Praxis

1/2009 - Standards in der Medienbildung

Ein Jahr Bloggen in der Volksschule – ein Erfahrungsbericht

AutorIn: Dagmar Schöberl

Bloggen als Unterrichtsmethode. Ein praktischer Erfahrungsbericht zeigt, wie das funktionieren kann.

Seit einem Jahr gibt es nun unser Klassen-Weblog und damit die Möglichkeit online einen Blick in unseren Schulalltag zu werfen. In diesem Artikel möchte ich über unsere Erfahrungen mit diesem Medium berichten.

Zuerst zu den Rahmenbedingungen: Es handelt sich um eine Mehrstufenklasse mit Schwerpunkt Freinetpädagogik und Integration im 14. Wiener Gemeindebezirk. Die Kinder unserer Klasse sind zwischen 6 und 11 Jahre alt. Vier davon haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Das Lehrerinnenteam besteht aus drei Personen. Der Unterricht gliedert sich in Angebote für alle Kinder der Klasse, verpflichtende Aufgaben in Deutsch und Mathematik und Freiarbeitsphasen, die von den Kindern eigenverantwortlich gestaltet werden. Einer der pädagogischen Schwerpunkte unserer Arbeit ist das freie Schreiben und anschließende Veröffentlichen von Texten von der ersten Schulstufe an. Das heißt die Kinder schreiben oder zeichnen von Anfang an Geschichten. Diese werden bei der wöchentlichen Präsentation im Klassenverband vorgelesen, ausgewählte Texte werden gedruckt, es entstehen die verschiedensten selbst hergestellten Bücher, manchmal auch Radiosendungen oder Videofilme. Unsere Klasse ist mit zwei Computern mit Internetzugang ausgestattet. Diese wurden bisher vor allem dazu benutzt Lernspiele zu spielen, Wörter und Sätze zu tippen oder im Internet zu Sachthemen zu recherchieren.
Durch eine Seminarankündigung "Online Publizieren mit Weblogs" wurde ich auf die Möglichkeit aufmerksam, Blogs für Schulklassen einzurichten. Texte von SchülerInnen und Berichte aus dem Klassenleben auf einfache Art und Weise im Internet veröffentlichen zu können, das weckte meine Neugierde.
Im Rahmen eines Nachmittags an der Pädagogischen Hochschule lernte ich Grundkenntnisse, ein Weblog mit Hilfe eines kostenlosen Weblogdienstes anzulegen und hatte auch gleich die Möglichkeit einen ersten Versuch zu starten. Die Erkenntnis, dass wenige Vorkenntnisse notwendig sind, und ich mir das Anlegen und die Betreuung des Weblogs ohne Hilfe von Fachleuten zutrauen konnte, motivierte mich in den nächsten Wochen einige Stunden zu investieren und ein Blog für unsere Klasse anzulegen. Auf der Hauptseite erscheinen in chronologischer Reihenfolge verschiedenste Einträge. Zu den einzelnen Einträgen können Kommentare verfasst werden, diese sind sichtbar, sobald sie von uns Lehrerinnen freigeschaltet werden. Außerdem gibt es Informationsseiten zu unseren pädagogischen Schwerpunkten, zur Freinetpädagogik und zu reformpädagogischen Mehrstufenklassen. Die Eltern gaben im Klassenforum ihr Einverständnis für das Projekt. Außerdem erlaubten fast alle Erziehungsberechtigten das Veröffentlichen von Fotos ihres Kindes im Internet. Zum Schutz der Kinder achten wir beim Veröffentlichen von Fotos darauf, dass Kinder nicht mit Namen identifiziert werden können. Die Adresse wurde Kindern und Eltern bekannt gegeben, und von diesen an FreundInnen, Verwandte und Bekannte weitergeben.

Wie gehen die Kinder mit dem Weblog im Schulalltag um?

In einer der ersten Schulwochen, erzählten wir den Kindern, dass es ein Weblog für unsere Klasse gibt und boten ihnen an, es sich anzusehen. Außerdem erzählten wir ihnen, dass sie dazu eigene Texte oder Bilder beisteuern könnten. Von den Kindern kamen vorerst kaum Reaktionen. Sie wussten wenig mit dem neuen Medium anzufangen. In den darauf folgenden Tagen schauten sie sich das Weblog immer wieder an, das als Startseite auf unseren beiden Klassencomputern eingerichtet war. Ich hatte einen Eintrag über ein Projekt des letzten Schuljahres geschrieben, außerdem war ein Klassenfoto zu sehen. Nach einiger Zeit wollten einzelne Kinder wissen, wie sie einen eigenen Eintrag schreiben könnten. Sie schrieben einen Text und ich zeigte ihnen, wie er ins Weblog kopiert werden kann. So entstanden die ersten Einträge. Vor allem die Bilder fanden anfangs großen Anklang. Inzwischen hatten sich auch meine beiden Kolleginnen mit dem Weblog vertraut gemacht.
Einige Wochen später, fragte ich die Kinder, ob sie das Weblog fortführen möchten und bereit sind, Texte oder Fotos dafür zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam wurde beschlossen, dass dies in diesem Schuljahr einer unserer Schwerpunkte werden sollte. Wir waren sehr gespannt, wie sich das Projekt entwickeln würde.
Die Nutzung des Weblogs durch die einzelnen Kinder ist sehr unterschiedlich. Nach meinen bisherigen Beobachtungen lassen sich die Unterschiede nicht am Alter oder Geschlecht der Kinder festmachen. Die meisten SchülerInnen kennen es inzwischen gut und finden sich selbständig zurecht. Sie können verschiedene Einträge finden, aufrufen und wieder schließen. Einige schreiben selbständig Kommentare.

Wie kommen Beiträge zustande?

Im Wesentlichen gibt es zwei Kategorien von Einträgen: Einerseits Berichte von Ausflügen oder gemeinsamen Projekten, andererseits Ergebnisse aus der Freiarbeit.
Bei Ausflügen und Projekten fotografieren wir sehr viel. Die Fotos werden dann ausgedruckt. Die Kinder sehen sich die Fotos an, suchen sich in Gruppen oder alleine eines aus, und schreiben einen Text dazu. Die Fotos und Texte kommen dann in unser Klassentagebuch und werden anschließend ins Weblog gestellt. Hier geht die Initiative meist von uns Lehrerinnen aus. Die SchülerInnen entscheiden, ob sie etwas schreiben, und gestalten ihre Texte ohne Vorgaben von uns Lehrerinnen.
Bei Geschichten, Gedichten oder Arbeiten (z.B. Werkstücke, Zeichnungen, besonders hohe Türme aus Bausteinen etc.), die in Freiarbeitsphasen entstanden sind, ist zu beobachten, dass die Kinder vermehrt die Idee haben, den Text oder ein Foto der Arbeit  im Weblog zu veröffentlichen. Einer unserer Grundsätze ist, dass alles veröffentlicht werden darf, solange sich andere Kinder nicht durch die Inhalte verletzt fühlen.
Beim Verfassen der Einträge haben sich – aufgrund des unterschiedlichen Alters und den unterschiedlichen Schreibfähigkeiten der Kinder -  verschiedene Möglichkeiten herauskristallisiert. Manche schreiben den Text mit der Hand und diktieren ihn dann einer Lehrerin, die ihn tippt. Andere tippen ihren Text gleich am Computer. Kinder, die noch nicht selbständig schreiben können, erzählen die Geschichte einer Lehrerin. Dann wird er entweder von den Kindern selbst nach Vorlage getippt, oder - wenn sie das noch nicht können - tippt ihn die Lehrerin. Hier war ich erstaunt, dass auch Kinder mit geistiger Behinderung sehr schnell in der Lage waren, ihre Texte, wenn sie in Großbuchstaben vorgeschrieben sind, abzutippen.
Das Hineinstellen der Texte ins Weblog wurde bis jetzt von uns Lehrerinnen erledigt. Das liegt daran, dass auch wir selbst noch wenig Erfahrung mit dem Weblog hatten. Im nächsten Schuljahr, werden wir den Kindern, die das möchten, anbieten, auch das selbst zu machen.
Es ist uns wichtig, dass alle Kinder die Chance haben im Weblog präsent zu sein, unabhängig von Computerkenntnissen, Leistungsniveau, Muttersprache oder Geschlecht. Deshalb beobachten wir gezielt, welche Kinder wie viele Einträge veröffentlicht haben und versuchen Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen selten im Weblog vorkommen, die nötigen Hilfestellungen zu geben. In diesem Zusammenhang ist auch interessant zu beobachten, ob sich Mädchen und Buben gleichermaßen beteiligen und in welchen Kontexten sie vorkommen. Uns fiel nach einiger Zeit des Bloggens auf, dass auf veröffentlichten Fotos viel  häufiger Buben abgebildet waren als Mädchen und sich auch die Tätigkeiten der Mädchen und Buben auf den Fotos sehr unterschieden. Mädchen waren eindeutig öfter bei ruhigen typisch schulischen Aktivitäten zu sehen als Buben. Diese Beobachtung hat unseren Blick beim Fotografieren sensibler für Rollenklischees gemacht, die wir nach Möglichkeit zu vermeiden versuchen.

Nahezu die gesamte Arbeit, die die Kinder für das Weblog leisten, geschieht in Freiarbeitsphasen während der Unterrichtszeit. Sie tippen Texte, wenn ein Computer frei ist, lesen die Beiträge anderer Kinder oder schreiben Kommentare. Manche SchülerInnen schreiben auch außerhalb der Schulzeit Kommentare.
Wir Lehrerinnen sehen die Arbeit für das Weblog als Teil des Unterrichts. Das Korrigieren der Texte geschieht gemeinsam mit den Kindern, auch wenn wir Texte für die Schülerinnen abtippen, lesen sie uns den Text meist vor, während wir tippen. Der Zeitaufwand außerhalb des Unterrichts ist sehr unterschiedlich, je nach Anzahl der Beiträge. Das Hineinstellen reiner Texte geht sehr schnell. Das Suchen von Fotos, die oft auch bearbeitet oder mit Text versehen werden, nimmt etwas mehr Zeit in Anspruch. Ich schätze den gemeinsamen Arbeitsaufwand von uns Lehrerinnen auf ein bis zwei Stunden pro Schulwoche.

Was sind die Auswirkungen des Weblogs auf die Arbeit in der Klasse?

Im letzten Teil dieses Erfahrungsberichtes möchte ich einige Punkte anführen, die die Arbeit mit dem Weblog in unserer Klasse erweiterten oder veränderten.

Aneignen von Computerkenntnissen

Durch das Installieren des Weblogs hat die Arbeit am Computer an Stellenwert in der Klasse gewonnen. Meinen Beobachtungen nach wird die Möglichkeit, eigene Texte am Computer zu schreiben, die es immer gab, seit wir Computer in der Klasse haben, von den Kindern vermehrt genutzt, seit es das Weblog gibt. Das Tippen von Texten am Computer erweist sich durch die Arbeit mit dem Weblog als notwendige Tätigkeit, die nicht nur zu Übungszwecken passiert. "Nebenbei" eignen sich die Kinder Kenntnisse im Umgang mit dem Computer (Tippen, Formatieren von Texten, Bearbeiten von Fotos) an. Wenn die Kinder am Computer schreiben, arbeiten sie sehr oft zu zweit. Computerkenntnisse werden von Kind zu Kind weitergegeben. So erleben SchülerInnen, die den Computer bisher hauptsächlich zum Spielen verwendet haben, diesen auch als Hilfsmittel zum Erstellen von Texten.

Reflektieren über das Internet als Medium

Bisher erlebten die SchülerInnen in der Klasse das Internet als Medium, das konsumiert werden kann. Das Weblog bietet ihnen aber die Möglichkeit eigene Beiträge zu veröffentlichen, so wird das Internet für sie zu einem gestaltbaren Medium. Die Kinder erfahren, dass Beiträge im Internet von jeder Person ganz einfach verfasst werden können. Dadurch wächst auch die Erkenntnis, dass nicht alles, was im Internet steht, wahr sein muss. So kann sich ein kritisches Bewusstsein entwickeln.
Ein weiterer Punkt, der durch die Arbeit mit dem Weblog vermehrt thematisiert wird, ist die Intimsphäre der Kinder. Ist alles, was ich aufschreibe geeignet im Internet veröffentlicht zu werden? Möchte ich, dass diese Inhalte für Menschen zugänglich sind, die mir fremd sind, oder handelt es sich um Privates, das nicht über die Klasse hinaus publik gemacht werden soll? Sind im Text Informationen über andere Personen enthalten, die nicht veröffentlicht werden sollten? Diese Fragen stellen sich immer wieder, wenn es darum geht einen Text zu veröffentlichen. Es ist mir im Lauf der Arbeit mit dem Weblog immer wichtiger geworden mit viel Sensibilität darauf zu achten, ob es Kindern unangenehm ist, wenn z.B. Fotos von ihnen veröffentlicht werden, und sie auch die Chance haben, das zu artikulieren.

Leseerziehung

Das Weblog ist eine Sammlung von Texten und Bildern, die unmittelbar aus unserer Klasse stammen, die hauptsächlich von Mitschülerinnen und Mitschülern verfasst sind und die kontinuierlich erweitert wird. Das stellt für viele Kinder unserer Klasse eine Motivation dar, diese Texte auch immer wieder zu lesen. Da die Texte von Kindern ähnlichen Alters geschrieben sind, ist das sprachliche Niveau und der Umfang auch für Kinder mit Leseschwierigkeiten gut zu bewältigen.

Verfassen von Texten

Das regelmäßige Dokumentieren von Ausflügen und Projekten ist durch das Weblog zu einer Gewohnheit in unserer Klasse geworden. Es bekommt mehr Sinn, wenn diese Berichte von Menschen gelesen werden, die nicht beteiligt waren. Oft passiert das nicht gleich nach einem Ausflug, sondern erst einige Wochen später. Das bewirkt, dass Vergangenes wieder präsent wird und regt dazu an, Erinnerungen auszutauschen. In den leider oft hastigen Unterrichtsalltag wird eine Phase der Rückschau eingebaut, die uns allen gut tut. Vor allem bei der Arbeit mit den Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist mir das Anschauen der Beiträge oder das Sprechen über ein Foto im Rahmen des Erstellens eines Beitrags ein willkommener Anlass, sie zum Erzählen zu ermutigen, was sonst leider oft zu kurz kommt.

Transparenz nach außen und innen

Ein positiver Effekt, der uns von vielen Eltern rückgemeldet wurde, ist, dass die Arbeit in der Klasse für Außenstehende transparenter geworden ist. Eltern von Kindern, die wenig von der Schule erzählen, sind immer wieder darüber erstaunt, was in unserer Klasse alles passiert. Informationen über den Schulalltag gehen durch die Veröffentlichung im Internet über den engsten Familienkreis hinaus.
Eine interessante Rückmeldung war auch, dass das Weblog von Eltern, die aus den verschiedensten Gründen nicht mit ihren Kindern zusammenleben, eine Möglichkeit darstellt, mehr vom Schulleben ihrer Kinder zu erfahren.
Die sehr individuelle und offene Arbeitsweise in unserem Unterricht macht es notwendig Möglichkeiten zu schaffen, Arbeiten von einzelnen Kindern oder Gruppen von Kindern der ganzen Klasse vorzustellen und andere daran teilhaben zu lassen. Das geschieht bei der wöchentlichen Präsentation und durch Themenhefte oder Geschichtenbücher die entstehen und in der Klassenbibliothek allen zur Verfügung stehen. Das Weblog bietet uns hier eine weitere Möglichkeit, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Ausblick

Die 6.722 Aufrufe innerhalb eines Schuljahres zeigen, dass der Blog gut angenommen wird. Wir werden das Weblog im kommenden Schuljahr sicher weiterführen. Dabei haben wir vor, den SchülerInnen noch mehr Gestaltungsspielraum zu lassen und sie zum Beispiel mit einem Passwort auszustatten, sodass sie selbst Beiträge direkt ins Weblog schreiben oder kopieren können. Zwei unserer Schüler haben mit einem Übungsprogramm zum Tippen nach Zehnfingersystem begonnen, das werden vielleicht andere SchülerInnen aufgreifen.
Eine Hoffnung, die sich bis jetzt noch nicht erfüllt hat, ist eine verstärkte Kommunikation mit Menschen außerhalb der Schule durch die Möglichkeit Kommentare zu einzelnen Beiträgen zu schreiben. Die Kommentare, die geschrieben werden, stammen hauptsächlich von SchülerInnen unserer Klasse oder deren Eltern. Hier handelt es sich meist um Gratulationen oder Lob, das von den Kindern freudig aufgenommen wird. Selten kommen inhaltliche Fragen oder Anmerkungen zu Beiträgen. Schön wäre, wenn sich auch Austausch über Inhalte entwickeln würde. Vielleicht gelingt über das Weblog eine verstärkte Kommunikation mit Kindern, die unsere Klasse verlassen und in weiterführende Schulen wechseln.

Weiterführende Links zum Thema:

Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Mediaculture Online – Weblogs

http://www.mediaculture-online.de/Weblogs.555.0.html , visit 12.8.09

Hans-Bredow-Institut, Jugendliche im Web 2.0. Forschungsergebnisse.

http://www.hans-bredow-institut.de/webzweinull/uber-das-projekt/ , visit 12.8.09

Hans-Bredow-Institut, Tipps & Infos für Kinder.

http://www.hans-bredow-institut.de/webzweinull/tipps-infos/tipps-infos-fur-kinder/ , visit 12.8.09

Flek Kinder Netz : http://kids.webonaut.com/ , visit 12.8.09

Podcampus PH Wien, Im Gespräch mit Dagmar Schöberl.

http://podcampus.phwien.ac.at/archiv/get.php?id=525pr133 , visit 12.8.09

Tags

weblog, bloggen, schule, erfahrungsbericht