Neue Medien

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Rezension: Paul Auster: Beiträge zu Werk und Poetik

von Simone Sauer-Kretschmer und Christan A. Bachmann (Hg.)

AutorIn: Sophie Zechmeister

Der vorliegende literaturwissenschaftliche Sammelband widmet sich dem US-amerikanischen Erfolgsautor Paul Auster. Die Auster-Kennerin Sophie Zechmeister hat die Publikation für die MEDIENIMPULSE in sehr persönlicher Art und Weise besprochen …

Verlag: Christan A. Bachmann Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-941030-16-9


Cover: Paul Auster. Beiträge zu Werk und Poetik
von Simone Sauer-Kretschmer und Christan A. Bachmann (Hg.)
Quelle: Amazon

Paul Auster ist wohl der europäischste der amerikanischen Autoren, so schreibt Solvejg Nitzke in dem Sammelband "Paul Auster: Beiträge zu Werke und Poetik". Das ist eine mir nicht unbekannte geografische Grenzüberschreitung, wurde mir doch beim Lesen eines Auster-Buchs in seinem sprichwörtlichen Hinterhof (einem Café zwei Blöcke von seinem Apartment in Brooklyn entfernt) leicht vorwurfsvoll von dem Kellner gesagt, Auster sei "Oh so European … Real New Yorkers don’t read Auster." All das nur, um in Folge mit einer – gerade für eine selbst-deklarierte Nicht-Leserin überraschenden – Welle an Fakten über Austers Werk und Leben überwältigt zu werden. Diese hier beispielhaft ausgeführte Dichotomie ist nicht nur der Rezeption Austers inhärent, sondern auch seinen Werken an sich. Auster ist der Meister der Übertretung, er lässt Fiktion und Autobiografie mit einem Augenzwinkern und der Versicherung, es sei nichts autobiografisch, den jüdischen New Yorker Schriftstellerprotagonisten zu trotz, verschmelzen. Er bedient sich unterschiedlicher Kunstgenres und schachtelt sie ineinander, so dass ein Manuskript eines Filmes zur Handlung eines Buches wird, selbiges Manuskript zu einem Film gemacht wird, dessen Handlung das Schreiben eines Buches ist und dessen Struktur und Narrativität einem literarischen Werk gleichen. Auster ist ein Sammler der intermedialen Grauzonen; ein Bastler der Medienkonstrukte, in deren Rahmen Filme, Fotografien und Romane ineinander übergehen.

Genau diesem Thema der Auster’schen Grenzübertretung widmet sich der vorliegende Sammelband. In seinem Beitrag "Auster, Bastler, Sammler" zieht Herausgeber Bachmann selbst die Parallele zu Auster als Sammler in seiner Rolle als Herausgeber von Anthologien und, ob bewusst oder nicht, übernimmt er dieselbe Rolle als Co-Herausgeber des Bandes. Sauer-Kretschmer und Bachmann werden zu den Sammlern der thematisch breitgefächerten Beiträge und den Bastlern der Auster’schen Verbindungen. Während sie diese nun nach "Autorschaft & Poetik", "Gesellschaft & Zeitkritik" und "(Bewegte) Bilder" gliedern, sind die Grenzen zwischen den Themengebieten – ganz im Geiste Austers – fast willkürlich konstruiert. Trotz der medienübergreifenden Themenbereiche ziehen sich gewisse Motive Austers wie ein roter Faden durch die Sammlung. Man stößt in "Beiträge zu Werk und Poetik" immer wieder auf die Fluidität von Fiktion und Realität, die Auster an den Tag legt – sei dies nun in Form der Grenzziehung zwischen autobiografischen und fiktionalen Elementen (Walter-Jochum), der Fiktionalisierung tatsächlicher politischer Ereignisse in Austers Alternativrealitäten (Zenzinger; Caeners) oder der direkten Diskussion der Aspekte der Fiktionalisierung innerhalb der Handlung des Films "The Inner Life of Martin Frost" (Schmitt).

Walter-Jochum beschreibt im Kontext der Postmoderne Austers Strategie, in seinen eigenen Texten ihm bekannte Charaktere zu nehmen – meist sich selbst – und gezielt Elemente zu subtrahieren, um auf dem sicherheitsspendenden Titel der Fiktion beharren zu können. Er behält jedoch die offensichtlichsten Charakteristika, wie seine Initialen, Anagramme seines Namens oder biografische Daten, bei, um dem Leser die Parallelen zur Realität nicht nur deutlich zu machen, sondern geradezu unter die Nase zu reiben. In einem anderen Beitrag zeigt sich, was passiert, wenn Auster, der sonst selbst stets die Gradwanderung seiner eigenen Fiktionalisierung kontrolliert, zum Charakter in den Werken eines anderen wird. Konkret ist dies Sophie Calle, die, wie Hildebrand-Schat in "Interaktive Autorschaft" zeigt, mit der Absicht "de l’inverser les rôles du sujet" an Auster herantritt und ihn bittet, ihr eine Geschichte zu schreiben, der sie im realen Leben folgen wird – und somit Auster sowohl zum Sujet macht als auch seine Fiktion in die Realität holt. Durch einen Anderen zum Subjekt einer Geschichte gemacht zu werden, lässt Auster die Kontrolle über seine eigene Fiktionalisierung spielerisch verlieren und verwischt die Grenze seiner Privatsphäre und der des öffentlichen Gutes weiter.

Caeners zeigt in ihrem Beitrag "Eine Sache der Fragmentierung ?", dass sich diese Idee der Privatisierung des Öffentlichen und der Veröffentlichung des Privaten auch in Austers Texten widerspiegelt. Austers Charaktere schaffen sich Alternativwelten innerhalb von gesellschaftlich vorkonstruierten Räumen, von der Besetzung eines Hauses in "Sunset Park" zu der Einnahme des Central Parks in "Moon Palace", wobei jeweils der eine Bereich, ob nun der des Privaten oder des Öffentlichen, den anderen, und somit die Existenz der parallel bestehenden Welten, bedroht. Austers Alternativwelten sind, genau wie seine Protagonisten, stets klar im Bezug auf die Realität konstruiert, nur um dann ausgewählte Elemente zu substituieren und gerade so die Aufmerksamkeit auf das Ersetze zu lenken. Sowohl Caeners als auch Sauer-Kretschmer ziehen beispielweise die Parallele des fiktiven Bürgerkriegs in "Man in the Dark" zum tatsächlichen Irakkrieg, um so Auster den Raum zu geben, an selbigem Kritik zu üben. Ähnlich passiert dies in Zenzingers Beitrag "Zivilisationskritik und Alternative Lebensentwürfe", wo er die politischen Agenden Austers – von Native Americans über 9/11 zu der häufig präsenten Thematik des Vietnamkriegs – in dessen Werken aufschlüsselt. Hier stellt sich für die LeserInnen durch die Kritik an dem amerikanischen "way of life", der eine derartige Alternativwelt überhaupt verlangt, wieder die anfängliche Frage Nitzkes: Macht derartige Gesellschaftskritik Auster zu einem unamerikanischen Autor oder gerade deswegen zu einem amerikanischen?

Eine subtile Parallelwelt innerhalb des amerikanischen Lebensraumes erschafft sich auch der, sowohl von Schmitz-Evans als auch Mark Schmitt aufgegriffene, Charakter Auggie Wen aus "Auggie Wen’s Christmas Story" sowie dem späteren Film "Smoke", mit seinem Projekt, die selbe Hausecke täglich zu fotografieren. Eine einzelne Ecke wird zu einer eigenen Welt, auf die jedoch nur Wen Zugriff hat, da dieser Mikrokosmos im Öffentlichen übersehen wird. Erst durch den Transport der öffentlichen Domäne in Wens private Sammlung – und hier tritt der Gedanke des Akteurs als Sammler wieder in Erscheinung – wandelt sich die Hausecke zu einer Alternativwelt. Wie Auggie Wens Geschichte Austers Spiel mit der Intermedialität von Literatur, Film und Fotografie deutlich macht, so repräsentiert sie selbiges auch innerhalb des Sammelbandes. Schmitz-Evans tritt mit einer fotografischen Perspektive an den literarischen Text heran und analysiert die Narrativität der Bildelemente, während Mark Schmitt in seiner Analyse des Films Smoke anhand des Charakters Wen und der Szenerie Brooklyns die Brücke zwischen den Genres Film, Fotografie und Literatur baut. Das "Double Genre" von Film und Literatur zeigt sich natürlich besonders in dem als Übertritt von Film und Literatur konzipierten Werk "The Inner Life of Martin Frost". Wie Claudia Schmitt demonstriert, fungieren dieser Film und der Roman "The Book of Illusions" jeweils als Schlüssel zur Interpretation des Anderen. "Book of Illusions" entlarvt die Handlung des Filmes als reine Einbildung des Protagonisten – etwas, das in der filmischen Umsetzung komplett dem Zuschauer zur Interpretation überlassen wird. Gleichzeitig ist dies der Hinweis darauf, dass die tatsächliche Handlung des Romans, die starke Parallelen zu der des Films aufweist, ebenfalls ausschließlich in der Innenwelt des Protagonisten existiert.

Der Gedanke der Trennung der Wahrnehmung von Fiktion und Realität, diesmal innerhalb des Mediums des Bildes, wird abschließend wieder von Sauer-Kretschmer aufgegriffen. Anhand von "Man in the Dark" zeigt sie, wie auch außerhalb der Romane Austers Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen können. Auster erschafft in "Man in the Dark" ein Alternativszenario, in dem 9/11 nie passiert ist, um gerade durch diese Aussparung einen Kommentar zu der von ihm bisher vermiedenen Thematik abgeben zu können. Sauer-Kretschmer erweitert dies nun auf das Bedürfnis des Menschen, im Angesicht solchen Terrors tatsächliche Ereignisse in der sicheren Welt der Fiktion verorten zu wollen, mit dem zitierten Ausruf "Das ist ja wie im Film!". Denn, wie sie in Anlehnung an Bernd Scheffer, zeigt, existieren keine getrennten Wahrnehmungsfunktionen des Menschen für Film und Realität – die Wirkung, wie auch Auster weiß, ist die selbe. Wobei man hier wieder bei der Frage endet: Was ist Realität und was ist Fiktion? Was passiert in unserer eigenen Welt und was in der außerhalb? Und fast wichtiger: "Does it matter?"

In dem Sinne zeichnet sich "Paul Auster: Beiträge zu Werk und Poetik" besonders durch die breitgefächerten angesprochenen Themenbereiche aus, die eine Art zweite Welle der Auster‑Forschung konstituieren. Während Thematiken wie Paul Austers Verankerung in der Postmoderne, seine narrativen urbanen Räume oder auch seine Rolle als Übersetzer ebenfalls in anderen Bänden der Auster Forschung (z. B. Dennis Barones "Beyond the Red Notebook") gefunden werden können, zeichnet sich "Beiträge zu Werk und Poetik" durch eine Erweiterung der Themengebiete auf andere Medien abseits der klassischen Literatur aus, sowie der Bereitschaft, Auster außerhalb der Nische des postmodernen Autors zu betrachten. Trotz der Tatsache, dass Auster seinen größten Erfolg als Romanautor gefunden hat, ist sein Wille, über die Grenzen seines Mediums hinauszutreten, eine Konstituante, die Auster zu dem Künstler macht, der er ist. "Beiträge zu Werk und Poetik" gibt diesen Grenzüberschreitungen die Aufmerksamkeit die sie verdienen. Dadurch, dass der Blick auf Austers Werke geöffnet wird und auch sein filmisches Schaffen, seine fotografische Perspektive und seine Tätigkeit als Sammler, als Herausgeber, einbezogen wird, eröffnet sich eine neue Interpretationsebene seiner Werke, die sowohl LeserInnen als auch ForscherInnen herausfordert, Auster in einem neuen, intermedialen Licht zu betrachten.

Tags

auster, intermedialität, film, literatur, amerikanische literatur