Neue Medien

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Rezension: Die digitale Bildungsrevolution von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt

AutorIn: Christian Swertz

Die digitale Bildungsrevolution – ein ideologiegetränkter Mythos? Christian Swertz rezensiert den aktuellen Band von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt und betont, dass die digitale Bildungsrevolution nicht den Imperativen der freien Märkte folgen darf, wenn es um die Bildung kritischer Staatsbürger*innen geht ...

Abstract

Professionelles medienpädagogisches Handeln ist nie frei von Interessen – vor allem nicht, wenn es um die Gestaltung einer "Bildungsrevolution" und einen "radikalen" Wandel des Lernens geht. In der Rezension wird in den Mittelpunkt gerückt, dass die Gestaltung der digitalen Bildungsrevolution, die von Dräger und Müller-Eiselt vorgeschlagen wird, vor allem dem Mythos des Marktes als Ideologie huldigt und wenig zur Bildung des Menschen beiträgt.

Educational actions are never free of interests – considerably, if the design of an "educational revolution" is at stake. The recension emphasises that the design of the digital revolution in teaching and learning as suggested by Dräger and Müller-Eiselt renders homage to the market as an ideology, but does not contribute to education.


Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-421-04709-0


Cover: Die digitale Bildungsrevolution
von: Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt
Quelle: Amazon

Um es kurz zu machen: Ralph Müller-Eiselt ist Senior-Expert bei der Bereltsmann-Stiftung und hat den Band zur digitalen Bildungsrevolution gemeinsam mit seinem Chef Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann – Stiftung, veröffentlicht. Damit ist eigentlich alles gesagt. Der Inhalt bewegt sich präzise und in journalistisch ansprechender Qualität im erwartbaren Rahmen, der sich dadurch auszeichnet, dass die beiden Autoren sich zwar nicht mit Pädagogik beschäftigt haben, dafür aber marktadikale Positionen perfekt beherrschen.

Die mangelnde Beschäftigung mit Pädagogik wird überzeugend ersetzt durch den Archetypus der Heldenreise, von denen im Band gleich mehrere präsentiert werden. Etwa die von Ramón, der, aus unangenehmen sozialen Verhältnissen stammend, dank des Besuchs einer "Reformschule", die "individualisierten" Unterricht mit digitalen Medien anbietet, als Programmierer bei Google landet und 100.000 Dollar pro Jahr verdient.

Allerdings ist die Geschichte fiktiv – und damit nicht mehr als ein Heilsversprechen, das seine Plaubilität nur dem zugrunde liegenden monomythischen Narrativ verdankt. Schon die Berufung – die Basis jeder Heldenreise – ist aber wenig überzeugend. Denn es ist nicht immer angenehm, für Google zu arbeiten, wenn man sich etwa die Position einer unterbezahlten, staaten- und rechtlosen Aushilfsreinigungskraft vor Augen führt (Aisslinger 2016). Und ob die dem Helden Ramón in der Geschichte als erlösendes Elixier versprochenen 100.000 Dollar pro Jahr – das ist mit ca. 3.300 Euro netto immerhin überdurchschnittlich – schon die Freiheit zum Leben liefern, mit der Heldenreisen gewöhnlich enden, kann bezweifelt werden. Der Bertelsmann-Vorsitzende hat jedenfalls im letzten Jahr geschätzt das etwa 37fache verdient – ohne sich den Prüfungen unterzogen zu haben, die von einem Helden zu erwarten sind.

Eröffnet wird der Band mit einem Vergleich der industriellen und der digitalen Revolution, zwar ohne zu berücksichtigen, dass die industriell-kapitalistische Wirtschaftsweise keineswegs auf dem Weg der Revolution verbreitet worden ist, aber mit der richtigen Feststellung, dass digitale Bildung große Chancen und große Risiken birgt, was im Unterschied zu der Frage, welche Risiken man sehen will, so richtig ist wie der Satz, dass es morgen regnen wird oder nicht.

Die dann vorgeschlagene Lösung ist die computerbasierte Steuerung von als individualisiert bezeichneten Lernprozessen in globalen Lernumgebungen. Als Beispiele werden der berühmte MOOC (Massive Open Online Course) von Sebastian Thrun zur künstlichen Intelligenz mit über 100.000 Teilnehmer*innen oder die Khan-Academy angeführt, mit denen in der Tat ein internationales Publikum erreicht worden ist. Und in der Tat ist eine Internationalisierung von Lerninhalten durchaus wünschenswert, wenn Pädagogik am Menschen und damit unabhängig von nationalen oder überhaupt staatlichen Interessen am Begriff der Menschheit orientiert werden soll.

Für das Individuum rücken die Autoren dann aber die Vorhersage von Entwicklungen im Blick auf ökonomische Ziele in den Mittelpunkt: Die Software erkennt den Lernstand, diagnostiziert Risiken und hilft bei Lernproblemen. Als Beispiel wird eine Bruchrechenaufgabe angeführt, die ein Lernender falsch löst – und dann von der Software auf den Pfad der Tugend zurück geführt wird. Übersehen wird dabei, dass solche Systeme nur für sehr eng umgrenzte standardisierte Inhalte funktionieren – und in allen anderen Fällen seit Jahrzehnten krachend scheitern (Schulmeister 2006, Swertz et al. 2014).

Das Versprechen kann also nicht eingelöst werden, und darum geht es wohl auch nicht. Denn im Buch wird immer wieder die Auswahl von Mitarbeiter*innen anhand von Vorhersagen, die Algorithmen berechnet haben, geschildert. Menschen dazu zu bringen, eine solche Unterordnung des eigenen Lebens unter einen mechanischen Herrscher zu akzeptieren, ist aber nicht so einfach. Genau für solche Zwecke hat sich aber das Schulsystem schon mit den Schulen ans Netz-Programmen in den 1990er Jahren bewährt (Kaiser-Müller 2015). Und dafür soll es jetzt wieder verwendet werden. Es geht darum, für eine Akzeptanz algorithmenbasierter Herrschaftsstrukturen als Sozialtechnologie (Lehmann 2015) in einer kompetetiv-marktadikalen Ökonomie zu sorgen. Es geht, wie Fridtjof Küchemann treffend festgestellt hat, um eine politische Agenda (Küchemann 2015).

Das kann man mögen und gut heißen, und wenn man das so sieht, sind die unterbreiteten Vorschläge sicher eine gute Idee, die in keinster Weise von demokratischen Gedanken irritiert wird. Allerdings wird der Widerspruch zwischen dem am Ende erfolgenden Hinweis auf Scheinkorrelationen und der Fülle von Vorschlägen, die genau auf solchen Korrelationen basieren, in keinster Weise aufgelöst. Damit zerlegen die Autoren sich elegant selbst, denn das, was versprochen wird, kann in der Tat nicht funktionieren und offenbart sich damit also Ideologie.

In der Tat wird der Mythos des Marktes (Habermas 1990) von vielen nicht als Fake News, sondern als Fakt betrachtet. Man kann das aber auch anders sehen und andere Formen der ökonomischen und gesellschaftlichen Kooperation, in denen Werte wie Frieden, Freiheit, Solidarität oder Demokratie hoch gehalten werden, gut heißen. Die Wahl zwischen solchen Alternativen muss aber den Lernenden überlassen werden, wenn nicht einfach nur eine Ideologie als die einzig gute und schöne Wahrheit auf dem Wege der Herrschaft durchgesetzt werden soll.

Das spricht nun überhaupt nicht gegen die Verwendung von Algorithmen in didaktischer Absicht. Learning Analytics und Big Data können in der Tat einen pädagogisch motivierten Beitrag zur Entwicklung von Unterricht leisten, wenn die Algorithmen entsprechend gestaltet werden (Swertz et al. 2014). Es spricht aber gegen die einseitige, manipulative und unreflektiert kybernetisch-ideologische Steuerung von Lernenden. Das von den Autoren favorisierte Newton – System z. B. liefert nichts anderes als programmierte Unterweisung. Das ist keine digitale Revolution, sondern seit Jahrzehnten bekannt, in machen Fällen gut bewährt – und in anderen klar in die Schranken gewiesen. Teaching to the Test – und dass ist das, was die Autoren mit Verve nicht nur durch den Verweis auf Newton, sondern vor allem durch die vielen Beispiele aus dem amerikanischen Bildungssystem (wie waren noch einmal die Pisa-Ergebnisse amerikanischer Schüler*innen?) favorisieren – ist allerdings kaum als Bildungsanalass zu legitimieren. Vorteilhaft ist Teaching to the Test nur, wenn man glaubt, dass die Standardisierung von Lernzielen, die auf "individualisierten" Pfaden erreicht werden, schon dem Begriff des mündigen Menschen entsprechen. Um das glauben zu können, muss man großzügig übersehen, dass es sich dabei noch nicht einmal um eine Scheinindividualisierung, sondern nur um eine Optimierung handelt. Denn die Lernenden werden beim Teaching to the Test in der Setzung der Ziele weder bedacht noch daran beteiligt und so nachhaltig entmündigt. Eine pädagogisch motivierte und wissenschaftlich fundierte Individualisierung sieht anders aus.

Dass es um eine Glaubensfrage geht, wird vor allem am Ende recht deutlich: "Wir brauchen ein Bekenntnis aller Beteiligten" (154), schreiben die Autoren. Das trifft den Punkt: Es geht um ein Bekenntnis. Nicht um theoretisch fundierte, politisch transparente (Ruge 2015), den heterogenen empirischen Kenntnisstand berücksichtigende kreative Gestaltung (Schmölz 2016) von Lehr- und Lernprozesse durch mündige Subjekte in einer die feinen Unterschiede (Barberi 2014) bedenkenden pädagogischen Institution, sondern um ein Bekenntnis zur Maschine als Gott, um ein neues Opium des Volkes.

Wer bekenntnisorientierte Pädagogik mag, dem sei die Pansophie von Comenius empfohlen, die zumindest am Frieden der Menschheit und nicht am Konkurrenzkampf orientiert ist, und die in Punkto Effektivität und Effizienz nach wie vor das Maß der Dinge ist. Für alle anderen ist das Vertrauen auf die eigene Urteilskraft die jedenfalls bessere Alternative zur Lektüre dieses Buches.


Literatur

Aisslinger, Moritz (2016): Die armen Kinder vom Silicion Valley, in: Die Zeit, 22.09.2016, online unter: http://www.zeit.de/2016/38/silicon-valley-kalifornien-usa-armut (letzter Zugriff: 23.02.2017).

Barberi, Alessandro (2014): Von Fotografien, Televisionen und symbolischen Maschinen: Pierre Bourdieus Bildungssoziologie als praxeologische Medientheorie, in: MEDIENIMPULSE. Beiträge zur Medienpädagogik, online unter: http://medienimpulse.at/articles/view/629 (letzter Zugriff: 23.2.2017).

Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied am Rhein: Luchterhand.

Kaiser-Müller, Katharina (2015): Ideologiekritik des E-Learnings, online unter: http://www.medienimpulse.at/articles/view/773 (letzter Zugriff: 20.02.2017).

Küchemann, Fritjof (2015): Das maschinengestützte Lernen und seine Spuren, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/die-digitale-bildungsrevolution-von-joerg-draeger-13842685.html (letzter Zugriff: 23.2.2017).

Lehmann, Burkhard (2015): Rezension zu "Die digitale Bildungsrevolution", in: e-teaching.org, online unter: https://www.e-teaching.org/materialien/online_literatur/entwicklung/rezension-zu-die-digitale-bildungsrevolution/html2print (letzter Zugriff: 23.02.2017).

Ruge, Wolfgang (2015) Eine politische Frabenlehre medienerzieherischer Begründungen, in: MEDIENIMPULSE. Beiträge zur Medienpädagogik, online unter: http://www.medienimpulse.at/articles/view/799 (letzter Zugriff: 23.02.2017).

Schmölz, Alexander (2016): Ernsthafte Spiele als Anlass für Ko-Kreativität? in: J. Haag (Ed.): Game Based Learning: Dialogorientierung & spielerisches Lernen analog und digital. Beiträge zum 4. Tag der Lehre an der FH St.Pölten am 15.10.2015. Brunn am Gebirge: ikon VerlagsGesmbH, 107–118.

Schulmeister, Ralf (2006): eLearning: Einsichten und Aussichten. München: Oldenbourg.

Swertz, Christian/Henning, Peter/Barberi, Alessandro/Forstner, Alexandra/Heberle, Florian/Schmölz, Alexander (2014): Der didaktische Raum von INTUITEL. Ein pädagogisches Konzept für ein ontologiebasiertes adaptives intelligentes tutorielles LMS-Plugin, in: Rummler, Klaus (Hg.): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken, Münster: Waxmann, 555–567.

Tags

digitale bildungsrevolution, mythos, markt, idologie