Schwerpunkt

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

(Medien-)pädagogische Herausforderungen der Arbeit mit Schüler*innen auf einem Wiki

AutorIn: Jürgen Drewes

Was macht digitale Schule aus? Auf jeden Fall viel mehr als nur den Ersatz von Stift und Papier durch Tastatur und Bildschirm. Jürgen Drewes berichtet ganz konkret von seinen Tätigkeitsfeldern als schulischer Medienpädagoge ...

Seit 1990 arbeite ich an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen (D) und unterrichte Schüler*innen in den Fächern Deutsch, Katholische Religion und Sport. Ich bin somit ein "erfahrener" Kollege, habe zahlreiche Klassen und Kurse geleitet. In den letzten Jahren erkannte ich die zunehmenden Schwierigkeiten vieler Schüler*innen sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Sprachgebrauch wie im Textverständnis. Parallel dazu verläuft die Digitalisierung unserer Gesellschaft mit all den Umwälzungen besonders im Leben der Jugendlichen, die hinlänglich bekannt sind. Für mich bedeutete und bedeutet das, mich selbst auf den Weg zu machen, um Kenntnisse zu erwerben. Somit bildete ich mich über ein Jahr lang weiter zum Medienpädagogen.

Seit einem halben Jahr leite ich eine Tabletklasse: Die Schüler meiner Klasse 8 arbeiten täglich in fast allen Fächern mit ihrem Tablet (Display und Tastatur). Ich unterrichte sie außer in meinen Fächern auch im Fach Politik.

Drewers Laptopklasse

Unsere zentrale Arbeitsplattform besteht aus einem Schulwiki (http://projektwiki.zum.de/wiki/CFG_T-Klasse), einer Plattform im Internet, die es uns ermöglicht, zeit- und raumunabhängig miteinander zu arbeiten. Die Arbeit auf diesem Wiki bringt einige (medien-) pädagogische Herausforderungen mit sich, um die es in diesem Beitrag geht.

1. Öffentlichkeit

(Digitale) Öffentlichkeit ist ein zentrales Kennzeichen des Netzes, ebenso der Arbeit mit einem Wiki. Aufgabenstellungen, Dokumentationen, Reflexionen, Hausaufgaben: Alles ist von jedem und jederzeit einsehbar. Diese Situation unterscheidet sich grundlegend von der früheren, als jeder mit sich und seinem Heft allein war. Nun nimmt jeder Mitschüler, ebenso der Lehrer, wahr, was wann erledigt (oder eben nicht erledigt) wird.

Dabei sorgt das Wiki mit seiner Versionsgeschichte dafür, dass ältere Dateien und Dateiversionen wieder aufgerufen werden können.

Rückblickend auf den Prozess der Hausaufgaben-Anfertigung reflektieren die Schüler dankbar die Möglichkeit, die Texte der besseren Schüler*innen – meistens der Stärkeren in diesem Fach – lesen zu können, um sich von ihnen "inspirieren" zu lassen. Es ist bisher noch kein einziges Mal vorgekommen, dass jemand einfach kopiert und somit ein Plagiat angefertigt hat.

Dieses voneinander Lernen ist ein besonderes Kennzeichen digitaler Schule und kann in seinen (fachlichen und gruppendynamischen) Auswirkungen nicht überschätzt werden:

Zunächst steht es kontrastiv zum – gerade im Gymnasium – noch immer im Vordergrund stehenden Einzelkämpfertum, das mit der Team- und Projektarbeit  im späteren Beruf bzw. Studium nichts gemeinsam hat. In einem ersten Stadium bedeutet es, dass die Schüler*innen stetig ermutigt und aufgefordert werden, die Texte der anderen als Hintergrund eigener Arbeit zu verwenden. Hier eröffnet sich die Chance, dass ein Großteil der Klasse, insbesondere die in diesem Fach eher schwächeren Schüler*innen, durch den Zugriff auf die gesammelten Arbeiten der Mitschüler*innen vielfache Inspirationen erhalten, die ohne die digitale Lernumgebung nicht möglich wären.

Andererseits können (ggf. durch zeitlich wechselnde Experten-Teams) orthografische bzw. grammatische Überarbeitungen stattfinden, oder es kann Peer-Feedback notiert und als Grundlage der Weiterarbeit verwendet werden. So stellen sich Texte, typisch für das Internet, als prozesshaft und Ergebnis gemeinsamer Arbeit dar.

Während ein Großteil der Schüler*innen von den leistungsstarken Schüler*innen profitieren kann, ist es dem Lehrer auf diese Weise möglich, sich ebenso auf die Starken zu konzentrieren, damit auch sie einen Lernerfolg verzeichnen können und nicht ausschließlich zu Ideengebern für die anderen werden.

Als Lehrer habe ich ständig die Möglichkeit, Feedback zu geben, nicht erst in der Unterrichtsstunde und nur punktuell, sondern permanent und flächendeckend. Diese Arbeitsumgebung erlaubt mir ebenso einen detaillierten Blick in die Arbeiten aller Schüler*innen und führt letztlich zu einer breiten, sachgerechten Bewertung ihrer Leistungen.

Darüber hinaus gilt es, z. B. Persönlichkeits- und Urheberrechte sowie Datenschutzrichtlinien zu beachten und sich somit an geltendes Recht im Internet zu gewöhnen.

2. Eigenverantwortung

Der Freiraum des Einzelnen in der digitalen Schule, der sich u. a. in Möglichkeiten der Binnendifferenzierung, individuellen Lernwegen, kreativen Lösungen äußert, erfordert auf der anderen Seite ein deutliches Plus an Eigenverantwortung. Die Transparenz des Wikis und seine Versionsgeschichte dokumentieren lückenlos die Aktivitäten aller Schüler*innen und ermöglichen dem Lehrer Einsichten in ihr Arbeitsverhalten. Auswirkungen dieser Öffentlichkeit auf das persönliche Zeitmanagement und Arbeitsverhalten müssen erst noch untersucht werden. Meine Erfahrungen zeigen, dass diejenigen sich in dieser neuen Lernumgebung schnell wohlfühlen und sie prägen, die sich auch bisher gut organisieren konnten. Ebenso zeigt sich, dass die entgegengesetzt arbeitenden ca. 15 % der Schüler*innen immer wieder aufgefordert und "ermuntert" werden müssen, und die große dazwischenliegende Gruppe sich durchaus zusätzlich angetrieben fühlt durch die bekannte Öffentlichkeit (s.o.).

Effiziente Techniken zur Organisation der eigenen Arbeit zu entwickeln, besonders in einer Lebensphase, in der sich neben Schule weitere, subjektiv interessantere Perspektiven ergeben, ist für viele Schüler*innen eine Herausforderung. Strukturieren und Organisieren zeigen sich in der digitalen Schule als fundamental wichtige und folgenreiche Kompetenzen. Eine Hausaufgabe fand sich recht schnell im entsprechenden Heft, die Suche nach der Datei kann sich jedoch endlos gestalten, wenn ich nicht organisiert arbeite. Das Wiki leitet zum strukturierten Arbeiten an: Übersichtliche Listen, eine überschaubare Anzahl an Werkzeugen, Textfokussierung, geringe Ablenkungsmöglichkeiten tragen dazu bei, relativ leicht den Überblick zu gewinnen und durch konsequentes Arbeiten zu behalten. Ständige Auswertung des Lehrers, seine Pflege des Wikis, bleiben weiterhin notwendig und ermöglichen direkte Eingriffe bzw. individuelle Hinweise und Tipps.

Für mich als Lehrer bedeutet das darüber hinaus, den äußeren Rahmen (Zeitvorgaben, Aufgabenstellungen) präzise, eindeutig und konsequent zu setzen, damit genügend Anreize auch von außen bestehen, die gewonnene Freiheit zu Eigenverantwortung werden zu lassen.

3. Kultur der Überarbeitung

Das Wiki wirkt durch seine Möglichkeiten einladend: Seinen Texten sieht man ihren Prozesscharakter an, sie enthalten inhaltliche und formal-sprachliche Schwächen, die behoben werden wollen. Dieser Einladungscharakter soll sich auf die Schüler*innen auswirken, sodass sie sich an den Texten zu schaffen machen, sie kommentieren, positive und negative Kritik äußern, die dann zur Grundlage für die eigene Weiterarbeit werden können. Auch die Gesamtstruktur des Wikis ist stetiger Veränderung unterworfen: Es wächst und erfordert weitere Strukturierungen, die die Schüler*innen live miterleben und ggf. selbst (mit-)gestalten können.

4. Instrument der Einübung demokratischer Strukturen

Vielen Schüler*innen wird erst nach einer Eingewöhnungs- und Übungsphase klar, welche Möglichkeiten ihnen das Wiki bietet. Je nach Einrichtung von Benutzer*innenrechten können sie die Plattform genauso verwalten und gestalten wie der Lehrer, sind also i. d. S. gleichberechtigt. Im Normalfall führt das zu mehr Eigenverantwortung (für die ganze Klasse) und der Lehrer wird bestrebt sein, mehr und mehr von seiner Kontroll- und Leitungsfunktion an die Schüler*innen abzugeben.

Die Erfahrung, das Netz selbst gestalten zu können, vom reinen Konsumenten zum Produzenten zu werden, bereitet den Weg zum kritischen, mündigen Bürger, der sich im Netz selbstbestimmt bewegen kann.

5. Fazit

Die oben skizzierten (medien-)pädagogischen Herausforderungen markieren mehr als nur den Ersatz von Stift und Papier durch Tastatur und Bildschirm. Sie repräsentieren einen exemplarischen Bereich digitaler Schule. Öffentlichkeit, Eigenverantwortung, die Kultur der (prozesshaften) Überarbeitung sowie die Einübung in demokratische Strukturen bilden zentrale Merkmale bzw. Kompetenzen, deren Vermittlung Aufgabe von Schule in einer digitalisierten Gesellschaft ist.


Literatur

Aßmann, Sandra/Meister, Dorothee M./Pielsticker, Anja (Hg.) (2014): School's out?: Informelle und formelle Medienbildung, München: kopaed.

Blatter, Martin/Hartwagner, Fabia (2015): Digitale Lehr- und Lernbegleiter, Bern: hep.

Bos, Wilfried/Lorenz, Ramona/Endberg, Manuela/Schaumburg, Heike/Schulz-Zander, Renate/Senkbeil, Martin (Hg.) (2015): Schule digital – der Länderindikator 2015, Münster: Waxmann.

Brüggemann, Marion/Knaus, Thomas/Meister, Dorothee M. (2016): Kommunikationskulturen in digitalen Welten, München: kopaed.

Burow, Olaf-Axel (2014): Digitale Dividende: Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule, Weinheim/Basel: Beltz.

Giesecke, Michael (2002): Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft: Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Hartmann, Werner/Hundertpfund, Alois (2015): Digitale Kompetenz: Was die Schule dazu beitragen kann, Bern: hep-Verlag.

Larbig, Torsten/Spang, André/Bieler, Ines/Henning, Urs (2017): Digitale Medien für Unterricht, Lehrerjob und Schule: Die besten Ideen und Tipps aus dem Twitterchat #EDchatDE, Berlin: Cornelsen.

Mittelstädt, Holger/Mittelstädt, Rainer (2015): 99 Tipps – Praxis-Ratgeber Schule für die Sekundarstufe I und II: Digitale Medien im Unterricht, Berlin: Cornelsen.

Möbius, Thomas/Steinmetz, Michael/Lang, Verena (2015): Tablets im Deutschunterricht, München: kopaed

Notari, Michele/Döbeli Honegger, Beate (2013): Der Wiki-Weg des Lernens, Bern: hep-Verlag.

Wampfler, Philippe (2017): Digitaler Deutschunterricht: Neue Medien produktiv einsetzen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Tags

wiki, schule, digitale schule, medienpädagogik, medienkompetenzen, kollaboration, eigenverantwortung, internet, demokratische strukturen