Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Die Vergnügungskultur der Großstadt. Orte – Inszenierungen – Netzwerke (1880–1930)

von Paul Nolte (Hg.)

AutorIn: Paul Winkler

Paul Winkler führt die Leser*innen der MEDIENIMPULSE in die jüngsten Ergebnisse der Forschung zur urbanen Vergnügungskultur ein und stellt so einen mehr als lesenswerten Band vor, der insgesamt zehn Beiträge umfasst ...

Abstract

In die Vergnügungskultur der Großstadt zwischen 1880 und 1930 entführt Paul Nolte im gleichnamigen Sammelband und illustriert abseits des aus sozioökonomischer Perspektive zumeist düster gezeichneten Bildes des Großstadtlebens serene Seiten globaler Metropolen. Als konstitutives Element der urbanen Lebensform wird die populäre Unterhaltungskultur auf ihre Örtlichkeiten, ihre Inszenierung metropolitaner Moderne sowie ihre globalen Verflechtungen hin untersucht, wobei Berlin als europäischer Vergleichswert hervortritt.


Verlag: Böhlau
Erscheinungsorte: Köln, Weimar, Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-412-22383-0


Cover: Die Vergnügungskultur der Großstadt
von Paul Nolte (Hg.)
Quelle: Amazon

Den Orten, Inszenierungen und Netzwerken einer Vergnügungskultur in Metropolen um die Jahrhundertwende widmet sich der Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin, Paul Nolte, im 93. Band der Reihe A in den von Heinz Stoob begründeten und Werner Freitag herausgegebenen Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster zur Städteforschung.

Der Sammelband mit zehn Beiträgen von Paul Nolte, Tobias Becker, Henning Holsten, Sylke Kirschnick, Kerstin Lange, Kaspar Maase, Peter W. Marx, Sven Oliver Müller, Johanna Niedbalski und Hanno Hochmuth sowie Matthias Warstat greift auf 180 Seiten Vorträge einer 2010 in Münster veranstalteten Tagung am Institut für vergleichende Städtegeschichte auf und verbindet diese mit weiteren Projekten zu Aspekten der Urbanisierungsgeschichte am Arbeitsbereich Zeitgeschichte der Freien Universität Berlin.

Wenngleich Nolte zu verstehen gibt, dass sich der Schwenk von einer sozialökonomisch geprägten Strukturgeschichte der Urbanisierung zur Kulturgeschichte der modernen Großstadt und zur Erfahrungsgeschichte urbaner Lebensformen mit Blick auf Konsum, Freizeit und Massenkultur im deutschsprachigen später als im englischen Sprachraum vollzieht (Erenberg 1981; Walkowitz 1992 u. 2012), reiht sich das Werk bereits stimmig in jüngst erschienene deutschsprachige Arbeiten dieses Forschungsbereichs ein. Die Ursprünge der Vergnügungskultur werden dabei in den Metropolen verortet, die durch das Unterhaltungsangebot selbst geformt werden (Becker/Littmann/Niedbalski 2011; Morat/Becker/Lange/Niedbalski/Gnausch/Nolte 2016).

Neben beinahe analogen Autor*innenkreisen sowie dem Fokus auf Berlin ist diesen Werken auch der zeitliche Ausschnitt gemein, der sich auf die Vorstellung der langen Jahrhundertwende stützt. Im Einklang mit internationalen Forschungsergebnissen wird in den Großstädten in dieser Phase die Entstehung einer konzentrierten Kultur der Moderne verortet, welche zugleich ein massentaugliches Vergnügungsangebot ausbildet (Becker/Littmann/Niedbalski 2011; Platt/Becker/Linton 2014).

In der Einführung Verdoppelte Modernität – Metropolen und Netzwerke der Vergnügungskultur um 1900 präzisiert Paul Nolte den Begriff der Vergnügungskultur zwischen popular culture und Elitenkultur. Das acting out des Vergnügens weniger als Spiegelung städtischer Lebenserfahrungen, sondern als acting out der modernen Großstadt selbst interpretierend, schneidet der Autor die zentrale These der Münsterer Tagung an, welche die Vergnügungskultur als konstitutives Element der Metropole versteht. Damit wird zugleich die Relevanz des Forschungsfeldes begründet. Über demografische und qualitative Voraussetzungen großurbaner Vergnügungskultur stellt Nolte Orte des Vergnügens, die Inszenierung städtischer Erfahrungswelten durch ihre ästhetisierende Verarbeitung sowie Netzwerke von Unternehmen oder Künstlern, auf denen die Transnationalität der Unterhaltungskultur fußt als Leitbegriffe vor, die eher lose Zusammenhänge zwischen den Beiträgen kreieren, als eine zwingend verbindende Struktur.

Metropolen als Zentren kultureller Globalisierung um 1900 widmet sich Tobias Becker im Abschnitt Theater auf Reisen, wobei er die Kommerzialisierung des populären Musiktheaters mit kontinentaler Operette und der britischen Musical Comedy als Vorläufer des globalisierten Megamusicals bereits um die Jahrhundertwende ansetzt. Gastspiele und Tourneen als frühe Formen der Internationalisierung im Bereich des Theaters verfolgt der Autor bis in die frühe Neuzeit zurück und verdeutlicht den Kosmopolitismus des populären Musiktheaters durch Künstler auf Reisen sowie den konstanten Austausch standardisierter Inszenierungspakete. Als Träger des grenzüberschreitenden Austauschs treten die Metropolen in den Brennpunkt dieser Betrachtungen.

Im Rahmen des dritten Kapitels unter dem Titel Neues Bauen – Neues Wohnen – Neue Feste beleuchtet Henning Holsten Vision und Wirklichkeit urbaner Gemeinschaftsrituale am Beispiel der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz. In den 1920er Jahren als Synthese aus Stadt- und Landleben entworfen, geht mit dem neuen Bauen die Propagierung einer sozialen Wohnkultur einher, welcher die Siedlungen der Berliner Moderne als Schauplätze avantgardistischer Festkultur dienen. Holsten veranschaulicht am Beispiel der Britzer Großsiedlung, wie eine heterogene Wohngemeinschaft in einer gemeinsamen Inszenierung zusammengeführt wird, aber auch wie parteipolitische Radikalisierung diese Festkultur als Medium der Großstadtpropaganda ab 1929 erfasst und wie weit die Realität letztlich vom vermeintlichen Utopia der Inklusion entfernt liegt.

Vom Rand ins Zentrum und zurück betitelt Sylke Kirschnick die von ihr beschriebene Reise des Zirkus von der Stadtperipherie in Paläste im Herzen Berlins Ende des 19. Jahrhunderts, bevor er mit Ende des Zweiten Weltkriegs erneut an den Rand der Großstadt rückt. Bündig illustriert Kirschnick wie die Manege als Ort des identitätsbildenden Massenvergnügens die Stadt – Voraussetzung seines sozial ausdifferenzierten und wechselnden Publikums – auf teils ungewollt gefährliche Weise mit dem Exotischen kollidieren lässt und dabei als Kolporteur kultureller Bilder gängige Stereotype im urbanen Raum bedient.

Dass sich die Metropolenkultur städtischer Unterhaltungszentren, die sich über die Internationalität ihres Programms definiert auch auf das Repertoire der Gesellschaftstänze auswirkt, die in Paris und Berlin um 1900 durch transatlantische Traditionen erweitert werden, legt Kerstin Lange im Kapitel „Les danses nouvelles“ in der alten Welt dar. Im vergleichenden Blick auf die Rezeption der Tanzlehrerschaften beider Städte als Vermittler eines performativen Elements bürgerlichen Lebens, die sich mit den neuen Tänzen als Ausdruck einer international vernetzten Unterhaltungskultur auseinanderzusetzen haben, wird am Beispiel der Tangomanie 1913/14 eine Umbruchphase des Gesellschaftstanzes sichtbar. In ihrer transnationalen Perspektive auf die populäre Kultur der Stadt interpretiert Lange Metropolenkultur dabei als Ringen um Deutungsmacht und Inszenierung der Städte.

Zugänglichkeit von Wissen im öffentlichen Raum stellt Kaspar Maase in ein Nahverhältnis zur Metropolenkultur, wenn er Quellen öffentlicher Sinnenerregung und Geistesverwirrung untersucht. Über Polizei- und Verwaltungsakten sowie Eingaben diverser Reformer wird die Überforderung urbaner Zeitgenossen durch neue Medien evident. Als kommerzielle Miterzieher der Jugend entfalten diese ein Panorama sinnlicher Erfahrung, welches Anständigkeitsfassaden der Erwachsenenwelt dekonstruiert. Ihren Ärger konzentrieren Volkserzieher dabei auf die öffentliche Sichtbarkeit dieses nicht länger pädagogisch regulierbaren Wissens. Weil sich diese Tendenzen in Metropolen verdichten, ist für Maase letztlich auch die Sorge um Sinnenerregung ins Zentrum urbaner Betrachtungen zu stellen.

Peter W. Marx beschreibt für die Etablierung von Netzwerken sowie Wertvorstellungen in ästhetischer und ökonomischer Hinsicht entscheidende urbane Wechselwirkungen am Beispiel einer Großkapitalistin im Bühnenreich: Jenny Groß. Aus der Biografie dieser Schauspielerin leitet der Autor Tendenzen metropolitaner Kultur um 1900 ab, indem er das Theater als entscheidenden Katalysator städtischer Lebenswelt versteht, die sich in Koalition mit den Medien von ihrer Ortsgebundenheit löst. Am Beispiel dieser Protagonistin, die sich zwischen urbaner Sinnlichkeit sowie Vereinnahmung durch herrschende Arbeitsbedingungen als Produkt und Produzentin städtischer Kultur zugleich bewegt, werden weiterführende theater- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen zur Metropolenkultur umrissen.

Auf die Rezeption des Publikums als gleichsam Beobachter wie mitgestaltendes Element musikalischer Aufführungen in Opern- und Konzerthäusern des 19. Jahrhunderts lenkt Sven Oliver Müller den Blick in seinem Beitrag das Publikum als Metropole. Im Vergleich der politischen Struktur sowie Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Musikleben der Musikmetropolen Berlin, Wien und London arbeitet der Autor die gesellschaftliche Reichweite musikalischer Aufführungen sowie das Verhältnis von Kunstmusik und Gesellschaft heraus. Dabei stellt Müller den Stellenwert der Musikrezeption für die Kulturgeschichte heraus, indem er die Auseinandersetzung des Auditoriums mit musikalischen Aufführungen als konstituierenden Faktor urbaner Öffentlichkeit versteht, da Debatten über ästhetische Normen Angleichungsprozesse in den Städten stimulieren und die Ausbildung vernetzter Kommunikationsgemeinschaften in den Metropolen beschleunigen.

Johanna Niedbalski und Hanno Hochmuth spüren in Kiez und Kneipe dem Vergnügen der langen Jahrhundertwende nach, das in seiner Orientierung an lokale Vorlieben ein differenziertes Unterhaltungsangebot bereithält, welches sich durch kommerzielle Ausrichtung und starke Multifunktionalität auszeichnet. Als zentrale Bestandteile des Gastgewerbes werden dafür Kneipen als Orte des Konsums von Alkoholika und Treffpunkt sozial und politisch Gleichgesinnter, im medialen Wandel befindliche Festsäle sowie traditionsbewusste Sommergärten des Stralauer Viertels – einem besonders ergiebig dokumentierten Vergnügungsviertel des Berliner Ostens – unter die Lupe genommen.

Ausgehend vom Begriff des Milieus untersucht Matthias Warstat im abschließenden Kapitel Milieu und Metropole inwiefern sich eine Theatralisierung der Arbeiterkultur in den Jahrzehnten nach 1900 mit dem Konzept der Metropolenkultur vereinbaren lässt. Dafür wird der Idee politischer Feierpraxis als Brücke zwischen traditionellen Milieus der Arbeiterbewegung und einer milieuübergreifenden urbanen Geselligkeit nachgegangen, bevor sich der Autor am konkreten Beispiel der Frage widmet, wie Festinszenierungen der Arbeiterbewegung Sichtbarkeit im urbanen Raum zu erzeugen suchten. Evidente Überschreitungen traditioneller Milieugrenzen sowie Wechselwirkungen zwischen Milieu und Metropole sind für den Autor Anstoß in der Forschung zur Theatralität der Arbeiterbewegung nicht zuletzt auch Entwicklungen einer modernen Metropolenkultur zu berücksichtigen.

Im Anschluss an die einführenden Worte Paul Noltes machen es die neun weiteren Abschnitte des Werkes der Leserschaft trotz vermeintlicher Leitbegriffe streckenweise nicht leicht ihre Themenschwerpunkte in eine stringente Struktur der zugrundeliegenden Forschungsmaterie einzuordnen. Zu leuchtfeuerartig werden dafür spezifische Nuancen der Vergnügungskultur im urbanen Raum behandelt, die zum Teil mehr Perspektiven für zukünftige Forschungsschwerpunkte eröffnen, als sie Forschungsfragen zu beantworten suchen.

Zum einen ist dies wohl dem Umstand geschuldet, dass eine sich der Unterhaltung urbaner Lebensformen widmende Kultur- und Erfahrungsgeschichte noch in den Kinderschuhen steckt. Zum anderen wird die eher sprunghafte Themenauswahl sicherlich durch den Forschungsgegenstand der Vergnügungskultur bedingt, die sich in ihrem Facettenreichtum selbst inhomogen präsentiert und – wenngleich auf Theatralität und Performanz beschränkt – ihre Dokumente multidimensional und lokal verstreut hinterlässt.

Trotz dieser etwas losen Zusammenhänge entführen die einzelnen in sich stimmigen Beiträge die Leserschaft in dem sehr begrenzten Raum, der ihnen innerhalb des Sammelbandes zur Verfügung steht in eine bunte Vielfalt an Topics metropolitaner Vergnügungskultur und erlauben es ihr in nur wenigen Zeilen über konkrete Beispiele tief in die jeweilige Materie einzudringen. So bieten die Beiträge insgesamt eine Übersicht über die Ergiebigkeit des zugrundeliegenden Forschungsschwerpunkts und machen an vielen Stellen Lust auf mehr, wodurch sie als ergiebige Teaser zu Forschungsschwerpunkten einer Kulturgeschichte der modernen Großstadt und einer Erfahrungsgeschichte metropolitaner Lebensformen mit Blick auf Konsum, Freizeit und Massenkultur fungieren. Da bleibt nur zu wünschen, dass die Ergebnisse einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der Materie einer interessierten Leserschaft alsbald zugänglich gemacht werden.

Denn heute mehr denn je lässt sich die Symbiose zwischen Vergnügungs- und Metropolenkultur in den urbanen Zentren erfahren, die als Hosts internationaler Medienereignisse um individuelle Vorrangstellung und Deutungsmacht ringen oder sich durch Repräsentationsbauten – wie etwa die kürzlich in Hamburg eröffnete Elbphilharmonie – und in Koalition mit den neuen Medien auf internationaler Ebene zu inszenieren suchen und in diesem Versuch gleichsam selbst von ihrer Vergnügungskultur geformt werden.

Abzuwarten bleibt wie sich die fortschreitende Digitalisierung auf die Vergnügungen der Großstadt auswirkt und welche interaktiven, virtuellen Derivate zu den bisherigen Orten, Inszenierungen und Netzwerken der urbanen Vergnügungskultur hinzutreten oder diese sogar verdrängen und inwieweit diese neuen Medien die Metropolenkultur in absehbarer Zukunft fordern und überfordern werden. Der historisch wissenschaftliche Blick auf die Beziehungsherkunft zwischen Großstadt- und Vergnügungskultur lohnt daher, um Verständnis für deren Zusammenhänge in der Gegenwart und Zukunft zu entwickeln, wo doch bereits heute Technologiesysteme massentauglich sind, die den User*innen in eine virtuelle Realität eintauchen lassen und die Produzent*innen eines ersten ausgereifteren Spiels hierfür ausgerechnet die Metropole Paris als Spielplatz auserkoren haben.

Damit bietet sich die Vergnügungskultur der Großstadt als aufschlussreiches Werk zu interessanten Aspekten nach wie vor bestehender kultureller Zusammenhänge nicht nur einem Fachpublikum an, sondern lässt sicherlich eine breitere Leserschaft an Hand konkreter Beispiele und in Anbetracht der verständlichen kurzen Beiträge erstaunlich tief in unterschiedliche und illustre Facetten der Vergnügungskultur der Metropole eintauchen.

Tags

urbane räume, vergnügungskultur