Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Medialer Schmutz. Eine Skandalgeschichte des Nackten und Sexuellen im Deutschen Kaiserreich 1890–1914

von Christina Templin

AutorIn: Christina Wintersteiger

Christina Wintersteiger diskutiert einen aktuellen Band von Christina Templin und vertieft dabei für die Leser*innen der MEDIENIMPULSE das Verständnis der Entwicklungsgeschichte des öffentlichen Umgangs mit Sexualität und Nacktheit …

Abstract

Zwischen „eleganter Pornografie“ und dem durch sexuelle Verseuchung angetriebenen Niedergang der Gesellschaft: Der vorliegende Band „Medialer Schmutz“ von Christina Templin erörtert die Frage nach der Verquickung von Medien und Sexualität um die Jahrhundertwende anhand konkreter Beispiele. Ausgehend von Gerichtsprozessen, Skandalen und öffentlichen Debatten werden Argumente und Entwicklungen aufbereitet, die einerseits zur Entstehung neuer Körperkulturen und Sagbarkeitsräume für die Verhandlung von Sexualität und Nacktheit in der Gesellschaft beitrugen, und andererseits stets den Beigeschmack der moralischen Gefährdung durch die Darstellung und Kunstwerdung nackter Tatsachen beibehielten.


Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-8376-3543-0


Cover: Medialer Schmutz
von Christina Templin
Quelle: Amazon

Christina Templin legt mit diesem Buch einen umfangreichen Bericht über die dynamischen Grenzziehungs- und Definitionsprozesse im Bereich der medialen Aufarbeitung von Sexualität vor. Templin analysiert mediale Skandale und die sie durchwirkenden Diskurse - juristische, ästhetische, medizinische, pädagogische, religiöse bzw. antiklerikale. Aus einer kulturgeschichtlichen und diskurstheoretischen Perspektive heraus begreift die Autorin diese Skandale als Austragungsorte gesellschaftlicher Normkonflikte – das Nackte in der Gesellschaft als Anstoß für ein Über- und Weiterdenken von Identität und Verortung innerhalb der Gesellschaft – und gleichzeitig als eine Aufwertung des Sexuellen als neue Ordnungskategorie.

Templins Analysen basieren dabei auf fünf Fallstudien, die sich mit unterschiedlichen Formaten beschäftigen und anhand derer Grenzziehungsprozesse und Deutungsmuster freigelegt werden: Was gilt als Schmutz, was als Kunst? Was darf gesagt, gezeigt, geschrieben werden und was nicht? Von Gerichtsprozessen gegen Gedichte in Satiremagazinen, die der Stein des Anstoßes für eine mediale Schlacht zwischen geistlichen "Sachverständigen" und antiklerikalen Akteuren waren und die Debatte über die Legitimität von Deutungsmustern und die Defintion von "Schmutz" starteten, über Aktfotografien und Tänze bei sogenannten "Schönheitsabenden" bis hin zu Kabaretts und erotischen Privatdrucken – Templin beschreibt mit den jeweiligen Skandalgeschichten einen "culture war" zwischen Entdämonisierung von Nacktheit und dem Topos der moralischen Gefahr. Hierbei inszeniert sich der Körper als Austragungsort medialer und gesellschaftlicher Grenzziehungsprozesse und Machtkämpfe und verweist dabei auf auch heute noch spürbare Fragen nach Weiblichkeit und Männlichkeit, der Sexualisierung bzw. Entsexualisierung von nackten Körpern. Deutlich wird, so eine zentrale These Templins, dass diese Skandalgeschichte des medialen Sexuellen weder eine Fortschrittsgeschichte im Sinne einer kontinuierlichen Enttabuisierung noch eine der zunehmenden Repression ist. Vielmehr diagnostiziert die Autorin ambivalente Deutungsmuster, eine zunehmende Diskursivierung und Ausdifferenzierung der Wirklichkeit – Das Dispositiv "Schmutz" und seine Einbettung in die um 1900 etablierte "Skandalkultur" ermöglicht die Aushandlung von medialen Ordnungen des Darstellbaren, der sexualmoralischen Normen und der Rolle von Männlichkeit/Weiblichkeit und der Deutungsmacht verschiedener Akteure. Abgesehen von diesen Hauptsträngen ihrer Argumentation eröffnen die einzelnen Analysen Templins, die nicht ganz frei von Redundanzen sind, Ausblicke auf hochinteressante weitere Diskurse, wie die Heterotopien, die an den konkreten und realen Orten – auf Kabarettbühnen, bei Tanzabenden, in Privatsalons – entstehen, oder die Konstruktion pluraler Männlichkeiten bei der Beschreibung des Publikums solcher "Frivolitäten". Mit einem starken Fokus auf Abgrenzungs- und Definitionsprozesse, die sowohl ins Politische als auch in die oft beschriebene Kluft zwischen geistlichen und antiklerikalen Akteuren hineinragen, bleibt dabei manchmal nur wenig Platz für solche besonders interessante und spannende Aspekte.

Templins Studie liefert ein eindrückliches Bild der kultur- und sozialgeschichtlichen Kontexte, in welche die Medienskandale eingebettet waren und tragen so zu einem guten Verständnis der Entwicklungsgeschichte des öffentlichen Umgangs mit Sexualität und Nacktheit bei. Ein sehr interessanter Band, der nicht nur ein bestimmtes Themenfeld – Medienskandale um Sexualität und Nacktheit – in den Mittelpunkt rückt, sondern auch zugrundeliegende Diskurse, Deutungsmuster und Konfliktpotenziale der Gesellschaft aufzeigt. Die Wahrheit um das mediale Nackte erweist sich als nicht absolut, sondern als Aushandlungsprozessen, Veränderungen und verschiedenen Perspektivierungen unterworfen. Die Debatten manifestieren sich gerade da, wo die Grenzen nicht fest, sondern durchlässig und porös sind. So stellt Templins Studie nicht nur Fragen nach der Definition von "Schmutz", sondern auch nach jener von Kunst, Medien und Gesellschaft.

Tags