Bildung - Politik

1/2009 - Standards in der Medienbildung

Assoziationen zu Dokumenten und wohlklingenden Worten

AutorIn: Susanne Krucsay

Das Medienpädagogische Manifest, die Europäische Charta für Medienkompetenz und andere Dokumente werden hier kritisch in Augenschein genommen.

…zum Beispiel: Medienpädagogisches Manifest

Mitte März veröffentlichten zentrale medienpädagogische Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland ein Medienpädagogisches Manifest unter einem Titel, der dem neu geschaffenen Ressort der MEDIENIMPULSE neu/online nachträglich eine Art höhere Weihe verleiht: KEINE BILDUNG OHNE MEDIEN! Die Pressaussendung  der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur. kurz GMK, fordert von der Politik nachhaltiges medienpädagogisches Handeln.

Medienpädagogik ist ein Sammelbegriff, der von den zahlreichen unterschiedlichen Gruppierungen um und mit Medien häufig gebraucht  wird: So wird – nicht nur in Österreich -  immer wieder der Einsatz von Internet und Co. als Hilfsmittel als medienpädagogisches Projekt beworben und gerühmt. Dass das mit ein Teil eines medienpädagogischen Verständnisses ist, steht außer Frage, bloß: Bildung MIT, aber auch ÜBER Medien macht erst medienpädagogisches Handeln aus – das ÜBER ist bedauerlicherweise trotz vieler Anstrengungen in der Praxis ein Stiefkind geblieben.

Der für Österreich verbindliche Grundsatzerlass zur Medienerziehung aus dem Jahr 2001 greift viele, eigentlich die wesentlichsten Punkte des Manifestes auf: Bereits in der Präambel findet sich ein Satz, der im Wesentlichen dem Titel des Manifestes gleich:  "Pädagogik muss gleichzeitig Medienpädagogik sein." Zur Orientierung der Lehrenden enthält der Erlass einen Abschnitt zur Begriffsbestimmung nicht nur der herkömmlichen Medienkomposita, sondern auch der vielfach verwendeten und oft missbrauchten Zielwundertüte: Medienkompetenz. Ähnlich dem Manifest umfasst der Erlass alle Medien/Technologien, erwähnt 2001 soziale Dimensionen, die rasante und phantasievolle Entwicklung der letzten acht Jahre sind natürlich nicht ausgeführt.

Was bedeutet das für Österreich? "Der Worte – hier offizielle Willenskundgebungen  - sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Taten sehen." Faust I, Vorspiel auf dem Theater), Seit fast 20 Jahren beweisen vom BMUKK in Auftrag gegebene Forschungsprojekte über den Zustand der Medienerziehung, dass es an Taten fehlt. Eine gerade in Arbeit befindliche Studie über Unterrichtsprinzipien stellt betreffend Medienerziehung zu Recht fest, dass Input – vorwiegend vom BMUKK  - und Output in einem disharmonischen Verhältnis zueinander stehen. Die Forderung des Manifestes, in der Lehrerausbildung allen zukünftigen Lehrenden zumindest ein Modul verpflichtend anzubieten, das ein Grundbewusstsein an medienpädagogischem Verständnis sicherstellt:

a)    Medienpädagogik als kritisch-kreative-reflexive Praxis ist ein Bestandteil einer Bildung und Hinführung zur Partizipation in einem interkulturellen Umfeld.

b)    Medienpädagogik ist eine Querschnittsaufgabe für alle Fächer, die endlich realisiert werden muss

wird seit Jahren erhoben – offensichtlich ohne Erfolg.

..und noch ein Dokument – Europäische Charta für Medienkompetenz

Kritisch-kreativ-kulturell: diese Attribute erinnern an die Europäische Charta für Medienkompetenz, die ähnlich dem Manifest ein Appell an die Verantwortlichen richtet, der Medienbildung mehr Augenmerk zu schenken.

…eine mit politischer Prominenz besetzte UNO-Initiative

Im Rahmen der Konferenz der UN-Initiative Allianz für Zivilisationen befasste sich im April ebenfalls eine Arbeitsgruppe mit Medienkompetenz und Politischer Bildung  - die Defizite des Ist-Zustandes und daraus erwachsende Forderungen an die Gesellschaft ähneln einander seit Jahren, ja Jahrzehnten. Natürlich haben sich die Medienwelten gewandelt, natürlich ist mit Web 2.0 eine Dimension der sozialen Komponente dazugekommen, die der Kommunikation neue Aspekte erschließt, natürlich ist das Veränderungspotential der digitalen Medien ähnlich umwälzend für die Wissensproduktion wie die Erfindung des Buchdrucks. Der Glaube, dass die Fähigkeit damit umzugehen naturwüchsig sei, ist  gelinde gesagt naiv, wenn nicht gar fahrlässig. Die wichtigste Bildungsinstitution, und das ist nun mal die Schule, die in unseren Breiten alle mitnimmt, muss sich endlich bewegen und den veränderten Bedingungen des Lernens und Lehrens mit Einbeziehung einer alle Wissensdisziplinen umfassenden Medienbildung Rechnung tragen.

Achtung: Medienbildung könnte zur Nachhaltigkeit in der Bildung beitragen!

Nach so vielen wohlklingenden Attributen, die nicht nur wohl klingen, sondern wirklich reich an Inhalten sind, fehlt  ein Begriff, der der gerade aktuellen Dekade vorgeschaltet ist: Nachhaltigkeit. Es ist höchste Zeit, von punktuellen Angeboten, von durchaus gelungenen Projekten, wie z.B. autonome Schwerpunktsetzungen an Oberstufen u.Ä. Medienpädagogik zu einem nachhaltigen Projekt zu machen. Vor drei Jahren stellte ich im Rahmen einer Konferenz über Nachhaltigkeit Medienpädagogik als eine Bildungspraxis vor, die nur mit den Kriterien einer nachhaltigen Pädagogik  realisiert werden kann. Zu diesen Kriterien gehören u.a. ein umfassender Textbegriff, der sprachliche, visuelle und auditive Zeichensysteme umfasst und so die Auseinandersetzung mit allen Medien ermöglicht, die Aufhebung der Dichotomie zwischen Theorie und Praxis, Befassung mit der Repräsentation von professionellem Wissen in allen Unterrichtsgegenständen und damit eine Sensibilisierung für die Vermitteltheit, Kontingenz und historische Einbettung  eben dieses Wissens. Lernende werden nicht als vorwiegend reproduzierende, vielmehr als aktiv konstruierende Wesen im sozialen Umfeld betrachtet, die sowohl  mit der relativen Eindeutigkeit und Geschlossenheit im zeitlichen Nacheinander als auch mit der Vieldeutigkeit, Offenheit im zeitlichen Nebeneinander umzugehen wissen. So entwickeln sie  die Fähigkeit, sich mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und damit auch die Kompetenz andere Perspektiven zu übernehmen – ein ganz wesentlicher Aspekt sozialer Kompetenz, die sich auch in der Projektarbeit zeigt. Und last, aber gewiss nicht least: Medienpädagogisches Handeln weckt und fördert affektive und kreative Elemente.

Es gibt keine dummen Fragen, heißt es.

Dass sich Medienkompetenz als Schnittlauch auf allen Suppen finden darf, ist ein Grund zur Freude, wenn man allerdings weitere Konsequenzen erwartet, wandelt sich die anfängliche Freude bald in Frustration um. So befasste sich der EU-Ministerrat im Mai mit dem Thema "Creative Content Online" – da durfte natürlich die Zaubertüte ‚Medienkompetenz’ nicht fehlen. Die Frage, die es zu beantworten galt, dreht sich um ‚Bewusstheit’ – awareness  - Konkret: Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Forderungen des Medienpädagogischen Manifestes an die Bildungspolitik umzusetzen? Sind EU-Bemühungen hilfreich?

Tags

medienpädagogisches manifest, medienkompetenz, charta, uno initiative