Neue Medien

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Rezension: Im Schatten des Krieges – Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei

von Sarah Glidden

AutorIn: Benjamin Schanz

Sarah Glidden führt mit "Im Schatten des Krieges" vor, was das Medium Comic als Reportage leisten kann. Benjamin Schanz hat ihr Buch auf die medienpädagogischen Aspekte Beobachtung und Vermittlung hin für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE analysiert …

Verlag: Reprodukt
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3956401015


Cover: Im Schatten des Krieges
von Sarah Glidden
Quelle: Amazon

Es ist das Jahr 2010, Ort des Geschehens ist ein Hausdach im Irak. Ein Mann wird von zwei Journalisten interviewt, etwas weiter abseits hält eine junge Frau die Szene mit ihrem Zeichenblock fest. Es ist die Comiczeichnerin und Autorin Sarah Glidden, deren im Herbst 2016 erschienene Reportage "Im Schatten des Krieges" so viel öffentliche Aufmerksamkeit gewidmet wurde, wie kaum einer Comicpublikation der letzten Jahre. Ausgangspunkt war 2010 eine Reise in den Nahen Osten. Dabei begleitete Glidden ein Team von befreundeten Independent-Journalisten des "Seattle Globalists" durch die Türkei, Irak und Syrien. Dieser Umstand markiert einen wichtigen Unterschied zu arrivierten Comicjournalisten, wie Joe Sacco, Guy Delisle oder Igort: Im Gegensatz zu Sacco führte Glidden keine eigenen Interviews, sondern überließ dies in der Regel ihren BegleiterInnen. Anfangs versuchte sie zwar noch, sich bei den Gesprächen ebenfalls einzubringen, stellte dabei allerdings fest, dass ihre Erfahrung auf diesem Gebiet zu unzureichend war, weshalb sie sich in Folge weitgehend auf die Beobachterinnenrolle beschränkt hielt. Für die Lektüre des Comics bedeutet dies jedoch auch, dass sich dadurch Autorin und LeserInnen weitgehend auf Augenhöhe begegnen können. Gliddens Fragen, die sie ihren Freunden über deren journalistische Tätigkeiten stellt, könnten auch die eigenen sein. Was sie von InterviewpartnerInnen erfährt, bereichert auch das eigene Verständnis. Kurz: Die Perspektive der LeserInnen verschmilzt mit der Sarah Gliddens.


Abb. 1: Sarah Gliddens Homepage

Die eigentlichen "Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei", wie der deutsche Untertitel lautet, fanden bereits vor der Veröffentlichung des Comics auf der Website des Seattle Globalist statt. Dieses Medium, das von Gliddens BegleiterInnen Jessica, Alex und ihrer Namensvetterin Sarah Stuteville begründet wurde, bewegt sich mit seinen Artikeln bewusst abseits der Pfade des konventionellen Journalismus. Das "Ziel von Seattle Globalist ist es, Amerikaner jeden Alters durch innovativen, verständlichen Journalismus für die wesentlichen humanitären Fragen unserer Zeit zu sensibilisieren, sie aufzuklären und zu informieren", so Glidden. Im Fall der Nahostreise bedeutete das, eine Alternative zu dem in Krisengebieten verbreiteten Embedded Journalism anzubieten. Dieser hat den Vorteil nah am Geschehen arbeiten zu können, allerdings unter Inkaufnahme des Verlusts an Neutralität in der Berichterstattung. Sarahs, Jessicas und Alex’ Reportagen sollten sich jedoch durch ihre Unabhängigkeit auszeichnen, weshalb ein Großteil der Reise von Improvisation gekennzeichnet war. Dadurch konnten sie während ihres Aufenthalts flexibler auf spontan entstehende Möglichkeiten einer Geschichte reagieren. Auf der anderen Seite brachte dies auch Nachteile mit sich, denn Fördermittel sind meist mit Auflagen und verlegerischen Erwartungen verbunden. Gliddens Beitrag der Reise ist nicht die bloße grafische Umsetzung des gewonnenen Materials, sondern sie beschäftigte sich darüber hinaus mit der Frage: "Was ist Journalismus?"


Abb. 2: Strip aus der englischen Version von "Im Schatten des Krieges"
© http://sarahglidden.com/

Zu diesem Zweck dokumentierte sie die Geschichte hinter den Geschichten, die auf dem "Seattle Globalist" publiziert wurden. Ständige Begleiter waren dabei Kamera und Aufnahmegerät, deren Aufzeichnungen die Grundlage für den Comic bildeten. Bei dem erhaltenen Material von mehreren hundert Stunden Gesprächsaufzeichnung wird schnell klar, dass sich die Umsetzung entsprechend zeitaufwändiger gestaltet, als ein auf einer Website publizierter Artikel oder Videobeitrag. Im Fall von "Im Schatten des Krieges" wurde diese zeitliche Diskrepanz besonders deutlich: Das Bild, das die darin enthaltenen Geschichten zeichnen, beschreiben einen Zustand kurz vor dem Arabischen Frühling. Insbesondere die Situation in Syrien hat sich bald nach Gliddens Abreise dramatisch verändert. 2010 war Syrien selbst noch ein Land, das Millionen Flüchtlinge (v. a. aus dem Irak) aufgenommen hatte. Angesichts der enormen Anzahl syrischer Flüchtlinge der letzten Jahre geriet dieser Umstand durchaus in Vergessenheit – etwa an der mangelnden Aufnahmebereitschaft der USA für syrische Flüchtlinge. Glidden weist deutlich darauf hin, dass die Verantwortung für diesen Zustand im westlichen Einmarsch in den Irak zu suchen ist. Bis heute konnte sich das Land noch nicht vollständig von der Katastrophe erholen. Es wäre daher falsch, anzunehmen, der Comic wäre von den Ereignissen eingeholt worden, wenngleich Glidden selbst eingesteht, dass die historischen Entwicklungen es ihr schwermachten, mit der Arbeit an ihrem Comic zu beginnen. Es ist zugegebenermaßen kein aktuelles Bild von Syrien, das der Comic vermittelt, doch leistet er einen wertvollen Beitrag für das Verständnis der Situation im Nahen Osten.

Auseinandersetzungen abseits ihrer Aufzeichnungen sind bei Glidden eher die Ausnahme. Hintergrundinformationen, wie etwa die Geschichte und Rolle der Kurden in den Krisenregionen, die westlichen LeserInnen vielleicht nicht auf Anhieb präsent sind, werden dennoch an den erforderlichen Stellen eingefügt. Dabei handelt es sich um knappe Abrisse, die zur eigenen Recherche für ein tieferes Verständnis anregen können. Wer regelmäßig Nachrichten verfolgt, dem mag aber zunächst einiges bereits bekannt sein. Es ist allerdings nicht der Anspruch dieser Reportage eine umfassende Abhandlung über die Flüchtlings- und Nahostkrise zu bieten, deren Komplexität in einem einzelnen Band ohnehin nicht wiederzugeben wäre. "Im Schatten des Krieges" macht vielmehr dort weiter, wo konventionelle Nachrichten enden. Aus diesen erfährt man zwar von den dortigen Entwicklungen, weiß auch um die Schicksale hunderttausender Familien. Doch der Comic erinnert nochmals eindrucksvoll, dass es eben einen Unterschied macht, ob man im Fernsehen einen kurzen Einspieler über eine Flüchtlingsfamilie zu sehen bekommt oder ob man an deren Geschichte über mehrere Seiten hinweg teilhat.

Gliddens Leistung, den Schicksalen hinter den Nachrichtenmeldungen ein Gesicht zu verleihen, ist beachtenswert und das gebotene Spektrum fällt äußerst breit aus. Da ist beispielsweise Sam, dem es einst gelang, als kurdisch-irakischer Flüchtling in die USA einzureisen. Allerdings wurden ihm Verbindungen zu Al Quaida unterstellt, weshalb er zunächst verhaftet und nach einem Gefängnisaufenthalt wieder in den Irak ausgewiesen wurde. Er behauptet, es handele sich dabei um ein Missverständnis und er sei Opfer der amerikanischen Bürokratie geworden. Glidden zeigt aber auch die Ungereimtheiten seiner Aussagen und so bleibt es den LeserInnen überlassen, zu hinterfragen und sich selbst ein Urteil zu bilden. Erzählt wird von einer Familie, die vor dem Krieg durchaus wohlhabend im Irak lebte und nun in Syrien auf die Essensausgabe angewiesen ist.


Abb. 3: Strip aus der englischen Version von "Im Schatten des Krieges"
© http://sarahglidden.com/

Oder einfach von einer Plauderei mit einem Taxifahrer während einer zehnstündigen Fahrt nach Sulaimaniyya. Stets kommen mehrere Positionen zu Wort. Da gibt es diejenigen, von Saddam Husseins Regime unterdrückt wurden und den Einmarsch in den Irak entsprechend begrüßten. Denen gegenüber stehen die irakischen Zivilisten, die im Krieg alles verloren hatten und wieder Zweifel an der Rechtfertigung des Irakkriegs aufkommen lassen. Wenngleich Gliddens Abneigung gegen den Einmarsch unschwer auszumachen ist, so kommt auch die Gegenpartei zu Wort. Dadurch gibt sie ihren LeserInnen die Möglichkeit eine eigene Meinung zu bilden oder zu hinterfragen. Am deutlichsten zeigt sich dies am Beispiel von Dan, dem bisher unerwähnt gebliebenen Mitglied der Expedition, einem Veteranen und Jugendfreund von Sarah Stuteville. Als Spross einer Hippiefamilie genoss er eine äußerst pazifistische Erziehung. Umso größer die Überraschung für sein Umfeld, als er verkündete, sich für den Irakeinsatz verpflichtet zu haben. Die Idee hinter seiner Teilnahme an der Reise war, ihn an verschiedenen Stationen zu seinem Einsatz zu befragen. Diese Reihe an Interviews ziehen sich durch den Comic und bilden dessen Herzstück. Wenn der Irakkrieg sich schon nicht mehr abwenden ließ, so Dan, wolle er wenigstens seinen Beitrag leisten. Tatsächlich kann man seinen Stolz über den Einsatz leicht aus den Gesprächen herauslesen. Er erzählt von einer schwierigen, aber auch wichtigen Zeit, voller Kameradschaft, deren Erfahrung ihn reifen ließ. Für ihn war der Krieg ein notwendiges Übel, dass letztlich aber die Situation der Menschen in der Nahostregion verbessern würde. Insbesondere Gespräche mit Kurden, die unter Saddam besonders zu leiden hatten, bestätigten ihn in seiner Ansicht. Sarah, die Dan von Kind auf kannte, vertrat hingegen die Ansicht, er wolle mit seinem Beitritt zu den Marines seine schwierige Jugendzeit kompensieren, die von Demütigungen seitens Schulkollegen geprägt war.

In Folge waren ihre Interviewfragen nicht mehr objektiv, sondern zielten darauf ab, Dan zu diesem Eingeständnis zu bewegen. Allerdings sabotierte sie sich letztlich selbst, denn Dan ließ sich nicht von seiner Überzeugung abbringen, wich Fragen aus und bekräftigte wiederholt die Überzeugung an der Richtigkeit seiner Entscheidung. Diese Spannung von Blockade und Nachbohren zwischen den beiden Interviewpartnern illustriert sehr schön, wie unberechenbar die Arbeit als JournalistIn sein kann. Letztlich blieb das von Sarah Stuteville erhoffte Ergebnis aus, was nicht bedeuten soll, dass ihr Versuch bei Dan keine Spuren hinterlassen haben. Man erkennt, wie Dans anfänglicher Optimismus mit Dauer der Reise schwindet. Gerade die Abneigung, die ihm von den irakischen Flüchtlingen in Syrien entgegengebracht wurde, verunsicherte ihn zusehends. Zwar unterschlug er seine Zweifel während der Interviews, in persönlichen Gesprächen wagte er es zumindest Glidden gegenüber, sich dahingehend offener zu zeigen.


Abb. 4: Strip aus der englischen Version von "Im Schatten des Krieges"
© http://sarahglidden.com/

Die Begleitung von Dans Entwicklung während der Reise ist, natürlich neben den zahlreich geschilderten Geschichten, eine der großen Stärken des Comics. "Im Schatten des Krieges" zeichnet sich darüber hinaus durch seine große persönliche Komponente aus. Als LeserIn hat man nicht nur das Gefühl eine Reportage zu lesen, sondern zu jedem Zeitpunkt an der Reise teilzuhaben. Glidden illustrierte zahlreiche Situationen und Gespräche, die nicht immer unmittelbar im Zusammenhang mit der Arbeit des "Seattle Globalist" standen. Das Schwelgen in Jugenderinnerungen bei einem Bier zwischen den Interviews, die Schilderung einer Wohnungsfeier, Spaziergänge durch die Stadt, all dies trägt dazu bei, den Comic nicht nur höchst informativ, sondern auch zu einem äußerst lesenswerten Werk zu machen. Man erhält Einblicke in das Leben der ProtagonistInnen, von ihrer Motivation, wie auch ihren Zweifeln als JournalistInnen zu arbeiten. Von der Verunsicherung, ob man den Irakkrieg nicht doch hätte verhindern können, ob man nicht eine gewisse Mitverantwortung am Einsatz trägt. Es sind nicht zuletzt diese Momente, durch die Gliddens Comic den Vergleich mit Sacco oder Delisle nicht zu scheuen braucht.


Sarah Glidden
© Wikimedia Commons

Während "Im Schatten des Krieges" inhaltlich also überzeugen kann, dürften sich an der grafischen Umsetzung die Geister scheiden. Die verwendeten Wasserfarben illustrieren meist lediglich das notwendigste und erzeugen darüber hinaus eine gewisse Wohlfühloptik der Bilder. Gerade gegenüber den detaillierten und oft auch verstörenden Zeichnungen von Joe Sacco, die auch bei unbequemen Szenen nicht wegschauen, verliert Gliddens Werk an Intensität. Die Stärke des Comics liegt eindeutig in den Geschichten. Dieser Umstand ist allerdings nicht zwangsläufig rein negativ zu werten. Durch die so gewonnene Neutralität der Bilder erhalten die LeserInnen die Möglichkeit einer unvoreingenommenen Lektüre, was gerade bei Sacco oftmals nicht der Fall ist. Glidden spricht selbst von ihrer Faszination, mit einfachen Bildern komplexe Geschichten zu erzählen und dies ist ihr gelungen. Es ist zudem erfreulich, dass der Comic überhaupt erscheinen konnte und noch mehr, dass er breiten Anklang fand.

Denn die häufig fehlenden oder mit Auflagen verbundenen Fördermittel erschweren nicht nur die Arbeit des klassischen Journalismus, sondern betreffen ebenfalls Comicreportagen. Glidden hatte das Glück, einen gewissen finanziellen Rückhalt zu haben, wodurch der Comic überhaupt erst zustande kommen konnte – vielen ComicautorInnen fehlen hingegen die Mittel, über mehrere Jahre an einem Comic zu arbeiten. Gliddens Comic ist ein Projekt von enormem Umfang, angefangen von der Reise in den Nahen Osten, bis hin zur Auswahl und der grafischen Umsetzung des gesammelten Materials. Er ist selbst eine Reportage, stellt aber gleichzeitig die oben schon erwähnte Frage "Was ist Journalismus?". Angeboten werden mehrere Antwortmöglichkeiten, vor allem aber die Ermunterung, eigene Überlegungen anzustellen. "Im Schatten des Krieges" ist eine zugängliche, aber eindrucksvolle Demonstration, dass im Comic jede Geschichte erzählt werden kann.

Tags

comic, bericht, journalismus, flucht, syrien, irak, türkei