Schwerpunkt

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Der symbolische Tod des Subjekts

Eine theoretische Annäherung an die Problematik im gegenwärtigen europäischen "Flüchtlings-Diskurs"

AutorIn: Katharina Mildner (Sontag)

Angesichts des aktuellen Flüchtlingsdiskurses diskutiert Katharina Sontag die randständige Subjektivierung des "Asylanten", des "Flüchtlings" und beschreibt seine prekären Handlungsmöglichkeiten, die durch beschränkte Symbolisierung entstehen ...

1. Einleitende Worte: Skizzierung einer "Problem-Lage"

September 2015 – seit mehreren Wochen, gar Monaten dominiert ein weitgreifendes Thema die Schlagzeilen europäischer Zeitungen: Zehntausende Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht vor Krieg, vor Terror, vor Elend. Nun, dies ist nicht neu. Menschen haben schon immer kriegerische Konflikte geführt, einander immer schon Leid zugefügt oder Notsituationen zumindest in Kauf genommen und dies hat immer schon u. a. zu Migrationsbewegungen geführt.[1] Doch in der gegenwärtigen Situation liegt ein Spezifikum, eine Besonderheit, wodurch sie sich vom bisher (zumindest hierzulande) Gekannten in wesentlichen Zügen abhebt: Wir, im Herzen Europas, sind nicht mit einer anonymen Masse konfrontiert, die uns lediglich über Bilder, Nachrichtenbeiträge oder Dokumentationen aus einer fernen Welt bekannt gemacht wird, sofern wir das wollen – und vor der wir nur allzu oft die Augen verschlossen haben – nun stehen zehntausende flüchtende Menschen bildlich gesprochen vor unserer Haustüre, mitten in Europa. Diese Menschen, ihr Schicksal, ihre Notlage und ihre Existenz können von uns nicht mehr länger bei Seite geschoben und ausgeblendet oder aus dem Bewusstsein verdrängt werden – wir stehen ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Die Reaktionen auf diese Situation sind vielfältig: Nach anfänglicher Überforderung, gegenseitigen Schuldzuweisungen und einer aufkommenden Krisenstimmung wird nun nicht nur politisch, sondern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nach Lösungen gesucht. Dabei rückt aktuell immer stärker auch die Frage in den Blick, wie mit der Lage umgegangen werden soll, sofern – und wovon auszugehen ist – nicht nur nach kurzfristigen Lösungsvorschlägen gesucht werden muss, sondern auch und vor allem nach längerfristigen[2].

Dabei ist kritisch zu bemerken, dass die öffentliche Diskussion zu Themen und Aspekten der sogenannten "Flüchtlingsfrage" oft sehr oberflächlich und pauschalisierend geführt wird, Menschen nicht als Individuen gesehen, sondern unter dem Sammelbegriff, dem Stigma "Flüchtling" oder "Asylwerber" mit tausenden anderen in einen Topf geworfen werden. Worum es der einzelnen Person, die ihre Heimat und ihr bisheriges Leben aus welchen Gründen auch immer zurücklassen mussten, geht, interessiert dabei oft herzlich wenig oder nur peripher. Zudem scheint sich der öffentliche Diskurs zum Thema – auch aufgrund der bisher getroffenen politischen Maßnahmen, die kritisch in Frage zu stellen ebenfalls ein brisantes Thema sein kann – Besorgnis erregend stark in eine Richtung zu bewegen, in der einem von Angst und Misstrauen geprägten Klima Raum gegebenen wird,[3] in der versucht wird, jene Menschen, die unter den Begriffen "Asylwerber" und "Flüchtlinge" gefasst werden, zu eigenen Zwecken zu "gebrauchen", sie zu instrumentalisieren. Mitsprachemöglichkeit haben jene, um die es dabei geht, zumeist keine. Sie werden eher dort als Schlagwort eingebracht, wo es gerade für die eigenen Ziele dienlich scheint.[4]


Abb. 1: Flüchtlinge marschieren durch Ungarn,
Quelle: Wikimedia Commons

Dieser Artikel setzt sich mit der Frage auseinander, ob vor dem Hintergrund der skizzierten Situation ein tatsächlicher Diskurs, ein Dialog stattfinden kann, in dessen Rahmen alle Beteiligten zu Wort kommen können, was einem solchen Diskurs gegenwärtig im Weg steht und wie dieser grundsätzlich theoretisch begriffen und argumentiert werden kann. Zu diesem Zweck wird auf die sprachphilosophische Subjekt- und Diskurs-Konzeption der Theoretikerin Judith Butler Bezug genommen, welche in der Argumentation dieser Arbeit durch das Aufgreifen des Korrelationsverständnisses in Anschluss an Norbert Meder an gewissen Stellen ergänzt wird. Auf Basis dieser Auseinandersetzung und dem sprachphilosophischen Verständnis Butlers folgend wird ein Versuch unternommen, die Problematik in der Praxis des gegenwärtigen sogenannten "Flüchtlings-Diskurses" aufzuzeigen, in welchem diejenigen, um die sich der Diskurs dreht, ausgeschlossen werden.[5]

Ausgehend davon wird anschließend der Frage nachgegangen, welche Lösungsansätze sich hinsichtlich der skizzierten Problemlage in der Führung des Diskurses aufzeigen lassen, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, allen Betroffenen Gehör zu schenken und allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, die Stimme zu erheben und für sich selbst sprechen zu können. Ziel dabei ist es nicht, eine "Patentlösung" für die momentan problematische Diskussionslage zu postulieren, sondern vielmehr für eben diesen Umstand zu sensibilisieren sowie dafür, dass gegenwärtig offensichtlich effektiv dagegen gearbeitet wird, einen konstruktiven Austausch aller Beteiligten zum Zweck der Suche nach potenziellen Lösungsmöglichkeiten und Lösungswegen nicht zustande kommen zu lassen.

Zu diesem Zweck erfolgt im nächsten Schritt eine Annäherung an den zentralen theoretischen Bezugspunkt dieses Beitrages, das Butler'sche Subjektverständnis.

2. Theoretischer Hintergrund

Mit ihrem Ansatz über die Bedeutung von Sprache und den Einfluss von Sprechakten im Zuge der Fundierung, Aufrechterhaltung und Verfestigung von gesellschaftlichen Machtstrukturen lieferte die Diskurstheoretikerin Judith Butler Ende des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden und in den letzten Jahrzehnten breit rezipierten und nicht unhinterfragten Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem und zur Annäherung an das, was im human- und geisteswissenschaftlichen Kontext mit dem Subjektbegriff zu fassen gesucht wird. Auf eben dieses Verständnis wird auf den folgenden Seiten konkret eingegangen.

2.1 Annäherung an das Subjektverständnis Judith Butlers

Butlers Subjektverständnis, in wesentlichen Zügen geprägt durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Poststrukturalismus bzw. mit diesem zuordenbaren DenkerInnen, allen voran Michel Foucault, basiert auf der Annahme der sprachlichen Konstruiertheit des Subjekts. Dieses ist nicht zentriert oder souverän, handelt nicht autonom und intentional und kann sich folglich auch nicht selbst im Diskurs hervorbringen oder darin setzen. Vielmehr wird das Subjekt durch eine sprachliche Anrede, einen Sprechakt in den Diskurs gerufen[6]: Es wird im Prozess, im Akt der sprachlichen Unterwerfung unter einen Namen diskursiv existent als "eine Kategorie innerhalb der Sprache" (vgl. Butler 1993a: 124) bzw. als "sprachliche Gelegenheit des Individuums" (Butler 2001, 15).

Die Relevanz dieses Anrufs, dieser performativen Konstituierung im und durch den Akt des (An)Sprechens[7], den Butler auch als "diskursive Identitätserzeugung" (ebd.: 83) bezeichnet, besteht darin, dass ein (Zeichen-)Körper (noch) nicht zugänglich ist, solange er (noch) nicht gesellschaftlich definiert wurde. Indem er durch ein anderes Subjekt angesprochen, von diesem benannt wird, wird der Körper in gewisser Form gesellschaftlich existent: "Somit ist die 'Existenz' des Subjekts in eine Sprache 'verwickelt', die dem Subjekt vorausgeht und es übersteigt, eine Sprache, deren Geschichtlichkeit eine Vergangenheit und Zukunft umfaßt, die diejenigen des sprechenden Subjekts übersteigt" (Butler 2006: 51).

Folglich ist die konstituierende Anrede des anderen dem Subjekt stets vorgängig, worin die These der "Ablösung des Sprechakts vom souveränen Subjekt" (ebd.: 31) gründet, ebenso wie die Notwendigkeit einer (Neu)Formulierung von Handlungsmacht und von Verantwortung. Dabei müsse nämlich, so Butler, berücksichtigt werden, dass das Subjekt durch Sprache konstituiert wird und dass eben das, was dieses Subjekt hervorbringt, "sich [...] von etwas Anderem herleitet" (ebd.: 32). Somit ist Sprache nicht lediglich als das Ausdrucksinstrument des sprechenden Subjekts zu verstehen, sondern ist vielmehr als Bedingung seiner Möglichkeit, als Bedingung der Möglichkeit seiner Existenz anzusehen – und zwar in zweifacher Hinsicht: Einerseits wird durch den Anspruch des Anderen das angesprochene Subjekt in einer spezifischen Form im Diskurs hervorgebracht bzw. in diesem platziert; andererseits aktualisiert sich auch das sprechende Subjekt selbst im Akt des Sprechens, im diskursiven "In die Existenz bringen" und "In der Existenz halten" eines anderen Subjekts.

Hieraus folgt, dass die Verantwortung des Sprechers sich nicht auf das Neu-Erfinden der Sprache aus dem Nichts heraus bezieht, sondern darauf, dass er Sprache in einer bestimmten Weise wiederholt und damit spezifische Bedeutungskontexte aktualisiert. Aber erst durch dieses sprachliche Hervorgebracht-Werden erhält das Subjekt die Möglichkeit, handlungsfähig zu agieren. Die Benennung hat nämlich nicht nur die Wirkmächtigkeit, den Angesprochenen mit einem Namen zu versehen und in die Existenz zu rufen, vielmehr bleibt auch weiterhin die Möglichkeit bestehen, erneut einen Namen, einen anderen Namen zu erhalten bzw. sich diesen – einmal im Diskurs existent – selbst zu geben. Dies ist vor allem dann von Relevanz, wenn der einst gegebene Name, die ursprüngliche Bezeichnung, eine verletzende Bedeutung trägt, unter der man als Subjekt geprägt und hervorgebracht wird. (vgl. ebd.: 12 und 50ff)[8]

Anhand dieser Skizzierung des Butler'schen sprachphilosophischen Subjektverständnisses wird deutlich, dass mit der Einführung des Subjekts in den Diskurs nicht nur eine Unterwerfung unter einen Namen und eine Platzierung im Diskurs einhergeht, sondern auch die Grundlage für dessen Handlungsmacht, das Potenzial für handlungsmächtiges Agieren im und mit dem Subjekt hervorgebracht wird.

Worin der Bezug zum Korrelationsverständnis im Anschluss an Norbert Meder besteht wird anschließenden dargestellt.

2.2 Sprache als Korrelation

In seinem Text "Das Medium als Faktizität der Wechselwirkung von Ich und Welt (Humboldt)" veranschaulicht der Pädagoge Norbert Meder sein Verständnis von Korrelation bzw. erläutert, wie eine Korrelation im neukantianischen Sinne begriffen werden kann. Im Unterschied zu den, wie Meder es formuliert, traditionellen Zugängen, denen zufolge die einzelnen Elemente eine fundamentale Grundlage bilden, damit Relationen und darauf basierend Strukturen entstehen können, geht das Korrelationsverständnis nicht von der Notwendigkeit voneinander unabhängig existierender Elemente, sogenannter Relata, aus. Vielmehr entstehen diese Relata erst aus dem Umstand heraus, dass sie eine Korrelation bilden: "Haben zwei Faktoren oder zwei Momente nichts gemein oder bilden sogar einen kontradiktorischen Gegensatz und kommen dennoch empirisch zugleich und möglicherweise auch nur zugleich vor, dann bilden sie eine Korrelation" (Meder 2014: 46). Dies bedeutet, dass die Elemente, die aus einer solchen Korrelation hervorgehen, sich jeweils gegenseitig insofern bedingen und gegenseitig hervorbringen, als sie das je andere Glied, das jeweils andere Relatum in dieser Beziehung sind und sich genau dadurch definieren, dass sie eben dieses sind.[9] (vgl. ebd.: 46ff)

Wie kann nun dieser Korrelationsbegriff in Beziehung zum Sprach- bzw. Sprechaktverständnis Judith Butlers gebracht werden? Wie im Vorhergehenden dargestellt wurde, kann Sprache bzw. eine sprachliche Äußerung Butler zufolge ein Subjekt hervorbringen, ihm im Diskurs Präsenz verleihen und es darin existent halten. Gleichzeitig ist Sprache aber auch auf jemanden angewiesen, der spricht, der einen solchen Sprechakt hervorbringt. Insofern kann Sprache oder besser gesagt, der Akt des Sprechens als Korrelation verstanden werden: In der Aktualisierung, der Wiederholung der Sprache – und nur durch diese – betritt ein Subjekt die Bühne. Nur indem das Eine (der Sprechakt) existiert, also indem gesprochen wird, existiert auch das Andere (das sprachlich hervorgebrachte Subjekt) im jeweiligen Diskurs. Und jedes Mal, wenn dieses Subjekt erneut angesprochen wird oder selbst spricht, existiert es (nur) sprachlich und erhält zugleich die Sprache (und das Sprachsystem).

In diesem Sinne scheint es nachvollziehbar, diese Sprach-Subjekt-Beziehung im Butler'schen Sinn als Korrelation unter Bezug auf das Korrelationsverständnis Meders begreifen zu können.

2.3 Symbolische Be-Zeichnung und die Möglichkeit des sprachlichen Widerstandes

Wie eingangs unter Bezug auf Judith Butlers Subjektverständnis dargestellt, wird ein Subjekt, indem es sprachlich in die Existenz gerufen wird, auch im Diskurs platziert. Die Form der Platzierung, also die Verortung im Diskurs, hängt davon ab, welche Bedeutung, welche symbolische Kraft jene Äußerungen tragen, mit denen das Subjekt be-zeichnet wird. In diesem Signifizierungsprozess wird das Subjekt also mit einem sprachlichen Zeichen, einem Symbol versehen und tritt zugleich unter diesem Zeichen – und nur unter diesem Zeichen – auf. Die sprachliche Äußerung kann demnach als sprachliche Symbol-Zuweisung bzw. Symbol-Aktualisierung (bei jeder erneuten Anrede) verstanden werden. Das Subjekt ist, sofern es sprachlich ist, d. h. sprachlich am Leben gehalten wird, Manifestation des sprachlichen Symbolgebrauchs, indem es auf spezifische Weise bedeutungsvoll verortet bzw. platziert wird. Und indem es diskursiv existiert, erhält es zugleich auch die Sprache bzw. die Bezeichnung und damit das Symbol(ische) und dessen je zugewiesene Bedeutung.

Eine solche initiale Verknüpfung mit einer spezifischen Äußerung bzw. Bedeutung, die dem Subjekt in gewisser Weise erst das Leben einhaucht, schreibt das Subjekt zwar auf diese Bedeutung fest, beinhaltet jedoch stets auch das Potenzial der Widerständigkeit: Zwar hat das Subjekt erst durch ein von außen kommendes Bezeichnet-Werden überhaupt Zugang zu einem spezifischen Diskurs und ist also auf eine nicht-souveräne, fremdbestimmte Form der Zuweisung angewiesen, erhält mit dem Erfolgen einer solchen jedoch auch die Möglichkeit, sich selbst(bestimmt) im Diskurs neu zu platzieren, sich selbst anders zu bezeichnen bzw. die Bedeutung der initialen Signifizierung zu verändern.[10] Ein solcher Selbstsetzungs- bzw. Selbstbestimmungsprozess kann, wie bereits an anderer Stelle (Sontag 2012) dargestellt wurde, unter gewissen Umständen als Bildungsprozess begriffen werden, indem die sprachliche Bedeutungszuweisung, diese Be-'Zeichnung' in subversiver Weise wiederholt und damit der Sprechakt 'umbedeutet' wird.[11] Zu einem solchen Akt subversiver Resignifizierung, der Veränderung der (symbolischen) Bedeutung der Subjektzuschreibung sowie der (symbolischen) Verortung im Diskurs kann es jedoch nur kommen, wenn das Subjekt – so nah an der Grenze des diskursiv Verworfenen bzw. Verwerflich-Gemachten es sich auch befinden mag[12] – bereits sprachlich als solches in den Diskurs eingeführt wurde und somit am Diskurs teilhaben kann.

Doch ist ein solches Vorgehen – ein solcher subversiver Akt – jedem Subjekt auch tatsächlich möglich? Gibt es Subjekte, denen eine solche Form der Teilhabe zumindest dem Versuch nach verwehrt wird? Wenn ja, wie können diese begriffen, wie können sie verstanden werden? Und wie steht dies in Zusammenhang mit der aktuellen "Flüchtlings"- und "Asyl"-Debatte? Dem wird im folgenden Kapitel unter Bezugnahme auf die Formulierung des "symbolisch toten Subjekts" nachgegangen.

3. Der symbolische Tod des Subjekts – die Bedeutung sog. "Flüchtlinge" und "Asylanten"

Mit der initialen Anrede, welche das Subjekt im Diskurs hervorbringt und darin zugleich durch eine symbolische Setzung verortet, wird dem angesprochenen Subjekt zugleich die Teilhabe am Diskurs und damit die Chance zu dessen Mitgestaltung ermöglicht. Um im Diskurs weiter zu bestehen, darin als Subjekt existent zu sein, muss dieses – so Butler – weiterhin angesprochen werden bzw. selber sprechen, sichtbar bzw. hörbar sein und Präsenz zeigen. Insofern ist sprachliche Partizipation nicht nur eine Möglichkeit für das Subjekt, sondern vielmehr eine Notwendigkeit, eine Lebensnotwendigkeit, um weiterhin diskursiv zu bestehen. (vgl. Butler 2006: 212)

Doch wie ist es vor diesem Hintergrund zu verstehen, wenn von Subjekten die Rede ist, die zwar Teil eines Diskurses sind, da sie durch einen Anspruch in eben diesem hervorgebracht, bezeichnet und mit einem Symbol versehen wurden, denen jedoch die aktive Teilhabe am Diskurs durch sprachliches Auftreten, durch das Ergreifen der eigenen Stimme, nahezu unmöglich ist oder unmöglich gemacht wird?

Gemeint ist damit die Situation jener Menschen, die ihre Heimatländer aufgrund von Notsituationen verlassen mussten und sich nun Hilfe suchend an Europa wenden, in den Ländern des europäischen Kontinents Zuflucht suchen. Mit Titeln wie "Flüchtling" oder "Asylant" versehen sind sie nicht nur Teil, sondern sogar Zentrum eines eigenen, nach ihnen benannten Diskurses, scheinen darin aber gar nicht selbst auftreten und zu Wort kommen zu können. Stattdessen wird über diese Menschen, für sie oder in ihrem Namen gesprochen, aber für sich selbst zu sprechen, dies ist ihnen offensichtlich nicht möglich – oder soll ihnen verunmöglicht werden.

Wie können diese Menschen, wie kann ihre Rolle, ihr offensichtlich 'anderes' Subjekt-Sein, ihr eingeschränkter Subjekt-Status begriffen werden? Der Versuch einer Annäherung und dies in Worte zu fassen, wird hier mit der Formulierung des "symbolisch toten Subjekts" unternommen.

3.1 Das "symbolisch tote Subjekt" – eine Annäherung

Wird die Formulierung des symbolisch toten Subjekts genannt, so gilt es zunächst der Frage nachzugehen, welchen (theoretischen) Hintergrund ein solches Subjekt hat. Hierbei distanziere ich mich von der strukturalistischen Lesart vom Tod des Autors, welche die Eliminierung der Subjektkategorie auf der Ebene der Theorie vorantreibt, und verorte "tote Subjekte" auf der Ebene des Gegenstands. Der Tod des Subjekts meint für mich keine Abkehr von der Kategorie, vielmehr ist "tot" eine Eigenschaft, die das Subjekt besitzen kann.

Um von einem Subjekt sprechen zu können, muss dieses – wie im ersten Kapitel ausführlich dargestellt worden ist – in der Vergangenheit diskursiv hervorgebracht worden sein. Folglich stellt sich die Frage, ob ein (symbolisch) totes Subjekt im jeweiligen Diskurs nicht existiert oder niemals darin existiert hat und es deshalb als tot begriffen werden muss, gar nicht: Ein Subjekt kann nur dann tot sein, wenn es auch einmal "gelebt" hat, also irgendwann in die sprachliche Existenz gerufen wurde. Wäre es nicht – wie, in welcher Form und wie lange auch immer – diskursiv, sprachlich am Leben gewesen, könnte auch nicht von dessen symbolischen Tod im Diskurs die Rede sein. Der symbolische, sprachliche Tod kann folglich nur einem Subjekt wiederfahren, das (in der Vergangenheit) durch eine sprachliche Anrede bezeichnet, mit einem Symbol versehen und somit zum Subjekt gemacht wurde.

Doch ist dies, das sprachliche Leben des Subjekts, auch gleichbedeutend mit der diskursiven Existenz des Subjekts? Und folgt daraus, dass ein symbolisch totes Subjekt, ein Subjekt, das nicht (mehr) aktiv lebt, d. h. von sich aus nicht sprachlich in Erscheinung tritt, auch nicht mehr im Diskurs existent ist?

Wie bereits zu Beginn dieses Kapitels erläutert, ist die Teilhabe am Diskurs – ob durch eigenes Sprechen oder Angesprochen-Werden – eine Lebensnotwendigkeit für das Subjekt. Ist der symbolische Tod des Subjekts also als dessen Ausschluss, die Streichung seiner Existenz aus dem Diskurs zu verstehen?

Abhilfe kann hier in einer Differenzierung zwischen Existenz und Leben gefunden werden: Zwar "lässt" ein Subjekt bei seinem symbolischen Tod "sein Leben" – verstanden als seine Möglichkeit zu zirkulieren, sich zu bewegen, sich zu artikulieren, sich selbst neu zu setzen und mitzureden – aber es verliert nicht seine Existenz. Durch seinen symbolischen Tod wird dem Subjekt folglich nicht grundlegend die Existenz im Diskurs abgesprochen, denn dass es selbst nicht sprachlich darin auftreten kann, bedeutet nicht, dass es darin grundsätzlich nicht vorkommt – ihm wird dadurch vielmehr die diskursive Partizipation verunmöglicht: D. h. dem Subjekt wird nicht nur das Selber-In-Erscheinung-Treten, sondern auch das Teilhaben, das Mitreden im Diskurs und damit auch die Chance zu dessen kreativer und konstruktiver Mitgestaltung verunmöglicht.

Dies verweist bereits auf einen weiteren Aspekt: Der Umstand, dass ein Subjekt, das selbst sprachlich nicht aktiv am diskursiven Leben Teil hat, darin aber dennoch existent ist, legt nahe, dass es von jemandem oder etwas Anderem präsent gehalten wird. Dies kann etwa der Fall sein, wenn ein Subjekt derartig prekär konzipiert und verortet oder ohne dessen eigenes Wissen hervorgebracht wird. Ersteres ist etwa dann der Fall, wenn eine Bezeichnung, ein Name eine derart abwertende, verletzende Bedeutung trägt, die dem Angesprochenen jede Form der Artikulation erschwert, sie nahezu unmöglich macht, da damit auch stets die verletzende Anrede aktualisiert wird.[13] Der zweite genannte Aspekt bezieht sich auf den Umstand, dass ein Subjekt etwa von anderen Subjekten bezeichnet und in den Diskurs mit einer spezifischen Bezeichnung eingeführt, in die sprachliche Existenz gebracht werden kann, davon selbst im Moment der Benennung jedoch gar nichts mitbekommen muss, damit sie "wirkt"[14] (vgl. Butler 2006: 55ff). Bei seiner initialen Setzung im Diskurs und der Form dieser Setzung hat das Subjekt also kein Mit-Sprachrecht, es muss nicht einmal davon wissen, dass es im jeweiligen Diskurs Subjektstatus hat. Dennoch haben andere Subjekte die Möglichkeit, das Subjekt im Diskurs zu aktualisieren, und zwar indem sie über das Subjekt sprechen – in welcher Form auch immer. Damit wird das Subjekt zwar sprachlich existent gehalten, aber ohne seine eigene, aktive Beteiligung die jeweils eine Aktualisierung der (verletzenden) Bedeutung mit sich brächte oder das Wissen um seine Konstruiertheit voraussetzen würde, kann das Subjekt seine Bedeutung im Sinne einer nachträglichen Neu- bzw. Selbst-Setzung nicht vornehmen, am Diskurs nicht gestaltend mitwirken und auch nichts daran ändern, wie über es gesprochen wird.

Hiervon ausgehend kann die Formierung als symbolisch totes Subjekt als Möglichkeit, als scheinbar machtvolle bzw. machtbesetzte "Methode" oder "Strategie" anderer Subjekte verstanden werden: Sie können über es sprechen – und zwar in einer für sie und ihrer Ansicht nach geeigneten, dienlichen Form – ohne ihm selbst zugestehen zu müssen, mitreden zu können bzw. ihm die Mitsprache in hohem Maße zu erschweren und damit im Wesentlichen zu verhindern. Zugleich hat dies den Effekt für die Sprechenden, dass sie sich im Akt des Be-Nennens, des Zuschreibens zugleich auch selbst im Gespräch und damit performativ am Leben halten und ihre scheinbar machtvolle Position im Diskurs festigen.[15] Das betroffene Subjekt kann demnach von anderen dahingehend "verzweckt" werden, dass ihm, indem es auf spezifische Weise hervorgebracht und bezeichnet wird bzw. wurde, eine bestimmte Symbolizität bzw. Bedeutungskraft zugesprochen wird und es damit quasi zum Zeichen, zum Symbol für etwas Bestimmtes wird. In diesem Sinne kann dem – da nicht aktiv am Diskurs beteiligten, mit-sprechenden, sich selbst erhaltenden – Subjekt gewissermaßen die Funktion zugewiesen oder es auf die Funktion reduziert werden, für etwas zu stehen, etwas darzustellen, Symbol für etwas zu sein. Und je stärker diese Bedeutungs- und Symbolzuweisung ist, je stärker sie affektiv besetzt ist und je breiter diese wiederum unter den anderen Subjekten akzeptiert zu sein scheint, desto schwieriger scheint es zu sein, als ein solches Subjekt für sich eine Möglichkeit zu finden, darauf reagieren oder gar Widerstand leisten zu können. Insofern kann das symbolisch tote Subjekt als eine Form der Verortung mittels einer spezifischen Bedeutungs-Bezeichnung verstanden werden, die das Subjekt auf seine Symbolizität (also darauf, wofür es steht bzw. eingesetzt wird) reduziert und mit dieser Reduzierung als totes markiert.

Der Status als symbolisch totes Subjekt hat jedoch nicht nur Konsequenzen für dieses Subjekt, sondern auch Einfluss auf Sprache bzw. den Diskurs, welcher durch die Nicht-Teilhabe des Subjekts an dessen aktiver Gestaltung, limitiert wird: Auf diese Weise wird das ganze Sprachsystem in seiner Bewegung, in seiner Zirkulation und damit den Möglichkeiten, neu "belebt" zu werden, eingeschränkt. Denn mit jeder Selbst-Setzung, mit jeder Veränderung der Platzierung im Diskurs geht zumindest der Potenz nach auch eine Bedeutungsveränderung der Bezeichnung des jeweiligen Subjekts einher, welches durch den Akt des subversiven, "umbedeutenden" Sprachgebrauchs nicht nur in seine Handlungsmacht gelangen kann, sondern auch zur Weiterentwicklung des gesamten Diskurses und in weiterer Folge von Sprache an sich beiträgt. Folglich wird mit seiner Konzeption als symbolisch totes nicht nur das Subjekt zum Symbol für etwas, gegen das es sich nicht oder nur schwer zur Wehr setzen kann, sondern auch die Sprache bzw. die Bedeutung sprachlicher Äußerungen wird fixiert, festgeschrieben, ohne eine Möglichkeit der Veränderung und des Widerstandes.

In diesem Sinne erscheint die kritische Annahme legitim, dass die oben dargestellte Funktionalisierung und Instrumentalisierung des symbolisch toten Subjekts nicht nur darauf abzielt, jenes Subjekt als solches möglichst widerstandsunfähig zu machen, um es (gewissermaßen im Sinne ver-objektivierter Subjekte) für eigene Zwecke gebrauchen und von der Teilhabe am Diskurs weitestgehend ausschließen zu können, sondern auch – und dies ist wesentlich – um durch das Verhindern seiner Partizipation am Diskurs auf diesen und das gesamte Sprachsystem gezielt Einfluss zu nehmen und dessen Veränderung nur und ausschließlich zu den eigenen Gunsten möglich zu machen.

Bezieht man nun an dieser Stelle das Korrelationsverständnis Meders in die Auseinandersetzung mit ein, ist festzustellen, dass dieses, als symbolisch totes formierte Subjekt, nicht nur grundlegend die Möglichkeit Teilhabe am Diskurs, zur Mitbestimmung des diskursiven Geschehens und zur Selbst-Setzung (im Anschluss an seine initiale Konstituierung) haben sollte, sondern grundlegend die Berechtigung dazu hat: Dies ist insofern der Fall, als die in der Anrede hervorgebrachten Subjekte bereits durch die Benennung und in dieser zu jenen, für die sprachliche Korrelation (d. h. den Diskurs) konstitutiven und existentiellen Elementen – Relata – geworden sind. Im Sinne dieses Verständnisses haben sie als dessen grundlegende Bestandteile nicht nur das Recht, sich artikulierend am Diskurs zu beteiligen und diesen mitzugestalten, sondern es besteht vielmehr die korrelative Notwendigkeit dazu, um diesen tatsächlich aufrecht erhalten zu können.

3.2 Zum Verständnis des symbolisch toten Subjekts im "Flüchtlings"-Diskurs

An diesem Punkt stellt sich die Frage, inwiefern sich die aufgezeigten Aspekte auf den sogenannten "Flüchtlings"-Diskurs übertragen lassen.

Anhand des oben Formulierten lässt sich insofern eine Problematik in der Praxis des gegenwärtigen Diskurses zum Thema feststellen, als die als "Flüchtlinge" und "Asylwerber" bezeichneten und dementsprechend als "randständige"[16] Subjekte gesetzten Menschen zwar insofern Teil des Diskurses sind, als andere über sie und auch in ihrem Namen sprechen, sie selbst aber nicht wirklich die Möglichkeit haben, selber zu Wort zu kommen. Mit dieser Praxis (des Über- oder Im-Namen-Von-Jemandem-Sprechens) aktualisieren die sprechenden Subjekte – also all jene, die sich in der aktuellen Diskussion über die Betroffenen äußern – die Positionierung der sogenannten "Flüchtlinge" und "Asylwerber" und manifestieren diese sowie die damit einhergehenden Verletzungen. Hierdurch wird es den bezeichneten Subjekten kaum möglich, tatsächlich sprachlich in die eigene Handlungsmacht zu gelangen. Und indem es ihnen derart erschwert wird, für sich selbst zu sprechen, ist es diesen Menschen auch nicht wirklich möglich, an ihrer Position, der Art und Weise, wie über sie gesprochen wird und wofür sie "eingesetzt" werden – was also u. a. unter Bezeichnungen wie "Flüchtling" oder "Asylwerber" verstanden wird – etwas zu ändern.

Dieses Vorgehen der anderen, an der Diskussion Beteiligten führt zugleich zur Aktualisierung ihrer eigenen Position, ihrer scheinbaren Machtposition im Diskurs und erhärtet diese zugleich. Je negativer die als "Flüchtlinge" benannten dargestellt werden, je mehr Angst vor dem, was man mit jenen Begriffen, mit denen diese Menschen bezeichnet werden, verbindet und je weniger alternative Lesarten zulässig sind, desto "glaubwürdiger" scheinen auch die Argumente zu sein, die von den "mächtigeren", im Diskurs "anerkannten" Sprechern hervorgebracht und oft gezielt eingesetzt werden. So kann das, wofür sogenannte "Flüchtlinge" stehen, wofür die Bezeichnung "Asylwerber" gebraucht wird und was mit diesen Begrifflichkeiten verbunden, mit ihnen assoziiert wird – wofür sie also symbolhaft genutzt oder vielmehr benutzt werden – darüber hinwegtäuschen, worum es bei diesem Thema eigentlich und grundsätzlich geht: Dass von Menschen die Rede ist! Dass es Menschen gibt, die sich auf der Flucht befinden, die lebensunwürdigen Zuständen zu entrinnen versuchen oder womöglich keine Chance hätten, in ihren Herkunftsländern überleben zu können. Und dass eben diese Menschen bei uns Zuflucht suchen und Hilfe benötigen.


Abb. 2: Flüchtlinge sind Menschen,
Quelle: Wikimedia Commons

Die Art und Weise der Instrumentalisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf die als "Flüchtlinge" oder "Asylwerber" konstituierten Subjekte, sondern in besonderer Weise darauf, wenn es ihnen trotz der Prekarität ihrer Situation und der damit einhergehenden "Wiederbelebung" ihrer Verletzungen gelingt, sich zu Wort zu melden: Die Äußerung eines sogenannten "Flüchtlings" ist aufgrund der hierarchisch niedrigen Sprecherposition sehr leicht von anderen, scheinbar mächtigeren Beteiligten in der Diskussion zweckentfremdbar, missbrauchbar und kann entsprechend genutzt werden, um diese Äußerungen so zu ver-wenden, wie sie dessen eigenen Zielen am dienlichsten sind. Dies ermöglicht es auch, die Worte eines "Flüchtlings" – im Prinzip ganz egal, welche Worte dies sind – gegen ihn einzusetzen.

Indem sie als symbolisch tote Subjekte, ohne die Möglichkeit zur sprachlichen Handlungsfähigkeit und damit ohne Selbst-Setzungs- und Selbstbestimmungsmöglichkeit als "Flüchtlinge" und "Asylanten" bezeichnet hervorgebracht werden, nimmt man ihnen auch jede Chance, den Diskurs, der sich doch eigentlich um sie dreht, mitzugestalten und ihn um ihre Perspektive, ihre Haltung, ihre Stimme zu bereichern. Die Einschränkung der Menschen (durch die Art ihrer Subjektformierung und -platzierung) geht somit einher mit einer Limitierung, einer Bewegungs- und Richtungsbeschränkung der gesamten Diskussion und damit auch der zumindest potenziellen Weisen, sich zum Thema zu äußern. Insofern wird nicht nur die vorherrschende Bedeutung der Bezeichnung "Flüchtling" oder "Asylant" gefestigt (und die so benannten Subjekte auf eben diese Bedeutung bzw. Symbolizität reduziert), sondern es wird mit der Ausgrenzung von und der Nicht-Teilhabe am Diskurs vor allem auf lange Sicht gesehen verunmöglicht, die Grundlage für einen gemeinsamen Dialog, einen Gesprächsraum gleichberechtigter Partner zu schaffen.

Ein solcher Raum, in dem allen Beteiligten Gehör geschenkt wird und in dem diese auch gleichberechtigt zu Wort kommen können – wozu, bezugnehmend auf den korrelativen Zugang, all jene, die Teil des Diskurses sind, das Recht haben – scheint jedoch angesichts der gegenwärtigen Situation dringend notwendig zu sein, um tatsächlich und vor allem langfristig gemeinsame Wege finden und begehen zu können.

4. Resümee & abschließende Folgerungen

Im Zuge dieser Auseinandersetzung konnte, basierend auf der Skizzierung des zentralen theoretischen Bezugspunktes dieser Arbeit, Butlers Subjektverständnis, ergänzt durch Meders Korrelationsbegriff, und dessen In-Bezug-Setzung zur gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen wie politischen Diskussion hinsichtlich der sogenannten "Flüchtlings"- und "Asyl"-Thematik, aufgezeigt werden, worin die Relevanz und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Dialoges aller Beteiligten liegt, aber auch, was einem solchen Dialog im Weg steht.

Als symbolisch tote Subjekte, so sind im aktuellen Diskurs jene Menschen, jene Individuen zu verstehen, die als "Flüchtlinge" und "Asylwerber" bezeichnet und mit spezifischen Bedeutungsmustern versehen werden: Bedeutungen, auf welche die Betroffenen keinen Einfluss haben, die sie nicht verändern können und die gegenwärtig sehr stark mit negativen, verunsichernden, wenn nicht sogar Angst erregenden Vorstellungsmustern in Verbindung gebracht und somit auch mit diesen assoziiert werden.[17]

Der einzelne Mensch, seine potenzielle Notsituation und seine grundlegende, menschliche Verletzlichkeit geraten dabei jedoch oft aus dem Blick: Über ihn und seine Situation nachzudenken – und sich und das eigene Verständnis dabei vielleicht selbst nach kritischem Hinterfragen verändern, einer Perspektivverschiebung oder -erweiterung unterziehen zu müssen – scheint vielen nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit, sondern auch hinsichtlich der damit einhergehenden potenziellen Infragestellung der eigenen, dem Anschein nach sicheren Machtposition, zu mühsam und zu gefährlich zu sein. Dass mit der Formierung der als "Flüchtlinge" oder "Asylwerber" titulierten Subjekte jedoch nicht nur ein Absprechen der Möglichkeit einer Neupositionierung und einer Bedeutungsveränderung der sehr einseitig konnotierten Bezeichnungen einhergeht, sondern auch die Mitgestaltung und damit Bereicherung und Belebung des gesamten Diskurses verhindert wird, gerät dabei aus dem Blick.

Hierbei ist nicht nur zu problematisieren, dass den Betroffenen ihre Möglichkeit, ihr Potenzial zur diskursiven Partizipation, zu Mitsprache und zur Formulierung der eigenen Perspektive in der und durch die Formierung als symbolisch tote Subjekte abgesprochen wird, vielmehr wird dadurch – eben in dieser und durch diese Formierung – auch verdeckt, dass sie genau dazu grundlegend das Recht haben, ja eine diskursive Notwendigkeit dazu besteht. Dies gilt es besonders vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Situation zu bedenken, in der vor allem nach langfristigen Lösungswegen für alle Beteiligten gefragt und gesucht werden muss.

Diese verdeckten Möglichkeiten, die verdeckten Rechte der als "Flüchtlinge" und "Asylwerber" subjektivierten Menschen wie auch das Hinwegtäuschen über die Notwendigkeit der Partizipation aller Beteiligten aufzuzeigen, dafür zu sensibilisieren und ein Bewusstsein bezüglich der entsprechenden Praktiken anzuregen – und diese somit gewissermaßen zu "Ent-Täuschen" – ist Anspruch und Ziel dieses Textes.


Anmerkungen

[1]
Exemplarisch hierzu kann, vor dem Hintergrund einer historischen Perspektive, auf das Werk "Krieg, Militär und Migration in der Frühen Neuzeit" von Matthias Asche, Michael Herrmann, Ulrike Ludwig und Anton Schindling verwiesen werden. Aus einem politisch-sozialwissenschaftlichen Blickwinkel befassen sich Gudrun Hentges und Bettina Lösch in ihrem Werk "Die Vermessung der sozialen Welt" mit Fragen zum Themenbereich Migration, Vertreibung und Krieg.

[2] Auf die Notwendigkeit und die Gründe, langfristige Bemühungen zur Verbesserung der Situation der gegenwärtig vor allem aus Syrien flüchtenden Menschen anzustreben, und nicht (ausschließlich) nach kurzfristigen Lösungen zu suchen, verweist beispielsweise der Artikel "Asyl auf Zeit eine 'schäbige Sprechblase'" von Jan Michael Marchart, erschienen am 04.08.2015 in der "Wiener Zeitung", online unter: http://www.wienerzeitung.at/dossiers/asyl/asyl_in_oesterreich/?em_cnt=767147 (letzter Zugriff: 19.09.2015).

[3]
Hierauf verweisen etwa die Titelblätter und Schlagzeilen von Boulevardblättern, in denen eine "Flüchtlingskrise" respektive "Asylkrise" postuliert werden, in denen nicht von flüchtenden Menschen die Rede ist, sondern nur mehr Zahlen gehandelt werden, indem Bilder von flüchtenden Menschen mit Überschriften wie "Balkan-Route: Weitere 200.000 wollen in die EU" versehen werden, Stacheldrahtzäune gezeigt und "Haftstrafen für illegale Übertritte" angekündigt werden.

[4]
Auf die angespannte Lage und die Notwendigkeit humanitären Handelns verweisen diverse Artikel, doch muss auch, wie etwa am Beispiel von Isolde Charims Artikel "Was nehmen sie uns weg, die Flüchtlinge?", erschienen am 04.09.2015 in der "Wiener Zeitung" – online unter http://www.wienerzeitung.at/meinungen/glossen/772621_Was-nehmen-sie-uns-weg-die-Fluechtlinge.html?em_cnt=772621 (letzter Zugriff: 19.09.2015) – kritisch hinterfragt werden, inwiefern nicht auch mit derartigen Artikeln im Namen von jemandem über jemanden gesprochen wird, der selbst nicht zu Wort kommt.

[5] Subjekt-Bezeichnungen betreffen immer den einzelnen Menschen, nicht eine Menschengruppe, die dann diskursiv zu einem Subjekt erklärt wird. Vielmehr wird – auch wenn potenziell ein Anspruch an eine Gruppe von Menschen erfolgt – jeder Einzelne in dieser Gruppe individuell subjektiviert. Die Form der pluralistischen Argumentation (d. h. von einer Anzahl von Menschen zu sprechen, die z. B. die mit der gleichen Bezeichnung, dem gleichen Namen geprägt und somit auf die gleiche Weise subjektiviert wurden) findet sich auch bei Butler selbst, wenn beispielsweise von den als "Frauen", "Schwulen" oder "Lesben" hervorgebrachten Subjekten die Rede ist (siehe hierzu etwa: Butler 1991 und 1993b).

[6]
Einen performativen Sprechakt, welche den Angesprochenen in gesellschaftlicher Hinsicht überhaupt erst konstituiert, also als Subjekt hervorbringt, versteht Butler unter Bezugnahme auf Althusser auch als "Akt der Anrufung" (Butler 2006: 38). Im Anschluss an dessen Anrufungstheorie geht Butler davon aus, dass der Angesprochene überhaupt erst dadurch zum Angesprochenen wird bzw. als solcher zu existieren beginnt, indem er von anderen angesprochen wird: Der Anerkennungsakt fungiert als Konstitutionsakt des angerufenen Subjekts, welches durch den Anruf zu "einem 'Jemand'" (Villa 2003: 42) gemacht wird, der sprachlich in Erscheinung treten kann (vgl. ebd.: 42ff). In wesentlichen Zügen distanziert sich die Theoretikerin jedoch von Althussers Konzeption der Anrufung, worauf hier aufgrund des Beschränkten Umfanges des Textes nicht weiter eingegangen werden kann. Näheres dazu findet sich in Butler 2006.

[7]
Butlers Performanz-Verständnis basiert wesentlich auf John L. Austins Werk "How to do Things with Words" (dt.: "Zur Theorie der Sprechakte"). Davon ausgehend versteht sie sprachliche Handlungen als performative Handlungen, womit gemeint ist, dass Sprache der Name für ein menschliches Tun ist, welches zugleich dasjenige bezeichnet, was in diesem Moment getan wird – Sprache als Handlung – als auch dasjenige, was bewirkt wird – die Folgen der sprachlichen Handlung (vgl. Butler 2006: 19f.)

[8]
Butler zufolge ist es jedoch weniger die Verletzung durch die Anrede des anderen, welche ein existentielles Problem darstellt, sondern vielmehr die Möglichkeit, gar keinen Anspruch zu erfahren und somit durch Schweigen seinen Platz zugewiesen zu bekommen: "Die Anrede selbst konstituiert das Subjekt innerhalb des möglichen Kreislaufs der Anerkennung oder umgekehrt, außerhalb des Kreislaufs, in der Verworfenheit" (Butler 2006: 15). Somit ist es von grundlegender Relevanz, zumindest in irgendeiner Form durch den sprachlichen Anruf eine gesellschaftliche Existenz zu erlangen, auch wenn dies bedeutet, durch einen verletzenden Anspruch an den Grenzen des Bereichs des Intelligiblen bzw. Verworfenen als Subjekt konstruiert zu werden, denn: "wir [werden] lieber erniedrigt als gar nicht angesprochen" (ebd.: 50).

[9]
Meder formuliert hierzu ausführlicher: "Die Relata, die Elemente der Relation, sind bei Korrelationen nichts außerhalb der Relation. Sie finden ihre Bestimmung nur innerhalb der Relation. Korrelationen sind Verdinglichungen der Relata. Über die Verdinglichung bestimmen sich die Relata in ihrer korrelationalen Eigenart." (Meder 2014: 47)

[10]
Dies bezieht sich darauf, dass, so Butler, der Diskurs, also jener Bereich des Sagbaren, innerhalb dessen das Subjekt konstituiert wird, "von Normen strukturiert und eingerahmt wird, die jeder Möglichkeit von Beschreibung vorausgehen" (Butler 2006, 220). Hieraus folgt, dass die Machtverhältnisse insofern bereits vorab, also bevor das Subjekt als solches in die Existenz gerufen wird, aktiv sind, als sie den Bereich dessen, was überhaupt sagbar bzw. intelligibel ist – und damit auch jenen Bereich, innerhalb dessen Subjekte leben können – normativ strukturieren und festlegen (und damit auch jenen Bereich des Nicht-Sagbaren, Nicht-Intelligiblen). Dass das Subjekt in diesem Sinne erst durch die normierenden Machtverhältnisse hervorgebracht wurde bedeutet, dass es auch nur innerhalb dieses, bereits durch Macht konstituierten Feldes zu Handlungsmacht gelangen kann: "Wenn das Subjekt im Sprechen durch eine Reihe von Verwerfungen erzeugt wird, dann setzt diese begründende und formative Begrenzung das Szenario für die Handlungsmacht des Subjekts. [...] Das ist nicht die Handlungsmacht eines souveränen Subjekts, das Macht immer und ausschließlich gegen ein anderes ausübt" (ebd.: 218). Insofern ist die Handlungsmacht eines Subjekts immer auch "in Macht verstrickt" (ebd.: 221).

[11]
Siehe hierzu: Sontag, Katharina (2012): Cyber-Mobbing als verletzender Sprechakt im Sinne Judith Butlers, in: MEDIENIMPULSE 4/2012, online unter: http://www.medienimpulse.at/articles/view/481 (letzter Zugriff: 19.09.2015).

[12]
Siehe Fußnoten 8 und 10

[13] Die Namen, die Zeichen, mit denen ein Subjekt bei seiner Hervorbringung versehen wird, besitzen, so Butler, eine Geschichte, welche in jenem Augenblick, in dem sie geäußert werden, wieder wachgerufen und damit auch gefestigt wird. Damit ist gemeint, dass ein Name "in sich die Bewegung einer Geschichte [trägt], die er zum Stillstand bringt" (Butler 2006: 63). Die Namensgebung und die Wiederholung des Namens führen dazu, dass die geschichtliche Bedeutung zugleich eingesetzt sowie festgelegt, mit dem Subjekt verbunden wird. Und in der Wiederholung eines verletzenden, präkarisierenden Namens wird das Traumatische bzw. das Verletzende wiederbelebt. (vgl. ebd.: 63f)

[14] Eine Benennung kann auch erfolgen, ohne dass das dadurch hervorgebrachte Subjekt selbst Kenntnis davon besitzt. Diese diskursiv konstituierenden Namen müssen sich jedoch nicht mit dem eigenen Selbstbild decken, vielmehr können sie sich in wesentlichen Zügen voneinander unterscheiden. Der Name kann also seine "sprachliche Konstitutionsmacht" (ebd.: 55) gegen denjenigen, der diesen Namen trägt, ausüben, was in Situationen deutlich wird, in welchen ein Subjekt seinem gesellschaftlich konstituierten Ich unerwartet begegnet: Es kann mit Freude oder auch mit Entsetzen und Betroffenheit darauf reagieren. (vgl. Butler 2006: 55)

[15] Als performative Handlung bezeichnet Butler ein menschliches Tun, welches zugleich dasjenige benennt, was in diesem Moment getan wird – Sprache als Handlung – als auch dasjenige, was bewirkt wird – die Folgen der sprachlichen Handlung (vgl. Butler 2006: 19f): "Eine performative Handlung ist eine solche, die das, was sie benennt, hervorruft oder in Szene setzt und so die konstitutive oder produktive Macht der Rede unterstreicht" (Butler 1993a: 123f). Diese performativen Handlungen bzw. Äußerungen werden von jenen konstativer Art dadurch abgegrenzt, dass im Zuge der Äußerung über eine beschreibende Funktion hinausgehend "soziale Tatsachen" (Reckwitz 2010: 88) hervorgebracht werden (vgl. ebd.: 88).

[16]
Die Bezeichnung "Randständigkeit" bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Art und Weise der Verortung im Diskurs. Je weiter am Rand der diskursiven Grenzen ein Subjekt hervorgebracht wird, desto prekärer ist auch seine Sprach- und Sprechposition zu verstehen.

[17] Siehe hierzu: Die im Einleitungsteil in den Fußnoten angeführten Berichterstattungen.


Literatur

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter, aus dem Amerikanischen von Kathrina Menke, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Butler, Judith (1993a): Für ein sorgfältiges Lesen, in: Benhabib, Seyla/Butler, Judith/Cornell, Drucilla/Frasier, Nancy (Hg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt/M.: Fischer, 122–132.

Butler, Judith (1993b): Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der 'Postmoderne', in: Benhabib, Seyla/Butler, Judith/Cornell, Drucilla/Frasier, Nancy (Hg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt/M.: Fischer, 31–58.

Butler, Judith (2001): Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, aus dem Amerikanischen von Reiner Ansén, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Butler, Judith (2006): Haß spricht. Zur Politik des Performativen, aus dem Englischen von Katharina Menke und Markus Krist, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Meder, Norbert (2014): Das Medium als Faktizität der Wechselwirkung von Ich und Welt (Humboldt), in: Marotzki, Winfried/Meder, Norbert (Hg.): Perspektiven der Medienbildung. Medienbildung und Gesellschaft, Bd. 27, Wiesbaden: Springer VS, 45–69.

Reckwitz, Andreas (2010): Judith Butler: Naturalisierungsdiskurse, Performativität und Subversion, in: Reckwitz, Andreas: Subjekt, 2., unveränderte Auflage, Bielefeld: transcript, 81–94.

Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Eine Einführung, Frankfurt/M.: Campus.


Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag wurde in den MEDIENIMPULSEN 3/2015 mit dem Schwerpunkt >Handeln mit Symbolen< bereits veröffentlicht. Ob der inhaltlichen Nähe zu diesem Schwerpunkt >Medien und Flucht< publizieren wir ihn hier noch einmal.

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flüchtlingsdiskurs, asylantendiskurs, symbolisierung, subjektivierung, butler, foucault