Schwerpunkt

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Von den Dispositiven der Macht und ihrer sozialen Morphologie

Zur Aktualität der Machtanalysen Michel Foucaults

AutorIn: Wolfgang Neurath

Wolfgang Neurath bespricht die Aktualität von Foucaults Machtanalyse, diskutiert den Begriff Dispositiv sowie den Panoptismus und aktualisiert so die wichtigsten widerständigen Bestände von Foucaults Archiven angesichts des digitalen Semiokapitalismus ...

Abstract

Dieser Beitrag rekapituliert im Blick auf die Überlappungen von Macht, Souveränität und Herrschaft die soziale Morphologie der Foucaultschen Gesellschaftstheorie und betont dabei die Aktualität von Forschungen, die sich machtkritisch an den Dispositivbegriff anlehnen. Was ein Dispositiv ist, wird im Rekurs auf Deleuze und Agamben vor Augen geführt, um in der Figur der "schizophrenen Flucht" ein entscheidendes Moment der französischen Debatten auszumachen. Dabei ist der Panoptismus nach wie vor ein bemerkenswertes Modell, um historisch die innere Funktionsweise von Disziplinargesellschaften zu begreifen, die sich zu Kontrollgesellschaften gewandelt haben. Dem Homo digitalis steht angesichts von Big Data im Semiokapitalismus des 21. Jahrhunderts ein System wechselseitiger Kontrolle vor Augen, dem er sich lückenlos unterwerfen soll. Dem setzt sich nach wie vor die Figur der widerständigen Subjektivierung entgegen, wie sie Foucault in seinem Spätwerk entworfen hat. Auf allgemeinster Ebene hebt dieser Artikel hervor, dass wir auch heute noch ein politisches Modell vor Augen haben, dass der antiken Arena im Sinne einer politischen Heterotopie entspricht, in der es im Krieg um das nackte Überleben geht. Zusammenfassend wird Foucaults Kriegsparadigma über Michel de Certeaus Modellierung von Strategie und Taktik auf die Figur des Bürgerkriegs bezogen, um insgesamt zu betonen, dass dort wo Macht ist, immer auch Widerstand möglich ist.

This article recaps the social morphology of Foucault’s theory of society in the light of power, sovereignty, and domination, emphasizing the actuality of research that is referring to the concept of apparatus. This concept is pointed out in the recourse to Deleuze and Agamben, to identify – in the figure of "schizophrenic escape" – a decisive moment in the French debates. Panoptism is still a remarkable model for historical understanding of the internal functioning of disciplinary societies that have become control societies. In the face of Big Data in the semiocapitalism of the 21st century, the Homo digitalis is faced with a system of reciprocal control, to which it is to submit without question. To this the figure of the resisting subjectivization, as Foucault designed it in his later work, continues to oppose. On a more general level, this article highlights the fact that today we still have a political model that corresponds to the ancient arena in the sense of a political heterotopy. We still fight a war for the naked survival. In summary, Foucaults "war paradigm" is connected to Michel de Certeaus modelling of strategies and tactics to discuss aspects of the civil war, in order to emphasize the fact that wherever there is power, resistance is always possible.


I. Einleitung

"Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht."
Elias Canetti, Masse und Macht

"Verliebt Euch nicht in die Macht."
Michel Foucault im Vorwort zur englischen Ausgabe des Anti-Ödipus

"Macht als Okkupation: 'Man muss sich nur einmal ansehen,
wie über jede neue Kreation von
Steve Jobs, dem allmächtigen Chef von Apple,
in den Medien berichtet wird.
Auf eine Art und Weise, dass diese Mischung
aus technowissenschaftlicher Herrschaft und Propaganda
alle Merkmale der physischen und mentalen Besetzung reproduziert.'"
Paul Virilio: Die Verwaltung der Angst

"Betrachtet man diese (unsere eigenen Sitten) von außen so könnte man versucht sein,
zwischen zwei Typen von Gesellschaften zu unterscheiden:
denjenigen, welche die Anthropophagie praktizieren,
also in der Einverleibung gewisser Individuen,
die furchterregende Kräfte besitzen,
das einzige Mittel sehen diese zu neutralisieren oder gar zu nutzen;
und denjenigen, die – wie die unsrigen – eine Haltung einnehmen,
welche man als Anthropemie (von gr. mein, erbrechen) bezeichnen könnte.
Angesichts ein und desselben Problems haben diese letzteren Gesellschaften
die umgekehrte Lösung gewählt,
nämlich jene gefährlichen Individuen aus dem sozialen
Körper auszustoßen und sie zeitweilig oder für immer
in eigens für diesen Zweck bestimmte Einrichtungen zu isolieren
und von der Berührung mit anderen Menschen auszuschließen.
Den meisten Gesellschaften, die wir primitiv nennen,
würde diese Sitte tiefen Abscheu einflößen,
sie würde uns in ihren Augen mit derselben Barbarei behalten,
die wir ihnen aufgrund ihrer symmetrischen Sitten anzulasten versucht sind."
Claude Lévi-Strauss: Traurige Tropen

"Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand."
Michel Foucault:  Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit


Abb. 1: Kafka, Steven Soderbergh (1991)
© Baltimore Pictures IMDb

Seit langer Zeit werden Analysen der Macht und ihrer Effekte mit dem Namen Michel Foucaults verbunden.[1] Macht-Wissen erscheint nicht als eine selbständige Gesellschaftsmaschine, sondern als ein Netzwerk von immanenten Kräften, das Subjekte produziert, die selbst auch Schauplätze eines Kriegszustandes sein können, wobei die Schwelle zur Gesellschaft immer wieder überschritten wird. Prozesse der Wissensentstehung, -verarbeitung, -verbreiterung, -popularisierung und -revidierung sind nicht unschuldig und beginnen nicht dort, wo die Macht schweigt, sondern wir müssen im Sinne Foucaults davon ausgehen, dass Wissen selbst Machteffekte besitzt und von solchen geleitet wird.

Erstaunt und überrascht entdecken wir mithin bei Foucault ein Denken, das an einer Grenze situiert ist, scheinbar von außen kommt und dabei eine eigenartig amorphe Invariante in der Gesellschaftsgeschichte darstellt, weil soziale Mächte als politische Besetzung des Körpers und des Geistes begriffen werden. Es geht dabei im Blick auf Pierre Bourdieu um eine vollständige Ökonomie der Habitusproduktion und gleichzeitig um ein ganzes Netzwerk von Technologien, in deren Organisation die Artikulation vielfältiger Kräfte und Machtverhältnisse fällt. Die Moderne wird diese spezifische Sprache sprechen, die sich uns ebenso aufdrängt, wie sie uns zwingt, uns in eben dieser Sprache zu entdecken oder auch mit ihr zu experimentieren, zu explorieren und Auseinandersetzungen zu führen. Darüber hinaus werden wir diese Sprache und dieses "Denken des Außen" exportieren und vervielfältigen.[2]

Wenn wir Sprach-, Wissens- oder Denksysteme verstehen wollen, dann können wir den Prozess des Sinns damit in Gang setzen, indem wir diese Systeme vergleichend analysieren, indem wir vor allem Methoden und Modelle der Formalwissenschaften anzuwenden versuchen. Was dabei allerdings ausgespart bleibt und nicht in den Blick kommt, sind die Konstitutions- oder Produktionsweisen von Körpern – ob in all den lebensweltlichen Kontexten einer (historischen) Gesellschaft oder aber auch als hergestellte, fabrizierte (Kollektiv-)Körper –, die immer wieder Verfahren des Gehorsams und der Tauglichkeit unterworfen sind.[3] Sprache in Form von Befehlen und Anordnungen setzt disziplinierte Einzel- und Kollektivkörper voraus, die dann taktisch geführt werden können; Formationen, die sozusagen gehorchen (oder eben auch nicht). Was jede gesellschaftswissenschaftliche Analyse immer auch bedenken muss, ist, dass jede Äußerung nicht nur organisiert, sondern immer auch soziale Relationen umfasst und mit jedem sozialen Zyklus (Gabe, Wettbewerb, Kampf, etc.) erneuert werden muss. In der Analyse dieser Sprach-, Wissens- und Denksysteme wird man die Äußerung, die an die Konstitutions- oder Produktionsweisen gebunden ist, nicht nur miterfassen, sondern auch in die historischen Analysen miteinbeziehen müssen.

Die Machtanalyse zeigt, dass es immer auch die Macht ist, die eine Gegen-Macht produziert; das Subjekt ist gespalten, unterworfen, sozusagen Träger von fremden Mächten, und handlungsbefähigt, das heißt Erleidender und Ausübender von Macht. Macht schafft Beziehungen; wo es Macht gibt, existieren Gegenmächte. Macht ist mikrologisch und gleichzeitig ubiquitär; insofern ist eine Gesellschaftsgeschichte als Geschichte von Machtformen und Machtformationen einerseits an eine besondere Art der Mikrohistorie[4] gebunden, die vor allem nicht den Abstraktionen und großen Linien folgt, sondern den alltäglichen Praktiken und deren wissenschaftlicher Registrierung, und anderseits auf einen kriegswissenschaftlichen Blick verwiesen, welcher der Gesellschaftsanalyse Methoden, Konzepte und Begriffswelten zur Verfügung stellt.

II. Dispositive der Macht


Abb. 2: Good Kill, Andrew Nicol (2014)
© Voltage Pictures IMDb

Dispositiv[5] ist ein Begriff, den Michel Foucault für die Gesellschaftsanalyse entwickelt und dem er vor allem eine strategische Funktion beigemessen hat. Er verwendet ihn vor allem für jene Analyse, die sich mit der Regierung der Menschen beschäftigt. Foucault umschreibt das Dispositiv mit folgenden Worten:

"Was ich unter diesem Titel festzumachen versuche, ist erstens ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale (sic) Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann. Zweitens möchte ich in dem Dispositiv gerade die Natur der Verbindung deutlich machen, die zwischen diesen Elementen sich herstellen kann. […] Drittens verstehe ich unter Dispositiv eine Art von […] Formation, deren Hauptfunktion zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt darin bestanden hat, auf einen Notstand zu antworten. Das Dispositiv hat also eine vorwiegend strategische Funktion."[6] [7]

Ein Dispositiv konkretisiert mithin die Macht in einer gegebenen Gesellschaft. Mit Hilfe dieses Begriffs bemüht sich Foucault, die verschiedensten Aspekte der Macht, die unterschiedlichen historischen Formen und Formationen untereinander in Beziehung zu setzen. Dadurch ist es möglich, die Beziehungen zwischen der Sprache, der Gesellschaft und dem Individuum begrifflich zu fassen.

Das Dispositiv ist ein heterogenes Netzwerk, welches aktiv ist, und das in seinen Wirkungen auf ein bestimmtes Funktionieren der Gesellschaft gerichtet ist. Für Paul Veyne ist ein Dispositiv "weniger der Determinismus, der uns hervorbringt, als vielmehr das Hindernis, auf das unser Denken und unsere Freiheit reagieren. Das Denken und die Freiheit werden gegen es aktiv, weil das Dispositiv seinerseits aktiv ist."[8] Diese Übersetzung von Dispositiv, die unter vielen anderen in der Diskurswelt zirkuliert, ist allerdings nicht vollständig überzeugend, da es sich bei den Dispositiven der Macht eher um emergente und nicht technische Maschinen handelt, die als Konstruktionen eine gegebene Gesellschaft in ihrer spezifischen Ausübung umgreifen: so etwas wie "Produktivkräfte"[9], die in der Lage sind, anzuregen, zu veranlassen, herzustellen, zu ordnen, zu verteilen, Körper und Körperteile neu zusammenzusetzen, begehren zu machen, etc.; kurzum Kräfte, die auf andere Kräfte wirken und eine kollektive Funktion erzeugen, die man dann z. B. als HistorikerIn sichtbar machen und reflektieren kann. Allerdings muss man Paul Veyne natürlich immer einräumen, dass jede affizierte Kraft befähigt ist, Widerstand zu leisten. Ähnlich dem Befehl, kann diese Sprechhandlung eine gewünschte Handlung produzieren, oder eben etwas anderes, z. B. eine Widerrede.[10]

III. Vom Fliehen und Revolutionär-Werden

Fluchten haben etwas Alltägliches und Profanes und sind gleichzeitig außergewöhnlich (so bewohnen sie Mythen und oft wiederholte Narrationen). Das Zeitalter der Klassik bringt nicht nur die von Historikern oft beschriebene "große Einschließung" hervor, sondern auch ein beeindruckendes Archiv von Fluchtbeschreibungen und Erzählungen über "nomadische Praktiken" des Fliehens. Die Monotonie der Einsperrung fand ihren mächtigen Gegenpart in einer schier endlosen Geschichte von Ausbrüchen, Fluchten, Desertionen, Migrationen und Verweigerungen, die in Frankreich vornehmlich von Deleuze und Guattari als "schizophrener" und verändernder Pol des fliehenden und revolutionären Wunsches begriffen wurden.

Der Mai 68 brachte eine politische und psychoanalytisch inspirierte Philosophie der Veränderung und des Aufbruchs mit sich, die von zwei große Typen gesellschaftlicher Besetzung oder des Deliriums ausging sozusagen zwei Attraktoren der gesellschaftlichen Codierung und Decodierung , einem paranoischen Typ oder Pol, der die Formation der zentralen Herrschaft besetzt, und einem schizo-revolutionären Pol, der den Fluchtlinien des Wunsches folgt, durch die Mauer bricht und Ströme fließen läßt, seine Maschinen und fusionierenden Gruppen in den Enklaven oder an der Peripherie aufstellt und in allem umgekehrt zu Werke geht als der erste Typ.[11]


Abb. 3: Malcolm X, Spike Lee (1992)
© Largo International N.V. IMDb

Es geht mithin um das Denken einer Bewegung des Werdens, das von neuen Antrieben belebt und von neuen Kräften des Außen bestimmt wird. Dieses Denken wird immer die Dynamik, die Veränderung und das Fließen in den Vordergrund stellen, sodass nicht die Dispositive und Planungen in die Zone der Sichtbarkeit kommen, sondern die Veränderungs- und Werdensprozesse sichtbar werden. Mit einem anderen Wort: Alles dreht sich um Verwandlungen, die der Dynamik des Lebens und des Begehrens geschuldet sind. Fest steht nicht das Ziel, auf das zugesteuert wird, sondern der Impuls, dem gefolgt wird. Der Fluchtimpuls kann selbst der aktuellen Lebenswelt geschuldet sein ("aus dem Feld gehen"[12]) oder aber einem fliehenden Bündel von Attraktoren, die jenseits des Horizonts in einer gegebenen Gesellschaft einem unermesslichen und fast schon chaotischen Möglichkeitssinn entspringen.[13]

Möglicherweise entdecken wir in diesen kursorischen Hinweisen zwei vollkommen unterschiedliche Formen und Funktionen von Macht, die zwei Modi der Maschinisierung des Sozialen entdecken lassen: im Zentrum die bürokratische Staatsmaschine und an den Rändern eine periphere Maschine des Nomaden. In den Worten von Deleuze und Guattari:

"Und dann, am Horizont, eine ganz andere Linie, die der Nomaden, die aus der Steppe kommen, die sich auf einer aktiven und kontinuierlichen Flucht befinden, die Deterritorialisierung überall hintragen, die Fluchten vorantreiben, deren Quanten sich erhitzen und die von einer Kriegsmaschine ohne Staat mitgerissen werden."[14]

Und an anderer – angesichts der Flüchtlingsdebatten äußerst aktuellen – Stelle:

"Es ist das vitale Interesse jedes Staates, nicht nur das Nomadentum zu besiegen, sondern auch die Migration zu kontrollieren und ganz allgemein einen Rechtsbereich gegenüber einem »Außen« geltend zu machen, gegenüber der Gesamtheit von Strömen, die die Ökumene durchqueren."[15]

Damit befinden wir uns allerdings in einer vollkommen anderen Gesellschaftserzählung, die erstens Jahrhunderte umspannt, zweitens vollständig unterschiedliche Gesellschaftstypen (Gesellschaftsmaschinen) und Machttypen entdecken lässt und drittens eine ontologische Differenz der beiden Gesellschaftstypen behauptet, die gleichzeitig aneinandergebunden sind.

Diese beiden Machttypen beziehen sich auf Territorien, die vollständig apart voneinander sind. Auch die Machttypen sind insgesamt oppositionell gelagert, denn:

"[…] das Nomadische binarisiert (Freund/Feind), das Städtische organisiert Distanzen, schafft Hierarchien und bildet stabile Ordnungen. Die Stadt, der Staatsapparat, versucht alle Ströme und Bewegungen zu kontrollieren; ja Bewegungen tauchen erst als Linien und Beziehungen im gekerbten Raum auf, als Ökonomie von Translationen, sozusagen als realisierte Beziehungen in einem Transaktionsraum. Dem Nomaden eignet eine Kriegsmaschine, deren Tempo und Dynamik er teilt. Die Kriegsmaschine erfindet mobile Blöcke und löst die Verkettungen des Staatsapparates auf. Stößt die Kriegsmaschine auf die Stadt, dann will sie jene weder besetzen noch besitzen, sondern sie taucht vielmehr plötzlich auf und behandelt quasi das geordnete, codierte, gekerbte Territorium des Staates wie einen glatten Raum, den man so frei durchqueren kann, wie man das Meer besegelt."[16]

Die globale Kriegsmaschine des Semiokapitalismus könnte im Sinne einer imperialen Netzwerklogik gerade dabei sein, sogar diese bürokratischen Gesellschaftsmaschinen zu unterwerfen – so wie man es derzeit durchaus erleben kann, dass  "globale Konzerne" dabei sind, unfreundliche Übernahmen von Städten und auch von Nationalstaaten zu betreiben. Heute eröffnet der digitale Semiokapitalismus durch den Cyberspace als "fünfte Dimension" erneut die Möglichkeit, den globalen Raum in einen glatten Raum zurück zu verwandeln und jede widerständige, deterritorialisierende "Kerbe" einer kommunitären "Produktion" zu besetzen und auszubeuten.

IV. In den Archiven der Macht


Abb. 4: Ausstellungseröffnung Anselm Kiefer
Quelle: Wikimedia Commons, User: Yair Talmor

Was Michel Foucault unternommen hat, besteht vor allem darin, eine Gesellschaftsanalyse und -geschichte mittels Macht- und Wissensformen zu beginnen, die sich nicht nur fortsetzen lässt, sondern deren Elemente immer wieder neu analysiert und angeordnet werden können. Denn jede Gesellschaft wird immer wieder eine spezifische Rekombination von Machtformationen vornehmen (müssen), teilweise um wiederholt disruptive Effekte zu produzieren und mittlerweile auch schon allein deshalb, weil in ihrer Ökonomie um Aufmerksamkeiten unbedingt mediales/soziales Kapital akkumuliert werden muss. Allerdings wird es immer schwieriger klare Abfolgen und Verläufe in eine Erzählung zu hegemonialen Machtformen als Gesellschaftsanalyse zu bekommen. Der zentrale Zukunftsanker für diese Erzählung scheint ziemlich verrutscht zu sein und gerade deshalb ist die Bestellung des Foucaultschen Archivs so bedeutsam, weil dadurch die Befähigung zu einer widerständigen Rede entsteht, welche die losen Enden der Gesellschaftsgeschichte wieder aufzunehmen in der Lage ist. So lässt sich zumindest eine Situationsanalyse der scheinbar orientierungslosen Gewalten und Mächte unternehmen, die – im Sinne einer Zivilisationsgeschichte – eben keine Entwicklungslinien mehr erkennen lassen.

In diesem Archiv werden sehr unterschiedliche historische Schichten und Erfahrungen versammelt werden, es wird sich als offenes Archiv von Gesellschaftsmaschinen oder -dispositiven verstehen, die analysiert und reflektiert werden, ob sie nun der Logik der Begrenzung und Grenzziehung (z. B.: der Ummauerung),[17] der Okkupation, dem Straftheater der Grausamkeit oder der Durchsetzung digitaler Algorithmen geschuldet sind.

Für Paul Virilio war die höchste Form der Macht angesichts des 2. Weltkriegs eben diese Erfahrung der Besatzung und Besetzung, also der faschistischen Okkupation von Kräften, die dann die gesamte Bestimmung für die soziale Morphologie der Gesellschaft unternahm:

"Bevor es Kollaborateure gibt, muss es eine Besetzung geben, sei es nun intellektuell (eine Besorgnis – préoccupation) oder physisch; bevor es Widerstand gibt, ebenfalls. Im zweiten Weltkrieg gab es drei Elemente: die Okkupation, den Widerstand (la résistance) und die Kollaboration; und man kann die Beschaffenheit der Angst nur im Rahmen der Komplexität dieser aufgezwungenen Situation verstehen. Für ein Kind waren diese Dinge sehr schwer zu verstehen, denn die Feinde begegneten uns jeden Tag, sie aßen Kekse auf den Straßen von Nantes, sie kauften in derselben Fleischerei wie meine Mutter, während parallel dazu jene, die uns bombardierten und töteten doch eigentlich unsere Alliierten waren."[18]

Für Michel Foucault, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, verdichtete sich in der Folge die Disziplinargesellschaft im programmatischen Diagramm von Benthams Panoptismus:

"In seinem durchsichtigen kreisrunden Käfig auf dem hohen Turm von Wissen und Macht mag es Bentham darum gehen, eine vollkommene Disziplinarinstitution zu entwerfen; aber es geht auch um den Aufweis, wie man die Disziplinen »entsperren« und diffus, vielseitig, polyvalent im gesamten Gesellschaftskörper wirken lassen kann. Aus den Disziplinen, die im klassischen Zeitalter des 17. und 18. Jahrhunderts an bestimmten, relativ geschlossenen Orten – Kasernen, Kollegs, Manufakturen – ausgearbeitet worden sind und deren umfassenden Einsatz man sich nur im begrenzten und vorübergehenden Rahmen einer verpesteten Stadt vorstellen konnte, aus diesen Disziplinen ein die Gesamtgesellschaft lückenlos überwachendes und durchdringendes Netzwerk zu machen, ist der Traum Benthams. Das Panopticon liefert die Formel für diese Verallgemeinerung. Es programmiert auf der Ebene eines einfachen und leicht zu übertragenden Mechanismus das elementare Funktionieren einer von Disziplinarmechanismen vollständig durchsetzten Gesellschaft."[19]


Abb. 5: Bentham, Jeremy: Plan für das Panopticon
in: The Works of Jeremy Bentham, Bd. IV, 172.

Im Panoptismus wird Arbeit als Prinzip der Ordnung und als moralische Instanz normativ gesetzt. Sie wird selbst dann verlangt, wenn sie der gesellschaftlichen Produktivität nichts hinzufügt. Also muss der Organisation der Arbeit, dem Arbeitsreglement selbst therapeutische Kraft bzw. erzieherische Aufgaben zugesprochen werden. Der Zwang zur Arbeit findet sich nicht nur in Gefängnissen wieder, sondern auch in Sanatorien, Besserungsanstalten und in diversen anderen Asylen und Institutionen (ausgehend vom Kolleg auch Schule und Universität). Die gesellschaftliche Produktion des arbeitenden Menschen als allgemeines Bild des Menschen wird sich im 19. Jahrhundert an vielen Schauplätzen und mittels differenter Darsteller vollziehen. Doch eine allgemeine Formel der Verbesserung des Einzelnen und der Gesamtgesellschaft wurde mithin im Arbeitszwang auf jeden Fall gefunden. Vielleicht stimmt es, dass man als Proletarier geboren sein muss, aber es besteht der hinreichende Verdacht, dass die Vielfalt von sozialen Charakteren zu Gunsten des einzigen und allgemein anerkannten Proletariers gesellschaftlich produziert wird. Foucault dazu:

"Es ist falsch, mit einigen berühmten Nachhegelianern zu sagen, dass das konkrete Wesen des Menschen die Arbeit ist. Die Zeit und das Leben des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Vergnügen, Diskontinuität, Feiern, Ausruhen, Bedürfnis, Moment, Zufall, Gewalt etc. Diese ganze explosive Energie muss man nun in eine dauernd und dauerhaft zu Markte getragene Arbeitskraft transformieren. Man muss das Leben in Arbeitskraft synthetisieren, was den Zwang des Beschlagnahmesystems erfordert."[20]

Der Homo digitalis lebt und partizipiert heute vor allem als Agent/Akteur seines ökonomischen Überlebens in einer Gesellschaft der wechselseitigen Kontrolle.[21] Die digitalen Techniken der Macht beruhen nicht mehr auf Einsperrung und Disziplinartechniken, sondern auf dem stummen Zwang von "verordneten" Produktionsökologien (Stichwort: Plattformkapitalismus). Es geht dabei angesichts von Big Data um digitale Spurenverfolgung und Profilbildung als Kind der Rasterfahndung. Gerade Michel Foucault würde die Kulturen der Selbsttechniken, also die verschiedenen Formen gelungener widerständiger Subjektivierung als Formen der Freiheit und als Ästhetik des Selbst gegen all die Formen der digitalen Produktion von Subjektivität stellen. Dies wurde sehr präzise von Byung-Chun Han[22] beschrieben.

V. Die Arena als politische Heterotopie


Abb. 6: Jean-Léon Gérôme, Pollice Verso (1872)
Quelle: Wikimedia Commons

Im griechischen Stadion gab es ausschließlich Einzelwettkämpfe, in der römischen Arena hingegen auch Gruppenkämpfe.[23] Die Arena verknüpft die Schicksale nicht nur der Kämpfenden, da am Ende eines Wettkampfes die Unterscheidung zwischen Verlierern und Siegern kollektiv gefeiert wird. Doch auch das Publikum wird in diese Entscheidung involviert, indem es eine wichtige Rolle einnimmt. Dies zu einem Zeitpunkt, als das Schicksal bereits gezwungen war, sich auszusprechen. Die Sieger können die Arena auf ihren eigenen Beinen verlassen, um weitere Runden im Spiel des Lebens und der Ehre zu drehen. Seneca hat die Gladiatorenspiele als Metapher für das Leben überhaupt beschrieben. Wenn der unterlegene Kämpfer tapfer gekämpft hat und das Publikum Gefallen fand, dann streckten die Zuseher den Daumen nach oben, der Verlierer erhielt die missio, er verdiente es entlassen zu werden und durfte weiterleben.

Die Arena ist mithin ein Ort des Lebens und des Sterbens, ein heterotopischer Ort an der Grenze von Leben und Tod, ein Ort des Ausnahmezustands, aber auch ein Ort, der eine bestimmte Ökonomie der Politik hervorruft, die aufgeführt werden muss: die Macht des Kampfes und die Macht des Publikums. Auch der Homo digitalis sucht diesen Ausnahmezustand – etwa über Facebook – sowohl als Kämpfer als auch als Publikum täglich auf; die Positivität des Ausnahmezustandes wird zur Signatur des Über/Lebens.

Will eine Gesellschaftsanalyse auf der Höhe des kriegswissenschaftlichen Denkens bleiben, so muss sie deshalb nach wie vor das Diktum des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz radikalisieren und umkehren, indem man die Politik als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln begreift.[24] Foucault dazu:

"Und wenn es stimmt, daß die politische Macht den Krieg beendet und Frieden in die Zivilgesellschaft einziehen oder dort herrschen läßt, dann geschieht dies keineswegs, um die Wirkungen des Krieges zu beseitigen oder das Ungleichgewicht, das sich aus dem Endkampf des Krieges ergeben hat, aufzuheben. Die politische Macht hätte in dieser Hypothese die Aufgabe, diese Kräfteverhältnisse mittels einer Art stillen Krieges beständig von neuem in die Institutionen, die ökonomischen Ungleichheiten, in die Sprache und bis in die Körper der einen oder anderen hereinzutragen."[25]

Somit kommt der Kampf mit der Macht und um die Macht, die deren Veränderung und Verschiebung als Neuakzentuierung und Verlagerung der Kräfteverhältnisse bestimmbar macht, nie zu einem Ende oder findet nur im Krieg eine letzte Entscheidung:

"Die letzte Entscheidung kann nur vom Krieg gefällt werden. Der Zweck des Politischen wäre der Endkampf: nur die letzte Schlacht würde schließlich die Ausübung von Macht als fortgesetzten Krieg beenden."[26]

Machtanalytisch orientierte Sozialwissenschaften werden daher ihr Denken immer entlang der Analyse von Auseinandersetzungen, Konflikten und Kämpfen schulen müssen und damit den science humaine die Verpflichtung auferlegen, die neuesten Entwicklungen im kriegswissenschaftlichen Denken zu beobachten und in die Gesellschaftsanalysen – auch und gerade von Zivilgesellschaften – miteinzubeziehen. Was Gesellschaftsanalyse und damit auch kritische Medienwissenschaften als Lektion für eine informierte und inspirierende intellektuelle Praxis dabei übernehmen kann, ist weiterhin eine zusätzliche Orientierung in der Konzept- und Begriffsentwicklung, die nicht zuletzt eine weitere Bestellung eines Archivs von Machtformen leisten wird.

VI. Conclusio


Abb. 7: Altdorfer, Albrecht: Schlacht bei Issus
Alte Pinakothek/München, Quelle: Wikimedia Commons

Abschließend mag in diesem Sinne noch an zwei weitere Unterscheidungen erinnert werden, die in der französischen Wissenschaftsgeschichte getroffen wurden: Einerseits die Differenz von Strategie und Taktik in der Soziologie der Praxis von Michel de Certeau und andererseits das Konzept des Bürgerkriegs bei Foucault:

Mit seiner Konzeption der "Kunst des Handelns" trifft de Certeau eine für die Gesellschaftsanalyse wichtige Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik, wobei erstere über ein expansives Kalkül der Kontrolle von Raum und Zeit verfügt, d. h. die Wirkung der eingesetzten Kräfte berechnen kann (z. B. die Dauer oder den räumlichen Umfang eines gegebenen Feldes). Taktik ist demgegenüber "ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann und somit auch nicht mit einer Grenze, die das Andere als eine sichtbare Totalität abtrennt."[27]

Damit rührt de Certeau an die Frage der sozialen Machtausübung als stasis. Insofern ist dieses Konzept mit dem Foucaultschen Bürgerkrieg verbunden, in dem Strategien und Taktiken sich überschneiden. In seinen Vorlesungen zur Strafgesellschaft (1972–1973) hielt Foucault im Sinne seines Kriegsparadigmas fest:

"Die tagtägliche Machtausübung muss man als einen Bürgerkrieg betrachten können: Macht auszuüben ist eine bestimmte Art, Bürgerkrieg zu führen, und all die Instrumente, die Taktiken, die man hier ausmachen kann, müssen in den Begriffen des Bürgerkriegs zu analysieren sein." (Foucault 2015: 53)

Foucault wird sich deshalb in weiterer Folge nicht nur mit einer Regierung als Funktionsweise von Macht, Wissen und Subjektivierung beschäftigen, sondern auch die strategischen und taktischen Rationalitätsformen der Regierung untersuchen, deren Linien er zu rekonstruieren sucht. Er wird mit diesen Analysen zur "Gouvernementalität"[28] den Machtanalysen eine weitere Dimension hinzufügen, aber sich in seinen letzten Schriften einer "Ästhetik der Existenz" nähern, also einer Analyse der Lebenskunst, bei der das Denken als Widerstand sich über den "Willen zum Wissen"[29] dem Willen zur Macht entgegenstellt. Dies steht durchaus in Beziehung zur Politik und stellt damit eine neue Form dar, Subjektivierung als fortwährenden Prozess der widerständigen Tugend zu denken. Es geht mithin um eine ethische Kunst der "Sorge um sich"[30], von der er befand, sie sei eine Notwendigkeit der Aktualität, ein unzeitgemäßes Erfordernis, gerade auch, da sie im Sinne einer radikalen Machtkritik in der Gegenwart kaum gegeben sei. Und deshalb gibt es dort wo Macht ist, immer auch Widerstand …


Anmerkungen

[1] Diesbezüglich führt auch eine machtkritische Spur über Elias Canetti, Hannah Arendt und Walter Benjamin zu Franz Kafka, der nicht nur durch seine >Lektüre< der Bürokratie bekannt wurde, sondern immer auch als Experte der Macht(analyse) gelten wird müssen: "So könnte man Kafka als den Begründer einer Mikrologie der Macht bezeichnen. Er weiß, dass die Macht in kleinsten Lebenseinheiten, also dort am stärksten ist, wo sie anonym und gewissermaßen ›unsichtbar‹ bleibt. Kafka beobachtet das Durchsickern der Macht in das Leben als eine schleichende Kraft, in vier Bereichen: in der Familie, in der Bürokratie, in der Erotik und in dem, was man das ethnologische Feld nennen könnte." Neumann, Gerhard (2012): Franz Kafka – Experte der Macht, München: Hanser, 14.

[2] Die Instrumentarien, die uns der "Sprengmeister" Michel Foucault hinterlassen hat sind äußerst divers und sträuben sich einer einfachen Totalisierung oder Synthetisierung; dieses Denken verweigert sich der Doxa oder auch reduktionistischen Antworten, die so gerne schnell gegeben werden. Was vernommen wurde sind gleichzeitig Untersuchungen zu Sprachstrukturen, Machtformationen, Rationalität(en) von Regierung und Verwaltung und zur Ethik des Selbst. Bis heute beziehen sich diese Untersuchungen auf Umstellungen der Analyse des Gefängnissystems der Moderne, die von der Neukonzeption und von Umschriften des Foucaultschen Projekts profitieren. Vgl. Foucault, Michel (2005): "Ich bin ein Sprengmeister". Ein Gespräch über die Macht, die Wissenschaften, die Genealogie und den Krieg, in: Orland, Barbara/Gugerli, David/Tanner, Jakob/Hagner, Michael/Hampe, Michael/Sarasin, Philip (Hg.): Nach Feierabend, Zürcher Jahrbuch für Wissenschaftsgeschichte Bilder der Natur – Sprachen der Technik, Zürich: diaphanes, 187–203. Didier Fassin betont etwa in seiner Studie "Prison World. An Ethnography of the Carceral Condition", Polity Press 2017 (franz. 2015) die umfassende Bedeutung der Relektüre der Aufklärung, die durch das Erscheinen von "Überwachen und Strafen" ausgelöst wurde und weist nochmals darauf hin, dass es bei der Einführung der Erfindung der Gefängnisstrafe vor allem darum ging, die "Unregelmäßigkeiten" und "Vergehen" der niederen Klassen zu bestrafen, die bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend von der Gesellschaft ignoriert wurden. Erst die "Aufklärung" über die Notwendigkeit einer detaillierten Korrespondenz von Vergehen und Strafmaß in Form von Zeitzumessungen im Gefängnis konnte eine Sanktionsmaschine in Gang setzen, die uns noch immer "regiert".

[3] Deshalb bezog sich Foucault in "Überwachen und Strafen" direkt auf die zwei Körper des Königs. Vgl. Kantorowicz, Ernst H. (1990): Die zwei Körper des Königs – The King's Two Bodies. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, München: dtv.

[4] Vgl. etwa Levi, Giovanni (1991): On Microhistory, in: Burke, Peter (Hg.): New Perspectives on Historical Writing, Oxford: Polity.

[5] "Dispositiv (von lat. dispono bzw. dispositio; engl. apparatus/arrangement; franz. dispositif; ital. dispositivo) bezeichnet im Allgemeinen eine Anordnung. Bei dem im Deutschen eher ungebräuchlichen Dispositiv handelt es sich um eine wörtliche Übersetzung des im Französischen geläufigen dispositif. Dort kann Dispositiv alltagssprachlich in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich verwendet werden: juristisch handelt es sich um eine Anordnung oder Verfügung; technisch um eine Anlage, Apparatur oder auch Versuchsanordnung; im militärischen Kontext versteht man darunter Vorkehrungen zur strategischen Planung." Wimmer, Mario (2012): Dispositiv, in: Frietsch, Ute/Rogge, Jörg (Hg.) (2013): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch, Bielefeld: transcript, 123–128, 123, als Preprint online unter: https://www.wiss.ethz.ch/uploads/tx_jhpublications/wimmer_dispositiv_preprint_01.pdf (letzter Zugriff 20.12.2016). Vgl. auch Deleuze, Gilles (1991): Was ist ein Dispositiv? in: Ewald, Fançois/Waldenfels, Bernhard (Hg.): Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken, Frankfurt/M.: Suhrkamp, und: Agamben, Giorgio (2008): Was ist ein Dispositiv, Zürich/Berlin: diaphanes.

[6] Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin: Merve, 119f. zit. nach Wimmer 2012, 124f.

[7] Agamben wiederholt den Begriff dann in seinen Ausführungen wie folgt: "a. Es (das Dispositiv, W. N.) ist eine heterogene Gesamtheit, die potentiell alles Erdenkliche, sei es sprachlich oder nicht sprachlich, einschließt: Diskurse, Institutionen, Gebäude, Gesetze, polizeiliche Maßnahmen, philosophische Lehrsätze usw. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann. b. Das Dispositiv hat immer eine konkrete strategische Funktion und ist immer in ein Machtverhältnis eingeschrieben. c. Als solches geht es aus einer Verschränkung von Macht- und Wissensverhältnissen hervor." Vgl. Agamben 2008, 9.

[8] Veyne, Paul (2009): Foucault. Der Philosoph als Samurai, Stuttgart 2009, 116f.

[9] Michel Foucault spricht von der Disziplinarmacht als einer neuen Ökonomie der Macht, "deren Prinzip es ist, zugleich die unterworfenen Kräfte und die Kraft und Wirksamkeit der sie unterwerfenden Kräfte anwachsen zu lassen." Foucault, Michel (1999): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975–76), Frankfurt/M.: Suhrkamp, 46

[10] In den Worten Foucaults: "Denn schließlich ist es immer möglich, daß der, an den man sich wendet, nicht annimmt, was man sagt." zit. n. Waldenfels, Bernhard (2015): Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung, Berlin: Suhrkamp, 419.

[11] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (1977): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 357–358. Im Gespräch mit Roger Chartier hat deshalb noch der späte Pierre Bourdieu sich für eine derartige – bei Deleuze und Guattari paradigmatisch titelgebende – "Schizophrenie" stark gemacht, die sich selbstredend dem paranoischen Faschismus entgegensetzt: "Gib mir nur eine Minute; ich will sagen, dass die Beziehung des Soziologen zu seiner Arbeit und zu seiner Schrift völlig dem entspricht, was man über die Schizophrenie sagt, soweit ich die Schizophrenie kenne. Man muss etwas sagen oder etwas tun und in dem Moment, in dem man es sagt oder tut, muss man sagen, dass man nicht tut, was man tut, dass man nicht sagt, was man sagt; und in einem dritten Diskurs muss man nochmals sagen, dass man nicht tut, was man gerade gesagt hat, dass man tut, etc." Vgl. Bourdieu, Pierre/Chartier, Roger (2011): Der Soziologe und der Historiker, Wien: Turia + Kant, 42.

[12] Kurt Lewin hat in seiner Beschreibung sozialwissenschaftlicher Felder die Entstehung von Fluchtimpulsen als Resultante von Kräften beschrieben. Vgl. Lewin, Kurt (2012): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Ausgewählte theoretische Schriften, Bern: Huber (amerik. 1951).

[13] In diesem Zusammenhang vermerkt Gilles Deleuze einen Unterschied zwischen seinem Gesellschaftsbegriff und jenem von Foucault: "Wir hatten nicht die gleiche Auffassung der Gesellschaft. Für mich ist eine Gesellschaft etwas, was unaufhörlich an allen Ecken und Enden entflieht. Wenn Sie sagen, ich sei >fließender<, dann haben Sie völlig recht. Es flieht monetär, es flieht ideologisch. Es besteht wirklich aus lauter Fluchtlinien. So dass das Problem einer Gesellschaft das folgende ist: Wie lässt sich verhindern, dass es flieht? Für mich kommen die Mächte erst danach. Foucault wundert sich eher darüber, dass man es all diesen Mächten, all ihrer Tücke, all ihrer Heuchelei zum Trotz dennoch schafft, Widerstand zu leisten. Ich dagegen wundere mich über das Gegenteil. Dass es allenthalben flieht und die Regierungen es dennoch schafften, die Lücken zu schließen. Wir gehen das Problem von verschiedenen Seiten an. Sie sagen zu Recht, dass die Gesellschaft eine Flüssigkeit oder, noch schlimmer ein Gas ist. Für Foucault ist sie eine Architektur." Deleuze, Gilles (2005): Schizophrenie und Gesellschaft: Texte und Gespräche von 1975 bis 1995, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 267.

[14] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (2010): Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve, 304.

[15] Ebda. 532.

[16] Neurath, Wolfgang: Semiokapitalismus und imperiale Kontrollgesellschaft, in: MEDIENIMPULSE 4/2014 vom 21.02.2015, online unter: http://www.medienimpulse.at/articles/view/753 (letzter Zugriff: 20.12.2016)

[17] Pierre Bourdieu weist in Was heißt sprechen? im Rekurs auf Benveniste darauf hin, dass der Akt der Grenzziehung zwischen Vision und Division der Königsfunktion zugeschrieben wird: "Jener Akt sozialer Magie, der in dem Versuch besteht, dem Benannten Existenz zu verleihen, kann gelingen, wenn derjenige, der ihn vollzieht, der Macht seines Wortes [...] Anerkennung verschaffen kann, der Macht eine neue Vorstellung (vision) und eine neue Gliederung (division) der sozialen Welt durchzusetzen, regere fines, regere sacra, eine neue Grenze festzuschreiben." Bourdieu, Pierre (1990): Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs, Wien: Braumüller, 124f.

[18] Virilio, Paul (2016): Die Verwaltung der Angst, Wien: Passagen, 18.

[19] Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 268.

[20] Foucault, Michel (2015): Die Strafgesellschaft: Vorlesungen am Collège de France 1972–1973, Berlin: Suhrkamp, 316.

[21] "Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen. »Kontrolle«  ist der Name, den Burroughs vorschlägt, um das neue Monster zu bezeichnen, in dem Foucault unsere nahe Zukunft erkennt." Deleuze, Gilles (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: ders.: Unterhandlungen 1972–1990, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 255. Vgl. dazu die Schwerpunktausgabe der MEDIENIMPULSE 4/2014 zu Steuerung, Kontrolle und Disziplin, online unter: http://www.medienimpulse.at/ausgaben/4-2014-steuerung-kontrolle-disziplin-medienpaedagogische-perspektiven-auf-medien-und-der-ueberwachung (letzter Zugriff: 20.12.2016).

[22] Han, Byung-Chul (2013): Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns, Berlin: Matthes & Seitz; und Han, Byung-Chul (2014): Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (Essayband), Frankfurt/M.: Fischer.

[23] Veyne, Paul (1994): Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, München: dtv.

[24] "In seiner Vorlesung verfolgte Foucault die Ursprünge seiner kriegerischen Geschichtsauffassung bis ins 17. Jahrhundert zurück. Ihre maßgeblichen Anstöße sind aber in der jüngeren Vergangenheit zu suchen. Zu ihnen gehört Alexandre Kojève, der Theoretiker des Posthistorie, der die Pariser Intellektuellen in den dreißiger Jahren mit Hegel bekannt gemacht hatte. Mit dem idealistischen Philosophen, der den Geist dabei verfolgte, wie er im Lauf der Jahrtausende zu sich selber kam, hatte Kojèves Hegel allerdings wenig zu tun. Eher ähnelte er einem Anthropologen der Gewalt avant la lettre, der unter dem Frieden den Krieg herauslas." Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München: C. H. Beck, 201.

[25] Foucault 1999, 26.

[26] Ebda. 27.

[27] Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns; Berlin: Merve, 23.

[28] Foucault, Michel (2004): Geschichte der Gouvernementalität. 2 Bde., Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[29] Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Original 1976).

[30] Foucault, Michel (1989b): Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit 3, Frankfurt/M., Suhrkamp, (Original 1984.)


Literatur

Agamben, Giorgio (2008): Was ist ein Dispositiv, Zürich/Berlin: diaphanes.

Bourdieu, Pierre (1985): Sozialer Raum und "Klassen". Zwei Vorlesungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre (1990): Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs, Wien: Braumüller.

Bourdieu, Pierre/Chartier, Roger (2011): Der Soziologe und der Historiker, Wien: Turia + Kant.

Canetti, Elias (1980): Masse und Macht, Frankfurt/M.: Fischer.

Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns, Berlin: Merve.

Deleuze, Gilles (1987): Foucault, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Deleuze, Gilles (1991): Was ist ein Dispositiv?, in: Ewald, Fançois/Waldenfels, Bernhard (Hg.): Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Deleuze, Gilles (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: ders.: Unterhandlungen 1972–1990, Frankfurt/M.: Suhrkamp, online unter: http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html (letzter Zugriff: 20.12.2014).

Deleuze, Gilles (2005): Schizophrenie und Gesellschaft: Texte und Gespräche von 1975 bis 1995, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (1977): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (2010): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin: Merve.

Fassin, Didier (2016): Prison Worlds. An Ethnography of the Carceral Condition, Cambridge: Polity Press (franz. 2015).

Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München: C. H. Beck

Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin: Merve.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Original 1976).

Foucault, Michel: (1989a): Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, Frankfurt/M., Suhrkamp (Original 1984).

Foucault, Michel (1989b): Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit 3, Frankfurt/M., Suhrkamp, (Original 1984).

Foucault, Michel (1999): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1975–76, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2004): Geschichte der Gouvernementalität. 2 Bde., Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2005): "Ich bin ein Sprengmeister". Ein Gespräch über die Macht, die Wissenschaften, die Genealogie und den Krieg, in: Orland, Barbara/Gugerli, David/Tanner, Jakob/Hagner, Michael/Hampe, Michael/Sarasin, Philip (Hg.): Nach Feierabend, Zürcher Jahrbuch für Wissenschaftsgeschichte Bilder der Natur – Sprachen der Technik, Zürich: diaphanes, 187–203.

Foucault, Michel (2009): Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen. Band II. Vorlesung am College de France 1983–84, Berlin: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2015): Die Strafgesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1972–1973. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Berlin: Suhrkamp.

Han, Byung-Chul (2013): Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns, Berlin: Matthes & Seitz.

Han, Byung-Chul (2014): Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (Essayband), Frankfurt/M.: Fischer.

Kantorowicz, Ernst H. (1990): Die zwei Körper des Königs – The King's Two Bodies. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, München: dtv.

Levi, Giovanni (1991): On Microhistory, in: Burke, Peter (Hg.): New Perspectives on Historical Writing, Oxford: Polity

Lévi-Strauss, Claude (1978): Traurige Tropen, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Lewin, Kurt (2012): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Ausgewählte theoretische Schriften, Bern: Huber (amerik. 1951).

Neumann, Gerhard (2012): Franz Kafka – Experte der Macht, München: Hanser.

Neurath, Wolfgang: Semiokapitalismus und imperiale Kontrollgesellschaft, in: MEDIENIMPULSE 4/2014 vom 21.02.2015, online unter: http://www.medienimpulse.at/articles/view/753 (letzter Zugriff: 20.12.2016)

Veyne, Paul (1994): Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, München: dtv.

Veyne, Paul (2009): Foucault. Der Philosoph als Samurai, Stuttgart: Reclam.

Virilio, Paul (2011): Die Verwaltung der Angst, Wien: Passagen.

Waldenfels, Bernhard (2015): Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung, Berlin: Suhrkamp.

Wimmer, Mario (2012): Dispositiv, in: Frietsch, Ute/Rogge, Jörg (Hg.) (2013): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch, Bielefeld: transcript, 123–128, als Preprint online unter: https://www.wiss.ethz.ch/uploads/tx_jhpublications/wimmer_dispositiv_preprint_01.pdf (letzter Zugriff 20.12.2016).

DOI: 10.21243/medienimpulse.2016.4.1028

Agamben wiederholt den Begriff dann in seinen Ausfürhungen wie folgt: "a. Es (das Dispositiv, W. N.) ist eine heterogene Gesamtheit, die potentiell alles Erdenkliche, sei es sprachlich oder nicht sprachlich, einschließt: Diskurse, Institutionen, Gebäude, Gesetze, polizeiliche Maßnahmen, philosophische Lehrsätze usw. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann. b. Das Dispositiv hat immer eine konkrete strategische Funktion und ist immer in ein Machtverhältnis eingeschrieben. c. Als solches geht es aus einer Verschränkung von Macht- und Wissensverhältnissen hervor."

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