Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Ein Seemann aus der Neuen Welt. Ein analoger Revuekrimi

von P. Howard (i. e. Jenő Rejtő)

AutorIn: Simon Nagy

Simon Nagy rezensiert die jüngste Publikation von P. Howard "Ein Seemann aus der Neuen Welt" und arbeitet heraus, wie diese Literatur eine allein auf sich selbst gerichtete Bewegung darstellt, die sie mit ihren nimmermüden Figuren teilt ...

Verlag: Elfenbein
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-941184-53-4


Cover: Ein Seemann aus der neuen Welt
von P. Howard
Quelle: Amazon

»Alle Passagiere haben Lepra! Ich heiße ungefähr Aristoteles oder Aristophanes Schwachta oder auch Knapp. (Gewünschtes bitte ankreuzen!) Nachmittags habe ich Dr. A. Winter operiert, aber ich fühle mich schon wieder besser. Und nun zu unserem absoluten Superspitzenpremiumschlager: ›Denn der Tag der Reeperbahn fängt nachts erst an.‹« (249)

In seinem wegweisenden Essay "Cross the border – Close the gap" fordert Leslie Fiedler 1972 die Literaturwissenschaft zu einer radikalen Neuorientierung auf: Anstatt nach wie vor mit dem längst überholten Kanon der Moderne zu arbeiten, müsse sie ihren Fokus endlich auf popkulturelle Kunstformen legen und den Werken von Boris Vian, William S. Burroughs und Leonard Cohen mit ebenso großer Aufmerksamkeit begegnen wie jenen von Proust, Mann und Joyce. Die Grenze zwischen Hoch- und Massenkultur müsse überwunden und aufgelöst werden – als dieses Ziel bereits verfolgend streicht Fiedler junge literarische Werke hervor, die sich an den Genres des Westerns, der Science-Fiction oder der Pornografie orientieren. Der ungarische Schriftsteller P. Howard hat bereits vierzig Jahre vor der Entstehung von Fiedlers Essay dessen Forderungen fast wörtlich in die Tat umgesetzt: In seinem extensiven Werk vermengt er Abenteuer-, Western- und Kriminalgeschichten mit absurder Komik, grotesker Übertreibung und virtuosem Sprachspiel und legt damit Prototypen postmoderner Romane vor, wie sie in den Sechzigern und Siebzigern im französischen und amerikanischen Raum entstehen. Rund fünfzig Geschichten veröffentlichte der als Jenő Rejtő geborene Autor, bis er 1943 im Alter von 37 Jahren in einem nationalsozialistischen Arbeitslager ums Leben kam. Erst mit Anfang der Sechziger erfuhren seine Romane, die in den Jahren nach 1945 nur für horrende Preise am Schwarzmarkt erhältlich waren, eine Neuauflage – woraufhin sie schnell Kultstatus unter ungarischen Intellektuellen erlangten, den sie bis heute nicht eingebüßt haben.

Der magere Rotschopf bekam Schluckauf und wehrte mit einer sanften Geste den schelmischen Diener ab, der daraufhin in den Paravent stürzte, die Gipswand einschlug und in der Küche landete. Da nahm sich Wasitsch zusammen und trat würdevollen Schrittes in den Salon. Leider öffnete die Tür nach außen. Wie hätte er es wissen können? Die beiden Flügel rissen lautstark aus den Angeln. (48)

Die Texte P. Howards leben von seinem bis in die Perfektion kultivierten Katastrophenwitz, der auf der ausweglosen Lage seiner verqueren Protagonisten und deren unermüdlichen Bemühungen, ihre Situation trotz allem zum Besten zu wenden, basiert. Auf hoher See oder in der französischen Fremdenlegion angesiedelt, erzählen seine Geschichten von den haarsträubenden Abenteuern schräger Figuren, die sich eine flammende Liebe zu Kinnhaken, Faustkämpfen und sämtlichen anderen Formen der Handgreiflichkeit teilen. Seine Literatur ist allerdings weit davon entfernt, sich mit der humoristischen Wiedergabe einer martialischen Welt zu begnügen: Vielmehr dient diese Welt erst als Entfaltungsort der wahren Protagonistin P. Howards – namentlich der Sprache in der Vielzahl ihrer möglichen Verbiegungen, Verdrehungen und Selbstverlachungen.

In Schlagabtauschen zur geschwinden Lösung eines Problems, in ausgefeilten Tricksereien zur Neckerei eines Vorgesetzten oder in Dialogen, die windschief an den jeweiligen Teilnehmern vorbeischießen und sich meterweit hinter ihnen verlieren, kann sich eine Sprache austoben, die das Absurde zu ihrer höchsten Maxime erhebt: Sie macht sich lustig über jeden Versuch der rationalen Beschreibung einer Welt, in der bereits die kleinsten Protagonisten an ihren Missverständnissen zugrunde gehen, und die deshalb im Großen erst recht vor Irrationalität weder ein noch aus weiß. Durch ihre Bewegung, das Dargestellte ganz eindeutig unter den komisch-entstellenden Prozess des Darstellens zu legen, der seine Komik durch permanente Selbstbespiegelung stets mitthematisiert, erinnert P. Howards Literatur an die von Autoren wie Georges Perec, Raymond Queneau oder den von Fiedler genannten Boris Vian. Dass es seine Texte allerdings seit den 1960ern nicht über die Grenzen des ungarischen Sprachraumes hinausgeschafft haben, ist nicht zuletzt auf das Fehlen eines kongenialen Übersetzers zurückzuführen, der den Sprachwitz des Originals produktiv ins Deutsche oder Englische übertragen hätte können, wie die genannten französischen Autoren ihn etwa in Eugen Helmlé gefunden haben. Die wenigen produktionsorientierten Übersetzungen, die in der DDR der 1970er erschienen, gestalteten sich äußerst sperrig und blieben dementsprechend ohne große Resonanz.

Da begann der unjemütliche Knlich wat Spaßiges zu maulen, aber wie der Zufall so spielt, schon kleb ick ihm erstens eene, klemme mir zwotens seinen Hals zwischen den Ellenbojen wie ne Schraubzwinge und schmeiße in drittens sacht in den Tresen. Er hat aber die Neckerei sozumsagen voll in den falschen Hals jekriecht, und war ooch sonst keen müder Adonis, denn er prallte jummiballmäßig derart zurück, dass er mithilfe eines hurtigen Trittes meine auf Waschbrett jetrimmte Magengrube streifte, und ick befand mich schon wieder auf dem Asfalt. (58f)

Siebzig Jahre nach dem Tod des Autors hat der Elfenbein-Verlag allerdings P. Howards Werk ausgegraben. Dem grandiosen Übersetzer Vilmos Csernohorszky jr. gelingt es nun durch einen stark rezeptionsorientierten Zugang, die Idee des Humors der Originalwerke in die deutsche Sprache zu übertragen und dort neu aufkeimen zu lassen. Fünf von P. Howards Romanen sind seit 2004 bei Elfenbein übersetzt worden, der jüngste erschien 2016 mit dem Titel Ein Seemann aus der Neuen Welt.

Eine gezinkte Schifffahrt, die das Ziel verfolgt, einem verschollen geglaubten Forscher durch seine inszenierte Auffindung auf einer einsamen Insel zu wissenschaftlichem Ruhm und dem die Schein-Expedition finanzierenden Millionär zu gesellschaftlichem Ansehen zu verhelfen, stellt die Ausgangssituation dieses Romans dar. Der Matrose Jimmy Reeperbahn, der als Schlüsselgestalt in vielen Romanen P. Howards auftritt, soll dafür sorgen, dass das Abenteuer wie geplant läuft. Selbstverständlich passiert das genaue Gegenteil: Jimmy Reeperbahn sieht sich mit einer aus sämtlichen Inkompetenzbereichen zusammengewürfelten Crew – bestehend aus Fußballschiedsrichtern, Henkern und entlassenen Pförtnern – konfrontiert. Der Forscher, um den die Expedition kreist und der in einem Kasten im Bauche des Schiffes mitgeführt werden soll, bis der große mediale Coup stattfindet, wird grün und blau geschlagen am Hafen zurückgelassen und durch einen ebenso unglücklich Verprügelten in besagtem Kasten ersetzt. Und ein blaubärtiger Pirat, der für Richard Wagner gehalten wird, sowie ein Äffchen mit Mundharmonika bringen die Besatzung des Expeditionsschiffes endgültig um den Verstand. Konkret auftretende Probleme werden stets mit schlitzohrigen Listigkeiten, kurz angebundenen Faustschlägen oder einer schelmisch-handgreiflichen Kombination aus beidem gelöst.

Die Verhandlungen entarteten mehr als einmal zu ernsthaftem Streit mit subtilen Tätlichkeiten, und manchmal dauerte es fünf bis zehn Minuten, bis unter gerechter Verteilung zweier Stuhl- oder Tischhälften wieder wohltuende Ordnung herrschte. (75)

Die Helden P. Howards sind Seemänner oder Fremdenlegionäre, zu Strafarbeiten oder Missionen unter der Führung unausstehlicher Vorgesetzter verdammt. Allesamt stolpern sie von einer Begegnung und Herausforderung zur nächsten, verfügen über keinerlei längerfristigen Plan und ziehen den Spaß in ihrem Dasein aus der Notwendigkeit, sich stets aufs Neue zu überlegen, wie sie das Beste aus ihrer meist absolut nicht rosigen Situation herausholen können. In genau diesem im ersten Moment kurzsichtig und reflexartig scheinenden Handeln liegt das subversive Potential der Texte P. Howards. An einer Stelle nennt sich diese Idee selbst beim Namen, wenn es heißt: "So begabt ist diese Welt nicht, als dass nicht drei gescheite Leute sie übers Ohr hauen können." Denn die Absurdität entspringt nicht allein der Sprache, sondern auch der in den Romanen erschaffenen Handlungswelten und dem Agieren der Figuren in ebenjener.

Die Situation, in der sie sich befinden, kategorisch zu verändern oder umzustürzen, scheint ihnen objektiv ebenso fern wie ihnen gar nicht in den Sinn kommend. Und dennoch trotzen die Protagonisten den Verhältnissen, in die sie eingeschrieben sind, unermüdlich: Indem sie sich schlicht um nichts anderes als ihre intuitiven Wünsche scheren, seien diese noch so irrational oder einer Verbesserung ihrer eigenen Lage gar auf ganzer Linie entgegenwirkend. Ihr Umgang mit ihrer Situation im Absurden zeichnet sich durch Rauflust, Ausgefuchstheit und permanente Aktivität aus; durch einen Stehaufmännchenreflex, der sie in jeder noch so aussichtslosen Situation einen Plan nach dem anderen aushecken lässt, an dessen Ende das Gegenüber möglichst gefinkelt auf die Schnauze fliegt; durch eine Abenteuerlust, die sie gänzlich ungeachtet des Ausgangs der vorangegangenen Unternehmung immer wieder aufs Neue aufbrechen lässt. Die Grundbewegung der Figuren ist ein "Trotzdem", das man in seiner Trotzigkeit auf den ersten Blick belächeln könnte. Bei intensiverer Reflexion lässt es sich aber als die vielleicht einzig mögliche Reaktion einer von Unsinnigkeit geprägten Welt erkennen, in der sich eine vermeintlich konstruktive Beteiligung am Geschehen am Ende wohl als ebenso wenig zielführend, aber weitaus weniger lustig herausstellen würde.

Die wenigen Rezensionen, die im deutschsprachigen Raum zu P. Howards Werk erschienen sind, bezeichnen es fast einstimmig als Parodie auf das Genre des Abenteuerromans. Doch ist es dies gerade nicht, greifen die Romane doch nicht auf den Prätext der Abenteuer- oder Western-Story zu, um sich über ihn lustig zu machen, sondern um ihn im Gegenteil mit größtmöglichem Ernst weiterzuführen. Der irrwitzige Humor entsteht nicht aus einer Parodierung des Stoffes, sondern aus dem virtuosen und gefuchsten Umgang mit ihm, aus den aus ihm destillierten skurrilen Figuren, aus von Zeile zu Zeile schräger werdenden Dialogen und aus einem die eigene Sinnhaftigkeit verdrehenden und verbiegenden Sprachwitz. Die nachhaltige Individualität von P. Howards Texten liegt eben nicht in einem Direktvergleich mit vermeintlich trivialen Genres, von denen sie sich durch große Raffinesse absetzten würden – im Gegenteil nehmen sie sich dieser Genres ganz im Sinne Leslie Fiedlers an, um sich auf der wunderbar konsumierbaren Grundlage spaßiger Geschichten gegen jegliche Sinnzuschreibung von außen zu sperren. So entwickelt seine Literatur eine allein auf sich selbst gerichtete Bewegung, die sie mit ihren nimmermüden Figuren teilt und sich dadurch deren ungebändigte Energie zu eigen macht.

Tags

krimi, howard