Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Der Erste Weltkrieg auf dem deutsch-europäischen Literaturfeld

von Bernd Neumann, Gernot Wimmer (Hg.)

AutorIn: Simon Nagy

Der Sammelband Der Erste Weltkrieg auf dem deutsch-europäischen Literaturfeld befragt auf unterschiedlichen komparatistischen Wegen literarische Werke aus dem zeitlichen Umfeld des Ersten Weltkriegs danach, wie sie die Umwälzungen ihrer Zeit abbilden und verhandeln ...

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln, Weimar, Wien
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-205-20256-1


Cover: Der erste Weltkrieg
von Bernd Neumann, Gernot Wimmer (Hg.)
Quelle: Amazon

„Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“ Dieser berühmt gewordene Tagebucheintrag Franz Kafkas lässt das Verhältnis des Prager Schriftstellers zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wie ein gänzlich beiläufiges erscheinen. Nicht wenige Interpretationen greifen auf diese sarkastisch anmutende Notiz zurück, um Kafkas Werk von den historischen Umständen seiner Entstehung zu lösen und als rein symbolisches aufzufassen. Der Sammelband Der Erste Weltkrieg auf dem deutsch-europäischen Literaturfeld vertritt, nicht nur in Bezug auf Kafka, sondern die gesamte Literatur des deutschsprachigen Raums betreffend, eine ganz gegenläufige Auffassung: Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ergriffen, so lautet die Ausgangsthese, in bislang unbekannter Anzahl und Lautstärke Partei für eine bestimmte Seite, Idee oder Überzeugung. Und auch an künstlerischen Erzeugnissen, die nicht aktiv Stellung bezogen, gingen der technische Fortschritt der Moderne, das Klima der Angst zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Neurasthenie als Nervenkrankheit der neuen Großstädte keineswegs spurlos vorüber. In welchen Formen sich literarische Werke mit dieser sie umgebenden Epoche des radikalen politischen wie künstlerischen Wandels auseinandersetzen, erfragen die einzelnen Beiträge des von Bernd Neumann und Gernot Wimmer herausgegebenen Bandes.

Entlang der Begriffskomplexe „Angst“, „Begeisterung“ und „Orientierungslosigkeit“ werden die Einzelbeiträge danach unterteilt, ob sie Literatur behandeln, die vor, während oder nach dem Krieg entstand. Eine weitere Ordnung lässt sich allerdings auf methodischer Ebene treffen, was besonders in jenen Fällen deutlich wird, in denen sich mehrere Beiträge mit dem Werk desselben Autors beschäftigen. So nehmen die beiden Herausgeber auf je eigene Weise die Literatur Kafkas in den Blick, um seine Auseinandersetzung mit dem Krieg und den ihn umgebenden Umständen als weit über das Schwimmschul-Zitat hinausreichend aufzuzeigen. Wimmer wählt hierfür einen geradezu theologisch anmutenden Interpretationszugang, indem er anhand zahlreicher Erzählungs-Passagen Kafkas und deren Abgleich mit Textstellen von Georg Trakl und Karl Kraus die drei Autoren als „Wahrsager“ der „Apokalypse“ des bevorstehenden Krieges bezeichnet. Neumanns Deutung hingegen begreift Kafka deutlich materialistischer als „Kind des totalitär werdenden 20. Jahrhunderts“, in dessen Literatur sich sämtliche der widersprüchlichen Bewegungen der Vorkriegs-Wirklichkeit in ebenso widersprüchlicher Form finden: Anhand ausgewählter Texte arbeitet er heraus, dass sich bei Kafka sowohl ideologisiert-kriegsbejahende wie durchwegs kritische und die herrschende Ideologie durchschauende Passagen abwechseln, wodurch sein Werk eine höchst zeitgemäße Ambivalenz erlangt. Während ihm zufolge Der Bau etwa die verwaltete Gesellschaft und ihre Propaganda durch kluge Metaphorik ins Groteske zieht, liest er das Abschlusskapitel des Verschollenen angesichts der Umstände seiner Entstehung wie eine Versöhnung des Aufrufs zur Großmobilmachung mit der Phantasie des American Dream.

Auf die Art und Weise, wie Neumann Kafkas Schreiben vor dem Hintergrund der exakten Entwicklungen der (Vor-)Kriegszeit liest und dadurch zu neuen Deutungsmöglichkeiten gelangt, arbeitet rund die Hälfte der Beiträge des Bandes mit konkreten Fragestellungen, die sie sich im Rahmen einer intensiven Lektüre eines oder weniger Texte stellen: So unternimmt Peter Beicken eine nicht vorrangig ideologie-, sondern vielmehr editions- und sprachkritische Analyse von Ernst Jüngers In Stahlgewittern. Er begreift die Erzählinstanz als Benjamin’schen „Flaneur des Schlachtfeldes“ und befragt weniger die Taten als die Perspektive dieses Flaneurs sowie die sprachlichen Mittel, die sich durch die unzähligen Überarbeitungen des Textes hindurch veränderten und hielten, auf ihren Zusammenklang mit dem unbedingten „Willen zur Macht durch Töten“, der sich im Erzählten findet. Auch Tomislav Zelić gibt in Hinblick auf Hermann Brochs Schlafwandler-Romane der Frage nach der erzählerischen Form Vorrang vor deren Inhalt: Ausgehend von ihrem Changieren zwischen Narration und Essayismus versteht er die Romantrilogie sowohl als Symptom der Gegenwartskrise als auch als deren Therapeutikum, das nicht nur die Entwicklung des Ersten Weltkriegs reflektiert nachzeichnet, sondern bereits auf die Gefahren des sich anbahnenden Faschismus voraus weist. Eine ausgezeichnete komparatistische Arbeit liefert Stanley Corngold, der zahlreiche vor, während und nach dem Krieg entstandene Romane anhand intensiver Textanalysen danach befragt, worüber ihre Autoren schrieben, wenn sie das Grauen der Zeit und das daraus resultierende menschliche Leid in eine begreifbare, lehrreiche oder gar es veredelnde Form zu bringen versuchten.

Die andere Hälfte der Beiträge wählt – wie Wimmer in seinem Kafka-Text – den Zugang, eine grobe Fragestellung oder einen Themenkomplex am Beispiel zahlreicher und häufig isoliert aus dem Gesamttext gegriffener Textstellen abzugleichen. Hervorragend gelingt das Wolfgang Wangerins Arbeit zu Kriegsbilderbüchern mit dem bezeichnenden Titel „… daß die Jugend heranwachse, deutsch bis ins Mark“. Durch die Betrachtung mehrerer Kinderbilderbücher aus der Kriegszeit, und mit einem deutlichen intermedialen Fokus auf die ideologische Wirkung der engen Verflechtung von Wort und Bild, zeigt er auf, wie durch eine „Miniaturisierung und Verharmlosung des Krieges“ bereits in der Kinderliteratur eine „literarische Großmobilmachung“ erreicht wurde. Kurt Anglet durchsucht in seinem Beitrag das Werk Karl Kraus’ auf Ansatzpunkte, die ihm eine quasi-religiöse Überhöhung des Autors zu einem hellseherischen Universalkritiker ermöglichen; Thorben Päthe wiederum wählt einen von der erzählenden Literatur sich entfernenden Ansatz, indem er die Kriegspublizistik Thomas Manns, Hugo v. Hoffmannsthals und Rudolf Borchardts auf ihre Europavisionen hin befragt. Der einzige Text schließlich, der nicht-deutschsprachige Literatur in den Blick nimmt, stammt von Gábor Kerekes und liefert einen sozialgeschichtlichen Überblick über die Zensurgeschichte ungarischer Literatur, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzte.

In den drei letztgenannten Fällen nimmt der Wunsch, einen thematisch orientierten Überblick über eine gewisse Textlandschaft zu bieten, einen deutlich höheren Stellenwert an als die Formulierung, Untersuchung und Herausarbeitung konkreter neuer Thesen. Durch die Kombination dieser Arbeiten mit den oben genannten Einzel-Analysen und deren komparatistischer Arbeit auf intertextueller, intermedialer und historiografischer Ebene jedoch erreicht der – im Übrigen nur von männlichen Beitragenden gestaltete und fast ausschließlich männliche Autoren behandelnde – Sammelband eine Vielzahl von Perspektiven. Aus unterschiedlichen Warten bietet er so einen vielgesichtigen Einblick in die Hintergründe des literarischen Schreibens zur Zeit vor, während und nach der politisch wie künstlerisch einschneidenden Periode des Ersten Weltkriegs.

Tags

erster weltkrieg, literarisches feld