Neue Medien

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Rezension: Alma Mater Antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939

von Regina Fritz, Grzegorz Rossoliński-Liebe und Jana Starek (Hg.)

AutorIn: Christina Wintersteiger

Christina Wintersteiger bespricht den herausragenden Band "Alma Mater Antisemitica" der einen eminent wichtigen Beitrag zur Geschichte des Anitsemitismus an europäischen Universitäten zwischen 1918 und 1939 darstellt und damit eine ganz spezifische Epoche der Zeitgeschichte umfasst ...

Abstract

Anhand von fünfzehn Beiträgen auf Deutsch und Englisch bietet dieser sehr spannende Band detaillierte Einblicke in die Geschichte und Erforschung des universitären Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit. Behandelt werden die Beweggründe, Formen und die Protagonist_innen sowohl des Antisemitismus als auch der jüdischen und nicht-jüdischen Gegenwehr.



Cover: Alma Mater Antisemitica
von Regina Fritz, Grzegorz Rossoliński-Liebe und Jana Starek (Hg.)
Quelle: Amazon

Verlag: new academic press
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-7003-1922-1

Das universitäre Milieu in den 1930er Jahren war geprägt von antisemitischen Maßnahmen wie einem Numerus clausus, geistig und körperlich gewalttätigen Krawallen und Hetzen, Sitzordnungen, Ausschließungen, offenen und verborgenen Diskriminierungen. Der vorliegende Band versucht die Geschichte, die Ausmaße und die Folgen des Antisemitismus an europäischen Universitäten in der Zwischenkriegszeit zu beleuchten. Dabei bieten die AutorInnen der Artikel Einblicke in verschiedene Methoden, Motive und nationale Besonderheiten.

Die HerausgeberInnen des Bandes zitieren in der Einleitung Bruno Kreisky, der die Zustände an den Universitäten als Hölle beschreibt: Der zunächst noch unterschwellig brodelnde, doch ab 1918 immer offener zutage tretende Antisemitismus im akademischen Bereich entlud sich in einer Beschränkung des Anteils jüdischer Studenten, Gewaltexzessen in den Hallen der Universitäten sowie Aktionen studentischer Verbindungen. Der Blick auf das universitäre Milieu der Zwischenkriegszeit zeugt von Umbrüchen der politischen und nationalen Eliten, einer damit einhergehenden Unsicherheit am akademischen Arbeitsmarkt und dem Versuch, dieser durch ein Beschränken des Anteils jüdischer Studierender entgegenzuwirken.

Über die kulturellen, intellektuellen und gesellschaftlichen Anfänge und Verläufe des Antisemitismus in Europa wurde schon viel geforscht, gelesen und geschrieben – dieser Band möchte bislang noch vernachlässigte Fragen stellen: Wie weit war der Antisemitismus tatsächlich im akademischen Milieu ideologisch und institutionell verankert? Wie und warum kam es zu einer Radikalisierung, wer waren die Träger, was waren ihre Forderungen? Wie äußerte sich dieser Antisemitismus und wie reagierte die Professorenschaft?

Bestand ein ideologischer Austausch zwischen den Studentenverbindungen und faschistischen Bewegungen und ging vom nationalsozialistischen Deutschland eine Vorbildwirkung auf die Judenfeindlichkeit an den europäischen Unis aus? Diese Fragen wurden 2012 in einem Workshop des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien erarbeitet. Der Workshop beschäftigte sich mit dem lange vernachlässigten Thema des Antisemitismus der 1920er bis frühen 1930er Jahre und den Schicksalen jüdischer Studierender und ProfessorInnen mittels zweier Perspektiven: Einerseits wurde nach den TrägerInnen und Ausformungen anhand konkreter AkteurInnen gefragt, andererseits nach Alltagserfahrungen von JüdInnen an den Universitäten – wobei jüdische Studierende als AkteurInnen und nicht als "passive Opfer" verstanden wurden.

Der vorliegende Band, das Ergebnis des beschriebenen Workshops, gliedert sich in mehrere thematische Teile: Nach zwei einleitenden Aufsätzen über die Verstrickungen von Universität und Nationalsozialismus sowie Antisemitismus, umfasst der Abschnitt "Retrogarde Avantgarde" das Phänomen der Studierenden als Vorhut faschistischer Massenbewegungen, in einem weiteren Teil beschäftigen sich die AutorInnen mit konkreten antijüdischen Maßnahmen und mit physischer Gewalt an den Universitäten. Darauffolgend wird auf spezifische Akteure und Netzwerke  eingegangen. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der Rolle der jüdischen Studierenden und ProfessorInnen "zwischen Anpassung und Gegenwehr" und enthält einen Beitrag, der gesondert auf die Verflechtung von Antifeminismus und Antisemitismus eingeht. Im abschließenden Kapitel werden transnationale Verflechtungen am Beispiel der Beziehungen von amerikanischen Universitäten zum nationalsozialistischen Deutschland aufgezeigt.

Anhand der umrissenen Kapitel bietet der Band einen aufschlussreichen Streifzug durch die Entwicklungen und Hintergründe des Antisemitismus an verschiedenen europäischen Universitäten (in Wien, Polen, Ungarn, im faschistischen Italien). Mit einem Blick auf Vorkommnisse und Verbindungen (wie z. B. die "Bärenhöhle" in Klaus Taschwers Beitrag) soll unter anderem deutlich werden, wie antisemitische, rechtsradikale und nationalistische Tendenzen unter der Studentenschaft und im intellektuellen Milieu oft mindestens so ausgeprägt zutage traten wie in anderen gesellschaftlichen Gruppen (wenn nicht noch deutlicher). Spätestens wenn von konkreten Aktionen wie z. B. der antisemitisch motivierten Störung von Theatervorstellungen berichtet wird, wird eines deutlich: Die zahlreichen geschilderten Vorkommnisse und Aktionen zeigen beunruhigende Parallelen zu derzeitigen gesellschaftlichen Tendenzen und sogar Geschehnissen an unseren heutigen Universitäten auf, was diesen Band – auch wenn er eine ganz spezifische Epoche der Zeitgeschichte umfasst – besonders heute wichtig und lesenswert macht.

Tags

antisemitismus, europa, universitäten, intellektuelle