Kultur - Kunst

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Reviewessay: Engaged Pedagogy. Antidiskriminatorisches Lehren und Lernen bei bell hooks

von Belinda Kazeem-Kamiński

AutorIn: Ruth Sonderegger

Ruth Sonderegger rezensiert mit der jüngsten Publikation von Belinda Kazeem-Kamiński eine brillante Einführung in die engagierte Pädagogik von bell hooks und liefert den LeserInnen der MI eine bemerkenswerte Unterstützung ...

Verlag: zaglossus
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3902902467


Cover: Engaged Pedagogy
von Belinda Kazeem-Kamiński
Quelle: Amazon

Belinda Kazeem-Kamińskis Monografie über bell hooks' engagierte Pädagogik schlägt ein neues und längst überfälliges Kapitel in der deutschsprachigen Theorie (nicht nur der Pädagogik) auf.[1] Denn Kazeem-Kamińskis Ende 2016 beim Wiener Verlag zaglossus erschienenes Buch ist die erste deutschsprachige Studie zum Werk der berühmten afrikanisch-amerikanischen Kulturtheoretikerin, Feministin und Pädagogin bell hooks (geb. 1952). Da auch die international viel diskutierten Schriften von bell hooks selbst bislang kaum auf Deutsch übersetzt wurden, kommt der Monografie von Kazeem-Kamiński ein umso größeres Gewicht zu.

Kazeem-Kamiński ist sich dieses Gewichts und der Herausforderung, vor welche es die Autorin stellt, bewusst: Es geht darum, in den deutschen Sprachraum eine Theoretikerin einzuführen, zu der es insbesondere in der angelsächsischen Welt längst vielfach verzweigte Debatten gibt. Die Monografie Engaged Pedagogy. Antidiskriminatorisches Lehren und Lernen bei bell hooks wird beidem gerecht. Sie gibt einerseits eine knappe Einführung in die Biografie sowie die verschiedenen theoretischen und politischen Kontexte, in denen sich bell hooks verortet;[2] das ist der Grund, warum sich das Buch von Kazeem-Kamiński hervorragend als Einstieg für eine Auseinandersetzung mit bell hooks eignet. Auf der anderen Seite fokussiert Kazeem-Kamińskis Studie auf einen Ausschnitt des Werks von bell hooks, der hinter ihren Beiträgen zum (Schwarzen[3]) Feminismus und zur Erforschung des Rassismus im unauflösbaren Zusammenhang mit anderen Herrschaftsmechanismen – ein Zusammenhang, der in akademischen Debatten heute oft mit dem Begriff "Intersektionalität" belegt wird ­– häufig im Hintergrund bleibt: hooks’ Theorie und Praxis der Pädagogik, welche im deutschsprachigen Kontext noch kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn diskutiert worden sind.

Dabei legt Kazeem-Kamiński von Anfang an offen, vor welchem Hintergrund sie sich der Pädagogik von bell hooks widmet. Sie tut das als Lehrende – oder präziser: als Schwarze Lehrende. So schreibt sie zur Einleitung: "Ich spüre Freude, wenn Studierende motiviert durch die Theoriearbeit in der Lehrveranstaltung über ihre Positionierungen in der Welt nachdenken und daraus praktische Handlungsweisen entwickeln, jedoch auch Ärger darüber, dass bell hooks recht hat, wenn sie davon spricht, dass Schwarze Lehrende sich oftmals mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, aggressiv zu sein, wenn sie über Rassismus / die strukturellen Effekte rassistischer Gewalt sprechen. Während ich unterrichte, bin ich mir meines Körpers und allem, was ich in die Lehre/Lehrsituation mitbringe, so bewusst wie sonst selten. In meinen Gefühlsregungen helfen mir Schwarze Lehrende und Lehrende of Color, und ich freue mich, dass wir in den letzten Jahren mehr geworden sind, auch wenn noch immer nicht davon gesprochen werden kann, dass wir viele sind." (11)[4] Mit hooks verbindet die Autorin dabei auch das Ziel einer "Theoriebildung, die nicht ausschließlich der akademischen Laufbahn Einzelner dient, sondern die sich einer ermächtigenden Praxis verpflichtet. An diesem Punkt möchte ich ansetzen und dieses Thema mit einem Blick auf hooks’ eigenes Schreiben und eng an diesem untersuchen. Die Fragestellung, die ich daher beantworten möchte, ist folgende: Wie wird hooks’ Verständnis von Theorie als befreiende Praxis in ihrem eigenen Schreiben sichtbar?" (19)


bell hooks im Oktober 2014
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Alex Lozupone (Tduk)

Man kann Kazeem-Kamińskis in vier Kapitel gegliedertes Buch (plus Einleitung und Ausblick) linear lesen und begegnet dann (1) einer Biografie von bell hooks, (2) einem Abschnitt zu den Hintergründen und Einflüssen der hooks’schen Theorie, (3) einer Auseinandersetzung mit hooks’ engagierten Pädagogik, (4) sowie einem Kapitel, das sich mit Theorie als befreiender Praxis beschäftigt. Man kann Kazeem-Kamińskis Monografie aber auch punktueller lesen – es gewissermaßen als Nachschlagwerk benutzen. Denn die einzelnen Kapitel werden von kurzen, "Stichwort" genannten Abschnitten durchbrochen, in denen wichtige Begriffe und Theorien erläutert werden, die insbesondere für LeserInnen relevant sein dürften, die mit hooks’ Schwarzem Feminismus im Allgemeinen und ihrer engagierten Pädagogik im Besonderen nicht vertraut sind. Die Kapitel werden zudem von Info-Kästchen ergänzt, in denen die Autorin Literatur- und Anspieltipps versammelt, die mir vor allem für LeserInnen relevant zu sein scheinen, die das beim Lesen von Kazeem-Kamińskis Buch erworbene Wissen noch vertiefen wollen – sei es durch weitere Lektüren oder durch die Auseinandersetzung mit Gesprächen und Vorträgen von bell hooks, die das world wide web bereit hält. Auch diejenigen, die mit dem Werk von bell hooks vertraut sind, entdecken in den Kästchen, die Kazeem-Kamiński zusammen gestellt hat, wohl noch einige Schätze.

Ich konzentriere mich bei Kazeem-Kamiński im Folgenden auf den Abschnitt zu bell hooks engagierter Pädagogik (97 ff.) sowie auf das letzte Kapitel ihres Buchs, das der Theorieproduktion als einer befreienden Praxis gewidmet ist (126 ff.) Die stark von Paulo Freires (1921–1997) Ansatz der Pädagogik der Unterdrückten (Freire: 1973) beeinflusste engagierte Pädagogik von bell hooks fasst Kazeem-Kamiński in sechs Thesen zusammen, die jeweils auch mit konkreten Situationen und Praktiken des Lehrens und Lernens in Verbindung gebracht werden. Die entsprechenden Überschriften lauten: (1) Bildung ist politisch; (2) Bildung kann die Befreiung aller Menschen fördern; (3) Trennung von Geist und Körper: The Mind/Body Split; (4) Anerkennung von Erfahrung und der Präsenz der Lernenden und Lehrenden im Klassenraum; (5) Rassismus, Sexismus, Diskriminierung und Lehre; (6) Negative Emotionen, Schmerz und Lehre. Dabei macht Kazeem-Kamiński von Anfang an deutlich, dass es bei "der" engagierten Pädagogik von hooks nicht um ein klassisches Theoriegebäude geht, das darauf wartet, als Rezept in konkreten Situationen angewendet zu werden. Es handelt sich dabei vielmehr um eine "Bündelung von pädagogischen Strategien" (97), die es Lehrenden und Lernenden ermöglichen, ihre eigenen Kontexte zu analysieren und zu transformieren.[5]

Die erste der sechs Thesen zum engagierten pädagogischen Handeln, die Kazeem-Kamiński auch als "Grundannahmen" (102) bezeichnet, zielt darauf ab, dass jede sich noch so neutral und offen gebende pädagogische Praxis dahingehend politisch positioniert ist, als sie bestimmten Menschen in bestimmten Kontexten ein bestimmtes Ausmaß an pädagogischer Aufmerksamkeit (nicht) widmet. Oder anders gesagt: Die pädagogische Praxis trifft bzw. unterstützt von Anfang an politische Entscheidungen, wenngleich häufig unbewusst, und dies zulasten alternativer Entscheidungen, die auch getroffen hätten werden können. Am eindrücklichsten hat hooks das am eigenen Körper im Wechsel von segregierten, Schwarzen Schulen zu gemischten Klassenräumen erfahren. Die Pädagogiken beider Schulsysteme waren politisch, wenngleich auf eine einander entgegengesetzte Weise. So hat bell hooks die segregierte Schule, in der sie von Schwarzen Lehrerinnen unterrichtet wurde,[6] als politische Ermächtigung erfahren. Denn diesen Lehrerinnen war es darum zu tun, Kinder mit Fähigkeiten und Wissen auszustatten, die es verunmöglichen sollten, sie weiterhin zu unterdrücken und den Status des Unterdrückt-Seins dann wiederum als Beweis zu verwenden, dass man auf Schwarze Menschen keine Bildung verschwenden sollte, wie das ja seit der Versklavung der Fall war.[7] In den nicht länger segregierten Schulen hingegen lernte hooks einen Unterricht von vornehmlich weißen Lehrenden kennen, der Schwarze SchülerInnen unter dem Deckmantel der politischen Neutralität marginalisierte.

Die zweite These, wonach "Bildung […] die Befreiung aller Menschen fördern" kann, erläutert Kazeem-Kamiński dahingehend, dass es hooks zufolge in Bildungsinstitutionen um die Befreiung aus allen Herrschaftsbeziehungen gehen muss: also aus sexistischen ebenso wie klassistischen, rassistischen, abelistischen oder solchen, die sich am Alter oder der Religion orientieren. bell hooks ist es dabei wichtig immer wieder zu betonen, dass diese Achsen der Herrschaft nicht von einander isoliert werden dürfen, sondern nur als Gesamtpaket in Angriff genommen werden können. Dies ist Kazeem-Kamiński zufolge auch der entscheidende Schritt, den hooks über den von ihr in vielerlei Hinsicht übernommenen Ansatz von Freire hinaus macht. "Wo letzterer (= Freire, RS) sich damit ‚begnügt‘, die Kategorie Klasse zu untersuchen, entwickelt hooks einen Ansatz, der Verschränkungen und Überschneidungen verschiedener Unterdrückungsverhältnisse zu denken und zu thematisieren ermöglicht" (105).


bell hooks
Quelle: Wikimedia Commons
Autor: Cmongirl

Die dritte Grundannahme hooks’, welche sich gegen den Mind/Body Split richtet, formuliert hooks auch immer wieder als die Forderung, es gehe darum, die Körper und Denken umfassende Präsenz einer jeden und eines jeden am Ort des pädagogischen Handelns anzuerkennen. Das ist nicht nur eine Forderung an die Lehrenden, sondern auch an die Lernenden, die den Mind/Body Split häufig ebenso mittragen und verstärken, etwa wenn Studierende das liebgewordene Stereotyp vom zerstreuten und schlecht angezogenen Professor in Witzen tradieren und damit ein einsozialisiertes Klischee verbreiten, dem zufolge es in diesem Beruf ohnehin nur auf den genialen Geist ankommt. In diesem Sinn schreibt hooks etwa: "Our romantic notion of the professor is so tied to a sense of the transitive mind, a mind that, in a sense, is always at odds with the body." (hooks 1994: 137)[8]

Die dritte Grundannahme ist eng mit der vierten verknüpft, welcher es um die Anerkennung des Erfahrungswissens und der Präsenz aller Lehrenden und Lernenden im Klassenraum geht. Dabei ist es hooks Kazeem-Kamiński zufolge wichtig, die jeweils eigene Erfahrung nicht als Letztbegründung für welche Auffassung auch immer gelten zu lassen. Wenn die verschiedenen Erfahrungen, die sich in einem Lehr- und Lernraum versammeln, gleichermaßen ernst genommen werden, ermöglicht das vielmehr eine wechselseitige und konstruktive Kritik dessen, was einer oder einem zunächst einmal als unmittelbare Evidenz erscheint. "Auf diese Art und Weise wird, hooks folgend, sichergestellt, dass die Präsenz jeder*s Einzelnen anerkannt und gleichzeitig nicht eine Erfahrung als die einzig wahre präsentiert wird." (112 f.)

Unter der Überschrift der fünften Grundannahme fasst Kazeem-Kamiński jene Überlegungen und kritischen Gegen-Praktiken zusammen, die hooks zur halbherzigen, inkonsistenten Auseinandersetzung mit Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen entwickelt hat. Eine dieser Gegen-Praktiken sind beispielsweise Workshops, die bell hooks zusammen mit ihrer Kollegin, der (Bildungs-)Theoretikerin Chandra Talpade Mohanty,[9] für und mit KollegInnen ihrer Universität durchgeführt hat. Kazeem-Kamiński schreibt darüber: "Im Zug der Durchführung stellte sich heraus, dass viele Lehrende zwar gern bereit waren, Lehrpläne dahingehend zu verändern, dass diese beispielsweise auch Literatur von People of Color enthielten, oftmals aber verunsichert, beziehungsweise ablehnend, auf die Forderung von hooks und Mohanty reagierten, dass sie sich als Pädagog*innen bewusst antirassistisch, antisexistisch und antiklassistisch positionieren sollten." (114)[10]

Bei der sechsten und letzten Grundannahme geht es um den Zusammenhang von negativen Emotionen, Schmerz und Lehre. In Bezug darauf arbeitet Kazeem-Kamiński mit bell hooks heraus, wie sehr es in Situationen des engagierten Lehrens und Lernens darum geht, sich mit dem Schmerz derjenigen, die eine Situation als unsicher oder unterdrückend erfahren, ebenso auseinander zu setzen wie mit den negativen Emotionen derjenigen, die sich mit der Forderung konfrontiert sehen, die eigenen Privilegien als solche zu erkennen und/oder aufzugeben. "Entgegen der Meinung, dass Schmerz an sich etwas Schlechtes ist, sieht hooks darin die Möglichkeit der Veränderung, des positiven Wachstums, und versucht, ihren Student*innen diesen Schmerz als ‚constructive sign of growth‘ verständlich zu machen." (116)

Das letzte Kapitel von Kazeem-Kamińskis Studie ist, wie schon gesagt, der Theorie als einer befreienden Praxis gewidmet und insbesondere bell hooks’ Aufsatz "Theory as Liberatory Practice" (hooks 1994: 59–75). Einmal mehr zeichnet die Autorin nach, wie eng hooks’ Thesen und Forderungen mit hooks’ Erfahrungen zusammenhängen bzw. aus ihnen erwachsen. Eben weil Theorie für bell hooks entscheidend war, um Abstand zur Lebensrealität zu gewinnen und aus diesem Abstand heraus Strukturen der Herrschaft analysieren und verändern zu können, entwickelt sie eine Pädagogik, deren Ziel es ist, auch anderen einen so selbstermächtigenden wie kritischen und transformierenden Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen.[11] Nicht ohne Grund stellt Kazeem-Kamiński ihrem Buch folgendes Zitat von bell hooks als Motto voran: "I came to theory because I was hurting – the pain within me was so intense that I could not go on living. I came to theory desperate, wanting to comprehend – to grasp what was happening around and within me. Most importantly, I wanted to make the hurt go away. I saw in theory then a location for healing." (hooks 1994: 59)


bell hooks & Cornell West
Quelle: YouTube

Dabei sei sich hooks, so Kazeem-Kamiński, durchaus der Tatsache bewusst, dass Theorie keineswegs immer eine befreiende Funktion habe, sondern – ganz und gar im Gegenteil – durchaus auch gewaltvolle Hierarchien stützen, verstärken und ausweiten kann. Umso wichtiger ist es, Theorien zur Selbstermächtigung und zur Befreiung zu entwickeln und diese mit anderen zu teilen. Im Sinn dieses Teilens haben viele Texte von hooks die Form eines Dialogs[12] und sie denkt auch immer wieder öffentlich – in Büchern, Vorträgen und Diskussionen – darüber nach, wie Theorie emanzipatorisch mit anderen geteilt werden kann. In diesem Sinn bekennt bell hooks sich dazu, je nach ZuhörerInnenschaft, verschiedene Sprachen zu sprechen: von der Sprache ihrer Kinderbücher bis hin zum akademischen Diskurs. In ihren Büchern bemüht sich bell hooks stets um eine Sprache, die möglichst wenigen den Zugang versperrt und einer Einladung gleichkommt. Genau dies gelingt auch Belinda Kazeem-Kamiński mit ihrem Buch. Es ist eine in jeder Hinsicht überzeugende und herzliche Einladung, sich mit der (pädagogischen) Theorie und gesellschaftsverändernden Praxis von bell hooks auseinander zu setzten. Und wie eingangs erwähnt, ist diese Einladung im deutschen Sprachraum ganz besonders wichtig.

Das bringt mich zum "Ausblick" in Kazeem-Kamiński Buch, in dem sie von bell hooks inspirierte Wünsche und Forderungen artikuliert. Von Schwarzen Lehrenden und Lehrenden of Color wünscht sie sich, dass sie ihre Erfahrungen "an mehrheitlich weißen Universitäten […] teilen, sich austauschen und gegenseitig […] informieren" (145). Bildungsinstitutionen erinnert sie eindringlich und mit vielen Belegen aus der Praxis daran, dass es nicht ausreicht, "Begrifflichkeiten/Ansätze, die Schwarze Frauen und Women of Color und Migrant*innen eingebracht haben" (144), auf den Webseiten zu nennen und in Curricula aufzunehmen. Denn das bedeutet, nur so viel bzw. nur dasjenige zu integrieren, was am Fortbestand traditioneller, herrschaftlicher (Aus-)Bildungsstrukturen nicht kratzt. Würde man die unterschiedlichen Wissen und Erfahrungen, die insbesondere in einer Migrationsgesellschaft allgegenwärtig sind, ernst nehmen, dann müssten sich auch die Institutionen in Richtung dieser massiv vorhanden, aber unterworfenen Wissen und Erfahrungen verändern, statt alles durch den heimischen Trichter der sogenannten Integration zu pressen. Im Sinn einer solchen Transformation brauche es, so Kazeem-Kamiński, "die strukturelle Einbettung ermächtigender Einrichtungen, unter der Leitung von denjenigen, die diese Thematiken überhaupt erstmals in den Mainstream eingebracht haben. Noch deutlicher und als Forderung formuliert: Es braucht verpflichtende antidiskriminatorische Workshops für Lehrende, denn wir liegen falsch, wenn wir denken, dass es die Aufgabe Schwarzer Lehrender und Lehrender of Color ist, über Rassismus zu informieren, im Gegenteil geht Rassismus uns alle an. […] Die Thematisierung von Diskriminierung und Ausgrenzung, in all ihren Ausformungen, muss integraler Bestandteil der Art und Weise zu lehren sein." (145 f.)


Anmerkungen

[1] Bei bell hooks handelt es sich um ein Pseudonym, das Gloria Jean Watkins für ihre Identität als Schriftstellerin gewählt hat. Es handelt sich dabei um den Namen ihrer Urgroßmutter, die für ihr kritisches Sprechen bekannt war. In der Linie dieser wortgewandten Vorfahrin verortet sich auch Gloria Jean Watkins.

[2] Eine erste deutschsprachige Einführung in das Denken und Handeln von bell hooks gibt Kazeem-Kamiński in einem gemeinsam mit Johanna Schaffer verfassten Aufsatz (Kazeem-Kamiński/Schaffer 2012).

[3] Ich folge hiermit dem Vorschlag von Kazeem-Kamiński, die die Großschreibung von "Schwarz" mit folgendem Argument begründet: "Schwarz wird […] großgeschrieben, um die politische Dimension des Begriffes zu unterstreichen. Schwarz bezeichnet über 80 % der Weltbevölkerung, deren Hautfarbe nicht weiß ist und die sich nicht ausschließlich westlich-europäisch-christlichen Kulturen/Vorstellungen/Ideologien zugehörig fühlen. Die Großschreibung signalisiert weiters eine ermächtigende Selbstdefinition". Kazeem-Kamiński (2016: 17 f.)

[4] Wer mehr von der Autorin und Künstlerin Belinda Kazeem-Kamiński über ihre Auseinandersetzung mit Situationen, "wo wir die einzige Schwarze Frau im Raum waren", lesen möchte, der bzw. dem sei ihr Text "Energie sparen! / Ich bin viele" empfohlen. In: Jo Schmeiser 2015: 109–122, hier 109.

[5] Kazeem-Kamiński beruft sich dabei insbesondere auf folgende Bücher von bell hooks: Talking Back: Thinking Feminist, Thinking Black; vor allem den darin enthaltenen Aufsatz "toward a revolutionary feminist pedagogy" (hooks: 1989; 49–54) sowie hooks pädagogische Trilogie: Teaching to Transgress: Education as a Practice of Freedom (hooks: 1994), Teaching Community: A Pedagogy of Hope (hooks: 2003) sowie Teaching Critical Thinking: Practical Wisdom (hooks 2010).

[6] Dass die Lehrenden in diesen Schulen ausschließlich weiblich und Schwarz waren, hebt hooks immer wieder hervor.

[7] Versklavten afrikanisch-amerikanischen Menschen war das Schreiben und Lesen bekanntlich unter Androhung der Todesstrafe verboten.

[8] Im selben Zusammenhang erläutert hooks auch, inwiefern selbst ein so progressiver Denker wie Foucault sein Leben als Intellektueller, also sein leben als mind, von jenen Szenen abgetrennt hat "where he felt he could be most expressive of himself within the body". (hooks 1994: 136)

[9] Vgl. etwa das Kapitel "Race, Multiculturalism, and Pedagogies of Dissent" (Mohanty 2003: 190 ff.).

[10] Im "Info-Kästchen" am Ende dieser Grundannahme verweist Kazeem-Kamiński u. a. auf ein Buch von Emily Ngubia Kuria (2015), das ich besonders hervorheben möchte. Denn es macht deutlich, dass die von hooks und Mohanty beschriebenen und analysierten Verhältnisse nicht auf US-amerikanische Universitäten beschränkt sind, sondern – zweifelsohne in anderen Zusammensetzungen – auch für deutsche Hochschulen der Gegenwart gelten.

[11] Wie Kazeem-Kamiński herausarbeitet, trifft sich hooks in diesem Theorieverständnis mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule – man denke nur an Horkheimers Aufsatz "Traditionelle und kritische Theorie" – ebenso wie mit dem "engaged Buddhism". Vgl. dazu bei Kazeem-Kamiński auch die Info-Kästchen 91 f. und 120 f.

[12] Es gibt Texte, in denen bell hooks mit sich selbst bzw. mit ihrer Identität als Nicht-Schriftstellerin, d.h. mit Gloria Jean Watkins, spricht; aber auch ganze Bücher, die sie im Dialog mit GesprächspartnerInnen entwickelt, etwa mit dem Schwarzen Philosophen, Kultur- und Sozialkritiker Cornell West (hooks/West 1991). Wer bell hooks und Cornell West im Gespräch erleben möchte, dem sei folgender Clip ans Herz gelegt: "Public Dialogue Between bell hooks and Cornell West at the New School", online unter: https://www.youtube.com/watch?v=_LL0k6_pPKw (letzter Zugriff: 14.08.2017).


Literatur

Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit (= rororo, Band 6830: rororo-sachbuch, Erziehung und Unterricht), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

hooks, bell (1989): Talking Back: Thinking Feminist, Thinking Black, Cambridge: South End Press.

hooks, bell (1994): Teaching to Transgress: Education as a Practice of Freedom, New York/London: Routledge.

hooks, bell (2003): Teaching Community: A Pedagogy of Hope, New York/London: Routledge

hooks, bell (2010): Teaching Critical Thinking: Practical Wisdom, New York/London: Routledge.

hooks, bell/West, Cornell (1991): Breaking Bread: Insurgent Black Intellectual Life. Cambridge: South End Press.

Horkheimer, Max (1986): Traditionelle und kritische Theorie, in: Ders.: Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze. Frankfurt am Main: Fischer, 12–64.

Kazeem-Kamiński, Belinda/Schaffer, Johanna (2012): Talking back: bell hooks und Schwarze feministische Ermächtigung, in: Karentzos, Alexandra/Reuter, Julia (Hg.): Schlüsselwerke der Postkolonial Studies, Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften, 178–188

Kazeem-Kamiński, Belinda (2015): "Energie sparen! / Ich bin viele", in: Jo Schmeiser: Conzepte – Neue Fassungen politischen Denkens, Wien: zaglossus, 105–122.

Kuria, Emily Ngubia (2015): eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen, Berlin: w*orten & meer.

Mohanty, Chandra Talpade (2003): Feminism without Borders. Decolonizing Theory, Practicing Solidarity. Duke: Duke University Press.

Online-Quelle

"Public Dialogue Between bell hooks and Cornell West at the New School", online unter: https://www.youtube.com/watch?v=_LL0k6_pPKw (letzter Zugriff: 14.08.2017).

Tags

bell hooks, engaged pedagogy, klassismus, rassismus, sexismus