Kultur - Kunst

4/2017 - Kreativität/Ko-Kreativität

Vignetten. Aus den Vorarbeiten zu einer Archivpolitik der Sorge

AutorIn: Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen entführt uns mit diesem äußerst dichten Text in die Welt des Archivs, das ohne Poetik wohl in sich selbst zusammenfiele und zwischen Vergangenheit und Zukunft keiner Ordnung mehr entsprechen könnte ...

The traditional divisions among the practices of fiction,
theory and criticism into stories,
essays and critiques tend to be merged
with fictocriticism which combines elements
of these writing practices into a single text.
These texts thus often tell a story while making an argument.
They range from avant-gardist prose poems
to more discursive metafictional inventions.

Stephen Muecke: The Fall: Fictocritical Writing

1.

Anschließend an eine für mich im besten Sinne andauernde Auseinandersetzung mit dem Archiv und den daran gekoppelten Praxen und Herausforderungen sollen hier erste Gedanken vorgestellt werden, die unter Einrechnung früherer Überlegungen, Wiederholungen und weiterentwickelter Ansätze auf eine Archivpolitik der Sorge abzielen. Für die Ausbreitung dieser Vorarbeiten, die in ihrer Vorläufigkeit gelesen und verstanden werden müssen, sollen die größeren theoretischen Kontexte angesprochen, die zentralen Aspekte dehnend erkundet, schließlich auch die etymologischen Hintergründe einer Bühne der vorgestellten Denkbewegung aufgespannt werden. Die hier angedeutete und betriebene Verschränkung von Archiv, Politik und Sorge passiert im Bewusstsein für die produktiv zu wendende philosophische Dynamik aus – verknappt gesagt – zentraleuropäischer Begriffsgeschichte und französisch-angloamerikanischer Diskursanalyse. Diese unternommene diskursive Verschränkung (oder auch einem bei Leibniz entlehnten Schuhband gleich: Verknotung) soll mit den Mitteln der Philosophie und der Literatur fragen und forschen. Dabei möchte ich aber, soweit es mir möglich ist, nicht den Fehler machen bzw. fortschreiben, von der Anhöhe eines platonischen Plateaus aus den Künsten ihre Funktions- und Wirkungsweisen limitierend auszudeuten. Zumindest in diesen vorläufigen Aufzeichnungen, denn das ist der Charakter des Vorliegenden in all seiner einzugestehenden Unvollständigkeit und vielleicht auch Fehlerhaftigkeit, soll auf eine wahre Nachbarschaft zwischen diesen Feldern gesetzt werden.  Der Zug in bzw. durch diese Felder, der nicht ganz ohne fronde auskommen will, wird sich, sozusagen Stein für Stein, in Form von Bildern, von titelgebenden Vignetten in unterschiedlicher Länge entfalten. In diesen Bildern zeigt sich hoffentlich, was ich mir bei Kafka leihen möchte: einerseits also weniger das Erzählen, als die literarisch motivierte Darlegung von Lektüre und Ansätze der Auslegung, andererseits der „Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können“.

2.

Das Archiv als auch die Gegenwart sind als dynamisch zu verstehen. Der literarische Text und sein Reagieren auf die Textur der Erinnerung ist für mich von einem Verständnis für Gegenwart bzw. Gegenwärtigkeit geprägt die diese als diskontinuierlich definiert. Im Sinne von Osbornes „operative fiction“ wird innerhalb des umstrittenen Jetzt das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart verhandelt. Die Stoßrichtung des Vorgestellten will also unter Nutzung fiktokritischer Praxen die Begriffe von Archiv, Politik und Sorge in ihrer beweglichen Formierung um ein permanent verhandeltes Jetzt darstellen und erfahrbar machen: Der eingeschlagene Weg versteht Literatur somit auch als eine Praxis der Kritik, die fictocriticism als Methode schreibend umsetzt. Das Verstehen der Dinge macht es notwendig, sie verständlich zu machen – also Philosophie und Literatur, durchaus im Bewusstsein für strapazierte Vokabel wie artistic research oder cultural heritage entrepreneurship, als tatsächliche Verbindung für eine echte künstlerische Forschung wirksam werden zu lassen. Mit Archiv, Politik und Sorge möchte ich verdeutlichen, dass Begriffe und ihre Geschichte in ihrer Aktualität bzw. Aktualisierung zu denken sind und sie, eben weil sie im allerbesten Sinne unabschließbar (also auch: unerledigt und nicht zu erledigen) sind, Gültigkeit für die aktuellen Praxen der Arbeit im bzw. am Archiv haben. Das Verständlich-machen mit den Konzessionen des Literarischen führt zu einer zweiten gelegten wie auch nachzugehenden Spur, nämlich der der Literatur als unleugbarer Teil des kulturellen Erbes. Die vollumfängliche Sagbarkeit der Literatur (aber auch: des gewählten Schweigens) macht deutlich, dass mit der Literatur nichts weniger als alles auf dem Spiel steht. Die Wertigkeit der Künste lässt sich nicht einfach in Zahlen ausdrücken. Literatur als Kritik und kulturelles Erbe zeigt eine ihrer vielen Valenzen als die Relation zur Geschichte und zur Historiografie: Hinsichtlich der Vergangenheit wirkt sie erinnerungsstiftend, hinsichtlich der Gegenwart reflektierend und in Bezug zur Zukunft eben entwerfend und ausgestaltend. Unsere Verstrickungen, auf die uns die Macht der Fiktion – etwa auch in ihrer substituierenden Qualität hinsichtlich von Überlieferungsbelegen – stößt, möchte ich hier mit den erwähnten Textbildern beginnen zu adressieren. In den Bildern verbinden sich Erkennen und Wissen, mit ihnen lässt sich das Archiv, in Anlehnung an Kentridge, als Labor und auch vielleicht als Atelier denken. Die daraus zu schöpfende Epistemologie der Entlinearisierung spiegelt sich zumindest teilweise im vorliegenden Textangebot und seiner Struktur.

3.

Mir ist, als träume ich von einem Raum, herausgelöst aus einem verlorenen, mir sehr vertrauten Ort. Von all seiner Weitläufigkeit ist nur ein Gang geblieben, der zitternd in der Zeit steht, bevor er demnächst wie geplant in sich zusammenfallen wird. Die Wände und die Decke sind fast vollständig mit Fundstücken, Hinweisen und Bildern überzogen, einer wuchernden, aufgeschichteten Sammlung, die mich auffordert, ein vorschnell gegebenes Versprechen der Nacherzählung einzuhalten. In diesem installierten Buch bin ich wie ausgesetzt, setze vorsichtig meine Schritte, lasse den Blick wie ein Schiffbrüchiger über die Papiere und Objekte gleiten. Auf dem Boden schmiegt sich zusätzlich Ausgelegtes an die niedrigen Wände, macht es mir gelegentlich schwer, mein Gleichgewicht zu halten. Eine Archäologie der ständig vergehenden Gegenwart, dieser sich unaufhörlich bewegende Wellenkamm in der Chronologie der Dinge, gewinnt in der Zusammenstellung etwas wie eine eigene, befremdliche und bedrohliche Gestalt. Was hier an vermeintlichem Schwemmgut zueinander in Beziehung gesetzt wird, deutet auf zweierlei Arten von Zukunft hin, einerseits auf das Vorhersagbare, das kalkuliert werden kann, andererseits auf das Unerwartete, das trotz aller anders lautenden Rechenergebnisse eintreten wird. Ich fühle mich beobachtet, während ich vorsichtig über knittrige Erinnerungen und vergebliche Faltungen streife, das im Kleinen eingelagerte Große ertaste. Das Nachvollziehen und Bewahren der Verbindungen, intendierter wie auch erfundener, soll mein geheimer Dienst an dieser Sammlung sein. Mir ist, als träume ich vom Schauen auf ein Zuhause, das ich nicht haben werde, von geöffneten Seiten und Beinen, von den Anhängern eines Bettelarmbands.

4.

Das Archiv steht für eine geordnete Sammlung und den Ort ihrer Aufbewahrung. Es wurde als Begrifflichkeit (neu) positioniert und etabliert, die abseits ihrer stark auf den wirtschaftlich-verwaltungsspezifischen Bereich fokussierten Ausrichtung, in den letzten Jahrzehnten immer häufiger in konstruktiver Verbindung zu den Bereichen des Museums und der Bibliothek gedacht und konzipiert wird. Dies liegt neben der Praktikabilität der Verknüpfung, der Aufwertung des von Kunst und Kultur genutzten Archivguts und einer medial sensibler und anspruchsvoller sozialisierten Öffentlichkeit wohl zu einem Gutteil auch daran, dass diese Institutionsformen zumeist ebenfalls interne Archive ausbildeten, um heterogene Teilbestände adäquat aufarbeiten und verwalten zu können. Abseits der klassischen Sammlungsinhalte, wie etwa dem Medium Buch (für die Bibliothek) oder dem mehr oder minder singulären Objekt (für das Museum), fanden etwa Nachlässe oder nicht-publiziertes Material ihren Weg in diese Institutionen. Die Herausforderung der Datenerfassung, der Bewahrung und sachgerechten Aufarbeitung verlangte und verlangt nach einem archivalischen Zugang innerhalb erwähnter sammlungsspezifischer Strukturen.

5.

Etymologisch betrachtet ist das Archiv neben dem Gebäude, das es ist und beherbergt, mit den árchontes, den Bewahrern und (oftmals: ersten) Interpreten der (offiziellen) Dokumente verbunden: Sie sind die Garanten der Bewahrung, der Erinnerung und der Aktualisierung. An ihnen ist es, die Archivalien intelligibel und gegenwärtig zu halten, Demut gegenüber der unaufhörlichen Aufgabe des Archivs und reflektiertes Selbstbewusstsein für das eigene Wirken darin bzw. daran zu bewahren. In der Ausgestaltung innerer Ordnungen, die eine Verbundenheit und das umfassende Verständnis der heterogenen Bestände mitmeinen muss, soll auch eingerechnet sein, dass die jeweiligen Bestände ihre jeweiligen Qualitäten nicht oder nicht immer gleich zu erkennen geben. Die aktuell geführten philosophischen Debatten zwischen, vereinfachend gesagt, radikalontologischen Materialisten und subjektzentrierten Epistemologen haben m. E. nach einen eher indirekten Einfluss darauf, wie archiviert und erschlossen wird, erweisen sich aber als umso wirkmächtiger, wenn wir nach dem Umgang mit dem archivierten Gut fragen. Die Praxen des Archivierens, die physische Beschaffenheit mitdenken müssen ohne dabei zu verharren, erzeugen in der Erschließung und Aufnahme des Objekts seinen Dokumentenstatus mit und verleihen dem nun archivierten Objekt eine potenzielle, zweite Lebendigkeit. Abseits einer mir fragwürdigen und auch politisch unverantwortlichen Ausklammerung oder Überwindung des Humanen – auch in Hinblick auf die Archivare im Verhältnis zu ihrem Archiv – zeigt sich die Einrichtung und Moderation der Beziehungen zwischen dem Archiv und dem von Derrida apostrophierten „Draußen“ als duale Verantwortung: als Verantwortung gegenüber den Sammlungen, aber auch als eine gegenüber einer veränderten, anspruchsvollen Öffentlichkeit. Das Archiv, das in dem Großteil seiner historischen Tradition und teilweise auch heutzutage kein Interesse hat, dieser medial anders sozialisierten Öffentlichkeit, Einblick zu gewähren, hat sich, was nicht vergessen werden soll, parallel zu eben dieser Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert zu wandeln begonnen. Im Archiv überschneiden sich also nicht nur die unterschiedlichsten Bestandsarten und Bereiche, sondern auch Interessenslagen, die es zu moderieren gilt. Es ist also, obwohl in einer Gerichtetheit organisiert, unabgeschlossen, unausgesetzt und synchron. Das Archiv, das unbedingt zu sein hat, kann und wird aber niemals bedingungslos sein.

6.

Was an Ländereien des Begehrens und der Sehnsucht nebeneinander zu liegen kommt und sich immer wieder zu wandeln scheint, lässt sich als Atlas beschreiben. Den Begegnungen geht in diesem Spiel ein Verpassen voraus, auf das man sich einlassen muss, eben weil wann immer Götter und Menschen miteinander in Berührung kommen, es für letztere stets weit schlechter ausgeht. Da ist ein Harnisch, der eigentlich nicht abgelegt werden darf, Verletzungen würden sonst sichtbar werden. Das Unverheilte, stets neu aufgebrochen, tritt hervor: Clothing is your first line of defense.  Die Blessuren und Effekte haben ein Gegenstück in der umliegenden Sammlung der Objekte. Verstreut findet sich das Unerschlossene gestapelt, erstreckt bis zum nächsten, unbetretenen Zimmer. Einblicke eilen freundlich voraus, das Körper gewordene Werk steht in der Dunkelheit einen Spaltbreit offen. Du fragst nach den Vorzügen der Genauigkeit, nach den Eigenschaften einer Schicksalsgöttin, die über Glück und Unglück gebietet, aber auch über das Vermögen und die sich bietenden Gelegenheiten. Fortuna ist, was sich der Kontrolle und Planbarkeit entzieht, sich erst lautstark, dann schweigsam gibt. Du kannst nicht einfach auf der Seite liegen, die wechselnden Landschaften geben dem Atlas seine temporäre Form. Auf dieser dunklen Unterlage aufgespannt, bleiben die Belege in Bewegung, werden neu angeordnet und rekonfiguriert. Immer wieder neue, vorerst undenkbare Konstellationen aus den Depots lassen Einblicke zu, werden verzeichnet, vergehen und werden neu gesetzt.

7.

Die Bewahrung der Bestände kann als die wohl dringlichste Aufgabe des Archivs verstanden werden. Dieser wissenschaftlich unterfütterte Vorgang der Rückgewinnung des Vergessenen, Vergangenen und auch Verdrängten kann nur im Sinne einer Balance zwischen Bewahren und Zugänglichmachen der Bestände – so ihre Beschaffenheit dies zulässt – gedacht und gelebt werden. Das Archiv – das gleichermaßen System der Ordnung und eigentliche Sammlung ist, die durch ein differenzschaffendes Scharnierelement administrativer, submedialer Prozesse verbunden sind – kann auf diesem Weg als Ort der intellektuellen Wertschöpfung begriffen werden, der durch seine heterogenen Bestände vor-geprägt ist. Die unterschiedlichsten Arten des Bestandes sind dabei eben nicht nur wesentliches Kennzeichen, sondern vielmehr auch eine positiv wirksame Rahmenbedingung für den Umgang mit dem jeweiligen Material und Vorgabe gewisser Grundlinien diskursiver Arbeiten und Herangehensweisen. So kann abseits von fälschlich unterstelltem Selbstzweck über eine andauernde Neubewertung nicht nur ein umfassenderes, besseres Verständnis der eigenen Disziplin und neuerer Entwicklungen, sondern auch ein kritisches Analyseinstrumentarium umfassenderer sozialer Prozesse gewonnen werden. Die konsequente Befragung der gegebenen Sammlungsbestände – was also etwa noch als Ausstellungsexponat tauglich ist, oder aber eben schon als Teil einer disziplinhistorischen Auseinandersetzung gilt – kann eben nicht im engen Verständnis einer als allumfassend missverstandenen Hermeneutik der endgültigen und immerwährenden Ergebnisse stattfinden. Vielmehr verlangt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Erinnerung und Archiv nach einer – im poststrukturalistischen Sinne – Kette miteinander verknüpfter Auslegungen, die auch die Geschichte des eigenen Arbeitsfeldes befruchten und vorantreiben. Trotz der mitunter kritisch zu betrachtenden Ausrichtung dieser interpretativen Verfahrensweise, ist diese doch die geeignetste, um die Veränderung des Stellenwertes des erfassten Materials, in Bezug zu einer in narrativen Formen organisierten (Disziplin-)Geschichtsschreibung und hinsichtlich aktueller Fragestellungen, aufzuzeigen.

8.

Zu berücksichtigen bleibt dahingehend auch die disziplininterne Bedeutungszuschreibung im Rahmen einer zweifachen Bewegung: Die erste dieser Bewegungen ist die Herausentwicklung des jeweiligen Artefakts aus einer der Entropie verhafteten Phase der Unordnung, des Chaos, vielleicht sogar des Mülls in einen Zustand der Aufwertung. Die zweite, daran wohl zumeist anschließende Bewegung, ist die einer – auch mnemotechnisch relevanten – Zirkulation von Semantisierungsleistungen im Rahmen der Auseinandersetzung mit Sammlungsbeständen und Einzelobjekten, einem Diskurs im Sinne eines Oszillierens zwischen zwei Spannungspunkten. Diese intellektuell-logistische Leistung schließt auch Bedeutungsverschiebungen und (Neu-)Bewertungen mit ein. Auch hinsichtlich der (metaphorischen) blinden Flecken, die sich durch die Eingebundenheit in ein System ergeben – also im weitesten Sinne eine Bezüglichkeit im Sinne von Position, Beobachtung und zu verrichtender Arbeit – kann das Erkennen dieser Position, ganz im Sinne einer weiterführenden Verbindung von Rationalität und Sammlung, zu einer Erkenntnis der Teilhabe an historischen bzw. historisierenden Prozessen führen. Dabei ist es ja durchaus erstrebenswert, die Gegenwärtigkeit dieser mnemotechnischen Archivarbeit dabei nicht aus den Augen zu verlieren, also an aktuellen Diskursen zu partizipieren und dem dringlichsten Wunsch der Archive nachzukommen: einem delirierenden Zustand zu entkommen und auf eine Ordnung zuzusteuern, die in der Lage ist, sich selbst kritisch zu befragen und der eigenen Disziplin sinnvolle Möglichkeiten der Unterstützung und der (Selbst-)Reflexion im Sinne einer metaphorischen Registratur bieten zu können. Dies gilt auch in einem umfassenden Sinne für die in den Institutionen tätigen Personen, die durch ihre Tätigkeit immer auch im Archivdiskurs mitgemeint und miteingeschrieben sind. Sie sind im Schnittfeld, das das Archiv abgibt (beispielsweise zwischen dem Ethischen, dem Technischen, dem Juridischen usw.) somit die Verantwortlichen, die mit ihrer Leistung dazu beitragen müssen, dass das oben angesprochene Gleichgewicht der Verantwortung gegenüber den Beständen und auch gegenüber der Öffentlichkeit gewahrt bleibt.

9.

Was sind Ruhe und Beunruhigung, was ist mir das Buch neben dem gesuchten, das ich also eigentlich gesucht habe, ohne es zuvor zu wissen? Das Ich, das sich hier so leichtfertig schreibt und geschrieben sieht, will leicht sein und muss leicht sein dürfen. Leichtsinnig kann es aber nicht zugehen, so wie ein Archiv auch kein Privatsammler in eigener Sache sein dürfte. Im Risiko, im schrägen Blick liegt ein Erkennen, die Option auf neue Einsichten, die über das ohnehin Gegebene nicht hinausgeht. Das Neue entsteht in der Verbindung, dem Entwurf. Es sollen also nicht einfach die Werke ausgetauscht werden, denn vielmehr der Umgang mit ihnen. Was also archiviert wird, was dafür vielleicht gar nicht vorgesehen war, was sich in die Formationen des Materials gefügt sieht. Das Archiv wird mir, hier vor den Regalen stehend, den doppelten Grund der Geschichte unter mir wähnend, als Bündel von Verfahren erlebbar, dass das Wissen der Literatur hervortreten lässt. Unter meinem Blick gewinnt es Gestalt und Wirklichkeit. Was mir entgegenspringt, sich in der Linse der Fremdsprachigkeit bündelt, ist nicht weniger als ein rencontre in seiner Vielzahl von Lesweisen. Mit dem erneuten Nach- und Aufschlagen tritt mir mit dem Text im Raum die Zeit entgegen. Hinsichtlich des unvermeidlichen Verlusts gilt es also zu fragen, wann, nicht ob er eintritt. Dieses Bild will erinnert und heimlich wohl auch ersehnt sein. Die folgende Geschichte werde ich beobachten, doch nicht mehr an ihr teilhaben können. Soll ich also die Augen schließen und es genießen, wie es die literarischen Quellen in solchen Fällen empfehlen, soll ich sehenden Auges entscheiden: there’s always a siren, singing you to shipwreck. Wie viele Falten hat eine Eule, wie erinnert sich das Papier (oder genauer: das Gedächtnis des Papiers). In den Spuren der Faltung wird etwas gestiftet, hier werden die Momente des Wendens und der Verwandlung greifbar. Ich muss also herausfinden, was ich vermisst habe. Was ich konsultiere, wird hier nicht nur gespeichert als könnten wir gedankenlos vergessen – hier könnte hervorgebracht werden. Es ist eine Einübung in Abwesenheit, die mir versichern hilft, das dem Sagbaren das Lesbare, das Vorgelesene vorausgeht. Die Quelle, wenn geschickt befragt, gibt sich zu erkennen, das zitternde Blatt in meinen Händen ist zweiwertig, script und tremor zugleich. Der Schnitt in der Handfläche lässt mich an alles erinnern, was ich ungekannt vermisse. Die Sammlung ermutigt zum Eintritt in die eigene Schrift: die Versammlung der Objekte im Archiv, mein flackernder Aussetzer, der Sekundenschlaf der Maschinen ringsum.

10.

Die Politik (des Archivs) als kluges, lenkendes Verhalten geht zwangsweise über die Möglichkeiten und Wirkungsweisen einer Disziplin hinaus. Im Bewusstsein für Macht und Verantwortung der archivalischen Aufgaben, müssen, wie zuvor schon erwähnt, Demut und Entscheidungskompetenz zusammengedacht werden, soll das Verhältnis von Erhaltung und Zugänglichmachung gewährleistet sein und bleiben. Die Statusveränderung des jeweiligen Objekts, das durch die Praxen des Archivierens zum Dokument wird ist ein schon angedeutetes Beispiel für die Ausrichtung am Gesetz, an einer gesetzten Verbindlichkeit. Das breite Feld der Bedeutungen des Gesetzes reicht vom Sakralen bis zum Säkularen (von nómos zu lex), es umfasst eine Funktion von Ordnung und Order. Das rechtmäßige Gebot, das der Inbegriff von Vorschriften und auch der jeweiligen Schrift(en) (lettre) selbst ist, setzt sich positiv vom sogenannten natürlichen, unverschriftlichtem Gesetz, dem ágraphos nómos, ab: Anders als diese Konventionen oder Sitten, kann das Gesetz (des Archivs) nach einem geregelten, aus sich selbst abgeleiteten, gegebenen Verfahren auch erzwungen und durchgesetzt werden. Die Wandlung eines solchen Gesetzes, das immer in einem Verhältnis zur Gesamtheit des jeweils Gültigen zu stehen kommt, kann nur nach präfigurierten Konditionen vollzogen werden, die im Sinne seiner Zweckmäßigkeit und sinnhaften Anwendbarkeit sind. Das Gesetz (des Archivs) braucht im Sinne von Verbindlichkeit und spezifischem Telos, also freiwilliger Befolgung, Maßstäbe der Vernunft, der Richtigkeit (auch: der Gerechtigkeit) und Aktualität, um zu einer sinnhaften Anwendbarkeit und Lebbarkeit zu gelangen, die positiv, aber eben nicht positivistisch ist. Das stimmige, reflektierte Wahrnehmen unserer Handlungsoptionen zur – im Hegelschen Sinne – Verwirklichung unserer Arbeit im und am Archiv ist deutlicher Vorzug, es sich schwer machen zu sollen. Diese zumeist unsichtbare Arbeit wird oftmals erst sichtbar, wenn sie fehlt.

11.

Dieses Sorgen, um nun im Anschluss an Martin Heidegger auch dahingehend wortwörtlich zu werden, ist der daran gebundene, achtsame und fürsorglich tätige Umgang, der von allen notwendigen Instrumenten Gebrauch macht – die ebenfalls zumeist erst bemerkt werden, wenn sie versagen. Positiv gedacht kann (und: soll), auch im Sinne von Osbornes erwähntem Denkansatz zu Gegenwart und Gegenwärtigkeit, im Archiv aber eine kümmernde, konzentrierte, auf die Freiheit ihrer Optionen gerichtete Sensibilität wirken, die sich auch ihrer eigentlichsten Chronologie bewusst ist. Die nicht zuletzt auch zeitliche Struktur der Sorge befördert ein Verständnis für die richtigen Momente der sich im Jetzt öffnenden und schließenden Zeitfenster. Hinsichtlich der schützenden Form der Sorge ist im Sinne des Archivs auch die Vorsorge angelegt, also ein auf die Zukunft und Zukünftiges gerichtetes Wirken, das in aller Zurückgenommenheit Materialien möglichst nicht antizipierend be- bzw. abwertet und Geschichte in ihrer Synchronizität begreift. Im Sinne der dualen Verantwortung des Archivs, der Erhaltung und Erschließung des Archivierten, bündelt die Sorge unsere Verpflichtungen zu suchen, zu bewahren, zu öffnen – und wo notwendig, auch zu bewachen.

12.

Es bedarf dafür einer neuen mentalen Matrix, eines erneuerten Verständnisses von Geschichte, Geschichtsschreibung und Historiographie. Die (Re-)Politisierung des Archivs ist dabei ebenso unvermeidlich wie wünschenswert. Der zu vollziehende Schritt der Etablierung des Archivs als dahingehend wirksames und effektives Denkmodell ist nur bei gleichzeitiger In-die-Pflicht-nehmen der mehrdeutig lesbaren Kritik – also etwa als Kritikfähigkeit oder -würdigkeit – realisierbar. Der Modus der Setzung ist begleitet vom Gestus dieser Kritik. Das erneute (oder vielleicht auch: neue) Setzen des Archivs als Denkmodell öffnet den Blick auf die nicht zuletzt auch materiellen Objekte (wie z. B. Texte, Bilder, usw.), in die die Geschichte zerfällt. Vorsätzlich wortwörtlich wieder-holend meint dies: Das Archiv soll dabei einerseits als Trias aus Institution, Sammlung und Praxis angesetzt werden, andererseits, unter Rückgriff auf David L. Martin, hinsichtlich der Quellen als diskursives Dreigespann aus Sammlung, Körper (auch im Sinne einer physischen Beschaffenheit der jeweiligen Quellen) und einer medialen Kartografie, die eine produktive Kritik an progressionslinearer Historiographie möglich macht. Das ordnende Archiv dient dabei als Register des Historiographischen, als Option der Reflexion darüber, wie wir der an sich sinnlosen Geschichte welchen Sinn verleihen. Dieses Moment der Stiftung ist aber nicht in der Art einer einmalig gesetzten und in der Folge unterhinterfragbaren hermeneutischen Praxis zu denken, sondern vielmehr als Notwendigkeit, die Quellen kompetent – also auch: skeptisch – immer wieder (und immer wieder: neu) einer Lektüre und Kontextualisierung zu unterziehen. Auch dies ist Teil des unausgesetzten zyklischen, zu vermittelnden Arbeitens am Archiv –  eben als Arbeit am Archivierten. Ein solchermaßen erweiterter, den jeweiligen Beleg aus der Gesamtheit der Sammlung heraushebender Blick ist sich der Historizität als auch des gegenwärtigen Augenblicks bewusst. Die Aussicht auf die darauffolgende Zukunft, für die es eben Sorge zu tragen gilt, manifestiert sich dabei stets neu als Herausforderung zur ethischen Haltung einer Verpflichtung zur Verantwortung gegenüber von Sammlung und Öffentlichkeit. Die logistisch-intellektuelle Leistung des Archivs (bzw. des Archivars) im Sinne von choreografischer Verknüpfung und sensibler Aktualisierung ermöglicht nicht nur die Befragung der Quellen, sondern auch das Herausarbeiten von Widerständigkeiten, vielleicht auch das Zeitigen von Verwerfungslinien, die zu dem führen, was in all seiner Mehrdeutigkeit zu begreifen – im Sinne der damit angesprochenen Fähigkeit, aber auch der Würdigkeit – und als solche gesamtgesellschaftlich anzudeuten, oder auch, wenn möglich, zu leben ist: eine Kritik der Archive.

13.

Der vorerst nur sanfte, dann stärker werdende Druck im Rücken ist deutlich spürbar. Deine rechte Handfläche sitzt zwischen meinen Schulterblättern, ich kann sie nicht sehen, ich stelle mir nur vor, wie sie mich in diesem bildhaften Moment immer deutlicher in Bewegung setzt. Du schiebst mich voran, während ich mir keine Vorstellung vom eigenen Schlaf machen, mich an die Unruhe, die ich vielleicht in ein fremdes Bett gebracht habe, nicht erinnern kann. Auf dem Fensterbrett lag morgens noch eine umfangreiche Heldenbiografie mit passend bunt gestaltetem Cover. Mein flüchtiger Blick darauf war ein anderer, als der, mit dem ich nachts zuvor über die Titel in den Bücherregalen gestreift war. Vielleicht wird es keine Rolle spielen, welche davon mich irritiert haben könnten oder welche mich tatsächlich verwunderten. Im Jetzt gibt es keinen Aufenthalt und Dein Schieben, das zwischen dem Ansatz zu einer einstudierten Tanzfigur, also einer vorgegebenen Abfolge, der man ganz ohne zu denken folgt, und einer geradezu mechanischen Hebelbewegung aus einer exotischen Kampfsportart, bekräftigt diesen Umstand. Meine leichtfertig abgelegte, beinahe erneut vergessene Uhr zeigt mir nun wieder die richtige Stunde an, Deine strenge Zeitrechnung hat nicht nur mit der Sommerzeit und der Vorliebe zur Zeichenhaftigkeit zu tun. Ich mache es Dir leicht, indem ich es mir leicht mache, mich dem Druck und der Bewegung hingebe, mich in sie fallen lasse. Das Rascheln der Kleidung verschwindet hinter der Beruhigung einer Tür, die sich dauerhaft schließt. In nachgestellter Exaktheit, den Zeigern lauschend ausgeliefert, gibt die Gegenwart das Kommende preis. Das ist die beste aller möglichen Welten.


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