Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte

von Horst Dieter Sihler

AutorIn: Raffaela Rogy

Raffaela Rogy rezensiert für die Leser*innen der MEDIENIMPULSE einen wunderbaren Band, der das Kulturschaffen einer für die österreichischen Filmgeschichte mehr als wichtigen Person darstellt: Horst Dieter Sihler ...

Abstract

Ein Maschinenbau-Ingenieur, der viel lieber Gedichte schrieb und schließlich Filmkritiker wurde blickt auf eine bewegte Filmhistorie zurück: Horst Dieter Sihler. In „Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte“ gewährt der Kärntner Kulturtausendsassa Sihler Einblicke in die österreichische Filmlandschaft genauso wie auf das globale Filmschaffen etwa in Slowenien, Polen, dem ehemaligen Jugoslawien oder Lateinamerika sowie auf die technischen Entwicklungen des Mediums Film, die Horst Dieter Sihler über einen Zeitraum von über 70 Jahren miterlebt und durch zahlreiche Essays, Kritiken und Festivalorganisationen mitgestaltet hat.


Verlag: Wieser
Erscheinungsort: Klagenfurt/Celovec
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-99029-181-8


Cover: Meine Kino
von Horst Dieter Sihler
Quelle: Amazon

 

Sobald der Film in Bewegung tritt schreibt er Geschichte. So hat jeder von uns eine Geschichte zu erzählen, wenn das Thema Film und Kino zur Sprache kommt. Eine außergewöhnliche Filmerzählung liegt nun mit dem Buch "Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte" von Horst Dieter Sihler vor, in welchem der Autor in 13 Kapiteln inklusive einer pointierten Fotostrecke der Leserschaft seine persönliche Filmrezeption schildert, die von der Nazi-Wochenschau bis zur Computeranimation reicht. Der in Klagenfurt geborene und gelernte Maschinenbau-Ingenieur Horst Dieter Sihler, dessen erstes Kinoerlebnis eine nationalsozialistische Kriegswochenschau und sein erster richtiger Film Walt Disneys "Schneewittchen" war, übte sich vor seiner Tätigkeit als Filmkritiker für verschiedene Nachrichtenorgane (u. a. "Neue Zeit", "Kleine Zeitung", "ORF", "FAZ") in der Literatur-, Theater- und Kunstkritik und schrieb zudem eigene Gedichte. 1977 erhielt Horst Dieter Sihler, der auch unter dem Kürzel hds bekannt ist, einen Lehrauftrag an der Universität Klagenfurt, an der er u. a. den Film im realen Sozialismus in Ungarn, DDR, Polen und Jugoslawien als Thema behandelte. Als Filmwissenschafter oder Filmhistoriker verstand sich Sihler nie, der Filmjournalismus und die stete Suche nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst trieb und treibt ihn an. Es verwundert auch nicht, dass der Cineast Sihler 1977 die ersten "Österreichischen Filmtage" in Velden ins Leben gerufen hat, jenes Festival das heute in Graz unter dem Namen "Diagonale" bekannt ist, Gründer des Vereins "Alternativkino" ist und Programmkinoleiter von "Neues Volkskino Klagenfurt" war.

 

Die hier skizzierte Vielseitigkeit des Schaffens von Horst Dieter Sihler spiegelt sich im vorliegenden Buch "Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte" wieder: Auszüge aus Essays, Kritiken, Interviews, Festivalberichten, Kolumnen, Manifesten, Gedichten, Autobiografischen Erzählungen und Fotos aus den letzten Jahrzehnten wechseln sich von Seite zu Seite ab und werden mit aktuellen Bemerkungen und Ausführungen von Sihler ergänzt. So erfährt man einiges über den visuellen Reichtum des Slowenischen Films der 60er Jahre, Titos filmende Hofnarren in Jugoslawien in den 70er Jahren oder über den Animationsfilm in Zagreb. Die filmische und politische Zeitreise führt auch nach Polen zum Kino der Solidarność, wo Sihler 1980 auf Lech Wałęsa traf. Von "der Kamera als Waffe" spricht Sihler wenn er über den Film aus Lateinamerika berichtet und der Blick vor unbekannten Filmländern wie Südkorea wird ebenfalls nicht gescheut. Unter den Filmkritiken befinden sich im vorliegenden Werk u. a. Filmtitel wie "Vom Winde verweht", "Shining", "Taxi Driver" oder "Avatar". Regisseure und Filmpioniere wie beispielsweise der Erfinder des filmischen Alphabets Dziga Vertov, Akira Kurosawa, Werner Hochbaum oder Jean-Luc Godard finden ebenso Anklang wie der Gangsterfilm und der Dokumentarfilm. Das Österreichische Filmtreiben sowie dessen Kunstszene und Kulturbetrieb werden spannend, unterhaltend und vor allem präzise von Horst Dieter Sihler analysiert. Dabei wird etwa die Entstehung und Entwicklung des Filmmuseums in Wien lobend geschildert oder auch Anekdoten zum Besten gegeben, wie z. B. jene von Maria Lassnig, die Horst Dieter Sihler einst um Rat fragte, wie man denn Filme mache. Zudem spricht sich Sihler äußert positiv über die gegenwärtigen und im Ausland erfolgreichen Österreichischen RegisseurInnen und Filme aus. Kritik übt Sihler an der kaum vorhandenen staatlichen Unterstützung für Filmschaffende und kinematografische Einrichtungen und Institutionen in Österreich; als Beispiel nennt Sihler u. a. das von ihm initiierte LendhafenkiNO in Kärnten, welches aufgrund gestrichener Förderungen vom Land nie fertig gestellt wurde.

Trotz schwerer Krankheit und aller Kämpfe die Horst Dieter Sihler als Kulturschaffender in Österreich ausgefochten hat, ist keine Verbitterung oder Stillstand in seinen Texten zu spüren. Aus dem Konglomerat an Texten in "Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte" wird ersichtlich, dass Horst Dieter Sihler ein filmisches Engagement umtreibt welches sich für die Verbindung von ernstem und unterhaltendem Film ausspricht, stets den politischen Nerv trifft und ein Bewusstsein für Filmästhetik und Medienerziehung schaffen will. Mit "Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte" liegt ein filmhistorisches Dokument vor, dass immer wieder aus dem Bücherregal genommen und mit Gewinn gelesen werden kann, folgt es doch diesem Leitmotiv: "Die Phantasie hat viele neue Landschaften zu erkunden, so viele neue Bilder, aber die besten lehren uns immer nur eines: Der ‚Cosmic Zoom‘ endet dort, wovon er ausging, im Geist und im Herzen des Menschen

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österreichischer film, sihler