensiert …

Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-518-42761-3

Cover: Die Außerirdischen
von Doron Rabinovici
Quelle: Suhrkamp

"Sie kamen über Nacht. Wir schliefen tief. Eng umschlungen. Der Hund des Nachbarn schlug nicht an. Der Säugling aus dem ersten Stock, der uns so oft schon aufgeschreckt hatte, blieb ruhig. Nichts war zu hören; kein Lärm, keine Schreie, keine Schüsse." Die Außerirdischen kommen. Ohne Absichten, ohne Militär, ohne Waffen. Nachrichtenmeldungen verkünden: ruhig bleiben, den Alltag leben, keine Panik haben. Alles nur halb so schlimm? Plötzlich fällt der Strom aus. Die Menschen beginnen zu rauben, zu plündern und verwandeln die Straßen in Kampfplätze. Innerhalb eines Augenblicks fahren die Systeme wieder hoch. Die Infrastruktur ist wieder funktionsfähig. Die Ankunft der Aliens eröffnet der Wirtschaft neue Geschäftsfelder. Es wird mit Grundstücken in zig Millionen Lichtjahren Entfernung ("Exobilien") gehandelt. Mittendrin der Ich-Erzähler Sol, Redakteur bei einem Onlinemagazin für Ernährung und Lifestyle, das sich zur ersten Adresse für Nachrichten über die Außerirdischen mausert, samt täglicher Talkshow.

Alle Welt spricht über die Aliens. Ängste aber auch Hoffnungen sind mit ihnen verbunden. Und die Außerirdischen? Zeigen sich der Menschheit nicht. Nur einmal treten sie öffentlich auf und sind den Menschen erschreckend ähnlich: "»Es ist kaum zu glauben, aber sie sehen aus wie wir«, erklärte Albert. Seine Co-Moderatorin, eine Schauspielerin, pflichtete ihm bei: »Ja. Die sehen menschlich aus.« »Sogar menschlicher als die meisten von uns«, fügte Albert hinzu. Nichts an ihnen ähnelte den Vorstellungen von Aliens, die in den Köpfen herumgeisterten. Da waren auch keine fliegenden Untertassen. Ein Moderator nickte grimmig in die Kamera. »Wir hätten uns das denken können. Raumschiff? UFOs? Das haben die doch gar nicht mehr nötig! Die bewegen sich und denken in anderen Dimensionen.«"

Alles nur erfunden, gar Fake News? Dann die ersten Sätze einer Außerirdischen vor dem Weltpublikum: "Die Menschen klatschten. Sie sagte: »Wir wollen alle nur eines sein – und deswegen stehen wir hier –, menschlich!« Der Rest ihrer Worte ging im Jubel unter. Eine Welle der Freude, der Erleichterung und der Hoffnung ging durch die Massen." Humanität – das ist das Ziel. Dahin die Panik, die Sorgen, die Angst – vorerst. Denn eines Tages verlangen die Außerirdischen nach Menschenfleisch. Die Opfer sollen freien Willens kommen. Kurzerhand wird eine Reality-Show konzipiert. Athletische, jugendliche Menschen treten gegeneinander an. Ruhm und Reichtum erwartet die Gewinner. Die Verlierer werden auf eine Insel verfrachtet, geschlachtet und den Aliens serviert.

Der Roman deckt Schritt für Schritt das Zusammenspiel von Ressentiments und Ängsten auf. Die Menschen schwanken zwischen Euphorie und Weltuntergang. Sol steckt in der Zwickmühle. Er will mittels Recherchen aufdecken, warum die Außerirdischen da sind und was sie vorhaben, doch er sieht sich immer mehr als Teil des Spektakels. Er ist nicht der einzige, der skeptisch gegenüber den neuen Göttern ist. Es formiert sich ein gewisser Widerstand bei verschiedenen Parteien und NGOs, mit Worten und Argumenten wird versucht gegen die Spiele und die Außerirdischen zu kämpfen. Doch das reicht nicht allen. Eine terroristische Organisation namens "Der menschliche Widerstand" formiert sich und verübt einen Anschlag auf die Spiele. Die Szenen eingefangen durch Fernsehkameras: "Sie wartete bis die Champs einmarschierten. Niemand achtete auf sie. Plötzlich – wie aus dem Nichts – das gemeinsame Durchladen. Dann das Schießen, das Knallen, die Schreie. Das Gebrüll. Die Körper der Toten, die im Dauerfeuer hin und her geworfen wurden. Ein Glück noch, dass die Sicherheitsleute an Ort und Stelle gewesen waren. Ein Glück noch, dass die Waffe des einen Attentäters streikte. Ladehemmung. Ein Glück, dass einer der Champs den anderen Attentäter von hinten ansprang. […] Die Frau, die Letzte in diesem mörderischen Terzett, hielt inne, sah zu ihrem Komplizen – Freund, Liebhaber, Bruder? – hinüber, sie bewegte die Lippen, als wolle sie nach ihm rufen, doch in diesem Moment war ihr Genick schon ein Krater, und statt seines Namens spuckte sie nur noch Blut."

Trotz dieser Gefahr will ein Nachbar Sols an den Spielen teilnehmen, stellt sich dem Auswahlverfahren und kriegt dann doch weiche Knie. Schließlich muss Sol eingreifen und ihn mittels eines Tricks aus dem Wettbewerb retten und gerät dadurch ins Visier der Regierung und ihrer Hintermänner. Sol ist angewidert von den Medien, den Menschen und den Verstrickungen der Politik – immer häufiger taucht ein Gedanke auf: Gibt oder gab es die Außerirdischen jemals? Sind sie nicht bloß nützliche Kreationen der Politik und der Medien? Oder wie sollte er sonst die Worte eines Politikers verstehen, der Sols Parallelziehung zu NS-Zeiten während eines Interviews off the records zurückweist und erklärt: "»Aber keine Sorge, Sol. Es sind ja keine Nazis. Bloß Außerirdische. Zum Glück! Die tun uns nichts. Denen schmecken nur Freiwillige.« »Was, Herr Staatsminister, wenn wir nicht die Opfer sind?« »Sondern?« »Was, wenn wir die Nazis sind?« Er stutzte, dann sah er mich schräg an und kniff die Augen zusammen. »Ja. Möglich. Aber vielleicht sind wir in Wirklichkeit die Außerirdischen.«" Allerdings stößt das Spektakel auf immer mehr Begeisterung und als Leser sieht man sich immer weniger einer fiktiven Welt gegenüber, sondern sieht Mechanismen unserer Medienwelt. Es geht hier um unsere Zeit, unsere Gesellschaft, wir werden hier betrachtet und entblößt.

Auf den letzten Seiten findet sich Sol selbst auf der Insel der Menschenspiele wieder. Doch dort sind neben den Verlierern auch die Champs der Spiele zusammengerottet. Ein Flugzeug nach dem anderen erreicht den Flughafen. Bald sind die Hangars und Baracken überfüllt von Menschenmassen. Die Anlage gleicht einem riesigen Konzentrationslager. Rabinovici lässt Bilder aus der NS-Zeit aufflackern: abgemagerte Menschen, die im Dreck und Schlamm auf ihren letzten Weg in den Schlachthof warten. "Die Außerirdischen" ist kein Science-Fiction-Roman, vielmehr das Spiegelbild einer egoistischen, marktgläubigen Gesellschaft, in der der Faschismus in neuem Gewand erscheint. Es fallen erneut Worte wie Deportation oder Block, anstatt mit Judensternen werden die Inselbewohner mit Vinylbändern samt Strichcodes markiert.

Rabinovici bedient sich einer glatten, handlungszentrierten Sprache. Er verzichtet auf reflexive Passagen, selten kommt Sols Gedanken ein prominenter Platz zu und wenn, dann nur um als Ausgangspunkt für den nächsten Spin zu dienen. Das ist jedoch kein Minuspunkt, denn dem Roman gelingt es so den Leser in die Abwärtsspirale der Geschichte zu ziehen. Die Frage nach der Existenz der Außerirdischen wird irrelevant, man selbst stellt sich in Frage: Könnte das auch uns passieren? Was würde ich dann tun?

Mit Die Außerirdischen bringt Rabinivoci die LeserInnen zum Nachdenken, er wirft sie zurück auf das moralische Spielfeld. Welche Rolle würde man einnehmen? Und so stellt der Roman auf den letzten Seiten nicht zu Unrecht folgendes Fazit in den Raum: "Es braucht gar keine Spiele mehr, um sich ihnen zu verweigern. Es bedarf nicht der Außerirdischen, um ein Mensch zu sein. Es gibt inzwischen nicht wenige, die denken, die Außerirdischen seien nie hier gewesen. Wiederum andere meinen, sie seien weiterhin unter uns. Womöglich waren sie es seit jeher. Wer weiß das schon. Es ist im Grunde egal. Fest steht nur, dass wir – auf uns gestellt – noch immer da sind. Und das allein kann unheimlich genug sein."

Tags

science fiction, außerirdische, nationalsozialismus, rezension