Forschung

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Der Anerkennungsdiskurs in der bildungswissenschaftlich orientierten Medienpädagogik und Mediensozialisationsforschung

AutorIn: Ilona Cwielong

Warum hat der Anerkennungsdiskurs, der in den Sozialwissenschaften geführt wird, noch nicht Einzug in die Medienpädagogik und Mediensozialisationsforschung gehalten? Illona Cwielong geht vom philosophischen Diskurs aus, um die Anerkennungsfrage medienpädagogisch zu aktualisieren ...

1. Einleitung

"Ist es etwas, was man posten kann? Ist es zu banal? Ist es zu privatim? Zu peinlich? Wen interessiert es überhaupt, wie ich denke, was ich fühle und wie ich mein Leben gestalte? Was ist, wenn ich mich offenbare und niemand reagiert? So wie neulich, als ich auf Facebook einen persönlichen Erfolg vermeldete und kein einziges Like bekommen habe. Ich weiß nicht, was unangenehmer war: das Gefühl, dass es niemanden interessiert hat oder dass alle es sehen konnten. Das Schweigen hat etwas Passives-Aggressives: Das ist als wenn ein Kind in der Schulaula etwas vor seiner Familie und der gesamten Elternschaft aufführt und anschließend keiner klatscht. Dabei versuche ich doch alle Postings von 'Freunden' bei Facebook auch zu liken. Oder liegt es vielleicht gar nicht daran die anderen zu wenig geliket zu haben? Mögen sie mich einfach nicht?"

Dieser exemplarische und stereotypische fiktive Gedankengang thematisiert das typisches Anerkennungsdilemma des heutigen digitalen und individualisierten Zeitalters: Auf der einen Seite sich präsentieren zu müssen und aus der Masse herauszustechen, um wahrgenommen und anerkannt – ja vielleicht sogar bewundert – zu werden und auf der anderen Seite dabei nicht seines Bedürfnisses nach Anerkennung entlarvt zu werden, aufdringlich und penetrant zu wirken und sich in der Gemeinschaft zu integrieren.

Anerkennung ist ein Prozess und zählt heute als ein Grundbedürfnis dessen soziale und gesellschaftliche Relevanz bisher noch nicht aufgeschlüsselt ist, weshalb in den letzten Jahren ein Diskurs in den Geistes- und Sozialwissenschaften geführt wurde. Der Diskurs hat bisher jedoch noch nicht in der Medienpädagogik und Mediensozialisation Einzug erhalten. Folglich ist zu klären, ob und welche Zusammenhänge zwischen dem Anerkennungsprozess und Anerkennungsgenese und der Mediennutzung, Medienaneignung und Medienbildung bestehen, um für die Medienpädagogik und Mediensozialisation ertragreich und nutzenbringend zu sein.

2. Etymologie, Valenz und Semantik des Begriffs "Anerkennung"

Bereits die Etymologie, Valenz und Semantik des Begriffs "Anerkennung" deuten auf die Komplexität des Anerkennungsprozesses hin. Etymologisch bildete sich im 16. Jahrhundert "anerkennen" aus dem Wort "erkennen" (vgl. Goethe-Wörterbuch 2014). Vermutlich ist der Begriff "erkennen" und "anerkennen" auf die lateinischen Begriffe "agnoscere" und das dar­aus perzeptiven Verb "recognoscere" über den französischen Begriff "reconnaître" zurück­zuführen.[1]

Das deutsche Verb "erkennen" beinhaltet unterschiedliche semantische Inhalte. Die wohl abstrakteste Bedeutung steht synonymisch zu "wahrnehmen", "etwas erfassen" und "durch die Sinne empfinden". substanzieller wird der Begriff, wenn er im Sinne von "sich eine Sache vorstellen", "identifizieren" und "prüfen, untersuchen", "verstehen und begreifen" und "eine klare Vorstellung bekommen" verwendet wird. Diese Bedeutungen implizieren ein identifizierendes Moment, d.h. nicht nur einen sensorischen Prozess, sondern darüber hinaus mindestens die perzeptuelle Organisation, einem Akt des Vergleichens mit Vorwissen[2]bestimmter Merkmale und Erfahrungen und somit etwas für wahr oder gültig zu erkennen. "Etwas völlig Fremdes, das jeglicher Wiedererkennung oder auf (in irgendeiner Hinsicht) Gemeinsamkeiten aufbauenden Identifikation entbehrt, kann auch nicht anerkannt werden" (Schmetkamp 2012, 113). Der Begriff kann auch "urteilen" oder "bewerten" bedeuten.[3] Dabei kann "erkennen" entweder weiterhin eine zweistellige Relation "jemand (x) erkennt jemanden oder etwas (y) an" im Sinne einer Bestätigung, Bejahung, Gut­heißung und Wertschätzung oder eine dreistellige Relation "jemand (x) erkennt jemanden oder etwas (y) als/für etwas (z) an" oder "jemand (x) erkennt jemanden oder etwas (y) aufgrund von (z) an" beinhalten.

Bei der zweistelligen Relation wird das Verb "anerkennen" als "wahrnehmen", "erfassen", also im Sinne von "erkennen" und "etwas für wahr oder gültig" halten syntaxiert. Ursprünglich wurde diese Relation hauptsächlich verwendet, um das Verhältnis von der oder dem Anerkennende(n) und einem anzuerkennenden Gegenstand, einem Sachverhalt oder einer Tatsache wie etwa einem Gesetz oder einer Regel zu beschreiben. Etwas (z) wurde dabei für wahr oder gültig anerkannt und in gewisser Hinsicht als normativ verbindlich bestätigt. Daher wurde diese Relation hauptsächlich im politischen und juristischen Bereich verwendet und impliziert eine gewisse Machtproblematik.

Die dreistellige Relation setzt hingegen den Prozess des Erfassens, Wahrnehmens und Erkennens des Gegenübers voraus und impliziert den Prozess des Identifizierens und Vergleichens mit etwas Bekanntem. In der dreistelligen Relation kann das Objekt bzw. der oder die Anerkannte fundamental biologisch[4], aber auch bezüglich ihrer sozialen Zugehörigkeit zu sozialen Klassen und Kategorien[5] anerkannt werden. Darüber hinaus kann das Objekt bzw. der oder die Anerkennung-Suchende auch bezüglich seiner oder ihrer Eigenschaften, Fähigkeiten und anderen Merkmalen, die identitätsstiftend sind, anerkannt werden. Der Einzelne steht also für sich. Es können aber auch Gruppen anerkannt werden. "Die Gruppe zeichnet sich durch eine Gemeinsamkeit, zum Beispiel eine gemeinsame Wertebasis aus, die geteilt werden muss. Die Gruppe ist also nicht nur die Summe ihrer einzelnen Individuen" (Schmetkamp 2012, 123), sondern Gruppenmitglieder identifizieren sich über kollektive Merkmale, Interessen, Intentionen oder Ziele. "Jene Gemeinsamkeit macht sie zu einer Gruppe, einer Gemeinschaft, die sich über geteilte Identifikationsmomente definiert, das heißt, das Individuum, das Teil der Gruppe ist, setzt seine personale und kulturelle Identität unter anderem auch aus der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe zusammen" (Schmetkamp 2012, 125). Zusammenfassend erhält schließlich in diesem triadischen Zusammenhang "anerkennen" eine moralische Komponente. Die Aufmerksamkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften erhielt der Anerkennungsprozess jedoch anfänglich nicht aufgrund seiner Valenz und Semantik, sondern aufgrund seiner Relevanz in dem Grundprinzip des Menschen als soziales Wesen.

3. Die Geschichte des Anerkennungsdiskurses

Obschon die Anerkennungsproblematik so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst, lassen sich zur Relation des "Anerkennens" vereinzelte philosophische Überlegungen im westlichen Kulturraum erst auf Rousseau und Kant zurückführen. Wissenschaftlich systematisch setzte sich jedoch erstmals der Johann Gottlieb Fichte mit "Anerkennung" auseinander. Dieser führte 1796 in seinen "Grundlagen des Naturrechts" nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre den Begriff Anerkennung mit seiner Genese des Bewusstseins auf Individualität ein, welches er als Bedingung eines vernünftigen (d.h. sich selbst als frei empfindenden) Subjekts definiert, um von diesem aus das natürliche Rechtsverhältnis zu deduzieren (ebd., 7f.; vgl. Sitzer/Wiezorek 2005, 103). Fichte zeigte, dass die Selbstbewusstseinsbildung ein reziproker Prozess ist, der sich durch das Bestimmen der eigenen Freiheit und simultan intrinsischen Einschränkens von Willkürfreiheit charakterisieren lässt, ganz im Sinne von "Erkennen der eigenen Freiheit ist nur durch Anerkennen der Freiheit des Anderen möglich" (Siep 1992, 176). Die daseins- oder existentaffine und rechtliche Begriffsdefinition von Anerkennung ist für Fichte nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für das vollständige freie Selbstbewusstsein. Nur eine uneingeschränkte Reziprozität wie die sittliche Anerkennung, bei der die Erfüllung der Pflicht zur Achtung der Personenwürde gegenseitig erwidert wird (vgl. Düsing 2000, 109), ist hinreichend. Für Fichte geht die Bildung des Selbstbewusstseins mit dem Aufbau des sozialen Seins einher, bei dem das werdende Ich eine Synthese von autonomer Selbstständigkeit und interpersonaler Abhängigkeit bildet.

Der junge Georg Wilhelm Friedrich Hegel hingegen, der heute oft als "der" klassische Philosoph oder "Stammvater" (Honneth 2003, 7) von Anerkennung erklärt wird, versteht die Selbstbewusstseinsbildung und den Anerkennungsprozess auch als eine Integration in ein vorhandenes gesellschaftliches Regelsystem. Es geht ihm im Vergleich zu Fichte primär um die Anerkennung des Einzelnen als (Mit-) Glied eines Volkes (vgl. hierzu Siep 1992, 181). Hegels Gedanken entstammen zum einen, wie auch bei Fichte, aus der Auseinandersetzung mit der Philosophie Kants. Hegels Phänomenologie des Geistes (1807), speziell mit seinen Erläuterungen zum Kampf des Anerkennens sowie dem Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft, werden als deutlichstes Werk seines Entwurfs zu Anerkennung betrachtet.[6]

Hegel legt konkret die Bildung des Bewusstseins als eine "Bewegung des Anerkennens" dar und betrachtet Anerkennung somit als einen Prozess: In der ersten Phase der Bildung von Anerkennung "ist [das Selbstbewusstsein] außer sich gekommen". Das Selbstbewusstsein verliert sich selbst dadurch in zweifacher Hinsicht: Zum einen erfährt es sich "als ein anderes Wesen" (kursiv im Orig., Hegel 1952, 141) und simultan sieht es "sich selbst" (kursiv im Orig., Hegel 1952, 141) bzw. verliert sich selbst "im Andern" (kursiv im Orig., Hegel 1952, 141). In der zweiten Phase der "Bewegung des Anerkennens" soll dieser Selbstverlust sowie die Verein­nahmung des Anderen aufgehoben werden: "erstlich, es muß darauf gehen, das andere selbstständige Wesen aufzuheben, um dadurch seiner als des Wesens gewiß zu werden; zweitens geht es hiermit darauf, sich selbst aufzuheben, denn dies andere ist es selbst" (kursiv im Orig. ebd., 141f.). Das Selbstbewusstsein negiert das Andere um sich selbst als existent zu vergewissern. Die Crux besteht nun darin, dass es sich selbst dadurch aber die Möglichkeit nimmt, vom Anderen bejaht zu werden. Daher kehrt in der dritten Phase das Ich "in sich selbst" (kursiv im Orig., ebd., 142) zurück, indem es seine Negation negiert um sich selbst zu bestätigen. Das heißt "(…) es wird sich wieder gleich durch das Aufheben seines Andersseins (…)" und simultan "gibt es das andere Selbstbewußtsein ihm wieder ebenso zurück, denn es war sich im anderen, es hebt dies sein im anderen auf, entläßt also das andere wieder frei" (ebd.). Das Subjekt behandelt durch die doppelte Ver­neinung bzw. Negation das Andere als ein selbstständiges Subjekt. Beide Subjekte konstituieren sich schließlich selbst. "Sie anerkennen sich, als gegenseitig sich anerkennend" (ebd. 143). Es geht aber Hegel nicht nur ausschließlich um die Selbstbewusstseinsbildung durch die reziproke Anerkennungsbeziehung zwischen zwei Subjekten im Sinne von Subjekt-, Erkannt- oder Wahrgenommen werden, so dass Hegels Begriff der Anerkennung nicht nur im Kontext von Individuation wie bei Fichte oder auch Hobbes (1651) "Kampf um Selbstbehauptung" bleibt.

Hegel betrachtet darüber hinaus Anerkennung in Relation zwischen Einzelwillen und Allgemeinwillen (Sitzer/Wiezorek 2005, 108) und manifestiert den Prozess vornehmlich auch in der Vergesellschaftung. Den Übergang bzw. die Transformation von der Individuation und Selbstbehauptung zum "Kampf um Anerkennung" und Vergesellschaftung stellt er mithilfe seines populären Gleichnis' von Herr und Knecht dar: Der Knecht verliert seine Selbstständigkeit und der Herr "bezieht sich auf den Knecht mittelbar durch das selbstständige Sein" (kursiv im Orig., ebd., 146). Sein Status ist abhängig von der Bestätigung bzw. Anerkennung des Knechts, welches wiederum nicht von Bedeutung für ihn sein muss. Aufgelöst wird das Verhältnis, indem der Knecht "durch die Arbeit zu sich selbst kommt". Die (durch das Arbeiten) "gehemmte Begierde" des Knechts (ebd. ,149) kommt temporär durch das Stellen eigener Ansprüche zum Vorschein, wodurch er schließlich "darin seine Selbstständigkeit behält" (ebd., 148). "Im Herrn ist ihm das Für-sich-sein ein Anderes oder nur für es; in der Furcht ist das Für-sich-sein an ihm selbst; in dem Bilden wird das Fürsichsein als sein eigenes für es, und es kommt zum Bewußtsein, daß es selbst an und für sich ist. (…) Es wird also durch dies Wiederfinden seiner durch sich selbst eigener Sinn, gerade in der Arbeit, worin es nur fremder Sinn zu sein schien" (Hegel 1952, 149). Der Herr erkennt in dem Knecht eine verletzbare Person und es kann zu einer wechselseitigen Bejahung der Anerkennung des jeweils anderen kommen. Das bedeutet der Übergang der Selbstbehauptung zum Kampf um Anerkennung charakterisiert sich in der Behauptung der Identität mit seinen subjektiven Ansprüchen gegenüber dem Anderen – und dies ist ein Kampf um die Ehre und dem Status, der zwischen den beiden Kontrahenten bis zum Tod führen kann. Jedoch macht der Tod keinen Sinn, denn weder der Tote, noch der Lebende findet Anerkennung bei dem jeweiligen anderen, sodass sich einer dem Anderen unterwerfen muss, um dem Tod zu entkommen. Damit zeigt Hegel, dass "die Anerkennung selbstbewusster und selbstständiger Wesen nur in einem gemeinsamen Selbstbewußtsein möglich ist (…) Für die 'interpersonale Anerkennung' bedarf es der Anerkennung des 'Ich' im 'Wir' und des 'Wir' im 'Ich'" (Siep 2006, 114).

Komparierend mit Fichte betrachtet Hegel Anerkennung auch als die Bildung des Selbstbewusstseins, in dem das Subjekt sich um seine Fähigkeiten und Eigenschaften anerkannt weiß, zugleich Teile seiner Identität kennenlernt und somit dem Gegenüber als ein Besonderes entgegensetzt. Hegel fokussiert sich auf die unterschiedlichen Gestalten des reziproken Handelns, die er in die verschiedenen Formen sittlichen Verhaltens überträgt. "Die sittlichen Verhältnisse einer Gesellschaft stellen für ihn nunmehr die Formen einer praktischen Intersubjektivität dar, in der das komplementäre Übereinkommen und damit die notwendige Gemeinsamkeit einander sich entgegensetzender Subjekte durch eine Bewegung der Anerkennung sichert" (Honneth 1994, 30). Er befördert Anerkennung und andere elementare Formen intersubjektiven Zusammenlebens zu einer Art Naturbasis oder Grundlage menschlicher Vergesellschaftung (Honneth 1994, 26 & 30), die nicht nur – wie zuvor Fichte, Hobbes und Kant – auf Selbstbehauptung und Recht beruht, sondern auch auf die reziproke Anerkennung von Identität. Schließlich manifestieren sich schon in Fichtes und Hegels Überlegungen zum Anerkennungsprozess eine moralische und normative Komponente sowie eine Machtproblematik, die im Laufe der Zeit ausdifferenzierter wurden.

Mit Hegels Entwurf endete jedoch zunächst die Entwicklung der klassischen Anerkennungstheorie (vgl. Amengual 2010, 92). Zwar ist der Prozess von Anerkennung mit Hegels Herrschaft-Knechtschaft-Dialektik stark eingebettet in die Arbeiter- und Bildungsbewegung, jedoch ist hierbei der Anerkennungsprozess als Teiltheorie zu sehen. Erst seit dem 20.Jahrhundert wurde wieder ausschließlich auf den Anerkennungsprozess gelegt und der Diskurs aufgenommen. Insbesondere durch die Re-Lektüren z. B. der Schriften Kants, Fichtes und kürzlich auch Rousseau konnte vermehrt aufgezeigt werden, dass die Bedeutung zum Thema Anerkennung bislang unterschätzt wurde. Dabei werden zugleich dann auch andere Lesarten und Auslegungen von 'Anerkennung' eröffnet.

4. Der heutige Anerkennungsdiskurs

Seit Ende der 1990er Jahren lassen sich beinahe in allen gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen eine "Konjunktur" und "Karriere des Anerkennungsbegriffs" (Nothdurft 2007, 111) beobachten. Lange Zeit zuvor suchte man vergeblich nach sowohl anerkennungstheoretische Überlegungen zu Erziehung, Bildung und Sozialisation als auch Einträgen zu 'Anerkennung' in pädagogischen Wörterbüchern und Lexika (vgl. Balzer 2012, 4). Die Arbeit an diesem Diskurs stellt sich dabei interdisziplinär als eine "Grundlagenreflexion" (Ricken 2010, 15) der sozialwissenschaftlichen Kategorie Anerkennung dar, die sich als "Arbeit an den Grenzen" (Balzer 2014, 3) in dem Sinne verstehen lässt, als dass zum einen er sich an den Grenzen der einzelnen Disziplinen bewegt (vgl. Düttmann 1997, 218) und zum anderen der Versuch unternommen wird, diese interdisziplinären Grenzen zu verschieben und zu öffnen. Während zur Zeit die Sozialphilosophie, im Speziellen durch Axel Honneths (1992) Anerkennungskonzept, Anerkennung als ein moralisch-normatives Prinzip greift und sie als ethische Kategorie fasst, wird in den Sozialwissenschaften der Anerkennungsbegriff als ein Problem von Differenz (und Gerechtigkeit) betrachtet.

Sukzessiv steigert sich auch in der Sozialisationsforschung und der empirischen Erziehungswissenschaft die Aufmerksamkeit gegenüber 'Anerkennung' und es mehren sich die Arbeiten über und zu 'Anerkennung' als zentrale Dimension in der Sozialisation sowie in pädagogischer Theorie und Praxis (vgl. u.a. Hafeneger 2002, 8). Anfangs wurde der Diskurs im Bereichen aufgriffen, die offensichtlich durch Differenz – wie beispielsweise Integration, Interkulturalität und Feminismus – geprägt waren. Mittlerweile hält der Anerkennungsdiskurs aber auch Einzug in der Bildungs- und Schultheorie sowie Schulpädagogik.

Nicole Balzer fasst 2012 die "Spuren der Anerkennung" der bis dato durchgeführten sozialwissenschaftlich-theoretischen Studien zusammen und gliedert sie interpretativ und phänomenal nach Anerkennungsformen. Sie zeigt dabei wie Anerkennung "'arbeitet', wie sie sich vollzieht und wie sie 'ausgeübt' wird" (Balzer 2012, 28) und differenziert schließlich den Diskurs zwischen a) Studien zur Anerkennung von Identität(en) und die Identität von Anerkennung sensu Honneth und Charles Taylor, b) Studien zur Anerkennung des Anderen und das Andere der Anerkennung sensu Emmanuel Levinas und Jessica Benjamin und c) Studien zur Macht der Anerkennung und die Anerkennung der Macht sensu Judith Butler und Pierre Bourdieu aus.

Zusammengefasst wird in erziehungswissenschaftlichen Studien Anerkennung "einerseits als Problematik von 'Differenz' und Bildungsungleichheit zur Geltung gebracht und andererseits als ein moralisch-ethisches Prinzip pädagogischen Handelns und pädagogischer Praxen veranschlagt" (Balzer 2012, 585).

Daher ist – zugespitzt formuliert – der Appell des bisherig geführten erziehungs- und bildungswissenschaftlichen Diskurses im Kontext moralisch-ethischer Überlegungen zu Anerkennung: Pädagogisches Handeln soll zu Anerkennungshandeln und pädagogische Arbeit zu Anerkennungsarbeit werden. Anerkennung bietet nach diesen Kerngedanken nicht nur eine ethische Orientierung und Zielvorgabe, sondern wird letztlich zu einem Qualitätsmerkmal pädagogischer Praxis. Währenddessen Hericks (u.a. 2006) Anerkennung daher mittlerweile als eine Fähigkeit, Kompetenz und Entwicklungsaufgabe pädagogisch Tätiger deklariert, verwies schon Erikson (1968) auf die Bedeutung von Anerkennung in der Identitätsbildung eines Subjekts dahingehend, als dass erfahrene und erlebte Anerkennung eine notwendige Komponente zur Konstitution des Ichs ist (vgl. Düsing 2000, Cwielong 2015). Er verdeutlichte, dass Vertrauensbrüche, Zurückweisung oder gar Missachtung von Bezugspersonen des sich konzentrisch erweiternden Umfeldes Krisen bis hin zu Brüchen in der Ich-Identität mit sich bringen können (Erikson 1968).

5. Der Anerkennungsdiskurs in der Mediensozialisationsforschung und Medienpädagogik

Wenngleich der Anerkennungsdiskurs in der Erziehungswissenschaft aufgegriffen wird, fand er bisher nur wenig Anklang in der aktuell bildungswissenschaftlich orientierten Medienpädagogik und der Mediensozialisationsforschung, obwohl das Grundbedürfnis Anerkennung und die Suche nach Anerkennung vielleicht "der" Anlass oder ein Anerkennungsmangel die Ausgangssituation für die heutige digitale Mediennutzung ist (vgl. Hugger 2009, Cwielong 2015). Dabei wird Anerkennung zu einem Motivator, Stimulus und Unterstützer für die Medienaneignung und schließlich zur Medien- und Identitätsbildung mittels digitaler Sozialräume (Löw 2001, vgl. Cwielong 2015). Ob beim Eintritt und der Selbstpräsentation, der Kommunikation und Interaktion, Teilnahme und Integration in digitalen Sozialräumen (Löw 2001) und das Lernen in und mittels digitaler Medien – Anerkennung ist "Voraussetzung und 'Triebwerk' von Bildung und Autonomie, (Chancen-)Gleichheit, Partizipation und Bildungsgerechtigkeit" (Balzer 2012, 585) auch in und mittels Medien und digitalen Sozialräumen (Löw 2001), so dass Anerkennungserfahrungen sowohl off- als auch online letztlich zum Katalysator von Bildungsprozessen und lebenslangen Lernens sowie insbesondere zur Bedingung gelingender Biographie (vgl. Balzer 2012, 597) wird. Um Anerkennung als grundsätzliche Dimension in der Mediensozialisation und Medienpädagogik in Theorie und Praxis begreifen zu können, kann Anerkennung als a.] Analysekategorie der Mediensozialisationsforschung und medienpädagogischen Empirie und als b.] Reflexionskategorie der medienpädagogischen Praxis gekennzeichnet werden (vgl. hierzu Balzer 2012, 586ff.).

a.] Anerkennung als eine Analysekategorie verdeutlicht die Bedeutung und den Modus des Prozesses von Anerkennung in der Medienaneignung und Medienbildung sowie Mediensozialisation. Angelehnt an Bedorfs (2010) drei Modellen von Anerkennungstheorien lässt sich die Relevanz des Anerkennungsprozesses von a) der Wahrnehmung und Kenntnisnahme über b) die gegenseitige Anerkennung bis hin zur c) gegenseitigen Anerkennung von Vergemeinschaftungsformen und Gemeinschaftsbildungen im digitalen Sozialraum (Löw 2001) verdeutlichen:

5.1. Wahrnehmung und Kenntnisnahme von UserInnen bzw. Subjekten: Subjektivierende Anerkennung

In digitalen Sozialräumen wie beispielsweise in Online-Communities, Chats, Foren und Games stehen Objekte als Platzhalter anstelle eines Individuums oder einer Gruppe, die als Subjekte wahrgenommen und zur Kenntnis genommen werden müssen. Daher sind in diesem Zusammenhang so genannte subjektivierende Anerkennungsansätze von großer Bedeutung. Subjektivierende Anerkennungsansätze, wie ursprünglich der von Fichte, bilden das Fundament für die Frage nach der Subjektwerdung. Jüngere Arbeiten wie beispielsweise die von Louis Althusser (u.a. 1977), Judith Butler, Jessica Benjamin (u.a. 1988, 1995, 1997) und Donalds Woods Winnicott (u.a. 1951) betrachten Anerkennung als subjektkonstituierender Prozess, bei dem sich das Gefühl des Selbstseins, Selbstbewusstsein und Selbst(wert)gefühl bilden und erhöhen. "Anerkennung (…) umfasst [aber] auch kognitive Akzeptierung und impliziert notwendigerweise Versagung und Negation" (Balzer/ Ricken 2012, 65) beispielsweise in Form einer epistemologische und formelle Anerkennung, welche im digitalen Sozialraum (Löw 2001) bereits beim Eintritt wie der Registrierung durch die unterschiedlichen Reglementierungssysteme wie Softwareprogramme und beauftragte Raumwärter bzw. Gatekeepern vollzogen wird. In dieser Bedeutungsverwendung erhält Anerkennung nicht nur eine Konstitutions-, sondern simultan durch die (Re-)Identifizierung und durch das Wiedererkennen auch eine Machtproblematik (vgl. u.a. Bedorf 2010, Balzer/ Ricken 2010, 66). Avatare in Form eines Bildes, Icons oder einer 3D-Figur repräsentieren mindestens einen User. Ebenso stehen digitale oder digitalisierte Artefakte für eine oder mehrere erbrachte Leistung(en), symbolisieren den Lebensstil u.v.m. eines oder mehrerer User. Diese visuellen und audio-visuellen Repräsentanten müssen auch von der Userschaft identifiziert werden und als "gültig", "existent" (an)erkannt werden, bevor eine soziale Interaktion und Kommunikation sowie Selbstbehauptung und Positionierung überhaupt erst möglich ist und stattfinden kann. Ganz im Sinne "Man ist [in diesem Prozess] nicht erst jemand, der dann auf andere stößt, sondern man wird erst jemand durch andere und von anderen her – ohne dass man deswegen vorher niemand war" (Balzer/Ricken 2010, 63). Die Abbildungen und Artefakte müssen gewissen normativen Kriterien bzw. kollektiven Wahrnehmungs- und Anerkennungsattributen der Userschaft entsprechen (vgl. Cwielong 2015), zugleich sollten sie sich aber auch von anderen Abbildung und Artefakten in ihrer Form und Darstellung abgrenzen und unterscheiden (vgl. Cwielong 2015). Das Subjekt muss also seine Selbstpräsentation an den "generalisiert Anderen" (Mead 1934) anpassen und angleichen, dabei aber zeitgleich sich als unabhängig von anderen erweisen und sich selbst behaupten (vgl. Cwielong 2015). Daher kann die subjektivierende Anerkennung widersprüchlichen Gefühle und "Leiden verursachen" (Taylor 1993, 14) insofern, als das sich das ausdrückende Fremdbild dem Selbstbild des Subjekts widersprechen kann. Es wird in diesem Prozess nicht nur definiert, "wer wir sind und sein können, sondern gegebenenfalls auch der Rahmen dessen abgesteckt wird, wer wir nicht (mehr) sein und werden können" (Balzer 2014, 406).

5.2. Gegenseitige Anerkennung der Identitäten: Intersubjektivierende Anerkennung

Nach dem Prozess der Wahrnehmung und dem Erkennen des Subjekts von Reglementierungssystemen und der Userschaft kann eine Interaktion und Kommunikation stattfinden, in der eine emotionale Zuwendung beispielsweise in Form von Bewunderung, Würdigung, Achtung, aber auch Missachtung und Demütigung usw. zwischen den Usern stattfindet. In so genannten intersubjektivierenden Anerkennungsansätze (vgl. Honneth 1992, Bedorf 2010) wie in den Überlegungen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1807) und George Herbert Mead (1934, 1987) oder dem daraus erarbeiteten Anerkennungskonzept von Honneth (u.a. 1992) wird die reziproke Anerkennung mit der Artikulation elementarer Bedürfnisse im Kontext einer sozialen Interaktion betrachtet (vgl. Honneth 1992, 148). Es geht bei dieser Perspektive um die Untersuchung singulärer Identitäten mit ihrem Grundbedürfnis nach Anerkennung, den Einfluss von Anerkennung auf den Identitätsprozess sowie im Allgemeinen um das Verständnis des Selbst, der Selbstwerdung und der Selbstverwirklichung.

Die elementaren Anerkennungsformen der emotionalen Zuwendung und Bestätigung, kognitiver Achtung und sozialer Wertschätzung konstituieren schließlich die Genese einer individuellen Selbstbeziehung, die in den intersubjektivierenden Ansätzen nicht nur unter funktionalen Gesichtspunkten, sondern auch als normative Bedingung der Selbstverwirklichung (Honneth 1994, 280f.) betrachtet werden. Balzer und Ricken (2010) sehen in diesen Anerkennungsansätzen deshalb eine ethische Problematik, d.h. sie sehen den Begriff "Anerkennung" in dieser Bedeutung im Sinne von Wertschätzung und Respekt an, der als Zentralbegriff der gegenwärtigen Ethik und Begründungstheorie von Moral gesehen wird. Die Arbeiten von Honneth werden dabei als theoretischer und empirischer Grundstein gesehen, wobei der Anerkennungs­begriff recht eng gefasst und immer im positiven Verständnis ver­wendet wird. Nicht-Anerkennung und fehlende Anerkennung werden als Demütigung, Missachtung und als defizitär erachtet, was in der jeweiligen Wirklichkeit nichtzwangsläufig der Fall sein muss.

Hugger (2009) und Cwielong (2015) legten hierzu den Grundstein für die medienpädagogische und mediensozialisationstheoretische Untersuchung des Prozesses von Anerkennung zwischen Usern in seinem Modus und seiner Form in der Kommunikation zwischen Usern in digitalen Sozialräumen (Löw 2001). Hugger (2009) beschäftigte sich mit der Identitätsbildung von türkischen Migrantenjugendlichen in Online-Communities bzw. im Konkreten mit der Frage, wie es jungen Migranten der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Deutschland gelingt, sich digitale "Ethno-Portale" – zunutze zu machen, um dort soziale Anerkennung zu finden und sich ihrer national-ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit zu vergewissern. Cwielong (2015) zeichnete in ihrer Untersuchung nicht nur den Anerkennungsprozess per se, sondern seine Interdependenz und Reziprozität zum Aneignungsprozess von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab dem Kindesalter vom Offline-Kontext über Online-Communities in eine deterritoriale Vergemeinschaftung, einer popkulturellen Fanszene, nach.

In beiden Analysen wird deutlich, dass die Suche nach Anerkennung und Gleichgesinnten die Ausgangssituation für den Eintritt in die digitalen Sozialräume (2001) und schließlich der Erhalt von Anerkennung das soziale Handeln, die Teilnahme und schließlich Integration in ihrer Identitätsbildung fördert und stärkt.

5.3. Gegenseitige Anerkennung anderer (Medien-)Kulturen, Vergemeinschaftungsformen und Gemeinschaftsbildungen: Interkulturelle Anerkennung

Heute manifestieren sich gesellschaftliche und politische Prozesse im analogen, gleichsam in digitalen Sozialräumen insbesondere über und in den Medienkulturen, deterritorialen Vergemeinschaftungsformen und Gemeinschaftsbildungen beispielsweise – politisch aktuell relevant – durch die Bildung religiöser oder politischer extremistischer und radikalisierter Gruppierungen im Internet. Der Fokus von Untersuchungen interkultureller Anerkennung wie beispielsweise von Charles Taylor (1993) liegt auf politischen Anerkennungsfragen und der Frage nach kollektiven Identitäten kultureller, ethnischer und religiöser Art (vgl. u. a. Bedorf 2010, Schmetkamp 2012) in multikulturellen Gesellschaften im globalisierten Zeitalter. Konkret geht es dabei um interkulturelle, politische und ökonomische Gerechtigkeit. Balzer und Ricken (2010) bezeichnen diese Grundsatzfragen als Differenz- und Partizipationsproblematik, bei der Anerkennung als Modell der Auseinandersetzung um Differenz, Partizipation, soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Gerechtigkeit, gegenwärtige Problematiken und Diskurse multikultureller Gesellschaften wie Desintegration, Vereinzelung und Isolierung von Individuen, aber auch neue Vergemeinschaftungsformen und schließlich übergreifend und abstrahierend auch Individualisierung aufwirft.

Bisher wurden im digitalen Sozialraum nur wenige gesellschaftliche und politische Phänomene, Prozesse und Bewegungen wie beispielsweise Shitstorms und Hate-Speeches, Bildung neuer religiöser und politischer, radikalisierter und extremistischer Gemeinschaften und Vergemeinschaftungsformen mithilfe interkultureller Anerkennungsansätze untersucht.

So könnten mit der Anerkennungsperspektive Erregungskampagnen und Stimmungsmache wie Hatespeeches und Shit-, aber auch Candystorms, die sich an kleinen Details entzünden, erklärt und untersucht werden. Anfangs identifizieren sich UserInnen mit der – meist gerechtfertigten – Kritik oder dem Lob, sie anerkennen bzw. bestätigen dies über ein "Gefällt mir"-Klick, bekräftigen und exemplifizieren mithilfe von Postings (Kommentare, Fotos und Videos). Hinter der Partizipation verbirgt sich nicht nur die Artikulation von Angst, Zorn und Neid oder gar Bewunderung, sondern auch das Gefühl "etwas Gutes getan zu haben", "dabei zu sein", d. h. UserInnen streben nach der Befriedigung des Anerkennungsbedürfnisses, nach einem Zugehörigkeits- und Wir-Gefühl bzw. wie Honneth (1994) es bezeichnet, nach der Anerkennungsform "Solidarität" – wahrscheinlich ohne dem Bewusstsein über die Konsequenzen ihrer Beteiligung (Cwielong 2016). Simon Hegelich fokussiert sich dabei auf die technischen Möglichkeiten und erforscht Meinungsroboter und die Manipulation in sozialen Netzwerken durch z.B. "Social Bots" und "Click-Farmen", die im Internet eine Stimmungs- und Meinungsblase durch scheinbare quantitative Bestätigung und Anerkennung von UserInnen erzeugen und Popularität durch Algorithmen gewährleistet werden kann.

Seit Jahren nutzen Andreas Zick und seine Kollegen des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschungszentrum der Universität Bielefeld Anerkennung für ihre empirisch geleitete Theoriebildung wie zum Beispiel den Bielefelder Deintegrationsansatz (u. a. Anhut/Heitmeyer 2000, 2005) und insbesondere aktuell im Verbundprojekt X-SONAR für die Analyse extremistischer Strömungen in sozialen Netzwerken, die unter anderem auf Anerkennungsverletzungen, Anerkennungsmangel und Anerkennungsbeschädigungen zurückzuführen sind.

Es zeigt sich, dass sich insbesondere in sozialen Netzwerken kollektive Identitäten kultureller, ethnischer und religiöser Art finden. Über und im digitalen Sozialraum beanspruchen soziale Bewegungen ihre Beachtung, Minderheiten kämpfen um ihre Belange und ihre Anerkennung wird zum Gegenstand von Aushandlungsprozessen. Politischer Widerstand und gewalttätige Konflikte werden in und über soziale Netzwerke ausgetragen.

6. Zusammenfassung und Fazit

Rekapitulierend zeigt sich, dass das soziale Handeln in digitalen Räumen von der Wahrnehmung und Kenntnisnahme über die Integration und das Zugehörigkeitsgefühl bis hin zur gegenseitigen Anerkennung von (Medien-)Kulturen, Vergemeinschaftungsformen und Gemeinschaftsbildungen mithilfe der Anerkennungsperspektive erklärt, nachgezeichnet und untersucht werden kann. Anerkennung als Analysekategorie der medienpädagogischen Empirie und der Mediensozialisationsforschung kann konkrete Fragestellungen und Thematiken nach Identität, Macht, Differenz und Gewalt in und über Medien, insbesondere in digitalen Sozialräumen (Löw 2001), aufzeigen.

Insbesondere im triadischen Verständnis von Anerkennung könnte die heutige bildungswissenschaftlich orientierte Medienpädagogik anknüpfen und so eine Brücke zu Aspekten, Fragestellungen, Prozessen etc. schlagen, die bisher eher sozialisationstheoretischen Forschungsbemühungen vorenthalten bleibt. Die Medienpädagogik eröffnet sich dann Themenfelder von Bewegungen, Phänomene und Prozesse wie Selbst- oder Blitzradikalisierung Jugendlicher im Internet, Gewalt(akte) und -inhalte wie Shitstorms, Hatespeeches, Cybermobbing, etc., digitale Jugendkulturen wie bspw. Challenges im Internet und ihre Aneignung sowie Verbreitung, die Pro-Ana-Bewegung, Jugend und Partizipation bzw. zivilgesellschaftliches Engagement, etc. Mithilfe von Erkenntnissen über den Zusammenhang von Anerkennung und Mediennutzung und Medienaneignung lassen sich ebenso Rückschlüsse auf den gegenwärtigen Diskurs über Medienbildung zu ziehen.

Anerkennung soll aber nicht nur als Perspektive und Instrument der Empirie und zur Theoriebildung dienen, sondern auch eine Reflexionskategorie medienpädagogischer Praxis sein, in der sie nicht nur ein Qualitätsmerkmal oder aus moralisch-ethischen (oder motivationstheoretischen) Gründen zu praktizierendes Handeln verkörpert. Insbesondere durch die technischen digitalen Möglichkeiten ist Anerkennung heute nicht mehr nur ein natürlicher und von sich aus gegebener Moment im Kommunikations- oder Verständigungsprozess, so dass dieser, im Vergleich zu pädagogischen Offline-Kontexten, per se schon als eigene Dimension medienpädagogischen Handelns zukünftig zu begreifen ist.

Mein Beitrag soll hier aber kein (ab-)geschlossener Gedankengang und keine abschließende Konzeption, sondern vielmehr eine Anregung für den Zusammenhang von Anerkennung und Medienpädagogik und Mediensozialisation sein sowie mögliche Einsatzbereiche und Fragestellungen von Anerkennung im digitalen Sozialraum (Löw 2001) aufzeigen.


Anmerkungen

[1] Der französische Philosoph Paul Ricœur (2004/2006) identifiziert sogar 23 Bedeutungsnuancen in seiner phänomenologischen Arbeit Wege der Anerkennung – Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein und unterteilt sie in drei Hauptklassen: a) kognitives und erkenntnistheoretische Identifizieren, als zweite Klasse der im Sinne von b) "sich selbst erkennen" und drittens in der Semantik von c) einer wechselseitigen Anerkennung.

[2] Im lateinischen Wort "recognoscere" oder auch im französischen "reconnaître" werden daher auch die Präfixe "re"- für "wieder" verwendet.

[3] Zentral für das sozialwissenschaftliche Verständnis ist, dass das Subjekt immer eine Person, also entweder ein Individuum oder eine Gruppe ist, d. h. nur Personen können etwas oder jemanden anerkennen. Objekte der Anerkennung können hingegen neben Personen auch Tiere, (Tat-)Sachen, Objekte sein.

[4] als Mensch, geschlechtsspezifisch als männlich, weiblich oder intersexuell.

[5] wie beispielsweise der Nationalität, Ethnizität, Religionszughörigkeit, Altersklasse, Beruf, Familienstatus, Clique, Peer Group, Szene, Verein und anderen.

[6] Etwas irritierend wirkt die Positionierung des Themas in diesem Werk in Anbetracht seiner einige Jahre später veröffentlichten Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820), bei der das Thema An­erkennung schon als behandelt und abgehandelt dargestellt wird.


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DOI: 10.21243/medienimpulse.2016.4.1033

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anerkennung, mediensozialisation