Editorial

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Editorial 3/2017: Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

AutorInnen: Alessandro Barberi / Henrike Friedrichs-Liesenkötter / Nadia Kutscher

Editorial 3/2017

Medienberichte über geflüchtete Menschen weisen darauf hin, dass digitale Medien einen bedeutsamen Stellenwert in Zusammenhang mit Fluchtmigration einnehmen. So spielt die Mediennutzung Geflüchteter eine große Rolle sowohl auf der Flucht als auch in der Aufnahmegesellschaft. Gleichzeitig werden beispielsweise über soziale Medien Berichte, Fake-News, Bilder u. v. m. über Geflüchtete transportiert und formen dabei in diesem Zusammenhang öffentliche Bilder und Diskurse. Mit dieser Ausgabe zu Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven ist es den HerausgeberInnen und der Redaktion der MEDIENIMPULSE ein besonderes Anliegen, in diesem äußerst sensiblen Bereich sowohl empirisch als auch theoretisch angelegte Beiträge zu präsentieren.

So wird neben der Frage nach den medialen Darstellungen von Flucht vor allem das Verhältnis von Medien und Flucht diskutiert. Aber auch die Mediennutzung von geflüchteten Personen, die konkrete Arbeit mit geflüchteten Heranwachsenden und deren Familien sowie methodische Herausforderungen des Themas Flucht in Praxis und Forschung werden in den Raum und somit zur medienpädagogischen Diskussion gestellt. Dabei standen uns zu Beginn vor allem vier Aspekte des Themas Flucht vor Augen, die wir im Rahmen der Vorbereitungen zu dieser Ausgabe der Community der MedienpädagogInnen mit einem Call for Papers präsentierten:

  • Denn erstens zeigen mediale Darstellungen Geflüchtete vor allem während ihrer Flucht oder im Ankunftsland und transportieren hierbei auch Aussagen zu vermeintlichen Auswirkungen wie einer krisenhaften Situation für die einheimische Bevölkerung, was die tatsächliche Lebenswelt der Flüchtenden verzerrt darstellt. Daneben bestehen indes verschiedene Medien, u. a. solche, die sich explizit an Kinder und Jugendliche richten, mit dem Anspruch, für die Nöte von flüchtenden und geflüchteten Menschen zu sensibilisieren und Empathie zu wecken.

  • Zweitens stellte sich uns in Bezug auf die Mediennutzung von geflüchteten Personen u. a. die Frage, inwiefern nennenswerte Unterschiede zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Personen oder auch zwischen verschiedenen geflüchteten Gruppen bestehen, die beispielsweise auf Unterschiede der Mediennutzung im Herkunftsland oder auch auf unterschiedliche Qualitäten kulturellen oder sozialen Kapitals (Bourdieu) zurückzuführen sind.

  • Als weiteres Themenfeld sollte drittens die pädagogische bzw. medienpädagogische Arbeit mit Heranwachsenden und Familien mit Fluchterfahrung in den Blick genommen werden. Hierzu zählen beispielsweise Theorie- und Forschungsarbeiten zu medienpädagogischen Projekten oder auch die konkrete pädagogische Arbeit mit Geflüchteten, in der Fragen des Medienumgangs in Zusammenhang mit der Mediennutzung der Jugendlichen in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe relevant werden.

  • Und viertens wirft das Themenfeld Medien und Flucht insbesondere für ForscherInnen methodische Fragen auf. Dies reicht von bestehenden Sprachbarrieren bis hin zum Feldzugang über GatekeeperInnen und DolmetscherInnen. Es geht mithin um Fragen des Zugangs und der Verantwortung in einem derart sensiblen Feld.

Der Beitrag von Henrike Friedrichs-Liesenkötter und Caroline Schmitt fragt ganz in diesem Sinne nach der Bedeutung digitaler Medien für junge Geflüchtete in Deutschland und für Fachkräfte in der (medien-)pädagogischen Arbeit mit jungen Geflüchteten. Er stützt sich auf breites empirisches Material aus zwei Forschungsprojekten und analysiert die ambivalente Funktion von Medien als Mediatoren von Agency, was auch angesichts der aktuellen Debatten zur Handlungsorientierten Medienpädagogik von großem Interesse ist. Dabei wird klar herausgearbeitet, dass digitale Medien einerseits unterstützend in den Lebenswelten von Geflüchteten wirken: Sie sind Fluchthelfer, erleichtern den Alltag in einem neuen Umfeld, fungieren als Bindeglied zu bürgerschaftlich Engagierten und stärken in medienpädagogischen Projekten die Artikulations- und Partizipationsmöglichkeiten sowie die Medienkompetenz der jungen Menschen. Gleichzeitig transportieren sie aber auch belastende Ereignisse – in diesem Fall nach Deutschland –, schüren Sorgen und können als Trigger fungieren. Ihre Nutzung ist in hohem Maße abhängig von der bestehenden technischen und politischen Infrastruktur und damit keineswegs selbstverständlich. (Medien‑)Pädagogische Fachkräfte gilt es daher, für die ambivalente Bedeutung von digitalen Medien in den Lebenswelten von Geflüchteten zu sensibilisieren und sie zu einer medienkritischen Reflexion der ambivalenten Effekte hinsichtlich der Handlungsfähigkeit der jungen Menschen anzuregen. Der Beitrag stellt damit insgesamt die ambivalente Bedeutung digitaler Medien im Feld von Flucht und Ankommen im Zielland heraus und betont abschließend, inwiefern Medien als Mediatoren von Handlungs(un)fähigkeit fungieren. Ein Umstand, der sich über diese spezifischen Fälle hinaus auch in anderen Kontexten reflektieren lässt. Dabei betonen die Autorinnen abschließend, dass es für zukünftige medienpädagogische Forschung besonders relevant ist, die Sichtweise von Geflüchteten auf den Umgang mit Medien in pädagogischen Settings zu berücksichtigen.

In diesem Sinne geht auch der (sehr reflexive) Beitrag von Lisa Trujillo davon aus, dass in den vergangenen Jahren der medialen Situation der in Europa lebenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde als davor. Die aktuelle Forschung über die Perspektiven und "Stimmen" von Flüchtlingen hat begonnen, den Alltag der Fliehenden intensiv in den Blick zu nehmen. Trotzdem gibt es, so Trujillo, einen großen Mangel an (sozialer und medialer) Kontextualisierung und kritischer Untersuchung der Produktion und Nutzung dieser empirischen Gegebenheiten in der Forschung. Der Beitrag beschäftigt sich mit dieser Forschungslücke, indem er auf die sozialen Mikro- und Makrokontexte fokussiert, die diese Stimmen vor allem mit Macht- und Herrschaftsbeziehungen in ein (immer auch mediales) Verhältnis setzen. Die Autorin argumentiert, dass die Äußerungen der Flüchtlinge ihre Signifikanz erst durch die Kontexte erhalten, in denen sie produziert wurden, und weniger in der abstrakten Bedeutung ihrer Wörter. Dies lässt sich auch anhand der Erkenntnisse einer Studie, die mit URM in Berlin durchgeführt wurde, zeigen: denn auch hier ist das Reflektieren der methodischen Faktoren, die für die Forschung mit einer Gruppe von Flüchtlingen wichtig waren, genauso bedeutsam, wie das Befassen mit größeren diskursiven Kontexten. Durch diese Untersuchung entdeckt die Autorin auch für die eigenen Forschungen eine größere Palette von Interpretationsmöglichkeiten, die zu umfangreichen und nützlichen Einsichten in den Alltag von Flüchtlingen führen können. Dabei werden die Interviews im Feld als "Performance and Addressing Reflexivity" begriffen. Trujillos Beitrag befürwortet insofern nachdrücklich eine größere Performanzorientierung und Reflexivität in der Flüchtlings-Forschung, die nicht nur mehrere Interpretationsperspektiven eröffnet, sondern auch dazu beitragen kann, Fragen der Dekontextualisierung und Falschdarstellung anzusprechen, um eine höhere Qualitätsforschung zu fördern.

Christian Toth und Olga Rollmann fragen dann anhand der Kindernachrichtensendung logo! nach der Art und Weise wie im Fernsehen (und in der Folge auch online) das Problem der Flucht "didaktisch" aufbereitet wurde, um als "kindergerecht" gelten zu können. Ganz im Sinne von Dieter Baackes Diktum, nachdem Lebenswelten immer Medienwelten und vice versa sind, werden so in einem methodisch eingegrenzten Rahmen die – durchaus positiven – Repräsentationen der Flucht (nach Europa) und ihre konkrete Wirkung auf kindliche Lebenswelten analysiert und für die LeserInnen vor Augen geführt: denn die gesamte Rubrik "Flucht nach Europa" der Mediathek von logo! wurde akribisch analysiert und interpretativ untersucht. Für die Analyse waren die Form und Gestaltung der Berichterstattung sowie das inhaltliche und formale "framing" und damit verbundene (un-)intendierte meinungsbildende Prozesse besonders interessant. Die Analyse zeigte, dass insgesamt mit großer Sympathie über Geflüchtete berichtet wurde und die Art der Berichterstattung und die inhaltliche und visuelle Aufarbeitung der Themen Kindern eine deutsche Willkommenskultur für Geflüchtete suggerieren. Diese Ergebnisse können so vor dem Hintergrund der Darstellung Geflüchteter in "Erwachsenennachrichtenformaten", der Funktion und Wirkungsweise von Framingeffekten sowie der Ansprüche und Qualitätskriterien von Kindernachrichtensendungen diskutiert werden. Da logo! einen hohen Stellenwert und eine hohe Anerkennung sowohl aufseiten der Eltern und der Kinder genießt, gehen die AutorInnen abschließend davon aus, dass die hier beschriebenen und durch die inhaltliche Berichterstattung evozierten "framing effects" hinsichtlich einer positiven Darstellung von Geflüchteten die Lebens- und Medienwelten der Kinder auch wirklich erreich(t)en und zu einem gewissen Grad präg(t)en. Die breite empirische Untersuchung dieser Effekte steht zwar noch aus, aber allein diese approximative Diagnose ist angesichts des Verhältnisses von Medien und Flucht von großem medienpädagogischen Interesse.

Wie immer geht es uns im Rahmen der MEDIENIMPULSE darum, das Schwerpunktthema anhand der konkreten Unterrichtspraxis zu verdeutlichen. Der Beitrag von Walter Kreuz und Evelyn Blumenau berichtet deshalb davon, wie eine Gruppe junger Geflüchteter ein Medienteam im Sinne eines "Freien Radios" bildete, indem die scheinbar so abstrakte Mathematik für alle sehr greifbar wurde. Der Gedanke, derartige medienpädagogische Projekte mit (dem Schulfach) Mathematik zu kombinieren, entstand bei der Suche nach einem gemeinsamen Sendungsthema im Rahmen eines interkulturellen Radioworkshops im Februar 2016. Auf Basis eigener Ideen und Kenntnisse wurden so Radiosendungen und audiovisuelle Präsentationen zu Geometrie, Algebra & Co gestaltet. Auch wenn die(se) MATH>SPEAKERS unterschiedliche Sprachen verwendeten, bildete die Mathematik eine Möglichkeit, das Verbindende ins Zentrum zu rücken. So konnten die Teilnehmenden Fertigkeiten und eigenes Wissen präsentieren, bewusst die Rollen von Erklärenden einnehmen, sich mit Mathematik auf neutralem Terrain bewegen und die einfachsten Mittel – Schrift, Zeichen, Sprache/Stimme – zur radiospezifischen Thematisierung mathematischer Inhalte nutzen. In diesem Zusammenhang wird nicht verleugnet – und dies ist medienpädagogisch sehr relevant – dass sich dabei auch in der Gruppenarbeit Etikettierungen von Personengruppen und positive Diskriminierungen einschleichen können. Dabei geht es darum, dass "Freie Radios" nicht einfach nur von "Flüchtlingen" berichten, sie nicht einfach nur zu Interviews einladen oder Menschen mit Fluchterfahrung dazu veranlassen, zu "erzählen". Viel wichtiger ist, dass sie ihre Programme nach eigenen Ideen zu jedweden Themen gestalten und in den Produktionsprozess eingreifen können. Dabei wird auch deutlich, dass Flüchtlinge keineswegs nur die Lieder aus ihren Herkunftsländern oder Weltmusik kennen, sondern auch Schostakowitsch, Sting, Kiss oder Abba. Mathematik und Musik sind dabei nur zwei Beispiele für universelle "Übersetzbarkeit" verschiedener Gesellschaften und Kulturen.

Auf einer derart konkreten Ebene siedeln auch Christian Diabl, "fisch" und Lale Rodgarkia-Dara vom Radio FRO ihren Artikel zur Medieninklusion für Geflüchtete im Freien Mediensektor an. Denn sie präsentieren Erfahrungsberichte aus der aktiven Radioarbeit mit Rückschlägen, freudigen Begebenheiten, Versuchen, Adaptierungen und Neustarts, die sich im Rahmen zweier Projekte in Linz und Wien ergaben. Dabei lag der medienpädagogische Fokus bei beiden Projekten auf dem Nutzen des Mediums Radio, mit dem im Sinne der Medienkritik reflektiert Distanz geschaffen werden kann, um als emanzipatorisches Tool zur Alltags- und Lebensgestaltung zu dienen. Dabei wurden in praktischen Workshops mit einem "Mobilen Studio" mehrere Radiosendungen hergestellt, in denen der Mehrsprachigkeit und der Gendersensibilität besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dabei ging es vor allem darum, lösungsorientiert zu arbeiten und so Hilfe zur Selbsthilfe zu schaffen. Dabei musste eine Vertrauensbasis geschaffen werden, um so Zeit für Beziehungen entstehen zu lassen. Aus medienpädagogischer Sicht ist vor allem langfristiges Engagement essenzieller Teil einer solchen Arbeit. Dabei stellte sich selbstredend auch in diesen Projekten immer wieder die Frage der medialen Inszenierung von "Flucht", wobei sie damit ein breites Spektrum aktiver Radioarbeit spiegeln können. Die AutorInnen hoffen deshalb, dass durch diese Vorreiterrolle auch jene Initiativen wieder ermutigt werden können, die in einer ersten Euphorie 2015 unzählige Projekte mit Menschen, die nach Österreich geflüchtet sind, durchgeführt haben, indes an die "Grenzen" der Partizipation und der Ressourcen (zumeist Geld und Zeit) angekommen sind. Es gilt mithin, so die medienpädagogische Conclusio des Beitrags, den Elan der ersten Stunden wiederzufinden. Frustrationen müssen deshalb angesprochen und die Freude am Radiomachen in den Vordergrund gestellt werden.

Da es in unserem Zusammenhang besonders passend erschien – und es für ein Online-Medium auch kein größeres Problem darstellt –, haben die HerausgeberInnen sich darüber hinaus entschieden, einen Text von Katharina Mildner (Sontag), der in der Ausgabe 3/2015 zum Thema "Handeln mit Symbolen" bereits erschienen ist, in dieser Schwerpunktausgabe zu spiegeln. Denn in unserem aktuellen Kontext und angesichts der Fragen nach der "Medialität der Flucht" erscheinen die Thesen zum symbolischen Tod des (fliehenden) Subjekts in einem neuen Licht. Nach der feministischen Diskurs- und Subjektivierungstheorie Judith Butlers muss nämlich auch medienpädagogisch nach dem Verhältnis zwischen dem Subjekt (der Flucht) und seiner/ihrer medialen Inszenierung in den Raum gestellt werden. Denn in der Butlerschen Theorie wird das (flüchtende/flüchtige) Subjekt erst durch seine diskursive und d. i. mediale Anrufung und Bezeichnung (im Sinne von Louis Althussers Anrufung/appelation) in den Raum der (öffentlichen) Repräsentation und damit "Wahrnehmung" gebracht. Die Flucht wird in den Medien mithin – durchaus politisch interessiert – in Szene gesetzt. Damit bleibt Menschen, die an den Grenzen und Rändern in unsere Gesellschaften kommen, freilich kaum eine (mediale) Nische oder ein (sozialer) Raum, um ihre Probleme und Anliegen zu artikulieren und damit sichtbar zu machen, weil die (territoriale und symbolische) Grenze zu ihrer Wahrnehmbarkeit nicht von ihnen selbst gezogen wird und sie mithin keine Autonomie oder Beteiligung erreichen können. Die (symbolischen und medialen) Unterschiede zwischen geflüchteten und nicht geflüchteten Personen werden dabei mehr als flagrant. So ist offensichtlich, dass es immer darauf ankommen wird, wer unter welchen (sozialen und d. i. immer  auch medialen) Bedingungen "Flüchtlinge" oder "Asylanten" performiert und mithin repräsentiert. So ist Mildner-Sontags Beitrag auch in unserem aktuellen Zusammenhang von Medien und Flucht insbesondere für ForscherInnen von Interesse, die ihr methodisch/methodologisches Rüstzeug begrifflich schärfen und reflektieren wollen.

Darüber hinaus haben auch die anderen Ressorts wieder Vieles zu bieten, das direkt in den (digitalen) Handapparat von MedienpädagogInnen übernommen werden kann. So hat im Umfeld der MEDIENIMPULSE an der Universität Wien im Juni 2017 eine Tagung zu Philosophie und Pädagogik Richard Hönigswalds stattgefunden, deren Ergebnisse 2018 in einem Sammelband präsentiert werden.

Insofern liefert der Beitrag von Christian Swertz im Ressort Forschung, der sich aus medienpädagogischer Sicht mit der Rhythmustheorie Hönigswalds auseinandersetzt, einen Vorgeschmack auf die künftig veröffentlichten Ergebnisse. Denn angesichts der Frage, wie genau (unter Medienbedingungen) das Problem der Erfahrung von Rhythmus (sei es in der Radioproduktion oder im Hochschulunterricht) zu erfassen ist, erweist sich Hönigswalds Neokantianismus als brandaktuell. So ist es angesichts der Debatten zur "relationalen Webdidaktik" äußerst lehrreich, dass Rhythmuserleben von Hönigswald immer als korrelatives Phänomen – etwa zwischen dem empirischen Phänomen des Pulsschlags am Handgelenk und dem Begriff des Pulsschlags – beschrieben wurde. Dabei sind Phänomene wie "Reiz", "Empfindung" und bemerkenswerterweise auch "Produktion" durchwegs am Rhythmuserlebnis beteiligt, wobei Swertz darauf verweist, dass dies auch im Sinne einer (pädagogischen) Ökonomie zwischen "Wert" und "Wertung" bedeutsam ist. Ausgehend von einer Aktualisierung der Positionen Hönigswalds kann der Autor so plausibel machen, dass die gegenwärtige Medienpädagogik hinsichtlich eines neokantianischen "Rhythmus der Medien" (man denke an die Diskussionen zur "Beschleunigung" unserer Gesellschaften) den Nachweis führen kann, dass dogmatische Technikdeterminismen schlicht nicht mehr auf der Höhe unserer Zeit stehen. Dementgegen können innovative medienpädagogische Projekte im Rückgriff auf Hönigswald eine überraschend aktuelle qualitative Methodologie entfalten, und zwar in der Forschung genauso wie in der konkreten Unterrichtspraxis.

Des Weiteren scheint es so, dass wir uns durchaus überlegen könnten, nach Finnland zu fliehen. Denn parallel zum hervorragenden Bildungssystem sind die finnischen MedienpädagogInnen uns auch bei der Digitalisierung ihrer Bibliotheken voraus. Deshalb berichtet der medienpädagogische Ethnologe Udo Somma im Ressort Praxis von einer Bildungsreise durch die Maker Spaces in den City Libraries von Espoo in Finnland, eine Reise, die er – wie an den zahlreichen Abbildungen sichtbar wird – seinerseits medienkompetent mit einer Kamera angetreten hat. So bietet er buchstäblich mehrere Einblicke in den Stand der Media Education in Finnland, analysiert deren Infrastruktur und die breite Palette der Produktionsbedingungen für die Mediennutzung und die Mediengestaltung (u. a.  3D-Drucker, VR-Brillen und Lasercutter). Dabei verweist der Autor auch auf die kommunitären Aspekte der öffentlichen Räume, die so zu digitalen Bildungsstätten für alle BürgerInnen werden.

Für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE ist sicher auch der Erfahrungsbericht von Bernhard Lahner von großem Interesse, da er ganz praktisch und daher nachvollziehbar sein erstes Dienstjahr als Medienpädagoge in seinem Beitrag rekapituliert und reflektiert. Dabei geht es vor allem darum, wie das Wissen aus dem Studium in der konkreten Radioproduktion umgesetzt werden kann. Dafür sind konkrete Vorarbeiten nötig wie etwa die Modellierung eines Wahlmoduls (von den Vorerfahrungen über die Technik mit Audacity bis hin zum Sendungskonzept), um dann auch wirklich im Schulraum – im kleinen Zeitrahmen – medienpädagogisch weiter zu kommen. Dabei kontaktierte Lahner etwa den Chaos Computer Club, der gemeinsam mit ihm darum bemüht war, Kindern von Beginn an kein falsches Bild der Hackertätigkeit zu vermitteln. Denn was versteht man schon von den Funktionsweisen und Mechanismen unserer Wissens- und Informationsgesellschaft, wenn man falsche Informationen über Hacker (und damit über Coden) von einer Generation an die nächste übergibt.

Was wir aber jetzt schon an unsere Kinder, Jugendlichen und StudentInnen weitergeben können, wenn wir uns selbst als medienkompetente PädagogInnen erweisen, ist das konkrete Wissen im Umgang mit 3D-Druckern. Deshalb erläutert Hermann Morgenbesser sehr praktisch, was man unter 3D-Druck versteht, was in der (kurzen) Geschichte des 3D-Druckverfahrens geschehen ist und mit welchen Technologien wir es dabei zu tun haben. Dies erläutert er sowohl hinsichtlich der Heimanwendung und der Kunst, als auch angesichts der Rolle des 3D-Drucks in wissenschaftlichen Laboratorien und im Unterricht. Dabei können wir unseren LeserInnen auch eine systematische Planung einer Unterrichtssequenz präsentieren, die im Sinne des eigenverantwortlichen Lernens der SchülerInnen (Inquiry based learning) eingesetzt wurde, um dabei Lernaktivitäten oder Lernumgebungen genauso zu erfassen wie die Rolle der verwendeten Technik und der Lehrkräfte. Abschließend präsentiert Morgenbesser dann einige 3D-Objekte (etwa eine Schachfigur) die mit einem selbstgebauten 3D-Drucker gefertigt wurden.

Im Ressort Bildung und Politik ist es dann Herbert Gnauer darum zu tun, eingehend zu diskutieren wie angesichts des Bundestrojaners die Diskussion zu aktuellen Überwachungstechnologien und Big Data auf österreichischer Ebene von eminenter Bedeutung ist. Denn die aktuelle Verschärfung bzw. Ausweitung von Überwachungsmaßnahmen wirft erneut alle Problembereiche auf, die uns seit der Causa Edward Snowden beschäftigen müssen, wenn wir – auch didaktisch – erklären wollen, welche Informations-, Kommunikations- und Medientechnologien im Kontrolldispositiv eingesetzt werden. Dabei diskutiert Gnauer u. a. Backdoors und Schadprogramme wie WannaCry und Stuxnet und liefert unseren LeserInnen auch einen kleinen Schatz an Links, die diesbezüglich nützlich sind. Welche Gegenstrategien aus medienpädagogischer Sicht möglich und sinnvoll sind, ist ebenso Gegenstand der Ausführungen. Denn durch das vorläufige Scheitern des Sicherheitspaketes wurde Zeit gewonnen, um durch gründliches Nachdenken einen faktenbasierten Diskurs zu entwickeln und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dass es von eminenter Bedeutung ist, welche Konzepte PolitikerInnen vor Augen stehen, wenn sie von Medienbildung oder Digitaler Bildung sprechen, beweist der Beitrag von Petra Missomelius, die aufmerksam verfolgt hat, wie die (deutsche) Politik auf die Wahlprüfsteine der Initiative "Keine Bildung ohne Medien!" (KBoM!) antwortete, die den bei der Bundestagswahl antretenden Parteien vorgelegt worden waren. Dabei werden die einzelnen Fragen genauso präsentiert wie die Ergebnisse der rückmeldenden Parteien. So besteht etwa parteiübergreifender Konsens in der Einsicht, dass die oberste Verantwortung zur Medienerziehung von Kindern bei den Eltern liegt. Divergenzen zeigen sich etwa im Umgang mit freier und offener Software, also auch mit Open Educational Ressources (OER), deren Wichtigkeit von den Grünen, der Linken und der Piratenpartei viel stärker betont wird als von CDU/CSU, SPD und FDP. Die Autorin betont dabei nachdrücklich, dass eine diesbezügliche Befragung der österreichischen Parteien aussteht, aber gerade aus medienpädagogischer Sicht eminent wichtig wäre.

Das Ressort Kultur und Kunst präsentiert dann mit einem Beitrag von Ruth Sonderegger die Engaged Pedagogy von bell hooks, welche durchaus mit unserem Schwerpunktthema in Zusammenhang steht. Denn die Frage nach den Möglichkeiten des antidiskriminatorischen Lehrens und Lernens, dass in der Black Community der USA eine große Bedeutung hat, kann direkt auf das Unterrichten von Menschen mit Flüchtlingserfahrungen bezogen werden, da sie serienweise mit Rassismus und Sexismus konfrontiert werden. So hat bell hooks Bildungsinstitutionen immer wieder eindringlich daran erinnert, dass es nicht ausreicht, Begrifflichkeiten/Ansätze, die Schwarze Frauen, also Women of Color, und MigrantInnen eingebracht haben, auf den Webseiten zu nennen und in Curricula aufzunehmen. Denn es ist insbesondere in einer Migrationsgesellschaft vonnöten, unterworfene Wissens- und Erfahrungsformen ernst zu nehmen, um sie nicht zu blockieren und durch den heimischen Trichter der sogenannten Integration zu pressen. Vielmehr müsse man dieses Verhältnis umkehren und das Verworfene anerkennen.

Von bildungspolitischer Relevanz ist auch die Präsentation des Audiovisuellen Archivs, dass eine digitale Sammlung, Erfassung und Produktion lebensgeschichtlicher Videointerviews zu den unterschiedlichsten Ereignissen der österreichischen Zeitgeschichte darstellt. So freut es die HerausgeberInnen, dass sie einige Mitglieder des ursprünglichen AVA-Teams (Andreas Filipovic, Tanja Jenni, Klaudija Sabo, Matthias Vigl und Thomas Ballhausen) dafür gewinnen konnten, die eigene medienpolitische und mediendidaktische Arbeit zusammenzufassen. Denn an der Schnittstelle von historischer Forschung, technologischer Innovation und aktueller gesellschaftspolitischer Fragestellungen angesiedelt, versteht sich das AVA als ein transdisziplinäres Bildungsprojekt, in dessen Rahmen die medial präsentierten Zeitzeugen eine aktive Rolle in der Geschichte spielen und nicht – wie eine traditionelle Geschichtsschreibung es wollte – nur ein Beiwerk der Dokumente sind. Insofern ist das AVA ein hervorragendes Beispiel für die Medialität der Historiografie angesichts einer digitalen Oral History.

Zum Ende hin können wir auf insgesamt acht Rezensionen verweisen, die im Ressort Neue Medien nur darauf warten unsere LeserInnen anzuregen. So hat Veronika Zoidl ihre germanistische Kompetenz eingesetzt, um den ersten Band der großangelegten Salzburger Ingeborg Bachmann Edition, die von Hans Höller und Irene Fußl herausgegeben wird, durchzuarbeiten, in dem es um Bachmanns Traumnotate, Briefe sowie Brief- und Redeentwürfe geht. Sophie Zechmeister machte sich dann daran, einen bemerkenswerten Band der Sekundärliteratur zum Werk von Paul Auster zu lesen, dem europäischsten der amerikanischen Autoren. Im Rahmen der zweiten Welle der Auster-Forschung können seine Arbeiten so kontextualisiert und in ihren poetologischen Kategorien analysiert werden. Auch die Auseinandersetzung mit Comics hat in den MEDIENIMPULSEN eine lange Tradition, weshalb Benjamin Schanz von Sarah Gliddens Reise durch Syrien, den Irak und die Türkei berichtet, welche in dem wunderbaren Comic "Im Schatten des Krieges" kondensiert und zusammengefasst wurde. Dabei wird deutlich das Geschichte immer auch im Medium des Comics erzählt werden kann. Dass MedienpädagogInnen beim Einsatz digitaler Medien immer öfter auf Tablets und Tabletnutzung stoßen, hat Daniel Nagler dazu gebracht, einen Band zu "Tablets in Schule und Unterricht" zu rezensieren, den Jasmin Bastian und Stefan Aufenanger jüngst der Öffentlichkeit übergeben haben. Sie beantworten dabei viele themenrelevante Fragen, die über die Jahre im Bereich der Medienpädagogik immer wieder aufgekommen sind.

Raffaela Rogy berichtet in der Folge von Marijana Erstićs "Ein Jahrhundert der Verunsicherung", das Ende dieses Jahres unter Creative Commons Lizenz im Netz frei zugänglich gemacht wird. Dabei handelt es sich um eine wahre Fundgrube für MedienpädagogInnen, vor allem, wenn sie den Grenzbereich von Geschichts- und Medienwissenschaft abdecken wollen. Auch angesichts der politischen Gefahren unserer Gegenwart ist eine Analyse des Neofaschismus ein Gebot der Stunde, weshalb Simon Nagy der Redaktion eine mehr als nützliche Rezension gesendet hat, in der Jelena Jazos "Postnazismus und Populärkultur" untersuchte. Denn das Nachleben faschistoider Ästhetik ist über 60 Jahre nach Auschwitz keineswegs ein Phänomen der Vergangenheit. Jazo ist deshalb eine grandiose wechselseitige Beleuchtung der gegenwärtigen Popkultur und der nationalsozialistischen Ästhetik gelungen, die auch große didaktische Möglichkeiten in sich birgt. Thomas Ballhausen nahm sich dann Manfred Sommers "Von der Bildfläche. Eine Archäologie der Lineatur" vor und zeigt so, welche Bedeutung Bildgeschichte und Bildbetrachtung in der Medienpädagogik haben sollten. Denn unsere Bildschirme sind nicht zuletzt deshalb rechteckig, weil auch die zentralperspektivischen Bilder von Albrecht Dürer es sind. Dabei geht es immer auch um die Beschreibung von Abwesenheiten, wenn etwa Fenster, Öffnungen und Aussparungen analysiert werden. Last but not least hat der Chefredakteur der MEDIENIMPULSE, Alessandro Barberi, einen brüderlichen Band von Bernd Jürgen Warneken durchgearbeitet, der mit "Fraternité" den schönen Versuch unternommen hat, zu zeigen, wie die Moderne seit der Französischen Revolution immer wieder die Kooperation gegen die Konkurrenz gestellt hat. Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit sind daher auch heute noch erhabene Ideale, deren Verteidigung gerade in unseren Schulklassen von großer Wichtigkeit ist.

Und auch unser aller Chefassistentin Katharina Kaiser Müller hat im Ressort "Ankündigungen" mehr als ganze Arbeit geleistet und sich selbst übertroffen, was bisher nicht möglich schien. Aber es sind nun einmal wirklich dreizehn Calls und Termine aus dem Netzwerk der MedienpädagogInnen, die nur darauf warten in unseren Terminkalendern niedergeschrieben und eingehalten zu werden. Für ihre unermüdliche Unterstützung aller Beteiligten wollen wir hier ganz deutlich "Danke" sagen.

Insgesamt hoffen wir sehr, dass für alle unsere LeserInnen etwas dabei ist und wünschen anregende Stunden bei der Lektüre in den Fluchtlinien dieser Ausgabe der MEDIENIMPULSE …

Mit herzlichen Grüßen und im Namen der Redaktion,

Alessandro Barberi, Henrike Friedrichs-Liesenkötter, Nadia Kutscher

P. S.: Haben Sie den Call für die nächste Ausgabe schon gesehen?

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