Neue Medien

2/2017 - Digitale Grundbildung

Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk

von Helmuth Vetter

AutorIn: Benedikt Schätz

Helmuth Vetters Handbuch lädt mit abgerundeten Informationen zur Lektüre und zu einer eigenen Auseinandersetzung mit Heideggers Werk ein, in dem es einen Überblick über dieses schafft und dessen Kontext ausleuchtet ...

Verlag: Felix Meiner
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-7873-2276-3


Cover: Grundriss Heidegger
von Helmuth Vetter
Quelle: Amazon

Die Diskussion über Martin Heidegger wird wohl noch einige Zeit andauern. Ob es um das philosophische Vermächtnis, die Edition der Gesamtausgabe seiner Schriften, den Inhalt der kürzlich erschienenen "Schwarzen Hefte" oder seine Rolle in einer politisch fragwürdigen Zeit geht, die Debatte wird zunehmend lebhafter, ohne im gleichen Maß auch sachlicher zu werden. Oftmals kommt es in den Feuilletons zu pauschalierenden Äußerungen, die keine Rückschlüsse auf die Heidegger-Kenntnisse der Kommentatoren zulassen. Eine nüchterne, sachlich differenzierte Auseinandersetzung wäre zu wünschen, ist aber in der publikumswirksamen Diskussion, die sich längst von Fachzeitschriften in die allgemeine Presselandschaft ausgebreitet hat, kaum zu finden. Kritiker, wie auch zum Teil Verteidiger, zielen darauf ab, ihre Position zu rechtfertigen bzw. von einem vorgefassten Standpunkt aus zu argumentieren, der es den unbedarften, unvorbereiteten Leser erschwert, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Primär sind es naturgemäß Heideggers Schriften selbst, die vom interessierten Leser zum Erarbeiten seines Werks herangezogen werden müssen. Diese sind jedoch nur mit einigem Arbeitsaufwand lesbar: Zum einen erfordert der Umfang der Gesamtausgabe von ca. hundert Bänden andauernde Lesebereitschaft, zum anderen sind Heideggers Texte selbst fordernd, da sie einerseits auf die Destruktion und Neuformulierung abendländischer Metaphysik abzielen, deren Geschichte von Heidegger von der Antike an durchgehend voraussetzungsreich diskutiert wird. Anderseits ist es das Denken selbst, das in diesem Werk in Sprache gesetzt wird. Somit ist es wenig überraschend, dass diese Schriften ohne Hilfestellung nur schwer les- und interpretierbar sind. So schrieb auch bereits Karl Löwith im Februar 1921, damals noch als Doktorand, an Heidegger: "[M]anchmal kommt es mir vor, daß ein noch Husserlisch-infizierter Rest von Scharfsinnigkeit Sie dazu verleitet, an einer Stelle hartnäckig weiter zu bohren, wo Ihr Bohren schon auf Land gestoßen ist ... ."

Mit "Grundriss Heidegger – ein Handbuch zu Leben und Werk" gibt Helmut Vetter dem heutigen Leser ein Hilfsmittel in die Hand, das den Einstieg und die Orientierung in Heideggers Werk ermöglicht. Die Stärke dieses Handbuchs liegt darin diese Scharfsichtigkeit zwar zu bemerken, diese aber nicht bis in die letzte Konsequenz nachzuzeichnen, sondern dasjenige hervorzuheben, was der Leser als nötiges Rüstzeug für eine eigene Lektüre benötigt. So legen bereits die einleitenden Bemerkungen ein Charakteristikum von Heideggers Philosophie nahe und geben dem (angehenden) Interpreten mit auf dem Weg, dass Heideggers Schriften eher den Spuren von gegangenen Wegen denn in sich geschlossenen Werken gleichen. Der "Grundriss" bietet metaphorisch gesprochen eine Kartographie dieser Wege, die auch von LeserInnen mit unterschiedlichen Ausgangspunkten und Zielsetzungen begangen werden können. Die Lektüre bietet sich somit dem Einsteiger, wie auch dem fachkundigen Exegeten an. Auch wird rasch verständlich in welcher Weise auch Heidegger selbst den Wegen, nicht den Werken, verpflichtet war, zeigt doch der "Grundriss" zuerst in dem chronologisch gegliederten Teil "Synopsis" die Hauptthematiken, überdies die Einflüsse, die diese in ihren Entstehungen aufnahmen und abarbeiteten, und die Kontexte, in denen diese entstehen konnten. Sprachlich kurz und einfach gehalten führt Vetter in prägnanten Textpassagen von den frühen akademischen Arbeiten bis zu den jüngsten Veröffentlichungen der Gesamtausgabe. Großen Raum finden darin naturgemäß die Thematik des Seins – der Ontologie –, die in all den Nuancen, die sie in Heideggers Werk erfährt, nachgezeichnet wird. Vetter orientiert sich dabei weniger an den Schriften, als an den Wegen die Heidegger beschritt, wenn er zeigt wo Heidegger herkam, wohin in seine Fragen in führten und in wie weit er diese verfolgte. Hier wird deutlich, dass die Frage nach dem Sein keine einmalige ist, sie wurde von Heidegger auf vielfältige Weise und in Verbindung mit anderen Fragen gestellt, wie auch die vielgenannte Kehre Heideggers andeutet. Dieser Durchgang zeichnet sich durch eine fundierte Kenntnis und verständliche Aufbereitung aus und ist bestens als Einführung zu Heidegger geeignet.

Der zweite Teil "Lemmata" bietet lexikalische Einträge zu Begriffen, die Heidegger geprägt hat oder die von besonderer Bedeutung für ihn waren. Hier wird der Leser fündig, der sich bereits mit dieser komplexen Begrifflichkeit auseinandergesetzt hat und eine Orientierung sucht. Vetter legt hier tiefere Sedimentschichten frei, indem er wichtige Textstellen aufschlüsselt und zumeist auch Literaturhinweise anführt. Eine Schwierigkeit, der sich der/die (angehende) LeserIn gegenüber sieht, ist der sprachlichen Besonderheit Heideggers geschuldet, da dieser eine Vielzahl von Neologismen prägte und darüber hinaus auch Begriffe des alltäglichen Gebrauchs terminologisch umdeutete. Hier setzt Vetter mit der philosophisch-begrifflichen Rekonstruktion von 245 Lexikoneinträgen Ankerpunkte, die den Leser auf seinem Weg Orientierung und Halt geben: Mit Einträgen zu Dasein, Ereignis und Ge-stell – um nur diese hervorzuheben – liegen hier Grundinformationen vor, die es dem Leser ermöglichen weiterzugehen, was auch über Heidegger hinausgehend relevant ist, da diese in die philosophische Diskussion seit Heidegger eingegangen sind oder aber auch außerhalb dieses Diskurses gebraucht und fallweise auch in abgeänderter oder verkürzter Form gebraucht werden.

Zu guter Letzt bietet der "Grundriss" nach dieser philosophisch-begrifflichen Rekonstruktion Informationen zu Heideggers Leben, ein unverzichtbares Verzeichnis von Heideggers Schriften, die vollständig publiziert um die hundert Bände aufweisen und einen hilfreichen bibliografischen Teil. Auch ein Abschnitt mit Einträgen über Personen aus dem Umfeld Heideggers ist vorhanden, der sachliche Hinweise über Lebensdaten bzw. Werdegang der betreffenden Personen und deren Beziehung zu Heidegger bietet. Der eingangs schon erwähnte Karl Löwith, dessen Briefwechsel mit Heidegger kürzlich erstmals erschienen ist, findet hier ebenso Beachtung wie unzählige weitere Personen aus Heideggers privatem als auch beruflichem Umfeld.

Der 559-seitige (!) "Grundriss" bietet einen Überblick über Heideggers Werk, dessen Kontext und einen Einblick in die momentane Forschungslage. Nach einer durchgängigen oder auch kursorischen Lektüre des Handbuchs wird der Leser auf eine bereicherte Weise auf Heideggers Schriften zugehen, da Vetter detailreiche, umfassende und ausgewogene Informationen bietet und wichtige Werkzeuge in die Hand gibt. Zu wünschen wäre auch die Darstellung von Gegenstandpunkten bzw. gerechtfertigter Kritik an Heidegger gewesen, die im "Grundriss" nur wenig Platz einnimmt, aber indirekten in den zahlreichen Literaturhinweisen repräsentiert ist, auf welche die LeserInnen der MEDIENIMPULSE hingewiesen seien.

Tags

heidegger, einführung, handbuch