Praxis

1/2009 - Standards in der Medienbildung

Videokameras – der Kunde als Versuchskaninchen

AutorIn: Christian Berger

Vielfalt bedeutet zumeist ja einen Vorteil. Ich liebe Vielfalt. Allerdings nicht, wenn es um technische Kompatibilität geht.

Vielfalt bedeutet zumeist ja einen Vorteil. Ich liebe Vielfalt. Allerdings nicht, wenn es um technische Kompatibilität geht. Hier bevorzuge ich Standards. Vergleicht Mensch die Format-„Einfalt“ des Films mit den zur Zeit vorliegenden digitalen Videoformaten könnte Mensch nostalgisch werden. Ich will hier noch gar nicht über die avi, mpeg, mov und wmv Dateien reden, die in den Computern und im Internet herumschwirren, schon gar nicht von den verwendeten Codecs, die dann je nach vorhanden oder nicht vorhanden den Bildschirm entweder mit den erwarteten Farben oder mit schlichtem Schwarz füllen. Das Durcheinander beginnt bereits beim Aufnahmegerät: dem Camcorder.

Nach einigen Jahren Ruhe kam ich wieder einmal in die Bedrängnis 3 Videokameras für meine schulischen und außerschulischen Video-Projekte zu kaufen. Dabei geht es darum, kleine Filme oder auch Interviews zu erstellen und diese dann auch einem Publikum zu zeigen. Die in meinem Besitz befindlichen SVHS und SVHS-C Kameras sind hoffnungslos veraltet und nach 10 jähriger (sic!) Verwendung nicht mehr reparabel. Die Videobearbeitung ist längst digital und das analoge Rohmaterial kann da nicht mithalten. Also daher rein in den Markt.

Den Profisektor schied ich gleich mal aus, da dieser mein Budget eindeutig überschreitet (bei 3000.- Euro beginnt der semi-professionelle Sektor) und bei Bedarf ja doch auch die Möglichkeit des Ausleihens besteht. In den letzten Jahren war ich mit den in meinem Umfeld verfügbaren semi-professionellen Mini-DV oder DV Kameras gut bedient. Was ich nun suchte, war eine billige Videokamera um die EUR 500.-, die digital aufzeichnet und die Aufzeichnungen auch zur einfachen Nachbearbeitung auf einen Laptop übertragen kann. Die dafür nötigen kompatiblen Ausgänge sollten schon auf der Videokamera sein. Zusätzlich sollte - wenn möglich - auch noch ein Anschluss für ein externes Mikrofon vorhanden sein, da ich immer wieder schnelle Interviews mache und diese erfahrungsgemäß ohne externes Mikrofon schlecht verständlich sind.

Ich war überrascht, wie billig Videokameras im Consumerbereich geworden sind. Bei den Profis bleiben die Geräte meist in etwa beim selben Preis – allerdings steigt die Leistungsfähigkeit. Bei den Consumerkameras hat sich die Hardware auch verändert: als Trägermedium für die Aufzeichnung werden Harddiscs, Memory Sticks oder auch DVDs verwendet. Digitale Videoaufzeichnung auf Band (DV) ist rar geworden. "Naja, das ist doch praktisch, wenn die Daten nach der Aufzeichnung gleich direkt und rasch auf das Notebook übertragen werden können. Das erspart mir ja viel Zeit", dachte ich mir. Allerdings war ich auch ein wenig skeptisch mit den neuen Datenträgern: Vor einiger Zeit hatte ich auf einem Seminar die Begegnung mit einer Kamera, die auf DVD aufgezeichnet hat und es war nur mit erheblichem Aufwand möglich, die Aufzeichnungen von der DVD auf den Rechner zur Bearbeitung zu kriegen. Wir mussten die DVD rippen und Formatumwandlungen vornehmen, damit das dann auch zur Weiterbearbeitung genutzt werden kann. Also sicher nichts mit „rasch und praktisch“. Die DVD als Recordingformat ist nun ja auch schon sehr selten geworden (das hat grad mal drei, vier Jahre gehalten). Das ist ausschließlich geeignet um etwas auf Video aufzuzeichnen und dann irgendwo unbearbeitet wieder abzuspielen.

Ich habe mich daher auch informiert, welche Erfahrungen mit den Festplattenrecordern bei ProjektbetreuerInnen vorliegen. Siehe da – diese waren sehr unterschiedlich. Nur einer von sechs Befragten (die meisten verwenden nach wie vor DV Bänder bzw. arbeiten mit semi-professionellen Geräten) hatte gute Erfahrungen mit der Übertragung und Weiterbearbeitung des Rohmaterials.

Das Hauptproblem ist die Datenmenge. Durchschnittliche Schulcomputer oder auch Notebooks kommen mit der Verarbeitung der hohen Datenmengen nicht zurande. Die zugegeben sehr guten Aufzeichnungen erfordern auch sehr gut ausgestattete Rechner (schnelle Prozessoren, viel Arbeitsspeicher, gute Grafikkarten, …) mit HD - tauglichen Videoschnittprogrammen zur Weiterbearbeitung. Diese Ausstattung ist aber nicht in jeder Schule und auch nicht oft bei den Jugendlichen zuhause vorhanden. Was mach ich also mit einer zwar preisgünstigen Videokamera, die auch gute Bilder aufzeichnet, aber diese dann nicht bearbeitbar sind?

Früher war es möglich, in Fachgeschäften Videokameras auszuprobieren und mir die Brauchbarkeit vor Ort anzusehen. Leider ist dem nicht mehr so. Was mir jedoch mehrfach bestätigt wurde: Die Harddisc-Aufzeichnungssysteme sind nur Übergangslösungen. Die Industrie probiert aus und verkauft andauernd neue Modelle, die eigentlich nur zu einem taugen: rasch etwas aufnehmen und von der Kamera wieder abspielen. Danach wieder löschen oder irgendwo archivieren. Wer mehr will als Rohmaterial zu sichten, muss in die teurere Preisklasse wechseln oder eben mit dem schmalen noch vorhandenen Segment der Bandaufzeichnungsgeräte vorlieb nehmen. Da ist der Produktionsprozess erprobt.

Mein Ergebnis: Ich kaufte billige Mini-DV Kameras, musste in Kauf nehmen, dass es da kein externes Mikro gibt und hoffe, dass sie praxistauglich ist und drei Jahre hält – bis dann sollte ein neues Aufzeichnungssystem etabliert sein. Für die ganz einfachen Videoaufnahmen fürs Internet verwende ich ohnehin mein Mobiltelefon oder eines von den Kindern – die haben da oftmals bessere Qualität.

Für die Produktion von Videofilmen wäre empfehlenswert lokale oder regionale Pools mit semi-professionellen Geräten anzulegen, die für Projekte günstig entliehen werden können. Trotz der Vielfalt am Markt ist unsereins mit dem Angebot nicht grad geholfen.

Christian Berger

Tags

technik, medientechnik, kolumne, video