Neue Medien

2/2017 - Digitale Grundbildung

Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens

von Roman Ehrlich

AutorIn: Raffaela Rogy

Der 34-jährige deutsche Schriftsteller Roman Ehrlich hat mit  "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" der Öffentlichkeit seine dritte Arbeit vorgelegt. Raphaela Rogy bespricht diesen Roman für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE ...

Abstract

"Das schreckliche Grauen" soll der Horrorfilm heißen, den eine Gruppe aus Ulm verwirklichen möchte. Statt der filmischen Umsetzung finden Sitzungen über die eigenen Ängste und Wanderungen durch die freie Wildbahn statt. Roman Ehrlich verwebt in seinem aktuellen Roman "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" Perspektiven der Angst, des Schrecklichen, des Alltags, der Realität sowie der Fiktion miteinander.


Verlag: S. Fischer
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-10-002531-9


Cover: Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens
von Roman Ehrlich
Quelle: Amazon

Kürzlich von seiner Freundin verlassen, unzufrieden mit seiner Anstellung in einer Medienagentur in Schwabing und sich gern in der Möglichkeitsform ausdrückend, das ist der Ich-Erzähler Moritz aus Roman Ehrlichs neuestem Werk "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens". Eines Tages bekommt Moritz einen Anruf von seinem alten Studienkollegen Christoph Raub, der ihn einlädt bei dem Horrorfilmprojekt "Das schreckliche Grauen" mitzumachen. Mit dem Wunsch einen grausamen Leinwandtod zu sterben, macht sich Moritz nach Ulm auf, wo im Hinterzimmer eines Lokals sich alle Beteiligten des Filmprojekts zu einer wöchentlichen Angstsitzung einfinden. Der erste Teil des Buchs von Ehrlich widmet sich diesen Treffen, in welchen die Mitglieder des Filmteams einzeln auf einer Bühne vor versammelter Truppe ihre persönlichen Ängste, die von Selbstentzündungen, Panikattacken bis hin zum Erwachen in blutverschmierten Bettlaken reichen, kommunizieren. Zwischendurch schwingt Christoph pathetische Reden oder packt seinen Koffer mit Folterwerkzeug aus, bis am Ende der meisten Sitzungen gemeinsam ein Film angesehen wird. Moritz protokolliert sorgsam jede Sitzung und obwohl er seinen Job in der Agentur verliert und sein ganzer Fokus auf dem Filmprojekt liegt, erschließt sich für ihn Christophs filmische Umsetzung nicht. Im zweiten Teil wechselt die Szenerie von Ulm nach Thüringen, wo sich die Filmcrew in ländliche Gegenden aufmacht. Lange Fußmärsche, gemeinsames Campieren, dürftige Verpflegung und die Senkung der Moral sind die Folgen. Gelegentlich werden einzelne Szenen gedreht, wenn keine Scheunen abgefackelt werden, Christoph sich nicht tagelang in seinem Wohnwagen verschanzt oder andere Mitwirkende herabwürdigt. Die Filmidee führt ins Nichts, die Fiktion muss der Realität weichen, und die Dreharbeiten werden schlussendlich von der Polizei beendet.

Der Ich-Erzähler Moritz ist eine Figur, die sich fortwährend im Raum des Möglichen aufhält und damit einen Zustand von Passivität zelebriert, der sich durch Selbstmitleid und Unzulänglichkeit äußert. Das Buch "Die Soldatin" wird sein treuer Begleiter, vergleicht er doch sein eigenes Leben mit der beschriebenen Veteranin und ihren Erlebnissen im Kriegsgebiet. Die Mitglieder des Horrorfilmprojekts bleiben größtenteils unbeschrieben, erst wenn sie ihre Ängste bei den Sitzungen in Ulm schildern bekommen sie von Autor Ehrlich zahlreiche Seiten und die Ich-Erzähler-Position zugesprochen. Diese Angsterzählungen verbinden sich mit zitierten Filmen und Regisseuren wie beispielsweise Raoul Ruiz oder Wim Wenders sowie von Ehrlich amüsant ausgedachten filmhistorischen Begebenheiten. Der Preisträger der Alfred-Döblin-Medaille Roman Ehrlich kreiert in "Die fürchterlichen Tage des Schrecklichen Grauens" ein Kippbild von Realität und Fiktion, in welchem Formen von Angst sowohl als individueller als auch gruppendynamischer Prozess bestehen können und die Erinnerung stets schöner ist als die Gegenwart. Der über 600 Seiten starke Roman fordert nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern auch, weil ihm Momente der Freude im Grauen und ein Quäntchen Aktivität in der Passivität fehlen und er dadurch beim Lesen eine Stimmung der Betrübtheit verbreitet.

Tags

epik, roman, horrorfilm