Neue Medien

4/2017 - Kreativität/Ko-Kreativität

Rezension: Tiere – Begleiter des Menschen in der Literatur des Mittelalters

von Judith Klinger/Andreas Kraß (Hg.)

AutorIn: Bianca Burger

Das Verhältnis von Mensch und Tier kann unter vielen Aspekten betrachtet und erforscht werden. Die AutorInnen des vorliegenden Bandes haben sich als Quellenkorpus auf verschiedene literarische Werke des Mittelalters konzentriert und Bianca Burger hat rezensiert …

Verlag: Böhlau Verlag
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-412-50582-0


Cover: Tiere – Begleiter des Menschen in der
Literatur des Mittelalters
von Judith Klinger und Andreas Kraß (Hg.)
Quelle: Amazon

Mensch und Tier – bzw. die Verhältnisse zwischen ihnen – faszinieren seit jeher. Bereits in den antiken Mythologien treten sie in unterschiedlichen Beziehungen zueinander auf. Die beiden Lebenswelten waren nicht nur in Sagenwelten oftmals eng verknüpft, sondern auch in der Realität. Mit diesem Konnex beschäftigt sich das noch relativ junge, interdisziplinäre Forschungsfeld der Human-Animal-Studies, in deren Kontext auch der vorliegende Sammelband der HerausgeberInnen Judith Klinger und Andreas Kraß zum Thema "Tiere – Begleiter des Menschen in der Literatur des Mittelalters" anzusiedeln ist. Der Fokus des Buches liegt auf den Tier-Mensch Beziehungen, wie sie in der Literatur des Mittelalters zur Sprache kommen. Dabei lassen sich drei Traditionen ausmachen: an erster Stelle die biblische, an zweiter Stelle die naturkundliche und an dritter Stelle die magische. Es handelt sich jeweils um vorchristliche Traditionen, die erst im Nachhinein christlich überformt wurden.

Mensch und Tier können in unterschiedlichen Ebenen miteinander in Verbindung stehen: in der wörtlichen oder der bildlichen Ebene bzw. kann das Tier als Begleiter des Menschen in Erscheinung treten. Das Hauptaugenmerk im vorliegenden Werk liegt auf der literarischen und visuellen Darstellung der Tiere als Führer, Helfer und Beschützer sowie symbolische Gefährten des Menschen. Dabei muss zwischen tatsächlichen und symbolischen Tier-Mensch-Beziehungen unterschieden werden. Obwohl eine genaue Differenzierung schwierig ist, da die Grenzen zwischen Tier und Mensch im Mittelalter sehr durchlässig sind, sind Tiere wesentlich für die Grenzbestimmungen zwischen Natur und Kultur bzw. für die Bestimmung des Menschlichen. Die den Tieren zugeschriebenen Bedeutungen sind keineswegs stabil.

In den Beiträgen wird die Instabilität der den Tieren zugeschriebenen Bedeutungen offensichtlich. Bedeutungsveränderungen der einzelnen Tierarten werden innerhalb der Epoche bzw. in den unterschiedlichen, aber gleichzeitig stattfindenden Diskursen deutlich. Als Beispiel lässt sich hier das Bild des Esels nennen. Das negativ konnotierte Eselbild findet sich vorwiegend in wissenschaftlichen und philosophischen Beschreibungen, das positive tritt hingegen vor allem in Romanen oder Erzählungen auf. Generell lässt sich festhalten, dass sich die Tierbilder für unterschiedlichste Zwecke positiv und genau so negativ instrumentalisieren ließen.

In gleichem Maß haben manche Tiere über die Epoche hinweg eine Bedeutungserweiterung erfahren. Beispielsweise tritt der Adler zunächst als "Herrschervogel" in Erscheinung bevor sich um 1500 in der bildenden Kunst abzeichnete, dass er verstärkt zum Emblem für den Kaiser und dessen Reich wurde. Der Autor spricht hier von der "Entpersonalisierung" bzw. der "Institutionalisierung" (213). Der Schwerpunkt des Bandes liegt zwar auf dem Mittelalter, dabei werden jedoch auch immer relevante Vor- und Rückgriffe gemacht, um die Mensch-Tier-Beziehung in einem weiteren kulturhistorischen Rahmen zu kontextualisieren.

Zu den Formalia lässt sich festhalten, dass sich der Band in fünf größere Abschnitte unterteilt, wobei sich jeder einem anderen Aspekt der Tier-Mensch Beziehung, wie jener von Ritter und Pferd, bzw. einer anderen Tiergattung, wie beispielsweise "Tiere des Hauses" zuwendet. Abgeschlossen wird der von Judith Klinger und Andreas Kraß herausgegebene Band von einem Kapitel über Tiere in Namen. Als Quellenkorpus dienen den AutorInnen des Sammelbandes jedoch nicht nur literarische, sondern auch bildliche Darstellungen. Es werden mehrfach längere Textpassagen auch im Originalwortlaut zitiert. Zu den mittel- und althochdeutschen Ausschnitten werden den LeserInnen die entsprechenden hochdeutschen Übersetzungen gleich mit an die Hand gegeben, was für das Verständnis fachunkundiger Personen essenziell ist. Denn gerade diese Textpassagen ermöglichen es den Ausführungen der AutorInnen zu folgen, geben einen tieferen Einblick in die Thematik und lockern die ansonsten oftmals streng wissenschaftlichen, aber in ihrer Qualität divergierenden, Beiträge auf. Die Thematik wird oftmals nur streiflichtartig behandelt. Teils farbig gedruckte Illustrationen lockern das Erscheinungsbild auf.

Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis befinden sich am Ende des Buches und stören den Lesefluss somit nicht. Hier findet sich auch ein Register, das es zudem ermöglicht gezielt nach Tieren, Personen und Werken zu suchen, was das Buch als Arbeitsmittel durchaus empfiehlt. Wünschenswert wären Kurzbiografien der AutorInnen gewesen, um den jeweiligen thematischen Zugang besser einordnen zu können. Der vorliegende Sammelband gibt Einblicke in den Themenbereich der Tier-Mensch-Beziehung in der Literatur des Mittelalters, ist dabei dank seiner Aufmachung und dem breiten Themenzugang sicherlich nicht nur für GermanistInnen oder LiteraturwissenschafterInnen eine wertvolle Ergänzung, sondern kann auch Anstöße zu weiteren Forschungen liefern. Gerade hinsichtlich der unterschiedlichen Konnotationen der Tiere und vor allem der Tiernamen könnten beispielsweise auch frauen- und geschlechtergeschichtliche Aspekte herausgearbeitet werden. Die interdisziplinären Potenziale der Human-Animal-Studies werden in diesen Beiträgen einmal mehr deutlich.

Tags

tiere, human-animal studies, rezension